LOGINVor fünf Jahren verlor Ryker Blackthorn die einzige Frau, die er je geliebt hatte. Er glaubte, sie sei für immer gegangen. Dann kehrte Sera Thorne in sein Territorium zurück – mit einem kranken kleinen Jungen, der seine Augen hatte. Seinem Sohn. Finn stirbt, und Sera hat keine andere Wahl, als sich an den Mann zu wenden, den sie nie wieder brauchen wollte. Doch Sera verbirgt mehr als nur ein Kind. Und jemand im Blackthorn-Rudel wird alles tun, um zu verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt.
View MoreSeras Sicht
Finn hörte sieben Sekunden lang auf zu atmen.
Ich zählte mit. Nach elf Tagen Fieber gab sein Körper endlich auf. Ich kniete auf den Küchenfliesen, beide Hände auf seinem Gesicht, seine Haut glühend heiß unter meinen Fingern. Sieben Sekunden. Seine Brust bewegte sich nicht.
„Finn.“ Ich küsste seine Wange, meine Stimme brach in der Mitte entzwei. „Mach die Augen auf, sieh mich an, Kleiner, bitte.“
Seine Lider flatterten. Er formte ein Wort, das nie herauskam. Ich zog ihn an mich, seine Locken klebten an meinem Schlüsselbein, sein Körper wurde seltsam schlaff.
Ich sagte: „Ich hab dich. Ich bin genau hier.“
Er antwortete nicht.
Vor vier Tagen hatte ich den Brief geschickt. Zwei Seiten. Alles: Finns Name, Finns Gesicht, dass er starb, dass er Rykers war. Ich war selbst an der Rudelgrenze gewesen, hatte ihn dem Kurier persönlich gegeben und mir gesagt: Das Schwerste ist jetzt vorbei.
Vier Tage. Nichts. Kein Wort, kein Bote, nicht einmal ein Hauch einer Antwort.
Er hatte ihn gelesen und schwieg. Das war die einzige Erklärung, die Sinn ergab, und genau die, die mich wirklich fertigmachte.
Ich hatte keine vier Tage mehr.
„Finn, bleib bei mir.“ Ich war schon in Bewegung, hob ihn hoch, sein Kopf ruhte auf meiner Schulter. „Los, jetzt sofort.“
Es dauerte neunzig Minuten bis zur Grenze. Eine Hand lag auf dem Lenkrad, die andere streckte ich nach hinten, bei jeder roten Ampel kontrollierte ich, brauchte das Gefühl, dass er unter meiner Hand atmete.
An einem Stoppschild flüsterte ich: „Heben. Senken. Heben.“
Die Blackthorn-Grenzlinie verlief entlang der Nordstraße, unsichtbar, nichts weiter als ein Gefühl, außer dass man in dem Moment, in dem man sie übertrat, als Wolf sofort wusste, wo man war. Ich spürte es. Die Härchen auf meiner Haut stellten sich auf wie bei statischer Elektrizität.
Ich fuhr trotzdem hinüber.
Die Patrouille fing mich innerhalb einer Meile ab. Zwei junge Wölfe hatten am Straßenrand gewandelt, wachsam, die Waffen halb erhoben, bis sie Finn zusammengesunken auf der Rückbank sahen und sie etwas senkten.
Der Größere sagte: „Ihr begeht Hausfriedensbruch. Nennt Euer Anliegen.“
„Mein Sohn braucht den Alpha jetzt, nicht in einer Stunde.“
„Ma’am, Sie müssen den Wagen wenden –“
„Seht ihn euch an.“ Die Worte blieben mir im Hals stecken. „Seht ihm ins Gesicht und sagt mir dann, ich soll wenden.“
„Ich treffe diese Entscheidung nicht. Niemand ruft einfach den Alpha wegen eines Patrouillenstopps.“
„Wenn ich hier an dieser Grenze sitzen muss, bis die Sonne aufgeht, dann tue ich das. Aber mein Sohn hat nicht mehr so viel Zeit.“
„Ma’am –“
Ich wiederholte mich, diesmal leiser, weil Schreien nichts brachte und mir die Munition ausging: „Seht ihm ins Gesicht! Schaut ihn einfach an.“
Der Kleinere beugte sich vor, und ich sah, wie sich etwas in seinen Augen veränderte, als er Finns Kinn, Finns Augen und die unverkennbare Blackthorn-Form seines Mundes bemerkte, selbst schlaff vom Fieber. Er richtete sich schnell auf, als hätte er etwas Heißes berührt.
„Cal.“ Er sprach leise zu seinem Partner. „Cal, sieh ihn dir an.“
Der Größere, Cal, beugte sich in den Wagen und wurde sehr still. Als er sich zurückzog, hatte sich seine ganze Haltung verändert.
„Wie ist Ihr Name?“, fragte er mich.
„Sera Thorne.“
„Thorne.“ Er sprach den Namen aus, als hätte er Gewicht, und ich wusste, dass er das hatte. Fünf Jahre waren nicht so lang, dass das Rudel vergessen hätte. „Bleiben Sie im Wagen.“
Ich sagte: „Meldet es. Sagt, es ist eine territoriale Verletzung, schickt den Alpha persönlich, sagt ihm, er soll sich beeilen, sagt ihm, Sera Thorne ist hier.“
Ich wartete elf Minuten am Straßenrand. Ich weiß es genau, ich habe jede einzelne gezählt, eine nach der anderen, mit der Hand auf Finns Brust, spürte das Heben, spürte das Senken, hatte Angst, es würde aufhören.
Ich hörte ihn, bevor ich ihn sah. Die besondere Art, wie er ging, seine Schritte auf dem Kies, hatten früher Selbstsicherheit bedeutet. Nach fünf Jahren konnte es alles Mögliche bedeuten.
„Das sollte besser wichtig genug sein, um mich aus dem Rat zu holen“, sagte Ryker, dann stockte er.
Ich drehte mich um. Fünf Jahre hatten sein Gesicht nicht entstellt, sondern nur schärfer gemacht: ein härteres Kinn, neue Fältchen an den Augenwinkeln, dasselbe Mitternachtsblau, das seit Finns Geburt jeden seiner Ausdrücke heimsuchte. Sein Blick wanderte von mir zum Wagen. Zur kleinen Gestalt auf der Rückbank.
„Sera.“ Nach fünf Jahren Schweigen klang mein Name aus seinem Mund anders, als ich erwartet hatte.
„Ryker.“
„Ihr begeht Hausfriedensbruch auf Blackthorn-Gebiet.“ Seine Stimme war ruhig und gleichmäßig, als würde er jedes Wort sorgfältig wählen, weil es explodieren könnte. „Wollt Ihr mir das erklären?“
„Ich habe dir vor vier Tagen einen Brief geschickt.“
Etwas huschte über sein Gesicht, doch ich konnte es nicht deuten, bevor es verschwand. „Ich habe keinen Brief erhalten.“
„Nicht.“ Das Wort kam schärfer heraus, als ich wollte. „Nein, tu das nicht, nicht heute Nacht.“
„Was genau soll ich nicht tun?“
„So tun. Ich weiß, dass du ihn gelesen hast. Vier Tage, Ryker, und nichts, kein Wort, kein Bote, gar nichts, also steh nicht da und sag mir, du hättest ihn nicht bekommen.“
„Ich habe keinen Brief erhalten.“ Sein Kiefer spannte sich an. „Ich habe keine Ahnung, an wen oder was du ihn geschickt hast, aber er ist nicht bei mir angekommen. Wenn ich ihn bekommen hätte, glaubst du wirklich, ich hätte vier Tage verstreichen lassen?“
Ich hatte keinen Raum mehr in meinem Herzen, um zu streiten. „Was auch immer es ist, ich habe jetzt keine Zeit dafür mit dir. Mein Sohn stirbt in diesem Wagen und er braucht dich.“
„Wofür braucht er mich?“
Statt zu antworten öffnete ich die hintere Tür. Ich trat zur Seite, damit er sehen konnte.
Ryker wurde sehr still.
Finns Locken lagen dunkel und feucht auf dem Sitz, seine kleine Brust hob und senkte sich zu flach, zu schnell, sein Gesicht glühte vom Fieber, gegen das er elf Tage lang gekämpft hatte. Sein Kinn, diese unverkennbare Form, die ich in meinem eigenen Spiegel bei Ryker gesehen hatte, war dasselbe Kinn, nur fünf Jahre jünger und krank.
„Sera.“ Seine Stimme war kaum hörbar. „Wie alt ist er?“
Ich biss mir auf die Lippen und schluckte die Antwort hinunter. Dann sagte ich es trotzdem.
„Fünf.“
Die Stille hatte Gewicht, sie hatte Zähne. Ich sah, wie Rykers Hand nach oben zum Autodach griff und es so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß wurden.
„Ist er mein Sohn?“
Ich konnte nicht Ja sagen, noch nicht, nicht solange die Patrouille drei Meter entfernt stand und das ganze Rudel bald alles in einem einzigen Satz erfahren würde. Deshalb sagte ich: „Er hat eine Blutblockade. Ohne das Ritual überlebt er die Woche nicht. Er braucht dich.“
Ryker bewegte sich nicht. Er blinzelte nicht. Einen endlosen Augenblick lang sah ich zu, wie er mit allem rang, was ich ihm gerade gegeben hatte: fünf Jahre Schweigen, ein Sohn, von dem er nie wusste, eine Frage, die ich nicht laut beantwortet hatte.
Dann richtete sich sein Blick wieder auf Finn, auf die kleine Brust, die nach Luft rang, und etwas in seinem Gesicht schloss sich wie eine Tür, die zugeschlagen und verriegelt wurde.
Er befahl: „Steig aus dem Wagen. Sofort.“
Er sah mich kein weiteres Mal an. Ich sah, wie er die Hand nach Finn ausstreckte, und ich wusste, dass welchen Krieg ich auch gerade an dieser Grenze begonnen hatte, ich keine Zeit hatte, mich davor zu fürchten.
Finn hatte keine vier Tage mehr. Er hatte nur diese Nacht.
Rykers SichtIch war noch nicht einmal aus dem Ratssaal heraus, als ihre Stimme mich von hinten erreichte.Ich drehte mich um. Sera stand ein paar Schritte entfernt, das Gesicht angespannt vor Wut, die haselnussbraunen Augen flammend.„Hast du gewusst, dass sie das tun würde?“Ich musste nicht fragen, wen sie meinte. Lira hatte mir keinen Raum für etwas anderes gelassen.„Nein.“„Und das soll ich dir glauben?“Die Frage schabte an allem, was ich seit ihrer Rückkehr gedacht hatte. „Glaub, was du willst, Sera.“Sie lachte kurz und humorlos. „Das scheint deine übliche Antwort zu sein, wann immer es schwierig wird.“Mein Wolf regte sich unter meiner Haut, tief und unruhig. Er wollte mich näher zu ihr bringen – wollte, dass sie aufhörte, mich anzusehen, als wäre ich der Feind. Ich blieb, wo ich war.„Du wolltest gehört werden. Du wurdest gehört.“„Ich wollte meinen Sohn in Sicherheit.“„Er ist in Sicherheit.“„Warum entscheiden dann plötzlich alle darüber, worauf er Anspruch hat?“Ich hatt
Seras SichtElf Tage lang war ich auf dieselbe Weise aufgewacht: zuerst das Herz, dann die Augen, eine Hand schon auf der Suche nach dem Heben und Senken von Finns Brust.Heute Morgen wachte ich im Sonnenlicht auf.Ein dünner goldener Streifen lag über der Decke. Ich war noch immer im Sessel neben dem Bett zusammengerollt, der Nacken steif, die Finger um die seinen geschlossen. Die Erleichterung traf mich so heftig, dass sie sich anfühlte wie Schmerz – scharf unter den Rippen, heiß hinter den Augen.Ich beugte mich vor und drückte meine Lippen auf seine Stirn. Warm. Nur warm.Seine Wimpern flatterten. Schläfrige mitternachtsblaue Augen fanden mich, und er lächelte.„Mama. Ich hab Hunger.“Das Lachen, das mir entkam, brach wie etwas, das zu lange in der Kälte gelegen hatte. „Du hast mir fast zehn Jahre meines Lebens genommen, und jetzt willst du Frühstück?“„Pfannkuchen.“„Pfannkuchen.“ Ich küsste seine Wange, seine Nase, die andere Wange, bis er sich wand.„Mama! Hör auf!“„Niemals.“
Liras SichtIch erfuhr von dem Jungen durch ein Gespräch im Flur, das ich eigentlich nicht hätte hören sollen.Zwei Heiler flüsterten beim Wäscheschrank miteinander, überzeugt, dass der Gang leer war. Einer von ihnen sagte: „Blutblockade. Wenn man es glauben kann, der Alpha. Gestern Nacht ist eine Frau an der Grenze aufgetaucht mit einem Jungen, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist.“„Fünf Jahre alt, heißt es. Wo war er die ganze Zeit?“„Anscheinend war er die ganze Zeit mit jemand anderem verheiratet. Ost-Territorium.“Ich ging weiter. Ich verlangsamte meinen Schritt nicht. Fünf Jahre Übung hatten mich gelehrt, wie man weitergeht, wenn der Boden unter den Füßen nachgibt, wie man ein vollkommen ausdrucksloses Gesicht bewahrt, während der Verstand drei Schritte voraus rast.Als ich zum Ritualplatz kam, angezogen wie von einer Wunde, von der man weiß, dass sie schmerzen wird, war das Ritual bereits vorbei. Ich blieb am Rand der Baumlinie stehen, halb verborgen, und sah zu, wie me
Seras schitDas Ritualgelände roch nach verbranntem Salbei und kaltem Stein, und ich hasste jede Sekunde, die ich dort verbrachte.Aldric führte mich zu einem ausgeschnittenen Kreis am Rand der Lichtung, wo ich auf die Knie gehen musste. „Wenn der Mond über die Baumlinie steigt, schneidet ihr euch beide in die Handflächen und lasst das Blut in dieselbe Schale fließen. Das bindet ihn.“„Und wenn etwas schiefgeht?“„Es wird keine Probleme geben.“ Er sah mich dabei nicht an, und das sagte mehr als seine Worte.Ryker sank ohne ein Wort an mich gewandt auf die Knie. Finn ruhte an ihm, als hätte er das schon vier Jahre lang getan und nicht erst vier Tage. Ich beobachtete, wie er Finns Locken vorsichtig zurückstrich, sah die behutsame, ängstliche Liebe, die er ihm entgegenbrachte, und etwas in meiner Brust zog sich zusammen.Ich musste etwas sagen. „Er lässt sich gerne so halten“, sagte ich. „Er hat schon als Baby besser auf der linken Seite geschlafen.“„Ich weiß“, antwortete Ryker. „Er hat











