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BLUT UND GE BROCHENE SCHWÜRE
BLUT UND GE BROCHENE SCHWÜRE
Author: Fàvy Hartwell

Kapitel Eins

last update publish date: 2026-06-17 14:54:26

Das Maedchen, das Zaehlen in Asche lernte

Seraphina | Gegenwart | Spokane, Washington

Ich erinnere mich genau an das Gewicht der Stille, nachdem eine Stadt aufgehoert hat zu atmen.

Es ist nicht friedlich, so wie Menschen, die niemals katastrophalen Verlust erlebt haben, Stille manchmal romantisieren. Es fuehlt sich nicht wie Ruhe an. Es fuehlt sich an wie das Innere eines gehaltenen Atemzugs, der niemals freigegeben wird, als haette die Welt auf Pause gedrueckt in einem Moment, der so furchtbar ist, dass selbst die Zeit sich weigert, ihn zu durchqueren.

Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, als ich diese Stille zum ersten Mal spuerte, als ich am Rand dessen stand, was einmal Cedar Hollow, Montana gewesen war, mit Rauch, der noch immer aus den Knochen meines einzigen Zuhauses aufstieg, und ich habe jeden einzelnen Tag der fuenf Jahre seitdem damit verbracht, sie zu tragen.

Ich trage sie so, wie Soldaten alte Verletzungen tragen. Man gewoehnt sich an den Schmerz.

 Man baut Muskeln darum herum auf. Man hoert auf zu erwarten, dass er verschwindet, und beginnt zu erwarten, dass er jeden einzelnen Schritt nach vorne begleitet.

Heute sitze ich in der hintersten Ecke eines Cafes auf der Ostseite von Spokane, Washington, mit einer Tasse schwarzem Kaffee, die ich vor vierzig Minuten bestellt habe und die ich noch nicht angeruehrt habe, einer Ueberwachungsakte vor mir auf dem Tisch und einem Namen in meiner Brust wie eine verschluckte Kohle. 

Caelum Blackthorn. Diesen Namen sage ich mir seit fuenf Jahren jeden Morgen wie ein Gebet, das rueckwaerts gebaut ist, wie ein Geluebbe, das dem entgegenlaeuft, was meine Mutter ueber Gnade und Loslassen glaubte. Meine Mutter ist nicht mehr hier, um an irgendetwas zu glauben. Also darf ich entscheiden, welche Geluebde ich halte.

Die Akte vor mir ist das Ergebnis von achtzeh Monaten Geheimdienstarbeit, drei verbrannten Deckungen, zwei gebrochenen Rippen aus einer Auseinandersetzung in Missoula, an die ich lieber nicht denke, und der gemeinsamen Anstrengung der sechs anderen Jaeger, mit denen ich unter dem Banner der Ironveil Resistance arbeite, die aus einem umgebauten Lagerhaus am Stadtrand von Spokane operiert.

Wir sind keine Armee. Wir sind nicht einmal besonders gut finanziert. Was wir sind, ist praezise und geduldig und voellig ausserhalb konventioneller Optionen.

Heute Nacht haben wir einen Standort.

Der Blackthorn Gipfel ist ein politisches Treffen, das alle achtzehn Monate in neutralem Wolfsgebiet stattfindet. Sieben Anfuehrer der Wolfsrudel, ihre Berater, ihre Sicherheitsrotationen, alle versammeln sich im renovierten Hargrove Hotel in der Innenstadt von Billings, Montana, fuer vier Tage dessen, was die politische Struktur der Woelfe Diplomatie nennt und was ich eine Gelegenheit nenne.

Vor drei Wochen habe ich meine Einbettung als Catering Verbindungsperson beim Veranstaltungsservice abgeschlossen, der fuer den Gipfel beauftragt wurde. Ich habe ein Namensschild, einen Zeitplan, ein Namensschild, das Sara Collins liest, und einen modifizierten Ring an meinem rechten Zeigefinger, der genug Kontaktgift traegt, um das Herz eines Wolfes in weniger als vier Minuten zu stoppen.

Ich betrachte den Ring jetzt. Er ist silbern, duennbandrig, mit einer kleinen erhabenen Fassung, die dekorativ aussieht und es nicht ist. Die Verbindung in der Fassung stammt von einer Botanikerin in Seattle, die mit der Resistance zusammenarbeitet und keine Fragen zur beabsichtigten Anwendung stellte.

Es dauerte elf Monate, sie auf eine Konzentration zu verfeinern, die gegen die verbesserte Wolfsphysiologie wirksam ist. Es dauerte mich vier Monate, ihn zu tragen, ohne staendig daran zu denken.

Ich denke staendig daran.

Mein Telefon vibriert auf dem Tisch. Es ist Marcus, der Leiter der Resistance Zelle, der aus dem Lagerhaus textet.

Die Bestaetigung ist eingegangen. Er landet morgen Nacht in Billings. Der Gipfel beginnt Donnerstag. Du faehrst morgen frueh.

Ich lese die Nachricht zweimal. Ich lege das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch. Ich nehme den Kaffeebecher, der jetzt kalt ist, und trinke die Haelfte ohne zu schmecken, und ich sitze mit dem Gefuehl, das durch meine Brust zieht, wenn ich verstehe, dass fuenf Jahre Aufbau auf einen einzigen Moment seinen Moment endlich hervorgebracht haben.

Ich denke an Eli. Er war sechzehn und hatte gerade genug durch Rasenmaeherarbeiten gespart, um eine gebrauchte Akustikgitarre zu kaufen.

Er war am Anfang schrecklich darin, und der Klang seiner Uebungen pflegte vom Wohnzimmer durch die Dielen meines Schlafzimmers zu driften, unbeholfen und aufrichtig und voellig ohne Selbstbewusstsein, und ich pflegte mein Kissen ueber den Kopf zu ziehen und mich darueber zu beklagen, und jetzt wuerde ich jedes einzelne Jahr, das ich noch habe, hergeben, um drei schlecht gespielte Akkorde noch einmal durch alte Montana Dielen driften zu hoeren.

Ich denke an Nadia. Sie war vierzehn und zeichnete Pferde auf alles. Auf die Raender ihrer Hausaufgaben. Auf die Kondensation von Autofenstern. Auf die Rueckseite von Papiereinkaufstueten.

Sie trug ein kleines Skizzenbuch in ihrer Jackentasche und zeichnete dasselbe Pferd immer wieder mit mikroskopischen Variationen und uebte Anatomie mit einer fokussierten Ernsthaftigkeit, die sie irgendwann aussergewoehnlich gemacht haette.

Ich denke an meine Mutter, die nach Lavendel Handcreme und Kreidestaub von der Tafel ihres Klassenzimmers duftete.

Die Sonntag Pfannkuchen machte und einen kleinen Garten aus Tomaten und Basilikum im Hinterhof pflegte und mir einmal sagte, dass sie glaubte, die meisten Menschen gaben ihr Bestes, und dass dieses Glauben keine Naivetaet war, sondern eine Disziplin.

Ich denke an meinen Vater, der grosse sorgfaeltige Haende hatte und nie seine Stimme erhob, kein einziges Mal in meiner Erinnerung, nicht einmal als ich seinen Lastwagen mit sechzehn rueckwaerts in den Zaun des Nachbarn fuhr.

Er stand einfach am Ende der Auffahrt, schaute auf den Schaden und dann auf mich und sagte: nun, wir werden es reparieren. Das war sein Ansatz fuer die meisten Dinge. Wir werden es reparieren. Praktisch und besonnen und voellig ohne Drama.

Keines von ihnen ist reparierbar. Das weiss ich. Das habe ich immer gewusst. Die Mission war nie ums Reparieren gegangen. Es ging darum, sicherzustellen, dass der Mann, dessen Name diese Nacht autorisierte, verstand, was es kostete, in den endgueltigen moeglichen Begriffen, bevor ich fertig war.

Ich schliesse die Ueberwachungsakte. Ich beende den kalten Kaffee. Ich stehe auf, ziehe meine Jacke an und verlasse das Cafe in den Spokane Abend, der kalt und grau ist und nach Regen riecht, und ich beginne gedanklich die Billings Operation von Schritt eins durchzugehen.

Ich habe es so oft durchgegangen, dass es ebenso in meinem Koerper lebt wie in meinem Geist. Jede Eventualitaet kartiert. Jedes Zeitfenster auswendig gelernt. Jedes Gesicht in Caelum Blackthorns Sicherheitsteam aus Fotografien und Geheimdienstberichten katalogisiert.

Ich bin bereit. Ich bin seit sehr langer Zeit bereit.

Was ich nicht bereit bin, und wofuer keine Menge an Vorbereitung eine Eventualitaet aufbauen wird, ist das, was in jenem Hotel in Billings passieren wird. Das Ding, das jeden Plan, den ich fuenf Jahre lang aufgebaut habe, detonieren und mich in den Truemmern meiner Gewissheit zuruecklassen wird mit einer Wahl, die ich nie kommen sah.

Aber das weiss ich noch nicht. Heute Nacht bin ich nur eine Frau, die durch einen grauen Spokane Abend laeuft mit einem kalten Kaffee im Magen und dem Namen Caelum Blackthorn, der still hinter ihrem Brustbein brennt wie eine Kohle, die nie ganz erloescht.

Heute Nacht bin ich noch vollkommen sicher.

Ich werde fuer sehr lange Zeit nicht mehr sicher sein.

Mein Telefon vibriert erneut. Diesmal ist es eine Nachricht von Orin, einer Nummer, die ich offiziell nicht in meinen Kontakten gespeichert habe, weil Orin offiziell nicht jemand ist, mit dem ich in Kontakt bin. Orin ist ein Streunerwolf, der entlang der Idaho Grenze operiert und der Resistance seit acht Monaten Fragmente von Blackthorn Geheimdienstinformationen im Austausch fuer die Art von sicherer Durchgangsgarantie zufuehrt, die nur Menschen in bestimmten Teilen der noerdlichen Bundesstaaten bereitstellen koennen.

Ich vertraue ihm nicht vollstaendig. Ich misstraue ihm nicht vollstaendig. Er war bisher genau, und Genauigkeit ist die Waehrung, mit der ich handle.

Seine Nachricht lautet: Bevor du das tust, was du in Billings planst, solltest du wissen, dass die Geschichte, die du dir selbst erzaehlt hast, ein fehlendes Kapitel hat. Ich sage nicht, geh nicht. Ich sage, geh mit weitergeoeffneten Augen, als du sie derzeit hast.

Ich starre lange auf diese Nachricht im kalten Spokane Abend.

Dann stecke ich das Telefon ein und laufe weiter.

Ich werde mich nach Orins kryptischen Warnungen kuemmern. Jetzt habe ich einen Gipfel vorzubereiten und einen Fuenf Jahres Plan auszufuehren und einen Namen endlich, endlich von der Liste zu streichen, die ich im verschlossenen Zimmer im Zentrum meiner selbst gefuehrt habe, seit dem Morgen, als ich aus einem Sturmkeller kletterte und feststellte, dass die Welt zu Ende gegangen war, waehrend ich unterirdisch versteckt war.

Die Nachtluft schmeckt nach Regen und kaltem Beton und der besonderen metallischen Qualitaet einer Stadt, die nicht weiss, dass sie neben etwas Gefaehrlichem steht.

Das ist gut. Ich habe gelernt, neben Dingen zu existieren, die nicht wissen, was ich bin.

Es ist, an diesem Punkt, eine meiner besseren Faehigkeiten.

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