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Kapitel 2

Author: Bagel
Rotwein, Brot und Aufschnitt standen bereits auf der langen Tafel.

Ich setzte mich in eine Ecke und nahm ein Stück kandierte Feige. Die Süße zerging auf der Zunge, doch folgte ihr ein bitterer Nachgeschmack sofort.

Killian übergab Daisy das Brautkleid. Zwei Begleiterinnen führten sie hinter die Bühne. Als sie zurückkam, brach der ganze Saal in donnernden Applaus aus.

Das Brautkleid war exakt auf meine Maße geschneidert. Daisy war kleiner und zierlicher als ich, deshalb hing die Taille durch und der Saum schleifte schwer über den Marmorboden.

Das Rudel-Totem, das perfekt zentriert über meinem Herzen sitzen sollte, saß nun schief und lächerlich auf ihrer Brust.

Doch kümmerte sich niemand darum.

Meine Mutter schnappte nach Luft und riss die Hand vor den Mund.

Killian trat vor Daisy und sah sie lange an.

„Daisy, du bist so schön.“

Die Verwandten applaudierten noch heftiger.

„Sie sieht aus wie eine Prinzessin“, sagte meine Tante.

„Nein, wie eine echte Luna“, ergänzte eine andere Person.

„Wird Freya böse auf mich sein? Das sollte doch ihre Zeremonie sein. Ich habe ihr den Platz gestohlen.“

Killian glättete eine Falte an ihrer Schulter. „Nein. Sie versteht es.“

Dann drehte er sich leicht um und verkündete mit ruhiger, von Alpha-Autorität durchdrungener Stimme, laut genug, dass alle es hören konnten.

„Freya hat dir diese Zeremonie freiwillig überlassen. Sie hat dir dieses Kleid sogar persönlich gebracht.“

Die Blicke des gesamten Saals richteten sich gleichzeitig auf mich.

Daisy riss die Hand vor den Mund, und sofort traten ihr Tränen in die Augen.

„Freya, gibst du mir wirklich nicht die Schuld?“

Meine Mutter kam mit großen Schritten herüber und entriss mir die Gabel. „Heute ist Daisys großer Abend. Warum ziehst du denn so ein Gesicht?“

„Wenn du schon hier bist, geh rüber und hilf ihr, den Saum zurechtzurücken. Wünsch ihnen Glück.“

„Mama, heute sollte meine Paarungszeremonie sein, hast du das vergessen?“

Ihr Gesicht versteifte sich und verfinsterte sich dann.

„Du und Killian, ihr seid seit sieben Jahren zusammen. Bist du wirklich so verzweifelt wegen einer einzigen Zeremonie?“

„Weißt du, wie tief sich der Eisenhut in Daisy ausgebreitet hat?“

„Die Heilerin hat gesagt, sie kann jeden Moment zusammenbrechen. Du bist gesund. Dein ganzes Leben liegt noch vor dir. Warum konntest du ihr diesen einen Abend nicht einfach geben?“

Meine Tante beugte sich auch vor.

„Freya, wir wollen dir kein Unrecht tun. Du hast dein eigenes Atelier, du hast Talent, du hast eine Zukunft. Dir fehlt es an nichts.“

„Aber Daisy bleibt nur noch der Schutz des Alphas.“

„Wir sind doch eine Familie. Mach es nicht schwer. Wenn du dich ein bisschen großzügiger zeigst, hilft das Daisy auch.“

Seit meiner Kindheit sagten sie mir mit hochtrabenden Ausreden immer genau dasselbe.

Weil Daisy lieber und öfter weinte, musste ich als Erste nachgeben. Weil Daisy leichter krank wurde, musste ich auf alles verzichten, was sie wollte.

Und heute wollte sie meinen Gefährten.

Sie wollten, dass ich meinen Gefährten, meine Zeremonie und das Kleid, das ich Stück für Stück entworfen hatte, hergab.

Die Begründung änderte sich nie.

Weil ich stark war und Daisy schwach. Ich würde nicht sterben. Aber sie vielleicht.

Killian kam mit schweren Schritten herüber.

„Freya, was ist heute bloß mit dir los?“

Er hielt die Warnung in seiner Stimme zurück. „Du bist sonst nie so unvernünftig. Daisy weint gleich. Geh rüber und sag ihr, dass du nicht böse bist.“

Ich saß nur da – kalt, reglos, stumm.

Er runzelte die Stirn.

„Ich bitte dich nur, rüberzugehen und sie ein wenig zu trösten. Ich verlange nicht, dass du dich geschlagen gibst.“

Er wusste genau, welche sieben Jahre ich mit ihm verbracht hatte. Er wusste genau, wie viele Sonderanfertigungen ich für diese Zeremonie beiseitegeschoben hatte.

Sogar die Haute-Couture-Entwürfe, die meine Familie mich all die Jahre unter Daisys Namen hatte anfertigen lassen, hatte ich vorübergehend beiseitegelegt.

Er hatte gesehen, wie ich erschöpft über den Entwürfen einschlief und vor dem Morgengrauen aufwachte, um die Schneiderei voranzutreiben. Er wusste ganz genau, dass ich mir seit meiner Kindheit nichts anderes wünschte als ein Zuhause, das mir niemand nehmen konnte.

Aber jetzt wollte er, dass ich meine Schwester tröstete – die, die meinen Platz eingenommen hatte.

Beiläufig nahm ich eine Schneiderschere von einem danebenstehenden Ausstellungstisch.

Killians Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Sein Wolf stieß ein wütendes Knurren aus, als er sofort in Bewegung geriet und Daisy mit seinem Körper deckte.

Daisy klammerte sich fest an seinen Ärmel, ihr Gesicht wurde vor Angst blass.

Der gesamte Saal erstarrte augenblicklich.

Mehrere Rudelwächter fuhren ihre Krallen aus und machten einen halben Schritt nach vorn. Mein Vater trat hinter Daisy. Meine Mutter starrte unverwandt auf die Schere in meiner Hand, als hätte ich die scharfen Klingen ihrer kostbaren Tochter bereits in den Hals gestoßen.

Aber ich hatte Daisy nie auch nur mit einem Finger angerührt, nicht ein einziges Mal.

In diesem Moment war Killian doch vollkommen sicher, dass ich es tun würde.

Er behauptete immer, mich zu kennen. Für ihn war ich vernünftig und konnte das große Ganze sehen.

Doch sein Körper, seine Instinkte als Gefährte, hatten für ihn bereits die verletzendste Entscheidung getroffen.

Ich lachte kalt auf, beugte mich vor und schnitt einen einzelnen losen Faden am Saum von Daisys Brautkleid ab.

„Ich wünsche euch beiden Glück.“ Ich warf die Schere auf den Tisch, drehte mich um und ging.

Hinter mir erklang Daisys schüchterne, tränenerstickte Stimme.

„Killian, ist sie so wütend, dass sie mich umbringen will?“

„Hätte ich dieses Kleid nicht tragen sollen?“

Killian strich ihr sanft über das Haar und antwortete: „Ignorier sie.“

„Sie hat nur einen sturen Charakter. In ein paar Tagen ist sie von selbst wieder normal.“

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