LOGINEr wies sie zurück und demütigte sie für das, was er in ihr zu sehen glaubte, ohne jemals zu ahnen, dass sie die verschollene Prinzessin war – und dass in ihr eine ungeahnte Macht schlummerte. Kael wies Alice zurück, zerbrach ihre Schicksalsbindung und entschied sich für eine andere Frau als seine Luna. Er verspottete sie und zweifelte an ihrem Wert … bis das Schicksal das Blatt wendete. Heute kniet der mächtige Alpha vor ihr. Sein Leben, sein Wolf – alles hängt am seidenen Faden. Und die Einzige, die ihn retten kann, ist ausgerechnet die Frau, die er einst zerstört hat. „Bitte … Alice … Alice … Ich bin dein Gefährte.“ Ihr Blick blieb ruhig und unnachgiebig. „Für dich bin ich Eure Hoheit. Nur diejenigen, die an meiner Seite geblieben sind, als ich nichts hatte, dürfen meinen Namen aussprechen.“ Wird sie ihm die Gnade gewähren, die er ihr niemals entgegengebracht hat? Oder wird sie ihn fallen lassen – genauso, wie er einst sie fallen ließ?
View MoreDie Sonne hatte die Baumkronen kaum überragt, als Alice auf dem Küchenboden kniete und die Steinplatten schrubbte, bis ihre Finger brannten. Der Duft der Kiefern zog durch das offene Fenster; irgendwo weit draußen hallte das Morgengeheul eines Wolfes durch den Nebel. Im Haus der Voss roch es nach Seife, feuchter Wäsche und gebratenem Fleisch — Fleisch, das sie niemals kosten würde.
„Tropf nicht auf den Teppich“, sagte Elsa vom Tisch aus und schwang müßig ihren nackten Fuß. Sie biss in eine Birnenscheibe, und ihr goldenes Haar glänzte im Sonnenlicht. „Mutter hasst nasse Fußspuren.“
„Ich weiß“, murmelte Alice und fuhr mit dem Lappen weiter.
„Du weißt es immer“, verspottete Elsa. Sie warf den Birnenkern mit einem nassen Klatscher in die Spüle. „Putz das auch gleich.“
Alice’ Hand zitterte einen Augenblick, doch sie zwang sich, weiterzuschrubben.
„Du solltest dankbar sein“, fügte Elsa träge hinzu. „Mutter sagt, wenn sie dich nicht gefunden hätte, wärst du von wilden Tieren gefressen worden. Stell dir vor: ein winziges kleines Wesen, das schreiend in der Dunkelheit lag. Stattdessen hast du hier ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen.“
Alice schluckte schwer. Sie hatte jene Nacht zu oft vor sich gesehen: ein Baby im Wald, weinend, ausgesetzt. Sie hatte sich auch ein anderes Ende gewünscht — eines, in dem sie mit Liebe statt mit Verachtung aufgenommen worden wäre. Doch das war die Wirklichkeit ihres Lebens bei den Voss.
Die Hintertür öffnete sich knarrend, und Frau Voss trat ein. Ihr Parfüm überdeckte den Duft der Kiefern; ihr dunkles Haar war ordentlich im Nacken gesteckt. „Elsa, mein Liebling“, sagte sie freundlich, „bist du bereit für das Fest?“
„Ja, Mutter“, antwortete Elsa sanft und richtete sich auf wie ein Engel.
Frau Voss’ Lächeln verschwand, als ihr Blick auf Alice fiel. „Immer noch auf dem Boden? Du bist langsamer als je zuvor. Das Fest findet heute Abend statt, und das Haus sieht noch immer unordentlich aus.“
„Ich bin fast fertig“, sagte Alice schnell.
„Fast zählt nicht. Beeile dich, ich brauche dich — du musst Lysandra etwas für das Fest bringen.“
„Ja, Mutter“, flüsterte Alice und wischte sich den Schweiß von der Stirn mit dem Ärmel ihres Kleides.
Kaum hatte sie Luft geholt, da kam Frau Voss zurück. Sie seufzte laut und reichte ihr eine abgedeckte Schale. „Bring diesen Auflauf zu Lysandra. Und frag sie, ob sie noch die dekorativen Teller für den Ehrentisch braucht. Blamier uns nicht vor den Draytons.“
Alice wischte ihre Hände ab, stellte die heiße Schale auf ein Tablett und schlüpfte hinaus, ohne ein weiteres Wort.
Draußen war das Dorf voller geschäftiger Vorbereitungen. Frauen eilten mit Brotkörben vorbei, Männer zogen Fässer Apfelwein zum Festplatz. Kinder jagten einander nach, die Finger klebrig von Honig. Alice hielt den Kopf gesenkt, ihr Zopf schwang über ihren Rücken.
Am Ende der Gasse stand das Haus der Draytons — zwei Stockwerke aus geschnitztem Holz, mit Wolfsmustern entlang der Geländer. Im Vergleich zur Hütte der Voss sah es aus wie ein Saal aus einem Märchenbuch. Alice umklammerte das Tablett fester, atmete tief durch und stieg die Treppe hinauf.
Auf der Veranda standen Kael und Maya, eng umschlungen; ihr Lachen ging in leises Kichern und geflüsterte Worte über. Mayas Finger strichen über sein Kinn, bis er sich zu ihr herabneigte und sie sich sanft küssten.
Er legte die Hand sanft in ihren Nacken; sie standen nah beisammen und küssten sich voller Zuneigung. Ihre Finger ruhten leicht auf seiner Brust, und sie genoss den Augenblick — ohne zu ahnen, dass jemand sie beobachtete.
Alice erstarrte. Ihr Herz schlug schneller, und sie wusste nicht, warum. Ihr Atem stockte, als ein Gefühl von Wärme und Schwindel sie überkam. Ein plötzlicher, stechender Schmerz zog sich durch ihre Brust. Sie presste die Hand gegen ihre Rippen und verstand nicht, warum es weh tat.
Sie senkte den Blick und wollte vorbeigehen — ihr Gesicht glühte vor einem Gefühl, das sie noch nicht benennen konnte.
Doch dann löste sich Kael von ihr. Seine Hand an Mayas Taille stockte, er brach den Kuss ab und richtete sich auf, als würde er von einer unsichtbaren Kraft gezogen. Einen Augenblick lang blickte er zu Alice — ein Ausdruck in seinen Augen, den sie nicht deuten konnte: Verwirrung? Erinnerung? Dann verbarg er es hinter einem spöttischen Lächeln.
„Sieh mal, wer da ist“, sagte er langsam und scharf. „Das Küchengespenst. Lernt man bei den Voss nicht, seine Vorgesetzten zu begrüßen?“
Maya blinzelte, überrascht, dann folgte sie seinem Blick und lachte hell und klar. „Kael …“
Alice’ Wangen brannten. Sie umklammerte das Tablett fester und bemühte sich, ruhig zu sprechen. „Hallo, Kael. Hallo, Maya.“
Er antwortete nicht sofort, sondern starrte sie nur an. Noch immer lag etwas in seinen Augen, doch dann kehrte sein Lächeln zurück. „Sie spricht also.“
Alice wandte sich schnell ab, die Luft zwischen ihnen seltsam schwer, und trat ins Haus. Draußen hörte sie noch immer Mayas helles Kichern.
Drinnen war es warm und lebhaft. Diener eilten mit Tellern umher und bereiteten das Essen vor. Mitten im Trubel stand Lysandra. Ihre Schürze war mit Mehl bestäubt, und ihr silbernes Haar war ordentlich hochgesteckt.
Sie drehte sich um. „Alice, nicht wahr? Danke, dass du das gebracht hast.“ Ihre Stimme war freundlich, als sie Alice die Schale abnahm. „So musste ich nicht selbst gehen.“
Alice schluckte. „Gern geschehen, Lysandra.“
Lysandra nahm einen Keks vom Teller, wickelte ihn in ein Tuch und reichte ihn ihr. „Nimm einen. Du siehst aus, als ob du seit Sonnenaufgang arbeitest.“
Alice zögerte — man bot ihr so gut wie nie etwas an. Dann nahm sie ihn und flüsterte: „Danke.“ Der Keks schmeckte buttrig und süß. Es war ein seltsam warmes Gefühl, zum ersten Mal so freundlich bedacht zu werden.
„Bring diese Teller deiner Mutter“, sagte Lysandra und legte ihr zwei polierte Teller in die Hände. „Wir brauchen sie heute Abend.“
„Ja, Lysandra“, sagte Alice leise und balancierte alles sicher.
„Genieße das Fest, Kind“, fügte Lysandra hinzu und wandte sich wieder der Arbeit zu.
Alice schlüpfte hinaus, bevor jemand anders sie bemerkte.
Kael und Maya standen noch immer auf der Veranda. Er sagte nichts, lehnte sich nur zurück und blickte ihr mit dunklen Augen nach, bis sie die Treppe hinunter war. Maya schmiegte sich enger an ihn und lächelte spöttisch.
Alice ging mit erhobenem Kopf davon, auch wenn es in ihrer Brust schmerzte.
Der Keks lag noch warm in ihrer Hand. Sie aß ihn langsam, und die Süße linderte den Schmerz ein wenig. Lysandra war so freundlich. Ganz anders als ihr Sohn. Ganz und gar nicht.
Der Weg nach Hause führte durch den Wald, und die untergehende Sonne tauchte alles in goldenes Licht. Alice ließ ihren Gedanken freien Lauf.
Kael Drayton. Allein sein Name ließ ihr Herz schneller schlagen. Jedes Mädchen im Rudel träumte von ihm — von seiner Stärke, seinen dunklen Augen, von der Gewissheit, dass er eines Tages der Anführer, der Alpha, sein würde. Manche planten schon ihre Zukunft an seiner Seite und beteten zur Göttin, dass sie ihm bestimmt wären. Alice erlaubte sich solche Träume nie. Sie war nur ein Dienstmädchen. „Alice ohne Wolf“, so nannten sie sie alle. Wie ein Stück Abfall, das man im Wald aufgelesen hatte.
Und doch — jedes Mal, wenn sie ihn sah, regte sich etwas in ihr. Etwas, das sie nicht verstand und nicht zu benennen wagte. Sie sagte sich, es sei töricht. Er würde sie niemals wirklich sehen. Nicht mehr als ein Schatten im Dienste der Familie Voss.
Ein Windhauch rauschte durch die Bäume. Sie blieb stehen, und ihr sträubten sich die Haare. Einen Augenblick lang glaubte sie, es wieder zu hören — ein tiefes, raues Geräusch, getragen vom Wind. Ein Knurren.
Doch der Wald war still.
Alice umklammerte die Teller fester und ging schneller, ihr Herz pochte wild.
Nur dieses Mal war das Knurren nicht aus dem Wald gekommen.
Die Welt lag noch im Dunkeln, als Alice erwachte. Sie blinzelte zu den Baumkronen, die sich im Morgengrauen wiegten; lange Schatten zogen sich über den Waldboden. Für einen Augenblick wusste sie nicht, wo sie war. Ihre Glieder waren schwer, ihre Haut fühlte sich rau an von der kalten Erde, ihr Atem ging unregelmäßig. Dann kehrte die Erinnerung mit Wucht zurück — Erde klebte an ihrer Haut, Laub in ihrem Haar, und ein dumpfer Schmerz in ihren Knochen, als seien sie gebrochen und neu geformt worden.Sie war nackt.Alice setzte sich schnell auf und umarmte sich vor Kälte, obwohl niemand sie sehen konnte. Der Frost biss in ihre Haut, und zugleich bemerkte sie einen seltsamen klebrigen Belag an ihren Lippen. Sie leckte sie instinktiv und erstarrte. Etwas Bitteres lag darauf. Sie hob zitternd die Hand zum Mund und blickte entsetzt auf den dunklen Fleck an ihren Fingern. Blut.Ihr Herz pochte wild. Sie fuhr mit der Zunge über ihre Zähne und spürte etwas Faseriges, das sich darin verfangen hat
Als Alice noch von dem ersten Schlag an ihrer Wange brannte, erhob sich Frau Voss’ Stimme erneut, scharf und vor Wut zitternd.„Was war das da draußen?!“, schrie sie. „Einfach weglaufen, ohne Kaels Zurückweisung anzunehmen. Willst du diese Schande ewig hinauszögern? Glaubst du, wenn du das Band aufrechterhältst, wirst du etwa doch noch Luna?“Alice öffnete die Lippen, aber kein Wort kam über sie. Ihre Brust schmerzte noch immer von dem schneidenden Gefühl der Zurückweisung, ihre Rippen taten weh, als würden unsichtbare Krallen sie von innen zerfleischen.Frau Voss’ Augen funkelten vor Abscheu. „Sieh dich an. Du bist nichts. Hätten wir dich nicht aus dem Wald geholt, wärst du längst zu Knochen geworden, vergessen unter Laub. Und jetzt wagst du es, vor das ganze Rudel zu treten und so zu tun, als habe die Göttin dich auserwählt? Sogar deine eigene Familie weist dich ab!“Elsa stand in der Ecke und verschränkte die Arme, ihre Stimme klang scharf und triumphierend. „Sie genießt die Aufmer
Für einen Augenblick stand der Festplatz still. Das einzige Geräusch war das Knistern des Feuers, dessen Funken in den stillen Nachthimmel emporstiegen.Dann begann das Geflüster.„Sie hat keinen Wolf…“„Die Göttin muss sich geirrt haben.“„Kael, machst du Witze? Mit neunzehn hat sie noch nicht einmal ihren Wolf gefunden!“Die Worte schnitten durch die Menge, wurden lauter und schärfer, bis sie zu einer Welle des Unglaubens anschwollen. Alle blickten zu Alice; Augen verengten sich, Lippen verzogen sich voller Verachtung. Sie spürte, wie ihre Blicke auf ihr brannten wie offenes Feuer.Als Erste lachte Maya. Ihr Lachen klang hell und grausam und durchbrach die Spannung. „Oh, das ist ja herrlich.“ Sie umklammerte Kaels Arm und blickte zu Alice hinüber. „Von allen Mädchen im Rudel schenkt dir die Göttin… ausgerechnet sie?“ Sie lachte erneut und schmiegte sich enger an ihn. „Es wirkt fast wie ein Scherz. Vielleicht dachte die Göttin, es wäre gnädig, dir jemanden zu geben, den du so leicht
Die Hintertür knarrte, als Alice mit der leeren Auflaufform aus Lysandras Küche hineinschlüpfte. Sie stellte sie sanft auf den Tresen; ihre Handflächen kribbelten noch von der Wärme des Herdes des Alphas und von der noch viel wärmeren Freundlichkeit, die ihr entgegengebracht worden war.„Du hast aber lange gebraucht“, fuhr Frau Voss sie an, ohne von dem Spiegel aufzusehen, vor dem sie ihr Haar steckte. „Glaubst du, die Familie von Kael Drayton hat Zeit, auf ein Küchenmädchen zu warten?“„Es tut mir leid, Mutter“, murmelte Alice.Frau Voss’ Blick ruhte auf ihrem Spiegelbild, doch ihre Worte trugen eine ganz andere Bedeutung in sich. Sie hatte sich immer an der Familie des Alphas gemessen und sich von deren Ansehen genährt wie ein Schatten am Rande des Lichts.Als sie noch ein Mädchen war, hieß es in den Gerüchten, sie habe oft geprahlt, ihr bestimmter Gefährte würde Richard Drayton werden — damals, als dieser noch der Erbe war. Die Enttäuschung hatte tief geschnitten, als die Mondgötti











