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Kapitel 5: Die Bindung  

作者: Wills
last update publish date: 2026-11-02 11:25:46

POV: Eira  

Der Neumond ließ die Fenster des Lagerhauses schwarz und leer. Ich saß allein am langen Tisch im oberen Raum mit drei Karten des Ironfang-Territoriums vor mir ausgebreitet. Rote Markierungen zeigten die Orte, an denen Kaelith in den vergangenen Wochen verschwunden war. Blaue Markierungen zeigten die beiden bestätigten Sichtungen von Sylvara am westlichen Rand. Ich fuhr mit dem Finger eine der Routen nach und sprach in die Stille.  

„Du verlässt das Herrenhaus nach Mitternacht und kehrst vor der Dämmerung zurück. Niemand in deinem inneren Kreis weiß, wohin du gehst. Oder sie wissen es und haben zu viel Angst, es laut auszusprechen. Der Beta hat angefangen, Fragen zu stellen, und du gibst ihm nichts.“  

Ich zog die zweite Karte näher. „Sylvara läuft am Rand deines Territoriums, als wären die Patrouillen angewiesen, sie nicht zu sehen. Zuerst in einem schwarzen Auto, das bei einer deiner privaten Firmen registriert ist. Dann zu Fuß, nah genug an den Mauern, dass jede kompetente Nachtwache sie hätte anhalten müssen. Das haben sie nicht. Das ist kein Zufall. Das ist Erlaubnis.“  

Ich lehnte mich im Stuhl zurück und starrte auf die Markierungen. „Ich habe Corvin gesagt, die Überwachung still zu halten. Ich habe ihm gesagt, niemand rührt dich an. Ich habe mir gesagt, dass ich mit jedem Teil dieses Lebens fertig bin. Und doch sitze ich wieder hier und verfolge deine Bewegungen wie die loyale Ersatzfrau, die ich einmal war.“  

Das Erbenmal an der Innenseite meines linken Handgelenks war seit Tagen still gewesen. Ich hatte fast aufgehört, es zu bemerken. Dann begann die Hitze.  

Sie begann als ein niedriges Brennen unter der Haut, scharf genug, dass ich die Hand von der Karte zurückzog. Ich drehte mein Handgelenk dem einzelnen Lampenlicht auf dem Tisch entgegen. Der ursprüngliche Halbmond war immer noch da, aber eine zweite silberne Linie formte sich daneben, dünn und hell, als zeichne sie jemand mit Licht statt mit Tinte. Das Brennen vertiefte sich und breitete sich aus. Ich drückte den Daumen gegen das Mal und zischte durch die Zähne.  

„Was ist das? Das alte Mal war fünf Jahre lang ruhend. Warum jetzt?“  

Der zweite Halbmond vollendete sich im Raum von drei Herzschlägen. In dem Moment, als er fertig war, schlug ein zweiter Herzschlag so hart in meine Brust, dass ich im Stuhl zurückschwankte. Er gehörte nicht mir. Er war schwerer, schneller und wütend. Ich spürte ihn unter meinen Rippen so klar wie meinen eigenen. Die Kraft davon raubte mir den Atem.  

Ich stand so schnell auf, dass der Stuhl über den Boden kratzte. „Nein. Absolut nicht.“  

Über die Stadt hinweg stieg ein Heulen in die Nacht. Es war kein gewöhnlicher Wolfsruf. Es war länger, tiefer und erfüllt von einem rohen Anspruch, der durch jede Wand und jedes Fenster zwischen uns schnitt. Der Laut gehörte Kaelith. Ich kannte ihn so, wie ich meinen eigenen Namen kannte. Sein neu erwachter Wolf rief, und der Ruf war an mich gerichtet.  

Die Bindung rastete mit brutaler Kraft ein. Hitze schoss meinen Arm hinauf und breitete sich durch meine Brust aus, bis ich den Rand des Tisches greifen musste, um aufrecht zu bleiben. Ich spürte ihn am anderen Ende der Verbindung, nicht genau seine Gedanken, aber die Form seiner Gegenwart, die plötzliche verzweifelte Erkenntnis, den Schock, der meinem eigenen entsprach. Die Entfernung zwischen dem Lagerhaus und dem Ironfang-Herrenhaus brach zu nichts zusammen. Jeder Schlag seines Herzens traf gegen meines wie eine Forderung.  

Ich lachte einmal, scharf und gebrochen, der Laut hart im leeren Raum.  

„Natürlich. Natürlich wärst du es.“  

Ich sprach die Worte zu den dunklen Fenstern, als könnte er sie hören. „Du hast mich geheiratet, weil ich genug wie sie aussah. Du hast fünf Jahre damit verbracht, mich wie Möbel zu behandeln, die zufällig deinen Nachnamen teilten. Du bist in den Fluren an mir vorbeigegangen, ohne einen zweiten Blick. Du hast meine Fragen mit den wenigsten möglichen Worten beantwortet und bist dann zu deinen Karten und deinen Besprechungen zurückgekehrt. Und in der Nacht, in der unsere Tochter dich am meisten brauchte, warst du bei ihr. Ich habe angerufen. Die Leitung war tot. Niemand ist gekommen. Ich habe Stunden auf dieser Klippe gewartet, während du genau dort geblieben bist, wo du warst.“  

Der zweite Herzschlag pochte gegen meinen, stetig und unerbittlich. Ich legte beide Hände flach auf den Tisch und beugte mich vor.  

„Ich habe ihren Körper selbst nach Hause getragen. Ich habe ihr Grab unter der Weide mit meinen eigenen Händen gegraben. Du hast es nicht einmal gewusst, bis es viel zu spät war. Und jetzt entscheidet die Bindung, aufzuwachen.“  

Ich richtete mich auf und blickte hinunter auf die beiden Halbmonde nebeneinander an meinem Handgelenk. Das silberne Licht unter der Haut war verblasst, aber die Male blieben. Der zweite Herzschlag wollte nicht still werden.  

„Die Mondgöttin hat gewartet, bis ich gegangen bin, um die Wahrheit zu sagen. Sie hat gewartet, bis ich aufgehört habe, um Fetzen deiner Aufmerksamkeit zu betteln. Sie hat gewartet, bis ich wieder die Nachtkönigin geworden bin. Sie hat gewartet, bis ich nichts mehr von der Frau übrig hatte, die darauf gewartet hat, dass du sie bemerkst. Und jetzt darfst du fühlen, was ich an jedem Tag dieser fünf Jahre gefühlt habe. Der Unterschied ist, dass ich nicht komme, wenn du rufst.“  

Ich ging zum hohen Fenster und starrte hinaus in Richtung des Ironfang-Territoriums. Die Stadtlichter verwischten für einen Moment. Die Bindung pochte immer noch zwischen uns, unmöglich zu ignorieren. Ich konnte spüren, wie er sich bewegte, unruhig, suchend. Ich konnte den genauen Moment spüren, in dem sein Wolf verstand, dass die Partnerin, die er wollte, die Frau war, die bereits gegangen war.  

„Du warst bei ihr, während unsere Tochter starb“, sagte ich leise. „Du darfst mich nicht wählen, jetzt, da es für deinen Wolf bequem ist. Du darfst nicht über die Stadt heulen und erwarten, dass ich antworte. Ich bin nicht länger der Ersatz. Ich bin nicht deine Luna. Ich bin nicht dein.“  

Mein neues Telefon lag auf der Ecke des Tisches, wo ich es früher hingelegt hatte. Der Bildschirm leuchtete ohne Vorwarnung auf. Eine unbekannte Nummer. Eine einzige Nachricht.  

Ich nahm es und las die drei Worte.  

„Ich fühle dich auch.“

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