Mag-log inDas Heulen hielt noch lange an, nachdem der Blutmond hinter den Wolken verschwunden war. Kaelen stand wie erstarrt auf der Lichtung und starrte den Alpha an, der gerade zugegeben hatte, dass es ein Fehler gewesen war, ihn zu verwandeln. Die roten Augen des Mannes ruhten weiterhin auf ihm. „Warum?“, verlangte Kaelen zu wissen. Der Alpha ließ sein Handgelenk los. „Weil du den Biss niemals hättest überleben sollen.“ Kaelen starrte ihn an. „Was soll das bedeuten?“ „Es bedeutet, dass ich erwartet habe, dass du stirbst.“ Die Worte trafen ihn härter als der Biss selbst. Darius trat vorsichtig vor. „Alpha Ronan, warum würdest du einen Menschen verwandeln, wenn du vorhattest, ihn zu töten?“ Ronans Gesicht verhärtete sich. „Ich wusste nicht, was er war.“ Kaelen runzelte die Stirn. „Was ich war?“ Ronan antwortete nicht sofort. Stattdessen betrachtete er Kaelens blaue Augen. „Mit dir stimmte etwas nicht.“ „Etwas stimmte nicht?“ „Dein Geruch.“ Kaelen schüttelte den Kopf. „Du redest Unsinn.“ Ronans Kiefer spannte sich an. „Ich habe keine Zeit, dir alles zu erklären.“ „Dann nimm dir die Zeit.“ Die Wölfe um sie herum sahen schockiert aus. Niemand sprach auf diese Weise mit einem Alpha. Ronan starrte Kaelen mehrere Sekunden lang an. Dann lächelte er unerwartet. „Du verhältst dich bereits anders als ein Omega.“ „Was soll das bedeuten?“ „Die meisten frisch verwandelten Omegas haben Angst. Sie unterwerfen sich, weil ihre Instinkte es ihnen befehlen.“ Kaelen sah sich unter den Wölfen um. „Sollte ich Angst haben?“ Ronans Lächeln verschwand. „Ja.“ Bevor Kaelen antworten konnte, wandte Ronan sich ab. „Bringt ihn zur verlassenen Hütte.“ Darius nickte. „Ja, Alpha.“ Kaelen sah zu, wie Ronan im Wald verschwand. Etwas an dieser Begegnung beunruhigte ihn. Der Alpha hatte erwartet, dass er sterben würde. Und trotzdem lebte er. Und was auch immer Ronan in ihm gespürt hatte, es schien den Alpha eindeutig zu verängstigen.
Die verlassene Hütte lag tief im Gebiet von Blackwood. Sie war klein, staubig und kaum eingerichtet, aber immer noch besser, als unter den Bäumen schlafen zu müssen. Darius ließ Kaelen mit Essen und sauberer Kleidung zurück. „Bleib heute Nacht hier“, sagte Darius. „Warum?“ „Weil heute Nacht dein erster Vollmond ist.“ Kaelen blickte aus dem Fenster. Der Mond ging bereits auf. „Was passiert?“ Darius zögerte. „Dein Wolf wird stärker.“ „Das ist alles?“ „Nein.“ Darius sah ihm direkt in die Augen. „Du könntest die Kontrolle verlieren.“ Kaelen schluckte. „Kann ich jemanden verletzen?“ „Ja.“ „Kann ich mich selbst verletzen?“ Darius nickte. „Möglicherweise.“ Kaelen senkte den Blick. Darius legte eine Hand auf die Tür. „Bekämpfe den Wolf nicht.“ „Was soll ich tun?“ „Hör auf ihn.“ Dann ging Darius.
Kaelen saß allein da. Zum ersten Mal seit dem Angriff war er von völliger Stille umgeben. Er versuchte zu schlafen. Es gelang ihm nicht. Sein Körper fühlte sich unruhig an. Seine Haut kribbelte. Mit jedem Atemzug nahm seine Nase fremdartige Gerüche wahr. Dann hörte er Schritte vor der Tür. Kaelen stand sofort auf. Eine Frau erschien im Türrahmen. Sie hatte dunkles Haar, blasse Haut und auffallend blaue Augen. Nervös sah sie sich um, bevor sie eintrat. „Wer bist du?“, fragte Kaelen. „Mein Name ist Mira.“ „Bist du ein Omega?“ Sie nickte. „Wie du.“ Kaelen entspannte sich ein wenig. „Warum bist du hier?“ „Ich habe dir Essen gebracht.“ Sie stellte einen kleinen Korb auf den Tisch. Kaelen bemerkte, dass ihre Hände zitterten. „Hast du Angst vor mir?“ Mira lachte nervös. „Ich habe vor jedem Angst.“ Kaelen runzelte die Stirn. „Warum?“ „Weil Omegas niemanden haben sollen, der sie beschützt.“ Kaelen sah sie an. „Was ist mit deinem Rudel passiert?“ „Ich hatte nie eines.“ Ihre Antwort klang schmerzhaft vertraut. Kaelens Gesichtsausdruck wurde sanfter. „Du bist also auch allein.“ Mira nickte. „Es gibt viele von uns.“ „Wie viele?“ „Mehr, als du denkst.“ Kaelen blickte in Richtung des Waldes. „Warum bleibt ihr dann nicht zusammen?“ Mira senkte den Blick. „Weil kein Alpha eine Gruppe nutzloser Omegas haben will.“ Die Worte blieben Kaelen im Gedächtnis. Zum ersten Mal verstand er, was es wirklich bedeutete, ein Omega zu sein. Es ging nicht nur um blaue Augen. Es ging darum, unerwünscht zu sein.
Mira trat näher. „Du musst heute Nacht nicht allein sein.“ Kaelen sah sie an. „Ich verstehe nicht.“ „Der erste Vollmond ist schwierig.“ Sie berührte seine Hand. „Du solltest ihn nicht allein durchstehen.“ Kaelen spürte eine ungewohnte Wärme durch seinen Körper fließen. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Mira zog ihre Hand nicht zurück. Er ebenfalls nicht. Ihre Gesichter kamen sich näher, und die Spannung zwischen ihnen wurde stärker. Kaelen spürte ihren warmen Atem auf seinen Lippen. „Mira“, flüsterte er. „Ja?“ Ihre Stimme war kaum hörbar. „Sag mir, dass ich aufhören soll.“ Sie hielt seinen Blick fest. „Das will ich nicht.“ Kaelen küsste sie. Der Kuss war zunächst zögerlich, doch die fremdartigen Instinkte in seinem Inneren verstärkten jede Empfindung. Miras Finger krallten sich leicht in sein Hemd, während sie ihn näher zu sich zog. Für einen kurzen Moment vergaß Kaelen den Alpha, das Rudel und die beängstigenden Veränderungen in seinem Körper. Er erlaubte sich einfach, etwas anderes als Angst zu empfinden. Mira löste den Kuss und atmete schnell. „Du glühst.“ Kaelen berührte ihre Wange. „Du auch.“ Sie lächelte schwach und lehnte sich wieder zu ihm.
Ihre Lippen trafen erneut aufeinander, diesmal intensiver, bis plötzlich ein Heulen durch die Nacht hallte. Kaelens Augen rissen auf. Sein ganzer Körper versteifte sich. Mira wich zurück. „Kaelen?“ Sein Atem wurde schwerer. Seine Finger verkrampften sich. Seine Knochen begannen zu knacken. „Nein“, flüsterte Kaelen. Seine Stimme klang anders. Tiefer. Mira wich zurück. „Kaelen, bekämpfe es.“ „Ich kann nicht.“ Seine Augen leuchteten blau auf. Seine Muskeln spannten sich an. Er fiel auf die Knie. Schmerz riss durch seinen Körper. Mira schrie nach Hilfe. Kaelen hörte ihre Stimme unter einem anderen Geräusch verblassen. Eine Stimme in seinem Kopf. Lauf. Er umklammerte den Boden. „Nein.“ Lauf. Seine Krallen kamen zum Vorschein. Die Tür der Hütte explodierte aus ihren Angeln. Kaelen schoss in den Wald. Er bewegte sich schneller, als er es sich jemals hätte vorstellen können. Die Bäume verschwammen um ihn herum. Er kontrollierte seinen Körper nicht mehr. Der Wolf tat es.
Er rannte, bis die Hütte hinter ihm verschwunden war. Dann blieb er an einem Fluss stehen. Seine Brust hob und senkte sich heftig. Sein Spiegelbild starrte aus dem Wasser zurück. Blaue Augen. Scharfe Zähne. Ein Gesicht, das noch immer seines war – und doch irgendwie nicht. Kaelen berührte das Wasser. „Wer bist du?“ Der Wolf in ihm knurrte. Plötzlich tauchte eine weitere Präsenz auf. Kaelen drehte sich um. Mira stand am Rand der Bäume. „Kaelen!“ Er machte einen Schritt auf sie zu. Dann blieb er stehen. Etwas stimmte nicht. Ihr Geruch hatte sich verändert. Da war Angst. Aber da war noch etwas anderes. Blut. Kaelens Instinkte erwachten. Er blickte an ihr vorbei. Drei Wölfe bewegten sich lautlos zwischen den Bäumen. Mira hatte sie nicht bemerkt. Kaelens Lippen zogen sich zu einem Knurren zurück. Die Wölfe traten ins Mondlicht. Sie gehörten nicht zu Blackwood. Ihre Augen waren golden. Einer von ihnen lächelte. „Also ist das der neue Omega.“ Kaelen stellte sich vor Mira. „Bleib hinter mir.“ Der Wolf lachte. „Du weißt nicht einmal, was du bist.“ Kaelens Krallen gruben sich in die Erde. „Ich weiß genug.“ Der Fremde machte einen weiteren Schritt. „Ach ja?“ Sein Blick wanderte zu Kaelens blauen Augen. Dann lächelte er. „Dein Alpha hat dich belogen.“ Kaelens Herz zog sich zusammen. „Wovon redest du?“ Das Lächeln des Wolfes wurde breiter. „Ronan hat keinen Fehler gemacht, als er dich verwandelt hat.“ Kaelen erstarrte. „Er wurde beauftragt, dich zu finden.“ Der Wald wurde plötzlich still. Kaelen starrte ihn an. „Mich zu finden?“ Der Fremde nickte. „Deine Existenz war der Grund, warum er hierherkam.“ Mira flüsterte: „Kaelen …“ Die Augen des Fremden glänzten. „Und jetzt, da wir dich gefunden haben, kann die eigentliche Jagd beginnen.“ Ein gewaltiges Brüllen drang aus Kaelens Kehle. Doch es war nicht vollständig sein eigenes. Zum ersten Mal bat der Wolf in ihm ihn nicht darum, davonzulaufen. Er forderte ihn auf zu kämpfen.
Die Festung von Veyra war still geworden. Der Staub, der noch wenige Minuten zuvor durch die zerstörten Hallen gezogen war, begann sich langsam zu legen. Überall lagen zerbrochene Steine, Waffen und Spuren des Kampfes. Die Wölfe, die Malric kontrolliert hatte, standen verstreut in der Halle. Niemand kämpfte mehr. Niemand kniete. Zum ersten Mal seit langer Zeit waren sie frei. Kaelen stand in der Mitte der zerstörten Festung und sah auf seine Hände. Seine Kraft fühlte sich anders an. Früher hatte sie sich wie eine Welle angefühlt, die jeden Wolf in seiner Nähe erreichen konnte. Jetzt war diese Welle still geworden. Er konnte die Wölfe noch spüren, aber er konnte sie nicht mehr zwingen. Und zum ersten Mal störte ihn das nicht. Ronan trat neben ihn. Du hast es geschafft. Kaelen schüttelte langsam den Kopf. Nein. Wir haben es geschafft. Ronan lächelte leicht. Du musst nicht immer alles allein tragen. Kaelen sah ihn an. Das habe ich langsam verstanden. Hinter ihnen näherte sich Elara. Sie
Kaelen stand mitten in der zerstörten Halle und starrte auf den schwarzen Abdruck am Boden. Noch vor wenigen Sekunden hatte seine Mutter dort gestanden. Jetzt war sie verschwunden. Keine Spur von ihr. Kein Geräusch. Nicht einmal ihr Geruch war noch deutlich wahrnehmbar. Nur die kalte Energie, die von dem schwarzen Zeichen ausging, erinnerte daran, dass sie überhaupt hier gewesen war. Kaelen ging langsam auf das Zeichen zu. Er kniete sich hin und berührte den Stein. Sofort schoss ein brennender Schmerz durch seine Hand. Er zog sie zurück. Das ist kein normales Portal, sagte Lucian hinter ihm. Kaelen drehte sich um. Du weißt, wohin sie gebracht wurde. Lucian versuchte aufzustehen. Seine Bewegungen waren langsam. Blut lief an seiner Schläfe hinunter. Ja. Wohin. In die Tiefe. Kaelen verstand die Worte nicht. Welche Tiefe. Lucian sah ihn direkt an. Unter Veyra gibt es etwas, das älter ist als der Mondtempel. Etwas, das selbst die ersten wahren Alphas gefürchtet haben. Kaelens Vater wurde b
Die Armee von Malric stürmte durch die Tore der Festung und innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich die große Halle in ein Schlachtfeld. Klauen trafen auf Schwerter, Wölfe sprangen über die steinernen Treppen und Schreie hallten zwischen den alten Mauern wider. Kaelen stand mitten im Chaos und spürte jede Bewegung um sich herum. Es waren nicht nur die Geräusche, die er wahrnahm. Er konnte die Wölfe fühlen. Hunderte von Herzen schlugen gleichzeitig. Hunderte von Wölfen kämpften. Doch etwas war anders. Ihre Bewegungen wirkten leer. Sie kämpften nicht aus Überzeugung. Sie kämpften, weil sie dazu gezwungen wurden. Kaelen sah Malric am anderen Ende der Halle stehen. Malric bewegte nur leicht seine Hand und mehrere Wölfe änderten gleichzeitig ihre Richtung. Sie griffen Darius an. Darius wich einem Biss aus und schlug einen Angreifer mit dem Griff seiner Waffe zurück. Was zur Hölle macht er mit ihnen. Kaelen verstand es sofort. Er kontrolliert sie. Ronan stellte sich neben ihn. Dann müss
Kaelen stand Lucian gegenüber und spürte die Spannung in der Halle wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen. Niemand bewegte sich. Selbst der Wind draußen schien für einen Moment verschwunden zu sein. Lucian stand ruhig am anderen Ende der Halle, während seine roten Augen auf Kaelen gerichtet waren. Hinter Kaelen standen Ronan, Elara, Darius und seine Eltern. Der graue Wolf stand etwas abseits und beobachtete Lucian mit einem tiefen Knurren. Kaelen konnte spüren, dass dieses Knurren nicht nur Wut war. Der Wolf erinnerte sich an ihn. Er erinnerte sich an das Ritual. An die Schmerzen. An Lucian. Kaelen hob langsam die Hand. Bleibt zurück. Ronan sah ihn an. Du willst allein gegen ihn kämpfen. Kaelen schüttelte den Kopf. Nein. Aber ich muss zuerst verstehen, was er von mir will. Lucian lächelte. Endlich stellst du die richtige Frage. Kaelen sah ihn kalt an. Dann antworte. Lucian ging langsam durch die Halle. Du glaubst, ich hätte deine Familie zerstören wollen. Das stimmt nicht. Ich woll
Der Morgen war noch nicht angebrochen als Kaelen mit den anderen den zerstörten Mondtempel verließ. Hinter ihnen stürzten die letzten Teile des alten Gebäudes ein und verschwanden unter einer gewaltigen Staubwolke. Der Boden unter ihren Füßen bebte noch immer. Niemand sprach. Jeder versuchte zu verstehen was gerade geschehen war. Der Leerenwolf, den die ersten wahren Alphas einst gefürchtet hatten, lief nun neben Kaelen her. Er war nicht mehr das riesige schwarze Wesen aus der Tiefe. Sein Fell war grau geworden und seine Augen hatten ihre leere Dunkelheit verloren. Trotzdem war er noch gewaltig groß. Wenn er neben Ronan lief, wirkte selbst der Alpha der Blackwoods kleiner als gewöhnlich. Kaelen blickte immer wieder zu ihm. Er konnte noch immer die schwache Verbindung spüren. Nicht wie bei einem gewöhnlichen Rudelmitglied. Es war etwas anderes. Der Wolf folgte ihm nicht aus Zwang. Er folgte ihm aus freiem Willen. Kaelens Mutter ging neben ihm. Zum ersten Mal seit seiner Kindheit lief K
Der Boden unter Kaelens Füßen bebte erneut. Ein tiefer Laut drang aus den Rissen im Stein, und diesmal klang er nicht wie das Brüllen eines gewöhnlichen Tieres. Es klang wie etwas, das seit Jahrhunderten geschlafen hatte und nun wütend darüber war, geweckt worden zu sein. Kaelen stand mitten in der Halle und sah auf die riesige Klaue, die sich langsam aus dem aufgebrochenen Boden schob. Schwarze Schuppen bedeckten sie. Jede einzelne war größer als seine Hand. Dunkle Energie kroch zwischen den Rissen des Steins hervor und legte sich wie Rauch über den Boden. Ronan verwandelte sich vollständig und stellte sich vor Elara. Darius zog sein Schwert und positionierte sich auf der anderen Seite. Kaelens Mutter hob ihre Waffe. Sein Vater sah nicht auf das Wesen. Er sah Kaelen an. Du musst dich zurückziehen. Kaelen schüttelte den Kopf. Nein. Wir können es nicht einfach hier lassen. Du verstehst nicht, was das ist. Dann erklär es mir. Sein Vater öffnete den Mund, doch seine Mutter kam ihm zuvor.







