Masuk
Serena
„Schnappt sie, die Diebin!“, rief der Besitzer des Buchladens und rannte hinter mir her. Ich kicherte nur, weil ich genau wusste, dass er keine Chance hatte, mich einzuholen, während ich mit dem Buch unter den Arm geklemmt davonlief. Ich hatte eigentlich nicht vorgehabt zu stehlen, aber nachdem alle über diesen Roman und die Schurkin-Nebenfigur mit meinem Namen redeten, hatte ich keine andere Wahl. Der Roman war seit drei Wochen ausverkauft. Die Leute stritten sich online um die letzten Exemplare. Die Buchhandlungen hatten Wartelisten, die länger waren als die Warteschlangen für die Zulassung an Universitäten. Jede Rezension behauptete dasselbe. „Die Schurkin stirbt den erbärmlichsten Tod der Geschichte der Liebesromane.“ Normalerweise hätte es mich nicht interessiert. Doch dann verriet jemand den Namen der Schurkin. Serena. Mein Name. Aus Neugier wurde über Nacht Besessenheit. Ich ließ mein Mittagessen ausfallen, ignorierte meine Aufgaben und klapperte jede Buchhandlung der Stadt ab, auf der Suche nach einem einzigen Exemplar. Jedes Mal, wenn ich ankam, waren die Regale leer. Doch heute … Lag ein einziges, einsames Exemplar auf dem Ausstellungsregal, als hätte das Schicksal selbst es dort für mich platziert. Der Besitzer hatte sich geweigert, es zu verkaufen, weil jemand es reserviert hatte. Also … hatte ich es mir „geliehen“. Ohne Erlaubnis. Ich würde es zurückbringen, sobald ich es gelesen hatte. Wahrscheinlich. Nur noch ein paar Schritte, und ich würde mich mitten in diesem Bestseller-Roman wiederfinden. Ich drückte das Buch noch fester an meine Brust. „So nah …“, flüsterte ich grinsend. Nur noch ein paar Meter. Die Bushaltestelle war direkt vor mir. Sobald ich entkommen war, würde mich niemand mehr erwischen. Der alte Mann hinter mir keuchte, als wäre er bereits einen Marathon gelaufen. Fast tat er mir leid. Fast. Dann— RUTSCH! RUMMS! Ich stürzte zu Boden, während ein brennender Schmerz durch meine Knochen schoss. Ich hörte Schritte, die auf dem Boden näher kamen. Eine warme Flüssigkeit breitete sich unter meinem Kopf aus. Ich wollte nicht aufstehen. Ich konnte nicht. Das Letzte, was ich hörte, bevor alles um mich herum schwarz wurde, war— „Ist sie tot?“ „Ich habe gehört, sie ist weggelaufen, weil sie ein Buch gestohlen hatte und verfolgt wurde.“ „Das hat sie verdient.“ „Die Arme.“ „Was für eine erbärmliche Art zu sterben.“ „Ahh …“ Ich stöhnte und rieb mir den Kopf, der sich anfühlte, als wäre er bestimmt aufgeplatzt. „Moment …“ Ich hielt inne, als sich die Umgebung vor meinen Augen verdrehte. „Serena.“ Eine Stimme knurrte direkt vor mir, sodass ich den Kopf hochriss. Ein weißhaariger Mann, vermutlich der Älteste, stand vor mir. Der Raum sah überhaupt nicht wie ein Krankenhaus aus. Anstelle weißer Wände und medizinischer Geräte ragten polierte Holzsäulen bis zu einer hohen Decke empor. Dicke Samtvorhänge umrahmten riesige Fenster und ließen goldenes Sonnenlicht über den Boden strömen. Die Luft roch schwach nach Blumen und Sandelholz. Teuer. Viel zu teuer. Entweder war ich von Milliardären entführt worden … oder ich hatte mir den Kopf viel schlimmer angeschlagen, als ich dachte. Neben ihm standen zwei weitere Männer und ein Mädchen. Waren das etwa Hasenohren? Das musste ein Requisit sein. War das eine Kostümparty? Sollte ich nach meinem Sturz nicht eigentlich in einem Krankenhaus liegen? Welcher Psychopath würde mich stattdessen hierherbringen? Wenn ich so darüber nachdachte, hatte ich überhaupt keine Schmerzen. „Serena“, knurrte er meinen Namen erneut. „Was?“, schnauzte ich und versuchte, klar zu denken. Woher kannte er überhaupt meinen Namen? „Großer Bruder, es ist nicht die Schuld unserer Schwester. Vielleicht wurde sie hereingelegt“, sagte das Mädchen leise, während ihre Hasenohren leicht herabsanken. Ich lachte. „Hereingelegt?“, fragte ich. „Wofür? Fürs Hinfallen?“ Alle starrten mich an, als wären mir Tierohren gewachsen. Vielleicht waren sie das tatsächlich. Meine Ohren zuckten. Ein Ohr sollte sich normalerweise an der Seite des Kopfes befinden. Meines saß buchstäblich oben auf meinem Kopf. Mit zitternden Fingern griff ich danach. Weiches Fell strich über meine Handfläche. Das Ohr zuckte unter meiner Berührung. „Nein.“ Ich berührte es noch einmal. Es zuckte wieder. „Nein.“ Ich schlug mir auf beide Wangen. Der Raum blieb genau derselbe. „Das ist entweder der aufwendigste Streich der Welt …“ Ich sah alle an. „… oder ich bin offiziell verrückt geworden.“ Und dann war es auch noch behaart. „Holt die Kameras raus. Ihr dürft mich nicht ohne meine Erlaubnis filmen“, sagte ich und ging auf das zu, was wie der Ausgang aussah. Plötzlich eilten Schritte auf mich zu, bevor eine warme Hand meine eigene ergriff und mich festhielt. Ich sah nach unten. Das Hasenmädchen kniete vor mir, ihre Augen voller Tränen. „Schwester, mach den Großen Bruder nicht noch wütender. Bitte, geh einfach auf die Knie.“ Sie hielt meine Hand zwischen ihren Händen. „Wer ist deine Schwester?“, fragte ich, zog meine Hand weg und brachte sie dadurch zu Fall. „Ich mache bei keinen Drehbuch-Schauspielen mit.“ Ich ging weiter, doch plötzlich verloren meine Füße den Boden. Der braunhaarige Mann hatte mich hochgehoben und direkt vor dem furchterregenden weißhaarigen Mann wieder abgesetzt. „Du verdammtes Arschloch“, stöhnte ich, während ich mich aufrichtete. Ich taumelte zwei Schritte, bevor ich mein Gleichgewicht wiederfand. „Ernsthaft?“ Ich rieb mir die schmerzende Schulter und funkelte ihn an. „Du hättest mich wenigstens warnen können. Löst ihr hier etwa alle Probleme, indem ihr Menschen durch die Gegend werft?“ Der Braunhaarige verschränkte lediglich die Arme. Sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. „Definitiv der schweigsame Bodyguard-Typ“, murmelte ich. Die goldenen Augen des Weißhaarigen ließen mich keine Sekunde los. Sie waren nicht einfach nur wütend. Sie waren enttäuscht … fast so, als hätte er mich schon vor langer Zeit aufgegeben. Aus irgendeinem seltsamen Grund zog sich bei diesem Blick meine Brust zusammen. Moment … warum fühle ich mich schuldig? Ich kenne diese Leute doch nicht einmal. „Du bist reuelos und noch immer genauso niederträchtig wie eh und je. Du schätzt dein Leben nicht, und ich werde keine Gnade zeigen.“ „Erspar mir das Theater.“ „Bruder, bitte …“ Das Hasenmädchen kniete neben mir, ihre Augen voller Tränen. „Schwester, ich kann dich nicht verlieren. Ich habe bereits genug verloren.“ „Bitte verlass mich nicht auch noch“, flüsterte sie und klammerte sich an den Saum meines Gewandes. Elaras Hasenohren sanken herab, bis sie beinahe ihr Gesicht verdeckten. Tränen sammelten sich in ihren strahlenden Augen. „Schwester“, flüsterte sie. „Ich weiß, dass alle dir die Schuld geben, aber ich tue es nicht. Bitte … entschuldige dich nur ein einziges Mal. Der große Bruder könnte dir vielleicht vergeben.“ Sie drückte meine Finger mit zitternden Händen. „Ich will nicht schon wieder allein sein.“ Ich starrte das weinende Mädchen an. Sie sah wirklich gebrochen aus. Nicht die geringste Spur von Schauspielerei. Was alles nur noch schlimmer machte. Entweder verdienten diese Leute einen Oscar … oder ich war tatsächlich verrückt geworden. „Tsk.“ Ich schnaubte, verschränkte die Arme und sah weg. „Elara, steh jetzt auf. Verschwende dein Mitgefühl nicht an diese schamlose Frau“, sagte der wild aussehende, orangehaarige Mann. „Wer braucht schon ihr Mitgefühl?“ „Wenn ihr keine Kameras hervorholt, lasst mich gehen“, seufzte ich. Dann fügte ich hinzu: „Vielleicht bin ich schuldig, weil ich mir Dinge ohne Erlaubnis ausgeliehen habe, aber ich werde diesen heruntergekommenen Laden definitiv verklagen.“ „Von diesem Tag an wird Serena …“ Plötzlich hallte eine mechanische Stimme in meinem Kopf wider. [DING!] Herzlichen Glückwunsch, Host. Rate mal, was? Ach, egal. Du bist erfolgreich transmigriert und darfst nun voller Freude Teil der Geschichte werden, die du so leidenschaftlich gestohlen hast. Ich bin dein System. Mein Name ist System. Versuch nicht, mich umzubenennen. Unglücklicherweise wird dein neuer Körper bald seines Titels beraubt werden – falls das überhaupt ein Wort ist –, anschließend folgen Verbannung, Rufschädigung, Hinrichtung … die Liste ist lang. Aktuelle Überlebensrate: 0,8 % Notfallprotokoll aktiviert. Schließe deine erste Mission innerhalb von zehn Sekunden ab oder stelle dich auf einen dramatischen Tod ein. Zumindest wird er nicht so erbärmlich sein wie dein erster Tod. Keine Sorge. Deine erste Mission wird heiß. Notfallerkennung abgeschlossen … IQ des Hosts: Akzeptabel. Glück des Hosts: Katastrophal. Mundwerk des Hosts: Übermäßig vorlaut. Gesamtbewertung … Herzlichen Glückwunsch! Du bist perfekt dafür geeignet, die meistgehasste Schurkin dieser Welt zu werden. „Wie bitte?“, fragte ich stirnrunzelnd. Beschwerden bitte erst nach dem Überleben vorbringen. --- Mission beginnt in … 5 … „Warte.“ 4 … „Du kannst doch nicht einfach anfangen zu zählen!“ 3 … „Ich kenne nicht einmal die Mission!“ 2 … Mission: Küsse den Mann, der dich hinrichten will. Fehlschlag = Tod.Eine warme, dickflüssige Flüssigkeit füllte meinen Mund, reichte aber nicht aus, um herauszulaufen. Ich hörte die entfernten Rufe, doch alles wurde dunkel. Meine Lungen weiteten sich, als ich durch irgendeine Öffnung in meinem Gesicht Luft einsog. Dann setzte ich mich auf und stöhnte leise, doch die Wärme um meine Handfläche blieb beständig. Langsam blickte ich nach unten und sah eine Hand, die meine fest umschlossen hielt. Dann schaute ich auf und zuckte leicht zurück, als mein Blick auf sein Gesicht traf. „Riven“, rief ich atemlos, doch er sah mich weiterhin an, ohne etwas zu sagen. Wie üblich blieb sein Gesicht ausdruckslos, aber diesmal wirkten seine Augen abwesend. Instinktiv legte ich meine Hand fest auf meinen Unterbauch, denn das war der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam. „Deinem Welpen geht es gut“, sagte ich, und er sah mich an. Ein wenig Leben kehrte in seine Augen zurück. Wie erwartet ging es ihm nur um seinen Welpen. Und was war mit mir? Was, wenn ich gestorben
„Der Phönix-Clan“, murmelte ich und richtete mich auf. „Ich hätte wissen müssen, dass Raka nicht einfach aufgeben würde.“ Ich bewegte mich, doch Zales Hand hielt mich fest. Sein Atem strich gleichmäßig über meine Haut. „Sag ihnen, dass sie beschäftigt ist. Sie können sagen, was immer sie zu sagen haben, wenn sie Zeit hat“, sagte er ruhig. Seine Stimme wurde von meinem Hals gedämpft. Doch ich löste seine Finger von mir und stand auf. „Es könnte wichtig sein, Zale. Ich kann die Leute nicht einfach warten lassen, nur weil ich lieber noch etwas länger ausruhen möchte.“ Ich war bereits draußen, und er stöhnte, während er langsam hinter mir herging. Warum war Raka hier? War er mit seiner Mutter gekommen? Das fragte ich mich, während ich zwischen Reyn und Zale entlangging. Die Gerichtshalle lag nur wenige Schritte vor mir, und plötzlich blieb ich stehen und starrte sie lange an. Zum Glück fragte weder Reyn noch Zale, was mit mir los war, denn meine Antwort wäre Schweigen gewesen. J
Ich erstarrte, während meine Augen über die Menge der sich bewegenden Gestalten huschten. Stille legte sich über die gesamte Siedlung, und sogar der Wind hörte auf zu wehen, um dem Klatsch zuzuhören … Das erste Flüstern drang an meine Ohren. „Sie ist schwanger. Ich dachte, die Brüder würden sie hassen.“ Eine braunhaarige Frau starrte mich an, begegnete meinem Blick und sah dann schnell wieder weg. „Das ist unerwartet. Sie schien ihnen gegenüber nie irgendwelche Gefühle zu hegen.“ Mein Nacken zog sich ein, und mein Kopf senkte sich sofort, als ich seinen Blick auf mir spürte. Warum reagiere ich immer noch so auf ihn? Ich hatte doch bereits beendet, was zwischen uns gewesen war … „Du bist schwanger“, flüsterte Nerien kalt an meinem Ohr, und ich zuckte zusammen, während meine Hand zu meiner Brust fuhr. Er starrte mich mit seinen ausdruckslosen bernsteinfarbenen Augen an, und ich wandte den Blick ab, als sein Starren zu intensiv wurde. „Ich bin—“, begann ich, doch Riven legte seine H
Riven durchquerte die Halle mit vier großen Schritten. Der Boden bebte unter seinen Füßen. Er griff nicht nach mir, sondern trat direkt zwischen Raka und mich. Rakas Kiefer knackte, als Riven ihn mit der Faust traf. „Fass sie noch einmal an“, sagte Riven, „und ich werde dir diese Hand abreißen.“ Sein Rücken war wie eine Mauer vor mir. Ich starrte auf die Narben über seinen Schulterblättern und bewegte mich nicht. Mein Handgelenk pochte immer noch von Rakas festem Griff. Raka wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und Blut lief ihm hinterher. „Wolf Riven“, sagte er, und sein Lächeln bestand nur aus Zähnen. „Du mischst dich in meine Angelegenheiten ein“, knurrte er. „Deine Angelegenheiten betreffen eine Frau, die mein Junges in sich trägt“, erwiderte Riven prompt. Es fühlte sich beinahe wahr an. „Ich bin nicht schwanger“, sagte ich, doch keiner von beiden sah mich an. „Also bist du es“, sagte Raka. Seine Augen waren immer noch rot, aber das Feuer war aus seiner Stimme ver
„Was meinst du damit, dass ich nach einem anderen Mann rieche?“, fragte ich und machte einen Schritt zurück. „Es gibt schließlich überall Männer. Natürlich werde ich mit einem in Kontakt kommen“, sagte ich und zwang sein Kinn aus meiner Hand. Einen Moment lang starrte er mich nur an. Dann trat er einen Schritt zurück und wandte sich ab. Als er sich wieder zu mir umdrehte, waren seine Augen vollständig rot geworden. Er bewegte sich blitzschnell und riss die Kralle von meinem Hals. Meine Haut schmerzte an der Stelle, an der er den Blätterfaden herausgezogen hatte. Sie brannte, und ich legte schnell meine Hand darauf und stieß ein leises Wimmern aus. Raka starrte die Kralle in seiner Hand an und ließ sie dann vor meinem Gesicht baumeln. „Die hat dir doch ein Fremder gegeben, oder?“, knurrte er. Ich zuckte leicht zusammen, bevor ich ihm in die Augen sah. „Vielleicht ... Außerdem, welches Recht hast du, mich zur Rede zu stellen?“, schrie ich ebenfalls, woraufhin ihm ein leises Lachen
Mein Körper erstarrte unter seiner Hand und ich sah ihm direkt in die Augen, während ich mir an den Kopf stieß. Ich blinzelte mehrfach und kneifte die Augen zusammen, aber er blieb stumm.[Wenn du dich verdammt noch mal korrigierst, dann nicht so schnell], schrie ich innerlich, aber meine lipsen blieben fest aufeinandergepresst. Ich konnte nur seine Gesichtsausdrücke beobachten, während meine Ohren auf den kleinsten Hinweis warteten, dass er mich verarschte, aber keiner kam.Mehrere Minuten vergingen, aber er sagte nichts, und meine Stimmung verdüsterte sich langsam ihm gegenüber. Vielleicht war es ihm herausgerutscht, oder es war nicht für mich bestimmt, außerdem kann ich nicht die Einzige sein, die Serena heißt.Mein Brustkorb zog sich bei dem Gedanken zusammen, dass er das zu jemandem anderen gesagt haben könnte. Worüber dachte ich überhaupt nach? Ich sollte versuchen, einen Weg zu finden, nicht schwanger zu werden.[Warte! Ja, schwanger, System, kann ich Plan B bekommen?][Tut mir