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KAPITEL FÜNF: DIE STILLE

Author: RoguePumpkin
last update publish date: 2026-03-24 17:19:01

AZRAEL

Der Fluch war wieder da.

Lauter als sonst.

Vier Jahre davon. Vier Jahre, in denen ich gegen meinen eigenen Wolf, gegen meinen eigenen Verstand kämpfte, jede gottverdammte Sekunde.

Ich saß auf meinem schwarzen Hengst, die Wüstensonne brannte auf das weiße Leinen meiner Gewänder—geschichtet, fließend, mit einem Gürtel aus gehämmertem Silber gebunden. Mein Ghutra war traditionell gebunden, das weiße Tuch von einem schwarzen Agal gehalten, das Gesicht vor der gnadenlosen Mittagshitze geschützt. Unter den Gewändern brannten die Fluchmale wie Brandzeichen über meiner Brust, tropften wie verschüttete Tinte in Richtung Herz.

Wenn sie es erreichten, würde ich sterben oder wild werden.

Beide Optionen waren besser als dieses endlose Schreien in meinem Schädel.

Der Marktplatz war Chaos—Händler schrien, Tiere bäumten sich auf, zu viele Herzschläge pumpten Blut unter zerbrechlicher Haut. Jeder Hals ungeschützt. Verletzlich. Einfach.

Ich griff die Zügel fester, das Leder biss in meine Handflächen. Der Schmerz half. Kaum.

„Mein Herr.“ Kael ritt neben mir, die Stimme vorsichtig neutral. „Die Patrouille im Norden—“

„Später.“

Er fiel ohne Widerrede zurück. Kluger Mann.

Wir bogen in den zentralen Platz ein, vorbei an Händlern aus Riverbend mit ihren Küstenseiden, Ashlands-Söldnern, die Arbeit suchten, und—

Der Fluch verstummte.

Mein ganzer Körper erstarrte. Der Hengst spürte es, warf den Kopf, ahnte meinen Schock.

Zum ersten Mal seit vier Jahren hatten die Stimmen aufgehört.

Kein Blutdurst. Keine Wut. Kein Druck, der drohte, meinen Schädel zu sprengen.

Nur... nichts.

Unmöglich.

Meine Augen scannten den Platz mit Raubtierfokus, suchten nach der Quelle. Ein Sklavenwagen stand nahe dem Brunnen—das Geschäft des Brokers. Gefangene standen daneben, angekettet und schmutzig.

Die Stimmen kamen nicht zurück.

Ich trieb mein Pferd voran, die Menge zerstreute sich wie Vögel vor einem Falken. Menschen sprangen aus meinem Weg, pressten sich an Wände und Stände. Gut. Lassen wir sie sich erinnern, wer hier herrschte.

Ich hielt direkt vor den Gefangenen, mein Hengst scharrte auf dem Boden. Von meiner erhöhten Position konnte ich alles sehen—jedes Gesicht, jeden zitternden Körper, jede wertlose Seele, die darauf wartete, verkauft zu werden.

Der Broker hetzte herbei, stolperte beinahe über seine eigenen Gewänder. „Alpha Devilmoore! Welch unerwartet—“

„Wer sind sie.“ Keine Frage. Ein Befehl, der nicht ignoriert werden konnte.

Er stotterte Erklärungen—Diebe, Rebellen, Flüchtlinge eines Angriffs auf Thornwick. Ich hörte kaum zu, meine Aufmerksamkeit folgte der Reihe, wartend auf das Brechen der Stille.

Es tat es nicht.

Dann sah ich sie.

Sie war viel zu dünn, wirklich—alle scharfen Winkel und hohlen Stellen, wo Fleisch sein sollte. Haar verfilzt, voller Dreck und wer weiß was sonst. Kleidung eher Löcher als Stoff, hing wie Grabtücher von ihrem Körper.

Sie stand, die Schultern nach vorn gezogen, den Kopf gesenkt, versuchte zu verschwinden.

Aber die Stille—die gesegnete, unmögliche Stille—zog meine Aufmerksamkeit wie ein Magnet auf sie.

„Die da.“ Ich deutete von meinem Pferd aus, stieg nicht ab. Alphas steigen nicht für Sklaven ab. „Sag mir.“

Die Augen des Brokers glänzten. „Ah! Eine Geschichte, mein Herr. Sie ist wegen Mordes gesucht—hat Alpha Thorne von Thornwick in ihrer Hochzeitsnacht getötet. Eine Omega, die einen Alpha tötet! Der Skandal allein—“

Ich hörte nicht mehr zu.

Omega. Mörderin. Verurteilt.

Alles egal.

Nur die Stille zählte.

Ich studierte sie von meiner erhöhten Position, die dunklen Augen zusammengekniffen. Wie sie sich hielt—besiegt, gebrochen, völlig erschöpft. Die Narben sichtbar selbst durch den Schmutz. Das Zittern, das sie zu verbergen versuchte.

Und doch...

„Schau mich an“, befahl ich, meine Stimme trug über den Platz.

Sie rührte sich nicht.

Der Markt wurde leiser. Die Leute sahen zu, spürten die Spannung.

„Ich wiederhole mich nicht, Omega. Schau. Mich. An.“

Langsam—so langsam—hob sie den Kopf.

Haselnussfarbene Augen trafen meine.

Und sie waren nicht leer.

Sie waren wütend.

Für einen winzigen Moment sah ich es—die Wut, die sie so tief vergraben hatte, dass sie selbst vergessen hatte, dass sie da war. Der Hass auf jeden, der sie gekauft, verkauft, gebrochen hatte. Der Trotz eines Mädchens, das siebzehn Jahre Hölle überlebt hatte und allein aus Trotz noch atmete.

Dann blinzelte sie, und das Feuer verschwand, ersetzt durch diese hohle Resignation.

Aber ich hatte es gesehen.

Und der Fluch seufzte wie ein zufriedenes Tier, endlich gefüttert.

„Wie viel.“ Meine Stimme rau, härter als beabsichtigt.

Der Broker bebte vor Gier. „Angesichts ihrer berüchtigten Vergangenheit, dreihundert Goldmark—“

„Fünfhundert.“

Schockierte Stille ging durch die Menge. Sogar Kael machte hinter mir ein Geräusch des Erstaunens.

Fünfhundert Goldmark konnten zehn erstklassige Sklaven kaufen. Eine Militäroperation finanzieren. Oder—

„Mein Herr, das ist viel zu großzügig—“

„Fünfhundert“, wiederholte ich, ließ meine Alpha-Präsenz durch die Worte fließen, die Luft selbst schwer machen. „Nehmt es. Jetzt. Oder ich nehme sie trotzdem und ihr verlasst diesen Platz nur mit gebrochenen Knochen. Entscheidet.“

Er nahm das Geld mit zitternden Händen.

Ich deutete, ohne zu schauen. „Kael. Bringt sie zum Palast. Sara kann sie säubern. Ostflügel, zweite Etage. Postiert Wachen—sie verlässt den Bereich nicht, niemand tritt ein ohne meine Erlaubnis.“

„Mein Herr.“ Kaels Ton trug tausend Fragen, die er nicht stellte. „Darf ich nach Ihrem... Interesse an diesem speziellen Sklaven fragen?“

Ich sah ihn endlich an, und etwas in meinem Blick ließ ihn in seinem Sattel gerade sitzen.

„Sie beruhigt den Fluch.“ Ich berührte die Stelle auf meiner Brust, wo die Zeichen unter weißem Leinen und violett besticktem Saum brannten. „Ich fühlte es, in dem Moment, als ich sie sah. Zum ersten Mal seit vier Jahren ist es still.“

Verständnis dämmerte in Kaels Augen. Dann Besorgnis. „Und wenn es nur vorübergehend ist?“

„Dann habe ich die Stille genossen, solange sie hielt.“

Und sie wird umsonst gestorben sein. Wie alles, was ich berühre.

Ein Wächter trat zu dem Mädchen—Lucienne, das wusste ich noch nicht—und griff nach ihrem Arm, um sie wegzuführen.

Sie stolperte, schwach von Tagen im Käfig, beinahe gefallen.

Der Wächter packte sie zu grob am Arm.

„Vorsichtig“, sagte ich sofort, die Stimme kalt genug, um die Wüstenluft zu frieren. „Sie darf nicht verletzt werden. Sie gehört jetzt mir.“

Der Wächter blasste und passte seinen Griff an, diesmal sanft.

Sie blickte immer noch nicht auf. Reagierte nicht. Schwankte nur auf den Füßen wie eine Marionette mit durchgeschnittenen Fäden.

Bevor ich mich zurückhalten konnte, fragte ich: „Wie heißt du?“

Sie blinzelte zu mir auf, überrascht, dass überhaupt jemand fragte. Ihre Stimme war heiser, kaum hörbar. „Lucienne. Lucienne Fisher.“

Fisher. Ein Name der Nichtigkeit. Ein Sklavenname, gegeben an Packlose, Verlassene, Vergessene.

Aber wie sie ihn sagte—als wäre selbst dieser wertlose Name mehr als sie verdient—verschlimmerte dieses seltsame Engegefühl in meiner Brust noch.

Ich blickte auf sie herab, die Sonne glitzerte auf den Silberfäden meiner violett bestickten Gewänder, warf Schatten über mein Gesicht unter dem Ghutra.

„Lucienne Fisher“, sagte ich, den Namen prüfend. „Willkommen in Devilmoore. Versuch nicht zu sterben, bevor ich herausgefunden habe, wozu du nützlich bist.“

Keine freundlichen Worte. Nicht sanft.

Aber ehrlich.

Der Wächter führte sie fort, und ich sah zu, wie ihre kleine Gestalt in der Menge verschwand—dieses gebrochene, wütende, leere Mädchen, das auf unerklärliche Weise einen Fluch zum Schweigen gebracht hatte, der vier Jahre gedauert hatte.

„Sollen wir zum Palast zurückkehren, mein Herr?“ fragte Kael.

„Ja. Und schick sofort nach Dimitri. Ich will Antworten.“

Während wir durch den Markt ritten, hielt die Stille. Die Fluchmale brannten weiter, breiteten sich aus, versprachen weiterhin meine endgültige Zerstörung.

Aber sie schrien nicht mehr.

Zum ersten Mal seit Jahren wurde es still in meinem Kopf, endlich gefüttert.

Gefährlich.

Gefühle machten unvorsichtig, und Schwäche führte zu den Arten von Fehlern, die Menschen das Leben kosten.

Aber als wir durch die Tore des Palastes ritten—Sandsteinmauern, die in den wolkenlosen Himmel ragten, violette Banner mit dem Wappen von Devilmoore, die im heißen Wind flatterten—konnte ich den Gedanken nicht unterdrücken, der sich einschlich:

Wer war dieses Mädchen eigentlich?

Und noch wichtiger:

War sie meine letzte Chance?

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Comments (1)
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Anne Fräger
Die Geschichte finde ich gut, nur leider werden die frei geschalteten Kapitel immer wieder gelöscht und man muss von vorn anfangen.
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