Kassian LéonDer Tag der Hochzeit.Es ist klein. Es ist intim. Es sind wir.Etwa dreißig Personen. Ihre Freunde, ihre Mutter, ihr Vater, der schon jetzt weint. Meine Waffenbrüder, mein ehemaliger Kommandant, und sonst niemand. Meine Familie, das sind sie. Meine Familie, das ist sie.Sie schreitet den Mittelgang hinunter. Sie trägt Weiß, aber nicht zu viel. Schlicht, elegant, lichtvoll. Sie sieht mich an, und in ihren Augen sehe ich alles. Unsere erste Nacht, unseren ersten Morgen, unseren ersten Streit, unsere erste Vergebung. Ich sehe Venedig, Paris, die Bretagne. Ich sehe die Zukunft. Ich sehe vielleicht Kinder, sicher graue Haare, runzlige Hände in meinen.— Du siehst gut aus, flüstert sie, als sie ankommt.— Du bist alles, antworte ich.Wir tauschen unsere Gelübde aus. Ihre sind lang, aufgeschrieben, perfekt. Sie sprechen von Geduld, Warten, Vertrauen. Sie sprechen von dem Mann, der nicht »ich liebe dich« sagte und es jetzt in den Wind schreit.Meine sind kurz. Weil ich keine lang
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