MasukGABRIEL
Ich küsse sie. Zuerst liegt ihre Hand noch passiv auf meiner Schulter, dann wandern ihre Finger in mein Haar, und sie erwidert den Kuss mit derselben rücksichtslosen Direktheit wie immer. Um uns herum verstummen die Gespräche an den Nebentischen. Anaïs ist das völlig egal. Als sie sich schließlich von mir löst, schmecken ihre Lippen noch immer nach meinem Whisky.
Das ist es, was die Welt sieht: Eine Frau, die sich mir aus freien Stücken nähert, die meinen Platz besetzt, aus meinem Glas trinkt und genau weiß, dass ich fünfhundert geladene Gäste warten lasse, nur weil sie sich nicht für ein Kleid entscheiden konnte.
Niemand ahnt, dass ein einziger Name genügt, um mein Vertrauen in all diese sieben Jahre ins Wanken zu bringen.
Meine Rede dauert keine drei Minuten. Ich danke den Geschäftspartnern, überlasse es Romain, den Gästen eine unvergessliche Nacht zu versprechen, und bin schon vor dem ersten Applaus zurück bei Anaïs. Sie unterhält sich mit Maxime, der ihr gerade erklärt, warum der heutige Star-Gast ohne kalifornische Mandelmilch nicht auf die Bühne steigen will.
Eine Hand legt sich auf meinen Arm.
Victoire Beaumont steht hinter mir. Sie ist die ältere Schwester von Anaïs und führt den Familienkonzern, seit Armand sich zurückgezogen hat. Sie begegnet mir stets mit einer kalkulierten Höflichkeit, hinter der ihr tiefes Misstrauen nie ganz verschwindet. Sie liebt Anaïs, aber sie hat mir nie vergeben, dass ich es war, der sie aufgesammelt hat, als die Beaumonts sie verstoßen haben.
»Ich muss dich sprechen«, sagt sie.
Ihr Blick genügt, um zu wissen, welches Thema sie umtreibt.
Ich begleite sie in den verglasten Flur mit Blick auf den Hafen. Durch das Glas behalte ich Anaïs keine Sekunde aus den Augen.
»Adrien ist zurück«, verkündet Victoire.
»Seit neun Tagen.«
Sie hält inne. »Natürlich wusstest du das.«
»Warum erzählst du es mir dann?«
»Er war heute Nachmittag hier. Romain hat ihm den Zutritt zum VIP-Bereich verwehrt, also hat er mich angerufen.«
»Was wollte er?«
Victoire wirft einen Blick auf ihre Schwester, bevor sie antwortet. »Wissen, ob sie glücklich ist.«
Diese Frage trifft mich präziser als jede offene Provokation. Adrien fragt nicht, ob es Anaïs gut geht oder ob sie in Sicherheit ist. Er fragt, ob sie glücklich ist – als hätte er dieses Glück damals nur kurz geparkt und wäre jetzt zurückgekehrt, um den Zustand der Ware zu überprüfen.
»Und was hast du ihm gesagt?«
»Dass es nicht an mir ist, für sie zu sprechen.«
»Du hättest ihm sagen können, dass sie bei mir lebt.«
»Das weiß er.«
»Dann war seine Frage überflüssig.«
Victoire verschränkt die Arme. »Glaubst du wirklich, dass ein gemeinsames Dach auf alles eine Antwort ist?«
Ich halte ihrem Blick stand. Sie weicht keinen Millimeter zurück – eine Sturheit, die Anaïs ebenfalls besitzt, nur mit weitaus mehr Eleganz.
»Wenn er mit ihr reden will, muss er an mir vorbei.«
»Anaïs ist keine Tochtergesellschaft deines Konzerns, Gabriel.«
»Das habe ich nie behauptet.«
»Du führst dich aber auf, als würde dir jeder Weg gehören, der zu ihr führt.«
»Nur die Wege, auf denen Männer unterwegs sind, die ihr schon einmal das Herz gebrochen haben.«
Victoire schweigt. Sie kennt Teile dessen, was vor elf Jahren passiert ist, aber sie behütet noch immer Geheimnisse, die nicht die ihren sind.
»Treib sie nicht zu weit, Gabriel. Sie kommt zu dir, weil sie sich bei dir frei fühlt. Wenn du sie unter Druck zu einer Entscheidung zwingst, gefällt dir das Ergebnis am Ende vielleicht nicht.«
Sie dreht sich um und geht zurück in den Saal.
Ich bleibe noch ein paar Sekunden an der Scheibe stehen. Unten lacht Anaïs über etwas, das Romain gesagt hat. Ich kenne ihr Lachen, den geschwungenen Nacken, die Art, wie sie meine Nähe sucht, sobald ein Fremder ihr zu nahe kommt. Das alles ist echt.
Ob es Liebe ist, weiß ich bis heute nicht.
Als ich zu ihr zurückkehre, sieht Anaïs mir sofort an, dass etwas passiert ist.
»Was wollte Victoire?«
»Wir gehen.«
»Die Feier hat doch gerade erst angefangen.«
»Romain übersteht das auch ohne uns.«
Ich nehme ihren Mantel und lege ihn ihr um die Schultern. Sie folgt mir zum Fahrstuhl, genervt, aber stumm. Die Aufzugstüren schließen sich und sperren den Lärm und die Bässe aus.
Endlich allein. Ich drehe mich zu ihr um.
»Adrien ist in Marseille.«
Ihr Gesicht erstarrt. Nichts Dramatisches: Ihre Lippen teilen sich kurz, dann holt sie tief Luft. Und doch sehe ich genau, wie die Nachricht wie ein Stromstoß durch ihren gesamten Körper fährt.
»Seit wann?«, fragt sie leise.
»Seit neun Tagen. Er war heute Nachmittag hier und hat Victoire gefragt, ob du glücklich bist.«
Ihr Blick wandert zu den leuchtenden Zahlen über der Tür, die nach unten zählen.
Ich trete einen Schritt näher an sie heran.
»Wusstest du, dass er zurück ist?«
Anaïs hebt endlich den Blick.
Der Fahrstuhl erreicht das Erdgeschoss, doch als sich die Türen öffnen, rührt sich keiner von uns vom Fleck.
GABRIELUm einundzwanzig Uhr verliert Nérée Industries zwei Bankpartner. Um zweiundzwanzig Uhr sistiert der Hafenrat einen Sicherheitsvertrag der de Villiers. Vor Mitternacht blockiert Élodie drei von Auguste vorbereitete Artikel und leitet die Beweise für seine Verbindungen zu Aurelia an eine Wirtschaftszeitung weiter.Ich muss keinerlei Gewalt anordnen. Die Männer, die ich aus der Zeit vor Delmas kenne, wissen schlicht, welche Unternehmen Augustes noch immer ihre Kaianlagen, Lagerhäuser und Zwischenhändler nutzen. Innerhalb einer Nacht schließen sich die Türen. Die Telefone hören auf zu klingeln. Die legalen Ladungen bleiben zwar legal, aber sie warten lang genug, um horrende Kosten zu verursachen.Étienne steuert die Kapitalströme. Romain hält die Verantwortlichen im Hafen in Schach. Élodie kontrolliert, was veröffentlicht werden kann, ohne die laufenden Ermittlungen zu gefährden. C wacht mit den Anwälten beim Container und spricht fast kein Wort mehr mit mir, seit Anaïs ihm die Wa
ANAÏSRomain rückt schließlich mit der Adresse heraus, weil ich ihm unmissverständlich ankündige, jeden einzelnen Delmas-Stützpunkt an der Küste eigenhändig zu durchwühlen, falls er sich weigert. Die alte Schiffswerft liegt hinter Martigues, abgeschirmt durch einen vom Salz zerfressenen Zaun. Das Festrumpfschlauchboot, das damals gegen uns eingesetzt worden war, ist zwei Kilometer von hier entfernt ausgebrannt.Ich fahre zu schnell. Als ich ankomme, steht das Tor offen; drei Fahrzeuge versperren den Zufahrtsweg. Adriens Dienstwagen parkt direkt gegenüber von Gabriels Limousine.In der Haupthalle steht ein Container, der erst am selben Morgen aus dem Hafengebiet abtransportiert worden ist. Den Markierungen nach zu urteilen, gehört er zu einer Aurelia-Tochtergesellschaft. C und Maxime positionieren sich unweit von Gabriel. Adrien hat lediglich seinen Kollegen Luc sowie zwei Zivilpolizisten im Schlepptau, die sich im Hintergrund halten.Die Szenerie spricht für sich, ganz ohne Erklärunge
ANAÏSAdrien trifft um neun Uhr morgens mit seinem Vater Henri de Villiers im Haus meines Vaters ein. Der pensionierte General stand früher der militärischen Sicherheit der Region vor und verfügt in Paris über genügend Verbindungen, als dass Armand in ihm ein Bollwerk gegen Delmas zu erkennen glaubt.Ich treffe die Männer gemeinsam mit Victoire im Salon an. Keiner von ihnen hatte mich eingeladen. Dennoch trete ich ein, stelle meine Tasche auf dem Tisch ab und nehme den verwaisten Platz in der Mitte des Sofas ein.Armand hat einen Antrag auf Schutz für Beaumont vorbereitet. Dieser würde den de Villiers das Recht einräumen, die Finanzbewegungen von Delmas im Hafenbereich zu überwachen und notfalls einzuschreiten, falls Gabriel das alte Abkommen nutzen sollte, um Druck auf meine Hochzeit oder auf die anstehende Operation auszuüben.In dem Papier findet sich kein einziges Wort über meine eigene Meinung.Adrien hat es nicht unterzeichnet. Er lässt die Seiten vor sich geschlossen liegen, un
GABRIELVier Tage lang teilt Anaïs ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus, Beaumont und ihrem Studio auf. Ich verbringe dieselben Tage im Delmas-Konzern, bei den Anwälten und mit den Konten, die Auguste längst sicher wusste begraben zu haben.Wir schlafen miteinander, ohne wirklich zueinanderzufinden. Sie kommt nach Mitternacht heim, legt den Kopf auf meine Schulter und schläft ein, noch bevor sie ihre Ohrringe abgelegt hat. Morgens ist ihr Platz leer, wenn ich die Augen aufschlage.Am fünften Abend betritt sie mein Zimmer, während ich gerade eine Videokonferenz mit London beende. Mitten in einem Satz klappt sie meinen Laptop zu. Ich lasse nur noch verlauten, dass die Leitung unterbrochen ist, und überlasse den Rest Étienne.Anaïs streift ihre Jacke ab. Sie trägt noch immer die schwarze Hose und das Hemd, die sie im Krankenhaus anhatte.— Mein Vater wird kommenden Dienstag operiert. Victoire schläft vor Ort. Ich habe drei Stunden Zeit, bevor ich dorthin zurück muss.Ich schlage ihr vor, d
ANAÏSUm zwanzig nach acht verschiebe ich unsere Hochzeit, während ich mit einem viel zu heißen Kaffee in der Hand auf dem Flur der Onkologie sitze.Die erste Absage betrifft das Standesamt. Die zweite den für das Landgut in Cassis geplanten Empfang. Danach schreibe ich an die Schneiderin, den Floristen und an die fünfzehn Gäste, deren Einladungsliste noch gar nicht offiziell feststand. Ich bitte Victoire nicht darum, das zu übernehmen. Und ich vertraue diese Aufgabe erst recht nicht Élodie an.Als Gabriel eintrifft, setzt er sich zu mir und nimmt mir das Handy aus der Hand. Er löscht keine einzige Nachricht. Er fügt lediglich seinen Namen unter den meinen in der E-Mail an die Dienstleister ein und begleicht im Anschluss die noch ausstehenden Anzahlungen.— Danke.— Ich hatte dir gesagt, dass ich es akzeptieren werde.Sein Gesichtsausdruck verrät, was seine Stimme zu verbergen sucht. Er hatte diesen Tag in seinem Kalender für den Rest seines Lebens reserviert. Er gibt ihn frei, ohne m
ANAÏSVerschieben heißt nicht aufheben. Ich wiederhole diesen Satz am Telefon, in E-Mails, vor Victoire und schließlich vor der Schneiderin, die in einem privaten Salon oberhalb der Rue Paradis auf mich wartet.Ich halte an dem Termin fest, während mein Vater noch immer vor der Operation zurückschreckt. Das Kleid kann so lange in seiner Schutzhülle warten, wie es nötig ist; seine Krankheit wird nicht für mich entscheiden, ob ich es eines Tages tragen werde.Victoire hat das Kleid entworfen. Einen geradlinigen Schnitt aus elfenbeinfarbenem Crêpe, einen völlig freien Rücken und lange Ärmel, die von einer Reihe kleiner Knöpfe geschlossen werden. Nichts an ihm erinnert an das weiße Kleid, das ich an dem Abend trug, als Adrien zurückkehrte. Dieses gehört ganz allein mir.Meine Schwester korrigiert die linke Schulter, während die Schneiderin den Saum absteckt. Sie spricht wenig. Seit der Entdeckung des Vertrags vermeidet sie es, die Stille mit voreiligen Entscheidungen zu füllen.— Du kanns







