MasukAzrael stand bei den Pferden, während die letzten Vorratstaschen festgebunden wurden. Die Morgenluft war noch kühl. Seine Männer bewegten sich mit ruhiger Entschlossenheit. Die Infiltrationsteams waren bereits vor Tagen in Jonas’ Gebiet eingedrungen. Die Nachricht war zurückgekommen, dass sie ihre Positionen eingenommen hatten, die richtige Kleidung trugen, die richtigen Worte benutzten und auf das Signal warteten.Garret richtete den Riemen an seinem eigenen Pferd und trat dann einen Schritt zurück.„Ich werde nicht mit euch reiten“, sagte er.Azrael sah ihn an. „Warum?“„Es gibt hier noch etwas, das ich erledigen muss. Es wird nicht lange dauern. Ich werde euch einholen.“Azrael musterte einen Moment lang sein Gesicht und nickte dann kurz.„Nimm dir nicht zu viele Tage. Der Weg nach Hause wartet nicht.“Garret sah ihnen nach, als sie davonritten. Staub stieg unter den Hufen auf und legte sich langsam wieder. Als der letzte Reiter hinter der Kurve verschwunden war, wandte er sich dem
Die Pfeile kamen ohne Vorwarnung.Lady Yings Füße rutschten auf dem nassen Gras weg, das mit etwas anderem als Tau benetzt war, und ihre Knie schlugen so hart auf der Erde auf, dass ein Schock durch ihre Knochen fuhr. Der Aufprall erschütterte das Baby in ihren Armen, und der Schrei des kleinen Timothy durchschnitt das Chaos wie eine Nadel, die durch Seide sticht.„Steht auf! Steht auf!“Die Hände einer Nonne, schwielige, ruhige Hände, die jahrelang Gebetstücher gefaltet und Räucherstäbchen angezündet hatten, packten sie unter den Armen. Der Schleier der Frau hatte sich gelöst, und graue Haarsträhnen peitschten über ihr Gesicht.„Lady Ying, Ihr müsst aufstehen!“Doch ihre Beine wollten ihr nicht gehorchen. Sie waren zu Wasser geworden, zu nichts. Sie konnte nur auf die Szene vor sich starren. Der Tempelhof, der einst ein Ort des Friedens gewesen war, hatte sich in ein Schlachthaus verwandelt.Ihre Mönche, ihre sanften, lächelnden Mönche, die Timothy beigebracht hatten, seine winzigen
Die ersten Schreie erreichten Lady Ying, während sie sich noch mit dem Neugeborenen in dem kleinen Zimmer befand. Sie hatte das Baby erst vor Kurzem gefüttert. Das Kind lag warm an ihrer Brust, eingewickelt in ein dünnes Tuch. Draußen vor der Tür rannten Füße. Jemand schrie nach Wasser. Jemand anderes schrie, dass die Tore geschlossen werden sollten. Dann schnitt das Geräusch von Stahl auf Stahl durch die Stimmen. Ying stand zu schnell auf. Der Stuhl schabte über den Boden. Sie hielt das Baby fester und ging zur Tür. Als sie sie öffnete, zog bereits Rauch durch den Korridor. Eine junge Nonne rannte mit geweiteten Augen an ihr vorbei. „Sie sind drinnen! Männer mit Schwertern — sie kamen durch das Nordtor!“ Ying fragte nicht wer. Sie wusste es bereits. Sie drehte sich in die andere Richtung, zu den Schlafräumen der Kinder. „Timothy!“ Keine Antwort. Sie rannte. Das Baby an ihrer Brust schrie durch die plötzliche Bewegung. Ying drückte ihre Hand auf den kleinen Rücken und
Lucienne saß allein in dem kleinen Nebenzimmer, das auf den Innenhof blickte. Die Fensterläden waren halb geschlossen. Sanftes Licht fiel über den Tisch, auf dem ihre Hände ruhten. Sie hatte Rin fortgeschickt. Sie hatte die Wachen fortgeschickt. Sie brauchte die Stille. Ihr Körper trug noch immer die Erinnerung an das, was sie gegeben hatte. In manchen Nächten wachte sie auf, die Hand tief auf ihren Bauch gepresst, auf der Suche nach etwas, das nicht mehr da war. Die Leere war ihr vertraut geworden, aber sie war nie leicht geworden. Sie weinte nicht. Die Tränen hatten vor Wochen aufgehört. Was blieb, war stiller und schwerer. Die Erinnerung kehrte ohne Erlaubnis zurück. Es war vor dem Feuer gewesen, das den halben Palast verbrannte. Azraels Fluch hatte ihn Stück für Stück getötet. Die Heiler hatten keine Antworten. Die alten Bücher sprachen nur von einer einzigen Heilung, die noch Macht in der Welt hatte — Lavigne-Blut, freiwillig gegeben, und der lebendige Sitz der Zukunft
Die Nacht lag schwer über Jonas’ Rudel. Kein Wind bewegte die Bäume. Keine Hunde bellten. Nur das leise Geräusch von Stiefeln im nassen Gras. Azraels Männer hatten die Grenze bereits überschritten. Sie bewegten sich in kleinen Gruppen, die Gesichter mit Asche verdunkelt, die Waffen umwickelt, damit sie nicht klirrten. Niemand sprach. Sie hatten diese Stille tagelang geübt. Ein Soldat, ein junger Mann namens Torin, hielt am Rande einer niedrigen Anhöhe an. Unter ihm breitete sich das Rudel in der Dunkelheit aus — Langhäuser, Kochfeuer, die zu roten Augen heruntergebrannt waren, die Haupthalle mit ihrem hohen Dach. Er konnte die Gestalten von Menschen sehen, die sich zwischen den Gebäuden bewegten, klein und gewöhnlich. Eine Frau, die Wasser trug. Ein Junge, der einem Hund hinterherlief. Jemand, der hinter einer Tür lachte. Torin legte seine Hand auf den Griff seines Schwertes. Seine Finger blieben dort liegen. Er dachte darüber nach, wie viele dieser Menschen den Morgen nicht sehen
Das Zimmer war klein und dämmrig. Eine Öllampe brannte auf dem Tisch. Isolde stand nahe dem Bett, ihr Kleid bereits an den Schultern gelockert. Der Mann schloss die Tür hinter sich und drehte den Schlüssel um. Er war groß. Breit in der Brust und den Schultern. Gutaussehend auf eine raue Art, mit einem starken Kiefer und dunklen Augen, die nicht wegschauten. Er nahm sich Zeit, sie anzusehen. „Komm her“, sagte er. Isolde ging zu ihm. Ihre Hände zitterten ein wenig. Er streckte die Hand aus und schob das Kleid von ihren Armen hinunter. Es fiel auf den Boden. Sie stand nackt vor ihm. Er gab ein leises Geräusch der Zustimmung von sich und nahm beide ihrer schweren Brüste in seine großen Hände. Seine Daumen strichen über ihre Nippel, bis sie sich verhärteten. „Vergiss den anderen“, sagte er. „Den, der weggegangen ist. Roderick. Er ist weich. Er wird dir nie geben, was du brauchst.“ Isoldes Atem stockte, als er ihre Brüste fester drückte. „Ich… ich will immer noch—“ „Nein.“ Er sen
LUCIENNEIch sah, wie mein Mate jemanden tötete.In der Nacht unserer Hochzeit.Der metallische Geruch von Blut traf mich zuerst—dick, faulig, kroch in meine Nase wie etwas Lebendiges. Dann sah ich ihn. Jonas. Er stand über dem Körper, während scharlachrotes Blut von seinen Händen tropfte, und das
AZRAELDer Fluch war wieder da.Lauter als sonst.Vier Jahre davon. Vier Jahre, in denen ich gegen meinen eigenen Wolf, gegen meinen eigenen Verstand kämpfte, jede gottverdammte Sekunde.Ich saß auf meinem schwarzen Hengst, die Wüstensonne brannte auf das weiße Leinen meiner Gewänder—geschichtet, f
LUCIENNEFreiheit fühlte sich anders an, als ich erwartet hatte.Nach allem, was passiert war, wusste ich nicht einmal mehr, wohin ich eigentlich lief.Wir rannten stundenlang—meine Lungen brannten, die Füße bluteten durch meine dünnen Pantoffeln, Äste rissen an meinen schmutzigen Kleidern. Marcus
LUCIENNEIch hatte noch drei Tage zu leben.Ich verbrachte sie damit, mich daran zu erinnern, wie man stirbt.Der Kerker war genau so, wie ich es erwartet hatte: kalter Stein, Ratten und Dunkelheit, die dick genug war, um daran zu ersticken. Ich machte mich in der Ecke am weitesten vom Eimer, der n







