LOGINFünf Jahre lang war ich die perfekte Luna. Ich gab ihm alles. Meine Freiheit. Meine Identität. Mein Herz. Ich stand an der Seite eines Mannes, der mich nie wirklich ansah, und glaubte daran, dass er mich eines Tages endlich akzeptieren und zu seiner wahren Gefährtin machen würde. Dann fand ich das Foto. Die Frau auf dem Bild hatte mein Gesicht. Meine Augen. Sogar die kleine Narbe über meiner linken Augenbraue. Sie war Neriah, seine erste Liebe. Die Frau, die er nie aufgehört hatte zu lieben. Ich war nie seine Ehefrau gewesen. Ich war nur ihr Ersatz. In der Nacht, in der unsere Tochter in Gefahr war, war er bei ihr. Als man mir sagte, Maren sei tot, begrub ich mein Kind mit meinen eigenen Händen. Ich ließ die unterschriebenen Scheidungspapiere auf seinem Schreibtisch liegen und verließ sein Leben für immer. Diesmal kehrte ich nicht als gehorsame Luna zurück. Ich kehrte zurück als die Frau, die ich fünf Jahre lang begraben hatte: die Königin des Red Ledger, einer der meistgefürchteten Assassinen-Organisationen der Welt. Plötzlich standen mächtige Alphas vor meiner Tür, und jeder von ihnen bot mir die Position seiner Luna an. Ich dachte, ich sei endlich bereit für mein zweites Leben. Bis das Schicksal einen letzten Schlag austeilte: Der Mann, von dem ich mich gerade erst hatte scheiden lassen, war mein einziger wahrer Gefährte. Sein Wolf erwachte. Und nun ist der kalte Ehemann, der mich nie gewollt hatte, besessen davon, mich zurückzugewinnen. Aber diesmal bin ich nicht mehr die Frau, die um seine Liebe bettelt. Wenn er mich zurückhaben will, muss er auf die Knie gehen und darum flehen.
View MoreIlyses Perspektive
Das Champagnerglas wäre mir fast aus den Fingern gerutscht, als die Stimme des Ältesten durch den Saal hallte.
„Auf Alpha Calder und Luna Calder. Möge ihr Band Greyhaven für eine weitere Generation stärken.“
Höflicher Applaus brandete auf. Ich trug das Lächeln, das ich fünf Jahre lang geübt hatte: sanft, dankbar, unsichtbar.
Rhett stand neben mir in zeremonieller schwarzer Kleidung, das Greyhaven-Wappen glänzte auf seiner Brust. Er sah mich nicht an. Bei solchen Anlässen tat er das nie. Seine Hand lag am unteren Ende meines Rückens, die perfekte politische Geste, und sie enthielt keinerlei Wärme. Nur Pflicht.
Ich hatte gelernt, nicht mehr zu erwarten.
„Lächle breiter“, murmelte Ältester Voss im Vorbeigehen. „Die südlichen Rudel beobachten uns.“
Ich gehorchte. Das war es, was ich tat. Ich senkte den Blick, wenn es verlangt wurde, und stand, wo man es mir sagte. Den Titel der Luna trug ich wie eine zweite Haut, die ich mir selbst angenäht hatte. Fünf Jahre makelloser Darbietung.
Dann vibrierte Rhetts Telefon an seinem Oberschenkel.
Er warf einen Blick auf das Display, und etwas Scharfes huschte über sein Gesicht, etwas, das ich selten sah. Er beugte sich zu mir, die Stimme leise und endgültig. „Ich muss da rangehen.“
„Ist alles ...?“
„Bleib hier.“
Er bahnte sich ohne ein weiteres Wort einen Weg durch die Menge, und die Gäste wichen vor ihm zurück wie immer. Ich sah der starren Linie seiner Schultern nach, bis sich die Flügeltüren hinter ihm schlossen.
Ältester Voss tauchte an meinem Ellbogen auf. „Der Alpha wird offenbar anderswo gebraucht. Die Glückwünsche nehmt Ihr dann allein entgegen.“
„Natürlich.“
Ich lächelte. Ich nickte. Ich nahm ein weiteres Glas entgegen, das ich nicht trinken würde.
Zwanzig Minuten später wurde die Unruhe in meiner Brust unerträglich. Marens neueste Zeichnung steckte noch zusammengefaltet in meiner Clutch, die, die sie mir heute Abend unbedingt hatte mitgeben wollen, damit ich sie ihrem Vater zeige: ein ungelenkes Bild von uns dreien unter dem Vollmond, mit kleinen Ohren auf jedem Kopf.
Ich verließ den Saal, ohne um Erlaubnis zu fragen.
Der Privatflügel war still. Die Tür zu Rhetts Arbeitszimmer stand einen Spalt offen, Licht fiel auf den Flur. Ich hob die Hand, um zu klopfen, und hielt inne. Seine Stimme drang durch den Spalt, leise und rau.
„Ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht auf diese Weise kontaktieren.“
Eine Pause.
„Ja. Ich habe es noch.“
Ich hätte gehen sollen. Stattdessen stieß ich die Tür auf.
Rhett stand mit dem Rücken zu mir, das Telefon ans Ohr gepresst. Auf dem Schreibtisch lag ein einzelnes Foto mit der Bildseite nach oben, als hätte er es eben erst hingelegt. Meine Füße trugen mich nach vorn, bevor mein Verstand mitkam.
Die Frau auf dem Bild sah mich mit meinen eigenen Augen an. Dasselbe dunkle Haar, das ihr über eine Schulter fiel. Dieselbe Form des Mundes. Dieselbe kleine, blasse Narbe über der linken Augenbraue, die ich seit meinem zwölften Lebensjahr trug.
Nicht ähnlich. Identisch.
Die Luft verließ meine Lungen in einem einzigen lautlosen Stoß.
Rhett drehte sich um. Sein Blick fiel auf das Foto in meiner Hand, dann auf mein Gesicht, und für eine ungeschützte Sekunde sah ich Panik.
Ich drehte das Foto um. Ein Datum in seiner Handschrift, drei Jahre vor unserer Hochzeit. Darunter ein Satz in derselben scharfen Schrift:
Die Frau, der ich versprochen habe, sie niemals aufzuhören zu lieben.
Meine Stimme klang ruhig. Ich weiß nicht, wie. „Wer ist sie?“
Sein Kiefer spannte sich an. „Ilyse.“
„Wer ist sie?“
Er atmete durch die Nase aus, so wie immer, wenn ich eine Frage zu viel gestellt hatte. „Neriah Sorel. Sie war mir wichtig. Früher.“
„Vor mir.“
„Ja.“
Ich starrte auf die Narbe auf dem Foto. Meine Finger hoben sich wie von selbst zu dem gleichen Mal in meinem Gesicht. Dieselbe Stelle. Dieselbe Form.
„Du hast das auf deinem Schreibtisch liegen lassen“, sagte ich. „Während unserer Jubiläumszeremonie.“
„Das war keine Absicht.“
„Bei dir ist alles Absicht, Rhett.“
Er trat näher und verfiel in das kalte Alpha-Register, das Gespräche gewöhnlich beendete. „Du liest zu viel in ein altes Bild hinein.“
„Tue ich das?“ Ich hielt das Foto zwischen uns hoch. „Sieh sie dir an. Sieh wirklich hin. Sie hat mein Gesicht, meine Augen, meine Narbe. Und du hast darauf geschrieben, dass du nie aufhören wirst, sie zu lieben.“
Schweigen dehnte sich aus.
Fünf Jahre Schweigen ordneten sich hinter meinen Rippen neu. Jede Nacht, in der er sich abwandte, wenn ich nach ihm griff. Jedes förmliche „Luna“ anstelle meines Namens. Jede Weigerung, mir sein Mal zu geben. Jedes Mal, wenn jemand Neriah Sorel erwähnte und die Temperatur im Raum um zehn Grad fiel.
Ich hatte mir eingeredet, es sei Politik. Pflicht. Das Gewicht, Alpha zu sein.
Ich war eine Närrin gewesen.
„Ich war nie deine Frau“, sagte ich leise. „Ich war ihr Ersatz.“
In seinem Gesicht änderte sich nichts, aber seine Augen wurden sorgfältig leer. „Unsere Ehe war ein Bündnis. Das wusstest du von Anfang an.“
„Ich wusste, dass sie politisch war. Ich wusste nicht, dass ich im Schatten einer anderen Frau leben würde, mit ihrem Gesicht.“
Mein Telefon klingelte, schrill in dem stillen Raum. Ich hätte es fast ignoriert. Fast.
Lenas Name leuchtete auf dem Display. Marens Kindermädchen rief bei förmlichen Anlässen nie an, außer wenn etwas nicht stimmte.
Ich nahm ab.
„Luna.“ Ihre Stimme war hoch, atemlos, falsch. „Maren ist weg. Sie war mit den anderen Kindern im Garten, und dann war sie einfach verschwunden. Wir haben ihr Band beim Klippenpfad gefunden. Bitte ...“
Der Rest löste sich in Rauschen auf.
Ich bewegte mich schon. „Ich bin unterwegs.“ Ich beendete das Gespräch.
Rhett trat mir in den Weg. „Was ist passiert?“
„Maren wird vermisst. Bei den östlichen Klippen.“
Für eine halbe Sekunde huschte etwas Menschliches über sein Gesicht. Dann schlug die Alpha-Maske wieder zu. „Ich schicke die Vollstrecker.“
„Ich gehe selbst.“
Ich war an ihm vorbei, bevor er antworten konnte, rannte den Korridor entlang, meine Absätze schlugen wie Schüsse auf den Stein. Hinter mir sprach er bereits in sein Telefon, knapp und effizient. Er organisierte. Er befahl. Er tat alles außer mitzukommen.
Die Nachtluft traf mein Gesicht, als ich durch die Seitentüren brach. Der Weg nach Osten war ein kurzer Lauf durch die Bäume. Ich spürte weder die Zweige, die an meinem Kleid rissen, noch die Kälte auf meiner Haut.
Beim Laufen rief ich Rhett an. Er nahm beim zweiten Klingeln ab.
„Ilyse, ich habe bereits Teams in Bewegung ...“
Eine Frauenstimme schnitt ihm das Wort ab, leise und dicht am Hörer, und auf eine Weise vertraut, die mir den Magen wegsacken ließ.
„Rhett, du musst dieses Gespräch zuerst mit mir zu Ende führen.“
Neriah.
Ich musste sie nicht sehen, um es zu wissen.
Als Rhett wieder sprach, war er kälter, als ich ihn je mir gegenüber erlebt hatte. „Ilyse, such nicht nach mir. Ich habe etwas Wichtigeres zu erledigen.“
Die Leitung war tot.
Ich stand am Rand der Bäume, das Telefon noch immer ans Ohr gepresst, und starrte auf die dunkle Gestalt des Klippenpfads. Der Wind trug das ferne Geräusch von Wasser tief unten heran. Irgendwo dort draußen hatte man das Band meiner Tochter gefunden. Irgendwo dort draußen war sie verschwunden, während ihr Vater bei der Frau stand, deren Gesicht ich trug.
Etwas Altes, lange Vergrabenes regte sich unter meinen Rippen.
Nicht Trauer. Noch nicht.
Instinkt.
Von der Art, die ich an dem Tag weggeschlossen hatte, als ich das Kleid einer Luna anzog und versprach, sanft, gehorsam und ersetzbar zu sein.
Ich ließ das Telefon in meine Clutch neben Marens Zeichnung gleiten und ging den Pfad hinab, auf die Klippen zu, die Seide flüsterte an meinen Beinen wie eine Lüge, die ich nicht länger aufrechterhalten wollte.
Ilyses PerspektiveDas Band traf mich wie eine Welle, gegen die ich keine Abwehr hatte.Angst. Verzweiflung. Besitzgier, scharf genug, um an Gewalt zu grenzen. Verwirrung, die nach Panik schmeckte.Fünf Jahre lang hatte ich nichts von Rhett gespürt. Keine Gefühle, keine Präsenz, keinen gemeinsamen Herzschlag. Der Raum zwischen uns war eine absichtliche Leere gewesen, und ich hatte gelernt, ohne Klage darin zu leben. Jetzt strömte alles auf einmal in mich, roh und ungefiltert, und es hätte mich fast auf die Knie gezwungen. Ich sperrte meine Beine und blieb aufrecht, während seine Gefühle durch die frisch geöffnete Verbindung krachten. Meine eigene Wölfin erhob sich als Antwort, nicht länger still, nicht länger bereit, unter Jahren sorgfältiger Unterdrückung begraben zu bleiben.Rhett starrte vom Boden zu mir auf, noch immer auf den Knien, wo sein Wolf ihn hingezwungen hatte. Seine Augen waren jetzt mehr Gold als Dunkel. Durch das Band spürte ich den Moment, in dem ihn die Erkenntnis tr
Ilyses Perspektive„Du hast mich belogen.“Rhetts Stimme schnitt wie eine Klinge durch die unterirdische Halle. Er stand da, wo der Ehering an seinem Stiefel zur Ruhe gekommen war, und starrte mich an, als könnte die Frau im schwarzen Kleid unmöglich die sein, die fünf Jahre lang sein Bett geteilt hatte.„Ja.“Die Assassinen um uns herum blieben still und warteten auf mein Zeichen. Ich gab keines. Dieses Gespräch gehörte uns beiden.„Vom ersten Tag an“, sagte er und trat näher. Sein Blick wanderte über das schwarze Kleid, den Silberring an meinem Finger, die Art, wie jeder im Raum sich ohne ein Wort vor mir beugte. „Die stille Luna. Die perfekte politische Ehefrau, die nie die Stimme erhob und nie um mehr bat, als ich zu geben bereit war. Es war alles Theater.“„Ja.“„Warum?“Ich hielt seinem Blick stand, ohne zu zucken. „Weil ich ein friedliches Leben wollte. Ich habe das Töten aufgegeben. Ich habe die Macht aufgegeben. Ich habe das Red Ledger aufgegeben und jeden Namen, auf den ich
Ilyses PerspektiveIch bewegte mich, bevor das letzte Wort seinen Mund verlassen hatte.Meine Hand schloss sich um das nächstbeste Messer im offenen Koffer, und die Klinge blitzte im schwachen Licht auf, als ich den Raum zwischen uns durchquerte. Der maskierte Assassine brachte gerade noch rechtzeitig den Arm hoch. Stahl schrammte über Stahl. Er taumelte zwei Schritte zurück, die Stiefel rutschten über den Teppich.„Königin, ich ...“Ich ließ ihn nicht ausreden. Ich schlug erneut zu, tief und schnell, und zwang ihn, sich wegzudrehen. Mein Messer zog eine saubere Linie über den Ärmel seiner schwarzen Jacke. Er fing den nächsten Hieb mit dem Unterarm ab und versuchte, sich zu lösen, atmete schwer.„Wartet. Bitte.“„Du bist in mein Haus eingedrungen“, sagte ich, flach und kalt. „Du hast den Namen meiner Tochter ohne Erlaubnis ausgesprochen. Erkläre alles, oder ich schneide dir die Antworten Stück für Stück heraus.“Er sank auf ein Knie, die Hände offen, das Messer, das ich ihm entrungen
Ilyses Perspektive„Maren Calder war unsere Tochter.“Rhetts Stimme trug über die stille Lichtung. Das gesamte Greyhaven-Rudel stand in dunklen, förmlichen Reihen unter dem grauen Himmel, die Köpfe gesenkt. Er stand am Kopfende des offenen Grabes, die Schultern gestrafft, das Gesicht aus Stein gemeißelt.„Sie wurde uns viel zu früh genommen. Das Rudel wird sich an sie erinnern. Wir werden schützen, was von unserer Blutlinie bleibt. Das ist unsere Pflicht.“Pflicht.Er sprach die traditionellen Worte wie ein Alpha, der den Verlust von Territorium nach einem Grenzscharmützel meldet. Präzise. Beherrscht. Nichts daran klang nach einem Vater, der sein einziges Kind begräbt.Er sah mich kein einziges Mal an.Als die letzte Handvoll Erde gefallen war und das Rudel sich zu zerstreuen begann, blieb ich, wo ich war. Der Wind zerrte an dem schwarzen Schleier vor meinem Gesicht. Ich rührte mich nicht, bis der letzte Krieger zwischen den Bäumen verschwunden war und nur wir beide übrig waren.Rhett











