Home / Werwolf / BLUTENDES SCHWEIGEN / KAPITEL 3: STIMMUNGSSCHWANKUNGEN

Share

KAPITEL 3: STIMMUNGSSCHWANKUNGEN

Author: Luna Maelyn
last update publish date: 2026-05-22 21:59:01

Der Gang außerhalb des Zeremoniensaals war ruhiger, aber er fühlte sich nicht sicherer an.

Das Geräusch der Versammlung hallte noch schwach durch die Steinwände. Lachen. Stimmen. Feierlichkeiten, die Evelyn Marlowe nicht gehörten.

Sie legte eine Hand gegen die kalte Wand neben sich und versuchte, ihren Atem zu beruhigen.

Ihr Körper fühlte sich falsch an.

Nicht nur schwach.

Instabil.

Wärme breitete sich weiterhin in langsamen, gleichmäßigen Wellen unter ihrem Kleid aus. Sie musste nicht noch einmal hinsehen, um zu wissen, dass es noch da war.

Blut log nicht.

Hinter ihr näherten sich Schritte.

Kontrolliert.

Vertraut.

Ihr Körper reagierte, bevor ihr Verstand es tat.

Damien.

Evelyn schloss kurz die Augen.

Für einen törichten Moment hatte sie gehofft, er würde nicht kommen. Dass die Zeremonie weitergehen würde, ohne sie noch tiefer hineinzuziehen.

Aber Damien Laurent ignorierte niemals unvollendete Probleme.

Er blieb in einiger Entfernung hinter ihr stehen.

Nicht nah genug, um sie zu berühren.

Nicht weit genug, um zu gehen.

„Evelyn.“

Ihr Name klang flach in seiner Stimme. Nicht unfreundlich. Nicht warm. Nur erkannt.

Sie drehte sich nicht sofort um.

Als sie es schließlich tat, beobachtete er sie bereits genau.

Sein Ausdruck zeigte keine Eile. Keine Sorge. Nur Bewertung.

Als würde er eine Störung begutachten, die seinen Ablauf unterbrochen hatte.

Evelyn richtete sich leicht auf.

Es kostete sie Kraft.

„Ich muss gehen“, sagte sie leise.

Damiens Blick glitt kurz über ihre Haltung, dann zurück zu ihrem Gesicht.

„Noch nicht“, erwiderte er.

Etwas in seinem Ton ließ sie innehalten.

Keine Autorität.

Eine Selbstverständlichkeit.

Als wären ihre Bedürfnisse zweitrangig gegenüber etwas Wichtigerem.

Evelyn schluckte.

„Mir geht es nicht gut.“

Er atmete leicht aus, als würde diese Antwort etwas bestätigen, das er bereits angenommen hatte.

„Du bist überfordert“, sagte er. „Ich verstehe das.“

Sie blinzelte langsam.

Dieses Wort.

Verstehen.

Es gehörte nicht hierher.

Nicht in diesen Ton.

Nicht in diesen Moment.

Damien fuhr fort, seine Stimme weiterhin kontrolliert.

„Du hättest nicht während der Zeremonie in den großen Saal kommen sollen, wenn du danach so reagieren würdest.“

Evelyns Finger spannten sich gegen die Wand.

Reagieren.

So.

Er sah nicht auf ihren Körper.

Nicht auf ihr Blut.

Nicht auf irgendetwas, das nicht in die Erklärung passte, die er bereits in seinem Kopf geformt hatte.

Sie zwang sich zu sprechen.

„Ich habe nicht reagiert.“

Seine Augen verengten sich leicht.

„Du hast den Saal mitten in einer Ratsverkündung verlassen.“

„Ich habe geblutet“, sagte sie.

Eine Pause.

Zum ersten Mal flackerte etwas in seinem Gesicht auf.

Keine Alarmbereitschaft.

Verwirrung.

Dann Abweisung.

„Du bist im achten Monat schwanger“, sagte er. „Deine Emotionen und dein körperlicher Zustand schwanken. Du denkst nicht klar.“

Evelyn starrte ihn an.

Die Worte erreichten sie nicht sofort.

Nicht, weil sie sie nicht verstand.

Sondern weil sie sie verstand.

Zu gut.

Er hörte sie nicht.

Er übersetzte sie.

Verwandelte sie in etwas Handhabbares.

Etwas Erklärbares.

Etwas, das die Struktur seiner Nacht nicht bedrohte.

„Ich rede nicht von Emotionen“, sagte sie leise.

Damien sah sie einen Moment länger an.

Dann sprach er erneut, langsamer, als würde er ein Missverständnis korrigieren.

„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Eifersucht.“

Evelyns Atem blieb stehen.

Für einen Moment wirkte der Gang kleiner.

Enge.

Eifersucht.

Das war also das, was er dachte.

Nicht Blut.

Nicht Schmerz.

Nicht etwas, das falsch war.

Nur Eifersucht.

Er fuhr fort, bevor sie antworten konnte.

„Serenas Rückkehr war unerwartet“, sagte er. „Aber heute Nacht ist wichtig für die Stabilität des Rudels. Ich brauche, dass du ruhig bleibst. Verursache keine unnötigen Spannungen.“

Evelyn starrte ihn an.

Ihr eigener Herzschlag dröhnte in ihren Ohren.

Ruhig.

Ruhig.

Sie war drei Jahre lang ruhig gewesen.

Während er sie nicht ansah.

Während er mit ihr sprach, als wäre sie vorübergehend.

Während sie sein Rudel heilte, sein Kind trug und jede Sekunde seines Schweigens schluckte.

Sie war all die Zeit ruhig gewesen.

Und jetzt, in einem Gang, während ihr Blut in ihr Kleid sickerte, sagte er ihr, sie solle ruhig bleiben.

Ihre Stimme kam leiser heraus, als sie erwartet hatte.

„Du denkst, es geht hier um Serena.“

Damien antwortete nicht sofort.

Diese Stille war Antwort genug.

Er trat einen Schritt näher.

Nicht bedrohlich.

Aber bestimmt.

„Du bist erschöpft“, sagte er. „Geh in deine Gemächer. Ruh dich aus. Wir sprechen, wenn du stabil bist.“

Stabil.

Schon wieder.

Als wäre sie etwas, das nicht funktionierte.

Evelyn sah ihn lange an.

Etwas in ihr verschob sich.

Nicht Wut.

Noch nicht.

Etwas Schmerzhaftes.

Erkenntnis.

Jahrelang hatte sie geglaubt, die Distanz zwischen ihnen sei durch Umstände entstanden. Pflicht. Politik. Seine Bindung zu Serena.

Aber das hier war keine Distanz.

Das war Abwesenheit.

Er hatte sie nie wirklich gesehen.

Nie.

Nicht ein einziges Mal.

Sie sprach leise.

„Weißt du, dass ich in diesem Saal geblutet habe?“

Damiens Ausdruck veränderte sich nicht.

„Ja“, sagte er.

Die Antwort hätte sie beruhigen sollen.

Tat sie nicht.

Weil das kam, was danach folgte.

„Und?“, fragte sie.

Er atmete leicht aus.

„Wie gesagt“, antwortete er, „dein Zustand ist im Moment instabil. Ich schicke dir nach der Zeremonie einen Heiler. Aber du musst aufhören, Situationen durch emotionale Reaktionen zu eskalieren.“

Stille folgte.

Evelyns Kehle zog sich zusammen.

Emotionale Reaktionen.

Das war alles, was sie für ihn war.

Keine Person.

Keine Gefährtin.

Nicht einmal ein Problem, das es zu verstehen galt.

Nur Reaktionen.

Sie ließ langsam die Hand von der Wand sinken.

Ihre Finger zitterten jetzt.

Nicht vor Angst.

Sondern vor etwas, das tiefer zerbrach.

„Ich wäre fast zusammengebrochen“, sagte sie.

Damien musterte sie einen Moment.

Dann nickte er leicht, als würde er Daten bestätigen.

„Du trägst einen starken Welpen“, sagte er. „So etwas passiert.“

So etwas.

Evelyn spürte, wie sich etwas in ihr setzte.

Nicht Ruhe.

Nicht Frieden.

Zusammenbruch.

Leiser, innerer Zusammenbruch.

Sie hatte sich jahrelang eingeredet, dass er sie irgendwann sehen würde.

Dass sich etwas ändern würde, wenn sie nur genug aushielt, genug bewies, genug opferte.

Aber jetzt, hier, verstand sie etwas mit brutaler Klarheit.

Er hatte längst entschieden, wer sie war.

Und nichts, was sie erlebte, würde das jemals ändern.

Damien drehte sich leicht, als würde er gehen wollen.

„Störe Serenas Nacht nicht noch einmal“, fügte er hinzu.

Das war alles.

Keine Sorge um ihren Zustand.

Keine Frage nach ihrem Blut.

Nicht eine einzige Frage danach, was mit ihrem Körper geschah.

Nur Serena.

Evelyn sah ihn lange an.

Dann sprach sie ein letztes Mal.

„Damien.“

Er hielt inne, drehte sich aber nicht ganz.

„Ja?“

Ihre Stimme war leiser geworden.

Fast leer.

„Wenn ich heute Nacht sterben würde… würdest du es überhaupt bemerken, bevor die Zeremonie endet?“

Stille dehnte sich zwischen ihnen aus.

Zum ersten Mal veränderte sich etwas in seinem Gesicht.

Nicht Verständnis.

Nicht Erkenntnis.

Nur leiser Ärger über eine unnötige Frage.

„Sprich nicht so“, sagte er.

Dann ging er weiter.

Evelyn stand allein im Gang.

Und hörte seine Schritte zurück in den Saal verblassen, wo Serena wartete.

Wo der Rat noch versammelt war.

Wo ihr Fehlen nichts bedeuten würde.

Als der Klang verschwunden war, sah sie endlich wieder an sich hinunter.

Das Blut hatte sich weiter ausgebreitet.

Schneller jetzt.

Tiefer.

Als hätte etwas in ihr endlich aufgehört, sich zusammenzuhalten.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • BLUTENDES SCHWEIGEN   Kapitel 150: Kein Blut mehr

    Ein Jahr später.Der Kontinent hatte sich verändert.Nicht vollständig.Nicht perfekt.Aber genug.Zum ersten Mal seit Generationen maßen die Rudel ihre Stärke nicht mehr daran, wie viel Territorium sie einander nehmen konnten.Grenzen existierten noch.Alphas führten noch immer ihre Völker.Alte Traditionen bestanden weiterhin.Doch Zusammenarbeit war stärker geworden als Misstrauen.Nachtklaue handelte mit Schattenfang.Frostfang schickte Heiler nach Silberhain.Kleinere Gebiete erhielten Schutz von der vereinten Wächtergarde.Streitigkeiten wurden an demselben runden Tisch beigelegt, der den alten Alpha-Rat ersetzt hatte.Kein einzelnes Rudel herrschte über die anderen.Keine Blutlinie stand über den übrigen.Die Blutlinien der Wächter waren wiederhergestellt worden.Doch ihr Zweck hatte sich ver&a

  • BLUTENDES SCHWEIGEN   Kapitel 149: Die Frau, die sich selbst wählte

    Evelyn stand vor dem Spiegel.Einen Moment lang erkannte sie die Frau, die ihr daraus entgegenblickte, kaum wieder.Nicht, weil sie sich vollkommen verändert hatte.Sondern weil sie sich genug verändert hatte.Die Frau in der Spiegelung sah nicht mehr aus wie jemand, der darauf wartete, die Erlaubnis zum Leben zu bekommen.Ihre silbernen Augen waren ruhig.Ihre Schultern waren aufrecht.Ihr Haar fiel locker um ihr Gesicht, während das Morgenlicht durch das Fenster drang.In ihren Armen schlief ihre Tochter friedlich.Evelyn blickte zu ihr hinunter.Eine winzige Hand lag auf ihrer Brust.Sie lächelte.„Du wirst ein ganz anderes Leben haben.“Das Baby bewegte sich leicht.Evelyn küsste ihre Stirn.„Du wirst nicht jahrelang darüber nachdenken, ob du genug bist.“Mit diesen Worten kehrte eine alte Erinnerung zurück.

  • BLUTENDES SCHWEIGEN   Kapitel 148: Briefe, die nie abgeschickt wurden

    Damien kehrte allein nach Nachtklaue zurück.Er hatte nicht vorgehabt zu bleiben.Es gab nichts mehr, was er für sich beanspruchen konnte.Der Thron gehörte jemand anderem.Das Wappen der Laurents hing noch immer über der großen Halle, doch seine Bedeutung hatte sich verändert.Und Damien hatte seinen Alpha-Anhänger bereits zurückgelassen.Er war nur wegen einer einzigen Sache zurückgekommen.Dem alten Arbeitszimmer seines Vaters.Der Raum war seit Monaten unberührt geblieben.Staub bedeckte die Regale.Alte Bücher füllten die Wände.Der schwere Schreibtisch stand noch immer neben dem Fenster, an dem sein Vater unzählige Nächte damit verbracht hatte, Entscheidungen zu treffen, die das Gebiet geprägt hatten.Damien betrat den Raum.Für einen Moment stürzten Erinnerungen auf ihn ein.Die Stimme sein

  • BLUTENDES SCHWEIGEN   Kapitel 147: Das gehaltene Versprechen

    Der Hügel bot einen Blick über ganz Schattenfang.Von hier oben wirkte das Gebiet beinahe friedlich genug, um die Jahre des Krieges zu vergessen.Die wiederaufgebauten Häuser leuchteten im Licht des Abendmondes.Warmes Licht drang durch die Fenster.Rauch stieg sanft aus den Schornsteinen auf.Irgendwo unter ihnen lachten Kinder.Evelyn stand am Rand des Hügels, während ihr Umhang sich sanft im Wind bewegte.Sie war schon einmal hier gewesen.Aber niemals so.Kael stand einige Schritte hinter ihr.Eine Weile sagte keiner von beiden etwas.Dann lächelte Evelyn.„Du hast mich wieder hierhergebracht.“Kael blickte ins Tal.„Es schien passend.“Sie wandte sich ihm zu.„Warum?“Seine Augen trafen ihre.„Weil wir hier zum ersten Mal aufgehört haben, uns etwas vorzumachen.“Eve

  • BLUTENDES SCHWEIGEN   Kapitel 146: Alte Wunden heilen

    Monate vergingen.Zum ersten Mal seit Generationen lernte der Kontinent, wie sich die Stille nach einem Krieg anhörte.Keine Kriegshörner hallten durch die Berge.Keine Armeen sammelten sich an den Grenzen.Keine Boten trafen mitten in der Nacht ein und brachten Warnungen vor einem weiteren Angriff.Der Mond stieg jeden Abend auf, ohne den Himmel rot zu färben.Doch der Frieden löschte nicht aus, was geschehen war.Er gab allen nur genug Zeit, sich wieder daran zu erinnern.Und zu heilen.Schattenfang wurde zum Zentrum dieser Heilung.Was einst eine von Misstrauen umgebene Festung gewesen war, wurde langsam zu etwas anderem.Die Tore blieben offen.Wölfe aus Nachtklaue betraten die Festung ohne Waffen.Heiler aus kleineren Rudeln kamen mit Kräutern und medizinischen Vorräten.Ehemalige Feinde saßen an denselben Tischen.Kinder, die wä

  • BLUTENDES SCHWEIGEN   Kapitel 145: Die Last einer Krone

    Nachtklaue hatte sich noch nie so still angefühlt.Damien stand am Eingang der großen Halle und blickte über das Gebiet, von dem er einst geglaubt hatte, es würde für immer ihm gehören.Die Banner hingen noch immer an den Wänden.Das Wappen der Laurents befand sich weiterhin über dem Thron.Doch irgendetwas daran wirkte nun anders.Vielleicht lag es daran, dass Damien endlich verstanden hatte, dass nichts davon jemals wirklich ihm gehört hatte.Das Volk hatte ihm die Krone gegeben.Und es konnte sie ihm wieder nehmen.Die Ältesten von Nachtklaue standen hinter ihm.Der Beta befand sich unter den versammelten Kriegern.Hunderte Wölfe hatten sich im Innenhof versammelt.Keine Waffen.Keine Feier.Sie waren gekommen, um ihren Alpha sprechen zu hören.Damien trat in die Mitte.Mehrere Sekunden lang sagte er nichts.D

  • BLUTENDES SCHWEIGEN   KAPITEL 2: VOR DEM RAT GEZEICHNET

    Die Stille im Saal brach nicht sofort, nachdem Damien auf ein Knie gesunken war.Sie dehnte sich aus.Hielt an.Als würde der ganze Raum darauf warten, dass die Welt sich selbst korrigierte.Evelyn Marlowe stand wie erstarrt in den unteren Reihen des Saales, ihre Hand noch immer halb erhoben in Ric

  • BLUTENDES SCHWEIGEN    DIE ZEREMONIE EINER ANDEREN FRAU

    Der große Saal der Nightclaw-Festung schimmerte unter hängenden Mondstein-Kronleuchtern. Blasses Licht ergoss sich über polierte Marmorböden und brach sich in unregelmäßigen Reflexionen, die sich bei jeder Bewegung veränderten — wie zerbrochene Erinnerungen, die sich weigerten, zur Ruhe zu kommen.

  • BLUTENDES SCHWEIGEN   KAPITEL 5: DIE MUTTER DES ALPHAS

    Die Nightclaw-Festung schlief in Schichten.Die oberen Hallen waren still, bewacht, unberührt von allem, was auch nur entfernt an Verletzlichkeit erinnerte. Die unteren Korridore trugen eine andere Art von Stille in sich — geformt aus Erschöpfung und Pflicht statt aus Frieden.Evelyn Marlowe stand

  • BLUTENDES SCHWEIGEN   KAPITEL 4: BLUT UNTER SEIDE

    Der Gang der Heiler war still auf eine Weise, die nach dem Zeremoniesaal falsch wirkte. Nicht friedlich, nur verlassen. Diese Art von Stille, die bedeutete, dass jeder bereits entschieden hatte, wo er hingehörte — und Evelyn Marlowe in keiner dieser Entscheidungen vorgesehen war.Ihre Schritte ware

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status