Masuk(Elenas Perspektive)
Drei Tage nach Calebs Tod kamen die Vollstrecker, um mich abzuholen.
„Der Rat bittet um Ihre Anwesenheit“, sagte einer der Vollstrecker mit ausdruckslosem Gesicht.
Ich nickte benommen. Ich nahm an, es handele sich um eine Gedenkfeier. Vielleicht um Fragen zu dem Angriff. Routinemäßige Dinge.
Ich trug immer noch das weiße Trauergewand, das meine Mutter vor meiner Tür hinterlassen hatte. Mein Haar hing offen und verfilzt herunter. Ich hatte es nicht gekämmt. Hatte nichts gegessen. Hatte nichts getan, außer neben Calebs Leichnam zu sitzen, bis sie mich zwangen, zu gehen.
Ich wollte nicht, aber ich wusste, dass ich mich besser nicht gegen den Rat stellen sollte, auch wenn ich trauerte.
Calebs silbernes Armband trug ich noch immer am Handgelenk. Das einzige Stück von ihm, das mir geblieben war.
Die Partnerbindung zu Dominic war seit Tagen still. Gedämpft. Ich dachte, er würde mir Raum zum Trauern geben.
Und ich wusste diese Mühe wirklich zu schätzen. Ich hatte gehofft, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen.
Die Türen zum Ratssaal öffneten sich, und mir sank das Herz.
Dreihundert Rudelmitglieder saßen in Reihen, schweigend und mit starrem Blick. Der runde Raum ließ jedes Flüstern und jeden Atemzug sehr laut klingen. Das Feuerlicht flackerte an den Steinwänden und warf Schatten an die Wände rund um den Raum.
In der Mitte, auf der erhöhten Alpha-Plattform, stand Dominic.
Er trug die vollständige zeremonielle Tracht – schwarzes Leder und Silber, die offizielle Uniform des Alphas. Zu beiden Seiten flankierten ihn die Ältesten des Rates, ihre Gesichter streng.
Dominic wirkte wie ein Fremder. Kalt. Unnahbar. Sein Kiefer war angespannt, sein Blick auf etwas über meinem Kopf geheftet.
In der ersten Reihe saß Vivienne Ashford vollkommen gelassen in einem eleganten schwarzen Kleid. Ihr Gesichtsausdruck war gelassen, fast friedlich.
Schrecken kroch wie Eiswasser meinen Rücken hinauf.
„Elena Rose Thorne.“ Die Stimme von Ratsmitglied Creed durchbrach die Stille. Uralt und grausam, wie aneinander reibende Steine. „Du wirst der Fahrlässigkeit beschuldigt, die zum Tod von Caleb Thorne geführt hat.“
Was?
Der Raum neigte sich. Ich griff nach dem Arm des Vollstreckers, um mich abzustützen.
„Ich verstehe nicht –“
„Ruhe.“ Creed hob die Hand. „Die Beweise werden sprechen.“
In der Kammer leuchteten Bildschirme auf, auf denen Patrouillenprotokolle angezeigt wurden. Zeitstempel. Offizielle Berichte.
9:00 Uhr: Heilerin Elena Thorne wurde über verstärkte Aktivitäten von Schurken im östlichen Sektor informiert. Bestätigt, Bedenken jedoch abgetan.
11:00 Uhr: Zweite Warnung an Heilerin Thorne ausgegeben. Antwort: „Das wird schon gut gehen.“
13:00 Uhr: Letzte Warnung vor dem Angriff. Heilerin Thorne soll gelacht haben und abgelenkt gewesen sein.
„Das ist falsch“, sagte ich mit zitternder Stimme. „Ich habe keine Warnungen erhalten. Caleb und ich waren während der gesamten Patrouille voll konzentriert –“
„Die Beweise sprechen für sich, Omega.“ Thornes Blick war hart. „Deine Nachlässigkeit ist dokumentiert.“
Ein weiterer Ältester stand auf und las mit monotoner Stimme von einem Tablet vor.
„Zeugenaussage von Krieger Marcus Cole: ‚Elena Thorne war während der Patrouille abgelenkt und kicherte über ihre Partnerbindung, anstatt Wachsamkeit zu wahren.‘“
Nein. Das stimmte nicht.
„Zeugenaussage der Vollstreckerin Sarah Klein: ‚Sie sagte Caleb, er solle sich keine Sorgen machen, als er Bedenken wegen des Geruchs eines Abtrünnigen äußerte.‘“
Das habe ich nie gesagt. Ich habe nie –
„Zeugenaussage des Heilers Thomas Gray: ‚Sie ignorierte drei separate Warnungen des Patrouillenkommandos.‘“
Im Rudel ging ein Raunen durch die Reihen. Das Flüstern wurde lauter, wütender, summte wie Wespen.
Ich sah Dominic verzweifelt an und flehte ihn stumm an, etwas zu sagen. Mich zu verteidigen. Ihnen zu sagen, dass das Wahnsinn war.
Er stand regungslos da, sein Gesicht eine steinerne Maske.
„Dominic“, flüsterte ich über die Partnerbindung. „Bitte.“
Nichts. Die Bindung fühlte sich kalt an, als hätte sie nie die Wärme unserer Liebe gespürt.
„Die Beweislage ist eindeutig“, fuhr Creed fort. „Elena Thornes Fahrlässigkeit hat direkt zum Tod ihres Bruders geführt und das gesamte Rudel in Gefahr gebracht.“
„Das stimmt nicht!“, sagte ich mit brüchiger Stimme. „Nichts davon ist wahr. Ich habe nicht …“
Dominic trat einen Schritt vor.
Erleichterung durchströmte mich. Er würde das in Ordnung bringen. Er war mein Gefährte. Er würde mich beschützen. Er würde ihnen sagen –
„Elena Rose Thorne.“ Seine Stimme hallte kalt und förmlich durch den Saal. „Du hast deine Pflicht als Heilerin vernachlässigt.“
Die Welt stand still.
„Du hast Warnungen ignoriert, die diese Tragödie hätten verhindern können.“
Nein. Nein, das konnte nicht wahr sein.
„Deine Nachlässigkeit hat dieses Rudel einen vielversprechenden jungen Wolf gekostet – deinen eigenen Bruder.“
Mir stockte der Atem. Mein Blick verschwamm.
Das war Dominic. Der Mann, der mich jede Nacht in den Armen hielt. Der mir zuflüsterte, dass er mich für immer lieben würde. Der mir das Gefühl gab, sicher, geliebt und ganz zu sein.
Er zerstörte mich.
„Dein Handeln hat Schande über deinen Familiennamen gebracht und die Sicherheit dieses Rudels gefährdet.“
Ich versuchte zu sprechen, mich zu verteidigen, aber meine Kehle schnürte sich zu. Panik stieg in mir auf, als würde ich ersticken. Es fiel mir fast schwer zu atmen.
Dominics Blick war irgendwo über meinem Kopf verhaftet. Er wollte mich nicht ansehen.
Warum wollte er mich nicht ansehen?
„Dominic, bitte.“ Verzweifelt griff ich nach der Verbindung und schickte ihm alles, was ich hatte. Verwirrung. Entsetzen. Liebe. „Sag ihnen die Wahrheit.“
Für einen kurzen Moment trafen sich unsere Blicke.
Ich sah es. Unter dem Eis, unter der Maske – Qual. Schuldgefühle. Verzweiflung.
Dann war es so schnell verschwunden, dass ich dachte, ich hätte es mir nur eingebildet.
Er wandte den Blick ab, den Kiefer so fest zusammengebissen, dass ich die Muskeln zucken sah.
„Ich, Dominic Alexander Steele, Alpha des Steele-Rudels –“
Nein.
„– lehne dich ab, Elena Rose Thorne –“
Die Worte trafen mich wie körperliche Schläge.
„– als meine Gefährtin und Heilerin.“
Die Verbindung riss.
Es war nicht nur ein Gefühl. Es war real und sehr körperlich. Es hätte mich fast in die Knie gezwungen.
Der goldene Faden, der mein Herz drei Monate lang mit dem von Dominic verbunden hatte, zerbarst wie Glas, das in meiner Brust zerbrach. Qualen explodierten in jedem Nerv, jeder Zelle, schlimmer als jede Wunde, die ich je geheilt hatte.
Es fühlte sich an, als würde meine Seele in zwei Hälften gerissen.
Ich schrie. Ich konnte nicht anders. Ich umklammerte meine Brust, als könnte ich die Teile zusammenhalten.
Mein Wolf heulte in meinem Kopf – ein Laut purer Verzweiflung, fast so, als würde sie sterben.
Durch den Schleier des Schmerzes sah ich, wie Vivienne anmutig aufstand und zu Dominic hinüberging. Sie legte eine besitzergreifende Hand auf seinen Arm.
Ihr Lächeln war kalt. Zufrieden. Triumphierend.
„Elena Rose Thorne“, hallte Creeds Stimme von weit her. „Du wirst hiermit aus dem Steele-Rudel verbannt. Du hast eine Stunde Zeit, unser Territorium zu verlassen. Wenn du zurückkehrst, wirst du als Abtrünnige getötet.“
Hände packten meine Arme. Vollstrecker. Sie zerrten mich zu den Türen.
Ich zuckte immer noch krampfhaft. Schrie immer noch. Es fühlte sich an, als würde meine Brust zusammenbrechen.
Das Letzte, was ich sah, bevor sich die Türen schlossen, war Dominic, der wie erstarrt auf der Plattform stand, sein Gesicht eine Maske aus Eis.
„Du hättest mich lieben sollen.“ flüsterte ich gebrochen und ungläubig, während mir Tränen über das Gesicht liefen.
Elenas perspektiveAls ich unter meiner Decke aufwachte, fühlte ich mich benommen. Meine Augen waren müde und die Gestalten in meinem Zimmer verschwommen.Ich blinzelte mehrmals, bis mir die Augen tränten. In dem Moment, in dem ich versuchte, mich aufzusetzen, überrollte mich eine Welle von Schwindel. Mit einem Stöhnen ließ ich meinen Kopf wieder auf das Bett sinken.„Du bist wach!“ Ich hörte Jins Stimme. „Ich dachte schon langsam, dass du erst morgen wieder aufwachst.“„Tja, da hast du dich wohl geirrt“, nuschelte ich.„Du solltest deine Energie sparen und sie nicht mit Reden verschwenden. Ich hatte wirklich Angst, als ich dich so gesehen habe.“„Wie sah ich denn aus?“„Wie ein Geist. Ich sollte dich ausruhen lassen.“Ich hörte das Scharren seiner Schritte, als er von meinem Bett wegtrat.Das war das Letzte, was ich hörte, bevor ich wieder in einen tiefen Schlaf fiel.Als ich das nächste Mal aufwachte, befand ich mich auf der Krankenstation.Jetzt konnte ich wieder klar sehen, und da
Elenas perspektive Ich ließ Jin mir alles erzählen, was ich wissen musste, bis zu dem Punkt, an dem er mir sagte, dass ich dafür Magie brauchte.„Magie?“ Ich blinzelte.„Feen sind eine magische Spezies. Fast alles, was mit uns zu tun hat, benötigt Magie.“„Nun, das kann ich verstehen.“ Aber ich war mir nicht sicher, ob ich bereit dafür war. Bei diesem Grimroot stand zu viel auf dem Spiel.„Gibt es keinen anderen Weg? Etwas, das keine Magie erfordert?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte. Magie würde immer eine Rolle spielen. Ich musste mich fragen, wenn mein Leben sich vor Monaten nicht verändert hätte, wenn ich diese Kräfte nicht bekommen hätte, würde ich dann wirklich Magie brauchen, um all meine derzeitigen Probleme zu lösen?Oder hätte ich einfach gar keine Probleme.Ich seufzte. Das war wahrscheinlich der Preis für meine Magie, dass plötzlich immer neue Probleme auftauchten.„Weißt du, wo ich Eisenranke finden kann?“ Jin hatte sie als eine Pflanze erwähnt, die bei
Elenas sicht Ich packte die Seite des Bettlakens, stand auf und verließ das Zimmer. Meine Gedanken überschlugen sich. Er war vergiftet worden, und sie dachten, es wäre eine gute Idee, es vor mir geheim zu halten. Ich hatte das verdammte Heilmittel für eine Pandemie gefunden, die die gesamte menschliche und übernatürliche Bevölkerung heimgesucht hatte. Es gab kein Gift, mit dem ich nicht fertigwerden konnte. Gebt mir ein paar Stunden mit diesem Zeug und ich hätte alles untersucht, was ich darüber wissen musste. Ich nahm ein paar Reagenzgläser aus dem Labor und ging zurück zu Dominics Krankenzimmer. Ich entnahm eine Blutprobe aus der infizierten Stelle und ging, ohne Lily und Derek ein Wort zu sagen, wieder hinaus. Ich begann, das Blut zu untersuchen, um herauszufinden, was für ein Gift es war und welche Eigenschaften es besaß. Das Blut, das ich entnommen hatte, war dunkel gefärbt, was ich auf die Infektion zurückführte. Ich unterzog das Blut mehreren Tests und Untersuchungen, aber
Elenas sicht Die ersten Krieger begannen kurz vor Sonnenaufgang zurückzukehren. Ich hatte die ganze Nacht kaum schlafen können und die meiste Zeit zwischen meinem Bett und dem Balkon verbracht. Jin war auf dem Sofa eingeschlafen und hatte sich geweigert, letzte Nacht nach Hause zu gehen. Sie kamen in menschlicher Gestalt zurück, und an ihrer Rückkehr war wirklich nichts Siegreiches. Ich hatte erwartet, wenigstens ein kleines Lächeln auf ihren Gesichtern zu sehen, stattdessen war dort nichts. Ich suchte in der Menge nach den Gesichtern zweier Personen, nach Dominics, weil er derjenige war, nach dem ich suchte, und nach Derek, weil er immer an Dominics Seite sein würde. Ich entdeckte keinen von beiden in der Menge, also eilte ich nach unten und schloss die Tür hinter mir. Die Krieger kamen einer nach dem anderen herein, und Dominic war nicht dabei. Ich begann in Panik zu geraten, aber ich legte meinen Daumen an meine Unterlippe, um mich zu beruhigen. Zehn Minuten vergingen, un
Elenas POV Mein Verstand war nicht zur Ruhe gekommen, seit Dominic mir von dem Angriff erzählt hatte. Er hatte mir nicht genügend Informationen gegeben, sondern nur erwähnt, dass es Coltons Schuld war. Ich wusste, dass es ein groß angelegter Angriff sein musste, sonst würden sie nicht alle einsperren, um sie zu schützen. Ich musste herausfinden, was vor sich ging und genau herausfinden, was Colton damit zu tun hatte. Es gab nur zwei Personen, mit denen ich darüber sprechen konnte und die wissen würden, warum das alles passierte, und eine von ihnen befand sich gerade auf dem Schlachtfeld und kämpfte in einem Krieg. Ich stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Ich wusste nicht genau, wo Lily war, und ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt mit ihr sprechen konnte, da diese Bunker streng bewacht wurden. Vielleicht musste ich warten, bis der Krieg vorbei war, um es herauszufinden. Dennoch schossen mir immer wieder mehrere Gedanken durch den Kopf, Gedanken darüber, dass Colton d
Dominics Sicht Wir hatten die ganze Nacht Vorbereitungen getroffen, meine Männer und ich. Meine Soldaten waren so bereit wie noch nie, sowohl die Bogenschützen als auch die Schwertkämpfer. Wir waren vorbereitet gekommen, obwohl die Rogues dafür bekannt waren, als Wölfe zu kämpfen. Wir hatten dafür gesorgt, dass wir uns heute Nacht nicht nur auf unsere Klauen verließen. Unsere Bogenschützen hatten den früheren Teil der Nacht damit verbracht, den Saft giftiger Pflanzen zu sammeln. Das würde unsere Arbeit erleichtern. Ein Teil unserer Männer war vorausgegangen, um das Gelände auszukundschaften und herauszufinden, welche Wege die Rogues nahmen. Sie kamen zurück und informierten mich, dass sie die Rogues dabei gesehen hatten, wie sie an den Außenbezirken des River-Bank-Rudels und von Hope vorbeizogen. Das bedeutete, dass sie über unsere nördliche Grenze angreifen würden. Ich stand vor meinen Männern am nördlichen Rand unseres Rudels. Wir hielten einen sicheren Abstand zur Grenze. Ich
(Elenas Perspektive)Ich wachte schreiend auf.„Caleb!“Mein Körper zuckte heftig im Bett, als der Albtraum mich erneut überrollte: Caleb, der auf dem Waldboden verblutete, Dominic, der mich mit kalten Augen anstarrte, und die Partnerbindung, die in meiner Brust immer wieder zerbrach, als würde jem
(Elenas Perspektive)Sie haben mich wie Müll an der Grenze des Rudels abgesetzt.Der Regen prasselte in Strömen nieder und durchnässte mein Trauerkleid innerhalb von Sekunden. Ein Vollstrecker riss mir das silberne Medaillon vom Hals – den Wolfsanhänger, der mich als Teil des Rudels auswies, als j
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