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2 – DER FEIND

Author: Faith Pearl
last update publish date: 2026-08-27 00:28:06

Der Regen war inzwischen so dicht geworden, dass die Limousine Serafina schließlich vor einer unscheinbaren Tür im Meatpacking District absetzte.

Eine einzelne Lampe leuchtete über dem Türsturz und warf lange Schatten über das Kopfsteinpflaster.

Männer in dunklen, maßgeschneiderten Anzügen beugten sich über Tische, die Hände flach neben ihren Jacken ruhend.

Sera bewegte sich durch den Nebel des Raumes, ihre Absätze klackten scharf auf dem Beton. Sie umging den Hauptraum und nahm die schmale Treppe hinauf zu den VIP-Nischen auf der Empore, wo die Schatten schwer und dicht hingen.

Sie erwartete, Valerius Vance in einer Ecke mit einem zerfledderten Ordner vorzufinden – genau wie den Mann, der fünf Jahre lang Cassius’ schwarzen Kaffee bestellt hatte.

Sie hatte eine Akte mit alten Quittungen und Fahrscheinen mitgebracht, bereit, einen verzweifelten, verängstigten Firmenassistenten in die Enge zu treiben, der nur darauf aus war, einen Deal auszuhandeln, bevor die Ermittler vor der Tür standen.

Doch stattdessen fühlte sich die Atmosphäre auf der Empore vollkommen falsch an. Die Luft war von einer dichten, schweren Spannung erfüllt, die die Härchen auf ihren Armen aufstehen ließ.

Der Mann, der in der zentralen, hufeisenförmigen Sitznische saß, trug einen maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Anzug aus italienischer Wolle, der seine breiten, muskulösen Schultern perfekt umschloss. Eine elegante Uhr glänzte an seinem Handgelenk, während er beiläufig ein schweres Whiskyglas zwischen zwei Fingern drehte. Seine Haltung war entspannt und selbstsicher. Er nahm den Raum ein wie ein Raubtier, das sich von seiner Umgebung nicht im Geringsten beeindrucken ließ.

Zwei breitschultrige Vollstrecker mit sichtbar unter ihren Jacken hervorschimmernden Holstern standen hinter der Rückenlehne wie steinerne Säulen.

Sera blieb am Rand des Vorhangs stehen. Der blasse, schüchterne Angestellte, der früher zusammengezuckt war, wenn Cassius in einem Konferenzraum die Faust auf den Tisch geschlagen hatte, existierte hier nicht.

An seiner Stelle stand jemand völlig Fremdes – jemand, der eine eisige, berechnende Autorität ausstrahlte.

Valerius Vance sah nicht auf, als sie näher kam, doch seine Lippen verzogen sich zu einem schwachen, düsteren Lächeln.

„Du bist drei Minuten zu spät, Serafina“, sagte er.

Seine Stimme hatte nichts von dem dünnen, zögerlichen Ton, den er in den Vorstandsräumen von Sterling benutzt hatte. Sie war tief und schnitt direkt durch den schweren Bass, der unter den Dielen dröhnte.

Sera blieb zwei Schritte vom Tisch entfernt stehen. Ihre Hand steckte bereits tief in ihrer Tasche.

„Wo ist der Rest des Serverprotokolls, Valen?“

Valen deutete leicht mit seinem Glas und gab seinen Wachen damit ein Zeichen. Die beiden Männer traten zurück ins Treppenhaus und ließen den Vorhang hinter sich schwingen.

Er hob endlich seine dunklen Augen und zeigte nun keinerlei Spur mehr von der unterwürfigen Haltung, die er fünf Jahre lang getragen hatte. Kein Zögern lag in seinem Blick, kein nervöses Blinzeln – nur eine absolute, erschreckende Klarheit.

„Setz dich“, murmelte er und nahm einen langsamen Schluck. „Du blutest an deinem Ärmel.“

„Ich setze mich nicht, bevor du mir nicht den Root-Key gibst“, sagte Sera. Ihr Daumen drückte auf die Entriegelungskante der Klinge, die in ihrer Tasche verborgen war. Die Waffe würde keinen Metalldetektor auslösen, und ihre fünf Zoll lange Schneide war schärfer als das Skalpell eines Chirurgen. „Du hast die Nebenaccounts mit meinen Berechtigungsparametern gelöscht. Cassius glaubt, ich hätte vierzig Millionen gestohlen.“

„Cassius glaubt alles, was die Nachrichten ihm sagen“, erwiderte Valen gelassen.

Er stellte sein Glas mit einem leisen Klicken auf den Tisch.

„Er ist ein Idiot, der Geduld mit Gehorsam verwechselt hat.“

Er beugte sich nach vorn und stützte die Ellbogen auf seine Knie. Sein Blick blieb furchtlos auf ihren gerichtet.

„Du hast drei Jahre lang die treue Ehefrau gespielt, Sera. Du hast seine Konten in Ordnung gehalten, seine geschäftlichen Probleme aus der Welt geschafft und so getan, als würdest du nicht bemerken, wie er Geld durch Scheinfirmen schleuste. Hast du wirklich geglaubt, er würde dir seinen Fluchtplan verraten, sobald alles auseinanderzufallen begann?“

„Ich wusste, was er tat“, sagte Sera und spannte den Kiefer an. „Was ich nicht wusste, war, dass sein stiller Schatten derjenige war, der Löcher in den Rumpf bohrte.“

„Irgendjemand musste das Schiff versenken“, sagte Valen leise. „Und du weißt genauso gut wie ich, dass die Ratte als Erste von Bord springt.“

Sera zögerte keine Sekunde.

Mit einer schnellen Bewegung zog sie die Klinge aus ihrem Mantel, sprang über den Tisch und drückte die flache Seite der Schneide direkt unter seinen Kiefer.

Valen blinzelte nicht einmal.

Noch bevor ihr Handgelenk die richtige Position einnehmen konnte, schoss seine linke Hand wie eine zuschlagende Viper nach oben. Seine Finger schlossen sich mit brutaler Kraft um ihr Gelenk und drückten auf einen Nerv, bis ihre Finger taub wurden.

Mit einer schnellen Drehung seines Handgelenks lenkte er die Klinge nach oben und nutzte ihren eigenen Schwung, um sie direkt in die Sitznische zu schleudern.

Ihre Stiefel rutschten über die Dielen, und noch bevor sie mit dem Ellbogen zuschlagen konnte, zog Valen sie über die Sitzfläche hinweg auf seinen Schoß.

Sein Arm schlang sich wie ein eiserner Ring um ihre Taille und drückte ihren Rücken gegen seine breite Brust. Die Klinge klirrte auf das weiche Polster hinter ihnen.

Er lachte leise und dunkel. Die tiefe Vibration lief durch seinen Brustkorb direkt in ihre Schultern.

„Beim Besteck bist du immer so aggressiv“, flüsterte er. Sein warmer Atem strich über die Seite ihres Halses und roch schwach nach bitterer Gewürznelke.

Sera wand sich in seinem Griff. Ihre Knöchel prallten gegen seine Rippen, doch er bewegte sich kaum.

Seine Finger schlossen sich fester um ihre Taille und hielten sie sicher fest, während seine andere Hand beide ihrer Handgelenke gegen ihre Brust drückte.

„Geh verdammt noch mal von mir runter und lass mich sofort los“, verlangte sie. Ihr Atem ging flach, während ihr Herz einen wütenden Rhythmus gegen ihre Rippen hämmerte.

„Keine Chance“, murmelte Valen.

Er senkte den Kopf, sein Kiefer streifte ihr Ohrläppchen. Seine Stimme sank zu einem messerscharfen Flüstern, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Dein Mann hat sich nicht von dir scheiden lassen, weil er aufgehört hat, dich zu lieben, Sera.“

Er machte eine kurze Pause.

„Er hat sich von dir scheiden lassen, weil er ein Bauernopfer brauchte … und … weil er dachte, du wärst zu schwach, um zu bluten.“

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