ANMELDENDRITTE PERSON Die Nachmittagssonne tauchte die Palastgärten in ein sanftes goldenes Licht. Die Luft trug den süßen Duft blühender Blumen und das frische Aroma des Wassers vom See. Isolde ging langsam die Steinwege entlang, während zehn Zofen dicht hinter ihr folgten. Sie trug ein atemberaubendes blaues Kleid im Stil alter Kaiserinnen. Schichten aus feiner Seide flossen um ihren Körper, bestickt mit silbernen Fäden, die im Sonnenlicht funkelten. Ihr Haar war mit Juwelen und Perlen hochgesteckt, und ihr Gesicht war sorgfältig geschminkt, sodass ihre Augen schärfer und ihre Lippen voller wirkten.In ihrem Kopf war sie bereits schwanger mit Azraels Sohn. Sie stellte sich ihren Bauch rund und kräftig wachsend vor. Tief in ihrem Herzen kannte sie die Wahrheit, dass sie noch nicht empfangen hatte, doch sie weigerte sich, sie zu akzeptieren. Sie fand immer einen Weg, das zu bekommen, was sie wollte.An diesem Morgen hatte sie ein langes Bad genommen, gefüllt mit Gewürzen und duftenden Ölen.
DRITTE PERSON Morgana schob den Körper des toten Wächters mit der Spitze ihres Stiefels zur Seite. Der Leichnam rollte schwer über den Steinboden und erzeugte dabei ein nasses, widerliches Geräusch. Blut zog eine lange Spur hinter ihm her. Sie trat vollständig in die Gemächer, legte ihren schwarzen Umhang mit eleganter Präzision ab und streckte ihn hinter sich aus. Aus den Schatten trat Pam hervor, Helena Pams vertrauenswürdigste Zofe mittleren Alters, und nahm den Umhang wortlos entgegen.Helenas Mund fiel vor blankem Entsetzen auf. Pam war seit zehn Jahren an ihrer Seite gewesen und hatte Geheimnisse gehütet, die Königreiche hätten stürzen können. Der Verrat schnitt tief.Morganas Lippen verzogen sich zu einem boshaften Lächeln. „Überraschung.“Helena fing sich schnell wieder und verbarg ihre Angst hinter jahrelang trainierter Härte. Sie hob das Kinn und machte einen vorsichtigen Schritt zurück, während ihre Hand geschickt zu der versteckten Schublade glitt, in der ihr Dolch lag. S
AZRAEL Ich stürmte in meine Gemächer, während Wut durch meine Adern kochte. Die schweren Eichentüren krachten hinter mir zu wie ein Donnerschlag. Das Geräusch hallte durch den riesigen Raum, doch ich schenkte weder der Reihe von Dienerinnen Beachtung, die sich tief verbeugten, noch den Wachen, die regungslos auf ihren Posten im Korridor standen. Ihre Anwesenheit bedeutete mir in diesem Moment nichts. Alles, was ich spüren konnte, war der Sturm, der in meiner Brust tobte, eine giftige Mischung aus Zorn, Scham und erdrückender Schuld.Was bei der Mondgöttin stimmt nicht mit mir?Die Frage wiederholte sich endlos in meinem Kopf, während ich über den Marmorboden schritt, meine Stiefel bei jedem Schritt hart auftreffend. Ich war schon wieder nackt in Isoldes Bett aufgewacht, ihr Parfüm hing noch immer an meiner Haut wie ein Fluch. Noch ein Verrat. Noch eine Nacht verloren im Nebel, während die Frau, die mir wirklich etwas bedeutete, wegen meiner Schwäche litt. Lucienne. Meine geliebte Luc
Azrael erwachte langsam vom sanften Schein der frühen Morgensonne, die durch Spitzenvorhänge fiel. Goldene Lichtstrahlen tauchten das Zimmer in warme Farben, doch das fröhliche Zwitschern der Vögel draußen vor dem Fenster war das Erste, das sich falsch anfühlte. Zu hell. Zu friedlich. Benommen murmelte er einen Namen, seine Lippen formten das Wort noch bevor sein Verstand ganz aufholte.„Lucienne…“Er sagte es noch einmal, diesmal leiser, als könnte der Name ihn festhalten. Dann öffneten sich seine Augen vollständig.Das war nicht sein Gemach. Die schweren Möbel aus Eichenholz, die tiefroten Vorhänge, der schwache Duft von Rosen und etwas Süßerem, der an den Laken hing, nichts davon gehörte ihm. Und es war ganz sicher nicht Luciennes Zimmer. Kaltes Entsetzen legte sich in seinen Magen, als die Erinnerungen bruchstückhaft zurückströmten. Er setzte sich abrupt auf, das seidene Laken rutschte über seine nackte Brust hinab. Er war vollkommen nackt.„Verdammt“, flüsterte er und fuhr sich d
DRITTE PERSON Helena saß allein in ihren Gemächern, während das Feuer im Kamin nur noch schwach brannte. Lange Schatten streckten sich über den Steinboden wie anklagende Finger. Auf dem Tisch vor ihr lag die Wolfsdornwurzel, klein und unscheinbar, eingewickelt in ein Stück schwarzen Stoff. Für ein ungeübtes Auge sah sie aus wie nichts weiter als ein Stück alte Baumrinde, das man im Wald finden und achtlos wegwerfen würde. Doch Helena kannte ihre schreckliche Macht.Ein Tropfen im Wein. Eine Prise fein gemahlen im Essen. Und der Mann, der es zu sich nahm, würde nur noch die Frau begehren, die es ihm gegeben hatte. Er würde betteln, kriechen und seinen eigenen Namen vergessen, bevor er ihr Gesicht vergaß. Sie hatte es für Isolde gekauft. Für ihre Tochter, die weinend in ihren Armen gelegen und sie angefleht hatte, dafür zu sorgen, dass der Alpha sie liebte.Doch nun, während sie die Wurzel im flackernden Feuerschein betrachtete, war Helena nicht mehr sicher, ob sie es wirklich tun konn
LUCIENNEIch stürmte durch die schweren Türen meiner Gemächer und ließ sie weit offen hinter mir zurück. Die Krone flog von meinem Kopf, noch bevor ich die Hälfte des Raumes durchquert hatte. Sie schlug mit einem scharfen Klang auf den Boden und rollte unter das Bett, vergessen. Mein teures Kleid riss an der Schulter, als ich am Kragen zerrte. Die Seide war plötzlich zu eng, zu schwer und schnürte mir die Luft aus den Lungen. Ich konnte darin nicht atmen. Ich konnte nicht atmen, solange das Gewicht dieser Nacht noch auf meiner Brust lag.Ich fiel auf die Knie auf dem kalten Marmor. Die Tränen kamen wie eine Flut, die ich nicht länger zurückhalten konnte. Heiß, hässlich und erbarmungslos liefen sie über mein Gesicht und tropften von meinem Kinn auf den Steinboden. Ich presste meine bandagierten Hände flach auf den Boden und ließ jedes unterdrückte Schluchzen frei. Wochen des Schweigens brachen aus mir heraus. Jede Träne, die ich im Dunkeln hinuntergeschluckt hatte, jeder Riss in meinem







