Se connecterDie Abendgebete hallten durch die steinernen Hallen des Nördlichen Mondtempels.Die Mönche und Nonnen knieten in Reihen, ihre Stimmen erhoben sich in einem langsamen, hypnotischen Gesang. Die Kerzen flackerten und warfen warmes Licht auf ihre gesenkten Köpfe. Die Worte waren alt, fremd, erfüllt von Hingabe und Hoffnung.„Mond über uns, höre unser Flehen. Schütze die Unschuldigen. Bewahre die Schwachen. Führe die Verlorenen zurück ins Licht.“Die Melodie war unheimlich. Sie erfüllte den Raum und drückte gegen die Steinwände.Die junge Nonne kniete in der letzten Reihe, ihre Hände gefaltet, ihre Augen geschlossen. Ihre Lippen bewegten sich mit den Worten, doch ihre Gedanken waren woanders. Sie zählte die Münzen in ihrer Tasche. Sie dachte an den Beutel Gold, der unter ihrem Bett versteckt war. Sie dachte an den Mann im Umhang und an die Versprechen, die er gemacht hatte.Ihre Finger spannten sich an.Für einen kurzen Mome
Der Schankraum des Gasthauses war verstummt.Helena machte langsame, bedachte Schritte auf den großen, bulligen Mann zu, der gerade gesprochen hatte. Die Luft war dick vor Spannung, die Art, die das Atmen erschwert. Jedes Augenpaar im Raum war auf sie gerichtet. Selbst das Feuer im Kamin schien zu verblassen.Isoldes halb geschnürtes Kleid hing oben noch offen. Ihre Wangen waren gerötet, ihr Haar zerzaust, und sie konnte noch immer den Nachhall von Rodericks Händen auf ihrer Haut spüren. Marcus, der Kaufmann, stand erstarrt neben ihr, das Gesicht bleich, die Augen zwischen den bewaffneten Männern hin und her huschend.Helena hob die Hand und schlug dem großen Mann hart ins Gesicht.Das Geräusch durchschnitt die Luft wie eine Peitsche, scharf und endgültig.Isolde klappte der Mund auf. Roderick blieb mitten im Schritt stehen, seine Hand erstarrt am Treppengeländer. Selbst die Leibwächter wirkten schockiert, ihre Schwerter halb ge
Der Raum war dunkel, nur von einer einzelnen Kerze auf dem Tisch erleuchtet.Lucienne saß im Schatten, ihre Hände vor sich gefaltet, ihr Gesicht ruhig und unlesbar. Das Kerzenlicht flackerte über ihre Züge und warf lange Schatten, die sie älter, härter, kälter erscheinen ließen.Sie hatte stundenlang gewartet. Es störte sie nicht. Geduld war eine Waffe. Und sie hatte gelernt, sie gut zu führen.Die Tür öffnete sich.Ein Mann trat ein. Er war groß, breit gebaut und in dunkles Leder gekleidet. Seine Stiefel hinterließen nasse Abdrücke auf dem Steinboden. Er verbeugte sich tief.„Meine Herrin, es ist erledigt.“Lucienne rührte sich nicht. „Zeig es mir.“Der Mann griff in einen Sack und zog ein in Stoff gewickeltes Bündel heraus. Er legte es auf den Tisch und wickelte es aus.Der Kopf von Kaelen Varnas starrte zu ihr hinauf. Seine Augen waren noch offen. Sein Mund war in einem stummen Schrei erstarrt.Lucienne betrachtete ihn, ohne mit der Wimper zu zucken.„War er noch am Leben, als du i
Die Straße zum Nördlichen Tempel zog sich lang und grau unter einem Himmel, der sich weigerte, aufzuklaren. Isolde ritt mit gesenktem Kopf, die Zügel schlaff in ihren Händen. Hinter ihren Augen spielte die Szene aus dem Fischerdorf ohne Gnade ab: Tomas’ Brust, die sich unter der dunklen Klinge öffnete, Maras Laterne, die zerbrach, als sie fiel, das nasse Geräusch von Stahl durch Fleisch. Ihre Mutter hatte sie gestoßen. Nicht aus Versehen. Nicht in Panik. Mit klarer Absicht.Helena ritt voraus, Haltung aufrecht, den Umhang eng gezogen. Sie schaute kein einziges Mal zurück auf die Tränen ihrer Tochter. Die Leibwächter hielten Formation. Roderick blieb dicht an Isoldes Seite, schweigend, die Wunde an seinem Arm noch vom Kampf verbunden. Er hatte einmal versucht zu sprechen.„Isolde“, hatte er leise gesagt. „Du musst das nicht allein tragen.“Sie hatte den Kopf geschüttelt. „Es gibt keine Worte, die groß genug sind.“Am späten Nachmittag erschien das belebte Dorf, seine Straßen dicht mit
Liras Körper war noch schwer von der rauen Vereinigung am Baum, als der zweite Mann ins Blickfeld trat. Der erste hatte seine Hose noch nicht einmal zugeknöpft. Blätter klebten an ihrem nackten Rücken und der Geschmack von ihm lag noch auf ihrer Zunge. Sie hatte nach dem Auftrag auf Vergnügen gehofft. Das hier hatte sie nicht erwartet.Sie kroch rückwärts, eine Hand zog das Kleid hoch, während die andere den Boden nach ihrem weggeworfenen Dolch absuchte. Die beiden Männer näherten sich ohne Eile, ihre Gesichter ruhig und sicher. Lira sprang auf und stürzte sich vor. Ihre Klinge blitzte auf die Kehle des näheren Mannes zu. Er fing ihr Handgelenk mitten im Schwung ab und verdrehte es hart. Schmerz schoss ihren Arm hinauf. Sie trat nach seinem Knie, drehte sich und trieb einen Ellbogen in die Rippen des zweiten Mannes. Für einen Moment dachte sie, sie könnte sich befreien.Sie waren stärker.Einer von ihnen griff in ihr Haar und riss ihren Kopf zurück. Der andere schloss beide Arme hinte
Das Feuer knisterte leise, seine Flammen reichten kaum bis in die Dunkelheit jenseits des Lagers.Azrael saß auf einem umgestürzten Baumstamm, den Rücken den Flammen zugewandt, die Augen auf die Baumgrenze gerichtet. Sein Schwert lag über seinen Knien, nah genug, um es sofort zu greifen. Er hatte seit zwei Nächten nicht geschlafen. Seinen eigenen Männern hatte er seit drei nicht mehr vertraut.Garret stand ein paar Schritte entfernt, die Arme verschränkt, sein Gesicht im Schatten verborgen. Er war den ganzen Abend über still gewesen. Sie beide waren still gewesen. Sie warteten.Der Rest der Soldaten war im Lager verstreut, einige schliefen, andere hielten Wache. Eine Handvoll von ihnen war neu. Rekruten aus den äußeren Dörfern. Männer, die sich nach dem Brand dem Rudel angeschlossen hatten. Männer, die nicht gründlich überprüft worden waren.Azrael hatte seit Wochen einen Maulwurf unter seinen Soldaten vermutet. Kleine Dinge. Eine Patrouille, die zu spät eintraf. Eine Versorgungsroute
AZRAELDer Fluch war wieder da.Lauter als sonst.Vier Jahre davon. Vier Jahre, in denen ich gegen meinen eigenen Wolf, gegen meinen eigenen Verstand kämpfte, jede gottverdammte Sekunde.Ich saß auf meinem schwarzen Hengst, die Wüstensonne brannte auf das weiße Leinen meiner Gewänder—geschichtet, f
LUCIENNEFreiheit fühlte sich anders an, als ich erwartet hatte.Nach allem, was passiert war, wusste ich nicht einmal mehr, wohin ich eigentlich lief.Wir rannten stundenlang—meine Lungen brannten, die Füße bluteten durch meine dünnen Pantoffeln, Äste rissen an meinen schmutzigen Kleidern. Marcus
LUCIENNEIch hatte noch drei Tage zu leben.Ich verbrachte sie damit, mich daran zu erinnern, wie man stirbt.Der Kerker war genau so, wie ich es erwartet hatte: kalter Stein, Ratten und Dunkelheit, die dick genug war, um daran zu ersticken. Ich machte mich in der Ecke am weitesten vom Eimer, der n
LUCIENNESie warteten auf mich wie Wölfe, die ein Lamm umkreisen.Die große Halle erstreckte sich unter uns, weit und kalt, erleuchtet von Fackeln, deren Flammen tanzende Schatten über die Steinwände warfen. Rudelmitglieder füllten den Raum—Krieger mit den Händen an ihren Waffen, Älteste mit ernste







