LOGINLucians Perspektive
Die Tür schlug hinter Cressida zu – mit einer Endgültigkeit, die länger in meinen Gemächern nachhallte, als es hätte sein sollen. Wie konnte sie es wagen? Die Worte brannten mir noch immer auf der Zunge. Sie hatte in meinem Bett geschlafen, sich an mich gekuschelt, als gehöre sie dorthin, und schon am nächsten Morgen bat sie mich um einen Gefallen, als wäre sie mehr als nur ein warmer Körper, der einen Vertrag erfüllt. Als ob eine einzige Nacht der Schwäche meinerseits ihr Rechte verliehen hätte. Ich schritt im Zimmer auf und ab, den Kiefer so fest zusammengebissen, dass mir die Zähne schmerzten. Niemand verlangte etwas von mir. Nicht mehr. Nicht seit Naya. Sobald man auch nur einen Finger breit nachgab, nahmen sie einem alles weg. Diese Lektion hatte ich auf blutige Weise gelernt. Ich trat hinaus auf den privaten Balkon mit Blick auf den Übungsplatz, um frische Luft zu schnappen. Die Morgensonne fühlte sich zu hell an, zu grell. Plötzlich zog sich meine Brust zusammen – eine vertraute Warnung. Ich klammerte mich an das steinerne Geländer, doch es reichte nicht aus. Ein heftiger Husten riss mir aus der Kehle, feucht und metallisch. Blut spritzte über den blassen Stein – leuchtend rot vor dem grauen Hintergrund. „Scheiße.“ Bevor ich es wegwischen konnte, näherten sich schwere Schritte. Mein Beta, Thorne, erschien am Eingang zum Balkon. Seine scharfen Augen erfassten die Szene mit einem einzigen Blick. Ohne ein Wort zog er ein dunkles Tuch aus seinem Gürtel und reichte es mir, dann stellte er sich so hin, dass er den Blick von unten versperrte. „Schon wieder?“, murmelte er mit leiser Stimme. Ich wischte mir Mund und Kinn ab, der kupferne Geschmack blieb zurück. „Es wird schlimmer.“ Thornes Gesicht blieb ausdruckslos, doch ich sah die Anspannung in seinen Schultern. „Du musst es jemandem erzählen. Zumindest deiner Schwester.“ „Nein.“ Ich richtete mich auf und drängte die Schwäche zurück, dorthin, wo sie hingehörte – tief vergraben, damit sie niemals ans Tageslicht drang. „Niemand weiß davon. Noch nicht. Schaff das weg.“ Ich schob ihm das blutbefleckte Tuch hin. Er nahm es ohne ein Wort und half mir zurück ins Haus, wobei er meinen Arm fest umklammerte, bis der Schwindel vorbei war. Erst als ich gefasst wirkte, trat er zurück. „Schaffst du es, zum Rudelhaus zu gehen?“, fragte er. Ich nickte einmal. Die Arbeit war das Einzige, was mir wirklich Freude bereitete, und kein Fluch kann mich davon abhalten, das zu tun, was ich liebte. Als ich die große Halle des Rudelhauses erreichte, war der Anfall zu einem dumpfen Pochen hinter meinen Rippen abgeklungen. Ich saß am Kopfende des langen Tisches und ging die Grenzberichte durch, als sich die Tür ohne anzuklopfen öffnete. Elara stürmte herein, ihre dunklen Roben wirbelten um sie herum. Sie war die einzige lebende Person, die es wagte, so in meine Gegenwart zu treten – unangekündigt und ohne Furcht. Sie war fast ein Jahrzehnt jünger als ich, doch sie sah mich an, als wäre ich noch immer der leichtsinnige Junge, der früher mit ihr Honigkuchen gestohlen hatte. „Du absoluter Narr“, begann sie ohne Umschweife, ihre Stimme scharf wie eine Klinge. „Was hast du diesem Mädchen angetan?“ Ich blickte nicht von dem Pergament auf. „Welchem Mädchen?“ „Spiel mir nicht den Unwissenden, Lucian. Cressida. Sie zitterte, als ich sie heute Morgen fand. Du hast ihr Angst eingejagt. Und das, nachdem du sie in deinem Bett schlafen lassen hast. Willst du, dass sie davonläuft? Denn wenn sie das tut, musst du sie wieder aufspüren, und wir wissen beide, wie das endet.“ Ich schwieg und umklammerte mit den Fingern den Tischrand. Elara trat unbeeindruckt näher. „Sie ist nicht wie die anderen. Ich sehe es. Du siehst es auch, sonst hättest du sie nicht über Nacht bleiben lassen. Aber du hast sie in dem Moment zermalmt, als sie um eine kleine Gnade bat. Einen Ausflug in die Stadt? Das war alles. Und du hast sie behandelt, als hätte sie deine Krone gefordert.“ Ich stand abrupt auf, ich hatte meine Entscheidung getroffen. Ich würde diese Zara selbst finden. Wenn die Halskette Cressida so viel bedeutete, würde ich sie zurückholen. Nicht als Gefallen. Nicht aus Freundlichkeit. Ich wollte wissen, ob es mir etwas ausmachen würde, sie glücklich zu machen. Ich musste es wissen. In dieser Nacht rief ich Cressida nicht zu mir. Ich saß allein in meinen Gemächern, starrte ins Feuer und spürte die Last des Tages auf mir lasten. Der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich, wie sie bei meinen Worten zusammenzuckte. Am nächsten Morgen ritt ich allein mit Thorne an meiner Seite in die Stadt. Die Sklavenunterkünfte waren ein düsteres, befestigtes Gebäude am Rande des Marktviertels. Ich befahl, Zara allein in einen privaten Raum zu bringen. Als sie eintrat, weiteten sich ihre Augen vor Erkennen und noch etwas anderem. Sie war hübsch, auf eine scharfsinnige, opportunistische Art. Sofort nahm sie eine kokette Haltung ein, ließ ihr zerlumptes Kleid von einer Schulter gleiten und verzog die Lippen zu einem verführerischen Lächeln. „Mein Herr“, schnurrte sie und trat näher. „Ich hätte nicht erwartet, dass der König persönlich zu Besuch kommt. Wenn Sie mich für die Nacht oder länger wollen, kann ich sehr … zuvorkommend sein.“ Ich ignorierte diese Show. „Wo ist die Halskette?“ Sie blinzelte, und Verwirrung durchbrach die Verführung. „Halskette?“ „Cressidas Halskette. Die, die du ihr weggenommen hast. Gib sie her. Sofort.“ Zaras Gesicht wurde blass. „Ich … ich weiß nicht …“ Ich brüllte, und meine Stimme hallte von den Steinwänden wider. „Wo zum Teufel ist Cressidas Halskette? Gib sie sofort her!“ Erschrocken taumelte sie zurück. Ihre Hände zitterten, als sie den Ausschnitt ihres Kleides herunterzog und eine dünne Kette mit einem zarten Smaragd-Jade-Anhänger enthüllte, der auf ihrer Haut lag – genau der, den Elara beschrieben hatte. Ich durchquerte den Raum in zwei Schritten, packte die Kette und riss kräftig daran. Der Verschluss sprang auf. Zara schrie auf, als das Metall sich in ihren Hals grub, bevor es sich löste. Ich stieß sie grob zur Seite. Sie taumelte und schlug hart auf den Boden, ihr Bauch prallte gegen den kalten Stein. Sie wimmerte und rollte sich zusammen, doch ich schenkte ihr keinen weiteren Blick. Ich steckte die Halskette in meine Tasche und ging wortlos. Die Rückfahrt zur Festung verlief schweigend. Thorne stellte keine Fragen, und mir war es lieber so. Erst als ich meine Privatgemächer betrat, wurde mir die Tragweite meiner Tat bewusst. Ich blieb mitten im Raum stehen und starrte auf die Halskette, die nun an meinen Fingern baumelte. Der Anhänger fiel mir ins Auge. Schlicht, aber ihr offensichtlich sehr wertvoll. Warum hatte ich das getan? Ich hatte mich noch nie in die persönlichen Streitigkeiten meiner Vertragsfrauen eingemischt. Hatte noch nie nach gestohlenen Schmuckstücken gesucht. Hatte noch nie den Drang verspürt, ein Unrecht, das einer von ihnen angetan worden war, wiedergutzumachen. Was machte Cressida so besonders? Kaum war die Frage in mir aufgestiegen, als ein scharfer, stechender Schmerz in meiner Brust explodierte. Mein Blick verschwamm. Die Halskette glitt mir aus der Hand, klapperte auf den Boden, während meine Knie nachgaben. Ich schlug hart auf dem Boden auf, Schweiß brach mir auf der Haut aus, mein Atem kam in kurzen, abgehackten Zügen. Noch zweiundzwanzig Tage. Das hatte die Seherin prophezeit. Zweiundzwanzig Tage, bis mein Wolf, gequält von der zerrissenen Partnerbindung und der endlosen Einsamkeit, aufgeben und mich mit sich in den Tod reißen würde. Ich brauchte eine neue Bindung, sonst würde ich sterben.Lucians POVViele Monde später …Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, in dem Moment, als Cressida mein Arbeitszimmer betrat.Sie wirkte einfach anders. Ruhiger als sonst, eine Hand auf ihren Bauch gelegt, während die andere den Türrahmen festhielt.Ich schloss das Buch vor mir. „Was ist passiert?“„Nichts.“„Diese Antwort hat mich noch nie überzeugt.“Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen, aber sie kam nicht näher.„Ich muss dir etwas sagen.“Ich stand auf.Ihr Gesichtsausdruck ließ mein Herz sich zusammenziehen. „Cressida.“„Mir geht es gut, Lucian.“„Du machst schon wieder dieses Ding.“„Welches Ding?“„Du versuchst mich davon zu überzeugen, dass es dir gut geht, bevor du mir überhaupt sagst, was los ist.“Sie lachte leise und kam endlich auf mich zu.„Ich wusste, dass du es bemerken würdest.“„Ich bemerke alles an dir.“Sie blieb vor mir stehen und sah mich einen Moment lang einfach nur an.Dann nahm sie meine Hand. „Ich glaube, wir sollten zum Heiler gehen.“Mein Wolf wur
Wir traten durch das Haupttor der Festung, als das letzte Tageslicht hinter den Bäumen verschwand. Der Hof war still. Die Wachen standen an ihren Posten mit geraden Rücken, doch in ihren Augen lag Erleichterung statt der scharfen Bereitschaft der vergangenen Monde. Diener traten beiseite und verneigten sich, doch niemand eilte mit dringenden Nachrichten herbei. Niemand sprach von Bedrohungen oder vermissten Personen. Die Luft selbst fühlte sich leichter an. Ich hielt Cressidas Hand in meiner, während wir den steinernen Weg zu den inneren Hallen entlanggingen. Ihre Finger waren warm. Sie hielt mein Tempo, ohne sich zurückzuziehen. Zum ersten Mal seit fast zwei vollen Monden suchte ich nicht in jedem Schatten und lauschte nicht auf ferne Hörner. Die Festung gehörte uns wieder. Wir erreichten die private Treppe, die zu unseren Gemächern führte. Ich öffnete die Tür und ließ sie zuerst eintreten. Das Zimmer war genau so, wie ich es vor Tagen verlassen hatte, das Bett gemacht, di
~Lucians POV~Drei Tage nachdem Elara nach Hause gekommen war, fühlte sich Blackthorne endlich wieder wie Blackthorne an.Immer noch standen Wachen an den Mauern, aber niemand rannte mehr mit gezogenen Waffen durch die Gänge.Die Heiler sahen nicht mehr jedes Mal panisch aus, wenn Elara eine Hand auf ihren Bauch legte. Sogar Rowan hatte inzwischen gelernt, dass er sich alle fünf Minuten um meine Schwester zu sorgen, ihm nur einen genervten Blick einbrachte.Doch eine Sache musste ich noch erledigen.Die Delegierten.Sie befanden sich noch immer in ihren Lagern außerhalb der Festung und hatten keine Ahnung, was geschehen war.Ich stand im alten Ratssaal mit dem Hypnotiseur und der Hexe, die ihm geholfen hatte, den Zauber zu wirken.„Wie lange können sie noch unter dem Zauber bleiben?“, fragte ich.„Nicht mehr lange“, antwortete die Hexe. „Der Zauber wird bereits schwächer. Wenn wir ihn aufrechterhalten, könnten einige von ihnen anfangen, sich an Dinge zu erinnern.“„Dann hebt ihn auf.“
Lucians POVIch fand Rowan im Innenhof bei Elara.Er stand neben ihr, während sie auf einer der steinernen Bänke saß. Seine Aufmerksamkeit lag ganz auf ihr, während er sich darüber beschwerte, wie kalt es war.Eine Hand lag auf ihrem Bauch, die andere umschloss die Tasse, die Rowan ihr gebracht hatte.„Du wirst hier draußen erfrieren“, sagte er.„Mir geht es gut.“„Das hast du vor fünf Minuten auch schon gesagt.“„Und mir geht es immer noch gut.“Rowan seufzte und zog seinen Umhang von den Schultern, bevor er ihn um ihre legte.Elara lächelte.Dieses Lächeln störte mich.Nicht, weil sie glücklich aussah. Ich wollte, dass sie glücklich war.Es störte mich, weil Rowan der Grund dafür war.Seit ich von Rowans Existenz erfahren hatte, hatte ich in ihm nichts weiter als einen Sklaven, einen Flüchtling, einen Gliead gesehen.Und jetzt stand er neben meiner Schwester, als würde er hierhergehören.Schlimmer noch, er sah aus, als würde er selbst daran glauben.„Lucian.“Ich sah Elara an.Sie b
Elara’s POV Ich wusste, dass ich zu Hause war, noch bevor ich die Tore sah. Ich konnte Blackthorne in der kalten Luft riechen, die Kiefern, die die Festung umgaben, den Rauch aus den Küchen und den vertrauten Geruch der Wölfe, die hier lebten. Ich hatte es mehr vermisst, als ich zugeben wollte. Die Tore öffneten sich, und in dem Moment, in dem unsere Kutsche durch sie hindurchfuhr, sah ich Cressida oben auf den Stufen stehen. Sie wartete nicht darauf, dass ihr jemand half. Sie rannte. „Elara!“ Ich hatte kaum Zeit auszusteigen, bevor sie ihre Arme um mich schlang. Ich lachte leise und hielt sie fest. „Du wirst mich noch umwerfen.“ „Das ist mir egal.“ Ihre Stimme brach an meiner Schulter. „Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen.“ Ich zog mich etwas zurück und nahm ihr Gesicht in meine Hände. „Ich bin hier.“ Cressida sah mich an, ihre Augen bereits voller Tränen. „Du bist wirklich hier.“ „Ja.“ Sie umarmte mich erneut, diesmal noch fester. „Ich habe dich so sehr v
Lucians POV Rowan zog an dem geschwächten Stein, und er bewegte sich unter seinen Händen. „Zurück“, sagte er. Thorne packte meine Schulter und zog mich gerade noch rechtzeitig zurück, als Rowan gegen die Mauer trat. Der Stein bekam Risse. Eine schmale Öffnung erschien. Jace blickte hindurch. „Das führt ins Innere.“ „Dann gehen wir.“ Ich ging als Erster hindurch. In dem Moment, in dem meine Stiefel die andere Seite berührten, flog eine Klinge auf meinen Kopf zu. Ich duckte mich. „Links!“ Thorne schwang sein Schwert und schleuderte einen weiteren Mann zurück. Der Hof brach im Chaos aus. Männer stürmten aus allen Richtungen durch den Innenhof, die Waffen gezogen. Jace stürzte sich auf die nächste Gruppe, während Thorne die andere Seite übernahm. Rowan blieb dicht bei mir. „Drei hinter dieser Tür“, warnte er. Ich drehte mich um und trieb meine Klinge durch die Waffe des ersten Mannes, bevor ich ihn mit der Schulter zu Boden rammte. „Weiter.“ „Ich versuche es.“ Ein Schr







