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Kapitel 4

Author: Bagel
Alle hielten mich für gehorsam, vernünftig und völlig unfähig, Killians Seite zu verlassen.

Deshalb konnte meine Paarungszeremonie bedenkenlos verschenkt und mein Brautkleid jederzeit weggenommen werden. Sogar das Brauthaus, das ursprünglich mir gehörte, konnte man aus einer Laune heraus weggeben.

Am nächsten Morgen schickte Killian eine Nachricht:

„Zane hat mir erzählt, dass du gestern Nacht im Anwesen warst.“

„Daisy wohnt nur vorübergehend dort. Sei wegen so einer Kleinigkeit nicht eifersüchtig.“

Ein paar Minuten später kam eine weitere:

„Ich habe heute Vormittag frei.“

„Hatten wir nicht vereinbart, nach der Zeremonie Frau B zu besuchen?“

Frau B war meine allererste Mentorin in der Modebranche. Sie war eine der arriviertesten Designerinnen der Werwolf-Gemeinschaft und eine der ganz wenigen erfahrenen Größen, die auch in menschlichen Modekreisen anerkannt war.

Vor sieben Jahren riet sie mir als Erste, nicht mein ganzes Leben unter dem Vorwand angeblicher Familieninteressen unter Daisys Namen zu entwerfen, sondern meinen eigenen Namen, Freya, auf meine Arbeit zu setzen.

Früher bewunderte sie Killian sehr.

Ihren Worten nach konnte ein Alpha, der unten vor meinem Atelier bis Mitternacht wartete, nur um mich nach Hause zu bringen, unmöglich keine Liebe für mich im Herzen tragen.

Ich starrte auf den Bildschirm und antwortete nicht.

Schließlich zog ich mich um und ging allein zu ihrem Atelier.

Nicht, weil mir noch irgendwelche Erwartungen an Killian geblieben wären. Ich wollte diesen sieben Jahren blinder Hingabe lediglich einen würdevollen Abschluss geben.

Als ich Frau B gegenübersaß, hatte sie Espresso und warme Croissants vorbereitet. Neben dem Tablett stand ein schmales, samtbezogenes Geschenkkästchen.

„Wo ist Killian?“

„Wahrscheinlich steckt er im Stau.“

Frau B lächelte.

„Als er dich das erste Mal hierher begleitet hat, war sein Geruch so kämpferisch wie der eines Alphas, der gerade einen Territoriumskrieg beendet hatte. Damals dachte ich, du warst wirklich verrückt. Wie konntest du es wagen, einen solchen Wolf zu lieben?“

Sie rückte ihren Seidenschal zurecht.

„Später sah ich, wie er vier Stunden lang im Regen an sein Auto gelehnt auf dich wartete. Als du endlich herunterkamst, legte er dir seine eigene Jacke um die Schultern und schirmte dich bis zum Auto gegen den Wolkenbruch ab.“

„Genau in diesem Moment spürte ich, dass dieser kaltblütige Alpha womöglich doch ein Herz hatte.“

Ich senkte die Wimpern und verbarg die Gefühle tief in meinen Augen.

Killian war immer noch nicht aufgetaucht. Eine Stunde später kam endlich sein Anruf.

Die Geräuschkulisse war chaotisch, durchsetzt mit Daisys verängstigtem Wimmern.

„Freya, bist du noch da?“

„Es tut mir leid. Der Geruch eines Streuners war über die Grenze geweht. Daisy hat einen Schreck bekommen und sich im Badezimmer eingeschlossen.“

In seiner Stimme lag unkontrollierbare Sorge.

„Ich kann gerade nicht weg. Entschuldige mich bitte bei Frau B. Wir besuchen sie das nächste Mal gemeinsam.“

Ich schwieg. Am anderen Ende der Leitung hörte ich nur Daisy schluchzen und seinen Namen rufen: „Killian, ich habe solche Angst ...“

„Ich bin hier.“ Seine Stimme war sanft, ein Ton, den er vor mir nie gezeigt hatte.

Dann wandte er sich wieder dem Telefon zu und sprach zu mir.

„Freya, mach keine Szene. Nicht heute.“

„Daisy geht es wirklich schlecht. Ich habe gerade keine Nerven für dein Drama.“

Das Gespräch wurde beendet. Frau B sah mich an.

„Was ist los, Kind?“

Ich umklammerte meine Kaffeetasse. Eine Träne, die ich zurückgehalten hatte, lief mir unkontrolliert die Wange hinunter.

„Frau B, ich will Killian nicht mehr.“

Sie fragte nicht nach dem Grund. Sie schob mir nur das samtbezogene Geschenkkästchen hin.

Ich öffnete es. Darin lag ein Maßband aus Leder, die Kanten mit der Zeit blank gescheuert, die Markierungen aber noch gut lesbar.

„In meiner Jugend habe ich damit die halbe Werwolf-Oberschicht vermessen“, sagte sie. „Ich hatte geplant, es dir zu schenken, wenn du Luna wirst.“

Ich schloss das Kästchen und lächelte. „Es mir jetzt zu schenken, passt genauso gut.“

Nachdem ich ihr Atelier verlassen hatte, kehrte ich nicht ins Rudelgebiet zurück. Stattdessen fuhr ich direkt zum Hauptbahnhof.

Vor drei Tagen hatte mir ein erstklassiges, unabhängiges Haute-Couture-Atelier in Nova eine E-Mail geschickt. Meine Bewerbung um eine Stelle als Hausdesignerin war angenommen worden. Eine private Wohnung und ein Atelier waren bereits eingerichtet.

Damals hatte ich noch nicht entschieden, ob ich gehen sollte. Doch gab es jetzt keinerlei Grund zu zögern.

Während ich auf den Zug wartete, öffnete ich den Familien-Gruppenchat.

Killian hatte gerade ein Video hochgeladen.

Daisy kauerte auf dem Samtsofa im Anwesen – in einem Kaschmirschal, den ich eigens in Auftrag gegeben hatte, und hielt eine Tasse heiße Suppe in den Händen.

Killian saß hinter ihr, fuhr mit seinen breiten Händen durch ihr Haar und beruhigte sie mit seiner Alpha-Aura.

Der Begleittext lautete:

„Hoffentlich zieht der Sturm bald vorüber. Ich bete, dass ihre Wölfin die Nacht durchschlafen kann.“

Meine Mutter kommentierte darunter: „Killian ist wirklich ein verantwortungsvoller Alpha. Daisy in seine Hände zu geben, beruhigt uns vollkommen.“

Meine Tante ergänzte: „So sieht eine echte Familie aus.“

Ich starrte auf diese Worte, las sie Wort für Wort und verließ dann den Gruppenchat.

Ich löschte Killian, blockierte meine Verwandten. Und ich kappte die Gedankenverbindung zum Familien-Rudel.

Schließlich zog ich meine SIM-Karte heraus und warf sie geradewegs in den Mülleimer auf dem Bahnsteig.

Die Lautsprecherdurchsage kündigte den Einstieg für den Zug nach Nova an.

Mit einem einzigen, einsamen Koffer stieg ich in den Zug.

Um acht Uhr an diesem Abend riss sich Killian endlich von Daisy los und fuhr zu meinem alten Atelier.

Er trug eine Schachtel Heidelbeere-Crepes in der Hand, und dachte, dass sie noch immer mein Lieblingsdessert war.

Er stieß die Tür auf, und sein Alpha-Duft erfüllte augenblicklich den Raum.

„Freya, ich bin hier, um mich zu entschuldigen.“

Das Atelier war dunkel und völlig leer.

Die Skizzen meiner Brautkollektion waren von den Wänden gerissen worden. Die Hälfte der Schränke stand sperrangelweit offen, die Regale waren leer.

Killian blieb wie angewurzelt in der Tür stehen. Die Dessertschachtel rutschte ihm aus den Fingern und zerschellte auf dem Boden.

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