Die Luna, die er begraben hat

Die Luna, die er begraben hat

last updateLast Updated : 2026-10-26
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Fünf Jahre lang war ich die perfekte Luna. Ich gab ihm alles. Meine Freiheit. Meine Identität. Mein Herz. Ich stand an der Seite eines Mannes, der mich nie wirklich ansah, und glaubte daran, dass er mich eines Tages endlich akzeptieren und zu seiner wahren Gefährtin machen würde. Dann fand ich das Foto. Die Frau auf dem Bild hatte mein Gesicht. Meine Augen. Sogar die kleine Narbe über meiner linken Augenbraue. Sie war Neriah, seine erste Liebe. Die Frau, die er nie aufgehört hatte zu lieben. Ich war nie seine Ehefrau gewesen. Ich war nur ihr Ersatz. In der Nacht, in der unsere Tochter in Gefahr war, war er bei ihr. Als man mir sagte, Maren sei tot, begrub ich mein Kind mit meinen eigenen Händen. Ich ließ die unterschriebenen Scheidungspapiere auf seinem Schreibtisch liegen und verließ sein Leben für immer. Diesmal kehrte ich nicht als gehorsame Luna zurück. Ich kehrte zurück als die Frau, die ich fünf Jahre lang begraben hatte: die Königin des Red Ledger, einer der meistgefürchteten Assassinen-Organisationen der Welt. Plötzlich standen mächtige Alphas vor meiner Tür, und jeder von ihnen bot mir die Position seiner Luna an. Ich dachte, ich sei endlich bereit für mein zweites Leben. Bis das Schicksal einen letzten Schlag austeilte: Der Mann, von dem ich mich gerade erst hatte scheiden lassen, war mein einziger wahrer Gefährte. Sein Wolf erwachte. Und nun ist der kalte Ehemann, der mich nie gewollt hatte, besessen davon, mich zurückzugewinnen. Aber diesmal bin ich nicht mehr die Frau, die um seine Liebe bettelt. Wenn er mich zurückhaben will, muss er auf die Knie gehen und darum flehen.

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Chapter 1

Kapitel 1: Das Foto

Ilyses Perspektive

Das Champagnerglas wäre mir fast aus den Fingern gerutscht, als die Stimme des Ältesten durch den Saal hallte.

„Auf Alpha Calder und Luna Calder. Möge ihr Band Greyhaven für eine weitere Generation stärken.“

Höflicher Applaus brandete auf. Ich trug das Lächeln, das ich fünf Jahre lang geübt hatte: sanft, dankbar, unsichtbar.

Rhett stand neben mir in zeremonieller schwarzer Kleidung, das Greyhaven-Wappen glänzte auf seiner Brust. Er sah mich nicht an. Bei solchen Anlässen tat er das nie. Seine Hand lag am unteren Ende meines Rückens, die perfekte politische Geste, und sie enthielt keinerlei Wärme. Nur Pflicht.

Ich hatte gelernt, nicht mehr zu erwarten.

„Lächle breiter“, murmelte Ältester Voss im Vorbeigehen. „Die südlichen Rudel beobachten uns.“

Ich gehorchte. Das war es, was ich tat. Ich senkte den Blick, wenn es verlangt wurde, und stand, wo man es mir sagte. Den Titel der Luna trug ich wie eine zweite Haut, die ich mir selbst angenäht hatte. Fünf Jahre makelloser Darbietung.

Dann vibrierte Rhetts Telefon an seinem Oberschenkel.

Er warf einen Blick auf das Display, und etwas Scharfes huschte über sein Gesicht, etwas, das ich selten sah. Er beugte sich zu mir, die Stimme leise und endgültig. „Ich muss da rangehen.“

„Ist alles ...?“

„Bleib hier.“

Er bahnte sich ohne ein weiteres Wort einen Weg durch die Menge, und die Gäste wichen vor ihm zurück wie immer. Ich sah der starren Linie seiner Schultern nach, bis sich die Flügeltüren hinter ihm schlossen.

Ältester Voss tauchte an meinem Ellbogen auf. „Der Alpha wird offenbar anderswo gebraucht. Die Glückwünsche nehmt Ihr dann allein entgegen.“

„Natürlich.“

Ich lächelte. Ich nickte. Ich nahm ein weiteres Glas entgegen, das ich nicht trinken würde.

Zwanzig Minuten später wurde die Unruhe in meiner Brust unerträglich. Marens neueste Zeichnung steckte noch zusammengefaltet in meiner Clutch, die, die sie mir heute Abend unbedingt hatte mitgeben wollen, damit ich sie ihrem Vater zeige: ein ungelenkes Bild von uns dreien unter dem Vollmond, mit kleinen Ohren auf jedem Kopf.

Ich verließ den Saal, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Der Privatflügel war still. Die Tür zu Rhetts Arbeitszimmer stand einen Spalt offen, Licht fiel auf den Flur. Ich hob die Hand, um zu klopfen, und hielt inne. Seine Stimme drang durch den Spalt, leise und rau.

„Ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht auf diese Weise kontaktieren.“

Eine Pause.

„Ja. Ich habe es noch.“

Ich hätte gehen sollen. Stattdessen stieß ich die Tür auf.

Rhett stand mit dem Rücken zu mir, das Telefon ans Ohr gepresst. Auf dem Schreibtisch lag ein einzelnes Foto mit der Bildseite nach oben, als hätte er es eben erst hingelegt. Meine Füße trugen mich nach vorn, bevor mein Verstand mitkam.

Die Frau auf dem Bild sah mich mit meinen eigenen Augen an. Dasselbe dunkle Haar, das ihr über eine Schulter fiel. Dieselbe Form des Mundes. Dieselbe kleine, blasse Narbe über der linken Augenbraue, die ich seit meinem zwölften Lebensjahr trug.

Nicht ähnlich. Identisch.

Die Luft verließ meine Lungen in einem einzigen lautlosen Stoß.

Rhett drehte sich um. Sein Blick fiel auf das Foto in meiner Hand, dann auf mein Gesicht, und für eine ungeschützte Sekunde sah ich Panik.

Ich drehte das Foto um. Ein Datum in seiner Handschrift, drei Jahre vor unserer Hochzeit. Darunter ein Satz in derselben scharfen Schrift:

Die Frau, der ich versprochen habe, sie niemals aufzuhören zu lieben.

Meine Stimme klang ruhig. Ich weiß nicht, wie. „Wer ist sie?“

Sein Kiefer spannte sich an. „Ilyse.“

„Wer ist sie?“

Er atmete durch die Nase aus, so wie immer, wenn ich eine Frage zu viel gestellt hatte. „Neriah Sorel. Sie war mir wichtig. Früher.“

„Vor mir.“

„Ja.“

Ich starrte auf die Narbe auf dem Foto. Meine Finger hoben sich wie von selbst zu dem gleichen Mal in meinem Gesicht. Dieselbe Stelle. Dieselbe Form.

„Du hast das auf deinem Schreibtisch liegen lassen“, sagte ich. „Während unserer Jubiläumszeremonie.“

„Das war keine Absicht.“

„Bei dir ist alles Absicht, Rhett.“

Er trat näher und verfiel in das kalte Alpha-Register, das Gespräche gewöhnlich beendete. „Du liest zu viel in ein altes Bild hinein.“

„Tue ich das?“ Ich hielt das Foto zwischen uns hoch. „Sieh sie dir an. Sieh wirklich hin. Sie hat mein Gesicht, meine Augen, meine Narbe. Und du hast darauf geschrieben, dass du nie aufhören wirst, sie zu lieben.“

Schweigen dehnte sich aus.

Fünf Jahre Schweigen ordneten sich hinter meinen Rippen neu. Jede Nacht, in der er sich abwandte, wenn ich nach ihm griff. Jedes förmliche „Luna“ anstelle meines Namens. Jede Weigerung, mir sein Mal zu geben. Jedes Mal, wenn jemand Neriah Sorel erwähnte und die Temperatur im Raum um zehn Grad fiel.

Ich hatte mir eingeredet, es sei Politik. Pflicht. Das Gewicht, Alpha zu sein.

Ich war eine Närrin gewesen.

„Ich war nie deine Frau“, sagte ich leise. „Ich war ihr Ersatz.“

In seinem Gesicht änderte sich nichts, aber seine Augen wurden sorgfältig leer. „Unsere Ehe war ein Bündnis. Das wusstest du von Anfang an.“

„Ich wusste, dass sie politisch war. Ich wusste nicht, dass ich im Schatten einer anderen Frau leben würde, mit ihrem Gesicht.“

Mein Telefon klingelte, schrill in dem stillen Raum. Ich hätte es fast ignoriert. Fast.

Lenas Name leuchtete auf dem Display. Marens Kindermädchen rief bei förmlichen Anlässen nie an, außer wenn etwas nicht stimmte.

Ich nahm ab.

„Luna.“ Ihre Stimme war hoch, atemlos, falsch. „Maren ist weg. Sie war mit den anderen Kindern im Garten, und dann war sie einfach verschwunden. Wir haben ihr Band beim Klippenpfad gefunden. Bitte ...“

Der Rest löste sich in Rauschen auf.

Ich bewegte mich schon. „Ich bin unterwegs.“ Ich beendete das Gespräch.

Rhett trat mir in den Weg. „Was ist passiert?“

„Maren wird vermisst. Bei den östlichen Klippen.“

Für eine halbe Sekunde huschte etwas Menschliches über sein Gesicht. Dann schlug die Alpha-Maske wieder zu. „Ich schicke die Vollstrecker.“

„Ich gehe selbst.“

Ich war an ihm vorbei, bevor er antworten konnte, rannte den Korridor entlang, meine Absätze schlugen wie Schüsse auf den Stein. Hinter mir sprach er bereits in sein Telefon, knapp und effizient. Er organisierte. Er befahl. Er tat alles außer mitzukommen.

Die Nachtluft traf mein Gesicht, als ich durch die Seitentüren brach. Der Weg nach Osten war ein kurzer Lauf durch die Bäume. Ich spürte weder die Zweige, die an meinem Kleid rissen, noch die Kälte auf meiner Haut.

Beim Laufen rief ich Rhett an. Er nahm beim zweiten Klingeln ab.

„Ilyse, ich habe bereits Teams in Bewegung ...“

Eine Frauenstimme schnitt ihm das Wort ab, leise und dicht am Hörer, und auf eine Weise vertraut, die mir den Magen wegsacken ließ.

„Rhett, du musst dieses Gespräch zuerst mit mir zu Ende führen.“

Neriah.

Ich musste sie nicht sehen, um es zu wissen.

Als Rhett wieder sprach, war er kälter, als ich ihn je mir gegenüber erlebt hatte. „Ilyse, such nicht nach mir. Ich habe etwas Wichtigeres zu erledigen.“

Die Leitung war tot.

Ich stand am Rand der Bäume, das Telefon noch immer ans Ohr gepresst, und starrte auf die dunkle Gestalt des Klippenpfads. Der Wind trug das ferne Geräusch von Wasser tief unten heran. Irgendwo dort draußen hatte man das Band meiner Tochter gefunden. Irgendwo dort draußen war sie verschwunden, während ihr Vater bei der Frau stand, deren Gesicht ich trug.

Etwas Altes, lange Vergrabenes regte sich unter meinen Rippen.

Nicht Trauer. Noch nicht.

Instinkt.

Von der Art, die ich an dem Tag weggeschlossen hatte, als ich das Kleid einer Luna anzog und versprach, sanft, gehorsam und ersetzbar zu sein.

Ich ließ das Telefon in meine Clutch neben Marens Zeichnung gleiten und ging den Pfad hinab, auf die Klippen zu, die Seide flüsterte an meinen Beinen wie eine Lüge, die ich nicht länger aufrechterhalten wollte.

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