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Kapitel 4

Author: Janni
last update publish date: 2026-05-28 19:10:01

Ihre Augen — silbern, lebendig, beinahe schmerzhaft anzusehen — trafen seine über die Distanz hinweg.

Er kannte ihren Namen nicht, doch er spürte sie so deutlich, als würde sein Blut sie erkennen.

Du bist echt, dachte er — auch wenn er nicht wusste, ob er es laut ausgesprochen hatte.

Der Boden unter ihnen zerbarst, ein Netz aus Licht riss durch den Schnee. Und dann erklang die Stimme erneut, sie legte sich um ihn wie ein Schwur, den er bereits vor vielen Leben abgelegt hatte:

„Wenn die Gesegnete den Dreien begegnet, wird das Gleichgewicht zurückkehren.“

Der Schnee zersplitterte — und Lyon erwachte.

Keuchend richtete er sich auf, die Augen weit geöffnet. Ein schwaches Leuchten pulsierte in seiner Hand. Der Mondstein an seinem Hals hatte heiß gebrannt und kühlte nun mit jedem Atemzug langsam ab.

Kaum hatte er Zeit, sich zu orientieren, schwang die Verbindungstür auf.

Merrick trat zuerst ein — ruhig, aber wachsam, seine bloße Anwesenheit wirkte sofort stabilisierend. Pagan folgte ihm barfuß, das Hemd lässig über eine Schulter geworfen, die Augen selbst zu dieser Stunde scharf und rastlos.

Merricks Blick glitt einmal durch den Raum und blieb an dem schwachen silbernen Schimmer hängen, der noch immer in der Luft lag.

„Du hast es auch gespürt“, sagte er leise.

Pagan lehnte sich gegen den Türrahmen, ein Grinsen zuckte in seinem Mundwinkel.

„Wenn du mich wegen eines weiteren mystischen Stimmungsausbruchs geweckt hast, schwöre ich bei der Göttin—“

Lyon warf ihm einen Blick zu, sein Atem noch immer unruhig.

„Es war kein Traum.“

Pagans Grinsen verschwand.

Merrick trat näher, standfest wie Stein.

„Erzähl.“

Lyon schluckte schwer.

„Sie kam zu mir. Die Göttin. Und…“

„Und?“

„Das Mädchen aus der Prophezeiung. Silberne Augen. Eine Magie, die selbst die Luft zerriss. Ich konnte sie fühlen.“

Stille breitete sich aus. Ihr Gewicht hing zwischen ihnen, schwer von unausgesprochenen Gedanken.

Schließlich brach Pagan sie, seine Stimme tief und von widerwilliger Anspannung durchzogen.

„Du willst sagen, sie ist real. Die ‚Gesegnete‘.“

Lyon nickte.

„Und sie ist nah.“

Merricks Kiefer spannte sich an — immer der Taktiker, immer darauf bedacht, die Welle zu erkennen, bevor sie sich erhob.

„Dann hat die Göttin begonnen, was sie versprochen hat.“

Pagan schnaubte, doch die Unruhe hinter seiner überheblichen Haltung verriet ihn.

„Großartig. Eine Wolfshexe, ein zusammenbrechendes Gleichgewicht und eine Göttin mit einer Vorliebe für Rätsel. Einfach nur ein weiterer perfekter Abend.“

Merrick warf ihm einen warnenden Blick zu, doch Lyon lächelte nur halb.

Ihr Geplänkel konnte nicht verbergen, was sie alle drei fühlten — das Band, das in ihren Brustkörben vibrierte, nun wachsam, aufmerksam auf etwas Gewaltiges, das sich auf sie zubewegte.

Lyon wandte sich dem Fenster zu. Die Morgendämmerung brach an, ein blasser Strom aus Gold und Silber floss über die Skyline.

„Sie ist dort draußen“, murmelte er. „Ich habe den Ruf gespürt.“

Meilen entfernt saß Charise am Ufer eines Sees, Frost glitzerte auf ihren Stiefeln. Das Wasser war gefroren und spiegelte dennoch das Licht des verblassenden Mondes wider.

Sie legte ihre Handfläche auf das Eis und schloss die Augen. Die Luft veränderte sich — ein Flüstern durchströmte sie auf dieselbe Weise, wie es Lyon berührt hatte.

Schnee. Schatten, die den Mond umkreisten. Drei von ihnen — undeutlich und doch vertraut.

Wenn die Gesegnete den Dreien begegnet…

Ihr Puls raste und passte sich einem Rhythmus an, der nicht ihr eigener war.

Sie blickte auf, ohne zu ahnen, dass weit hinter der Baumgrenze, in der großen Hauptstadt, drei Alphas vom selben Ruf geweckt wurden — ihre Schicksale bereits unaufhaltsam mit dem ihren verflochten.

Drei Jahre später

Die Welt hatte sich erneut verändert.

Drei Jahre seit dem Traum. Drei Jahre voller Visionen, die niemals aufgehört hatten.

Das Lunaris-Rudel war noch mächtiger geworden — sein Einfluss reichte von den eisigen Bergen bis zu den südlichen Häfen. Doch Stärke hatte ihren Preis. Streuner sammelten sich in unnatürlich großer Zahl an ihren Grenzen, ihre Angriffe koordiniert und grausam. Und immer, wenn der Staub sich legte, hallte ein Name durch die Berichte der Überlebenden:

Wintercrest.

Niemand wusste, warum dieses zerfallende Rudel im Norden so viel Blut anzog. Noch nicht.

Lyon lehnte über dem Geländer der Terrasse des Alpha-Anwesens, während die Stadt unter ihm in silbernes Licht getaucht war. Die Nacht war unnatürlich still. Seit Tagen hatte er nicht geschlafen.

Die Visionen kamen nun häufiger — Fragmente und Bilder, die selbst in seine wachen Momente eindrangen. Immer dieselben Augen: silbern, hell wie der Rand des Mondes, die ihn durch den Schnee hinweg ansahen.

Merrick hatte die dunklen Schatten unter seinen Augen bemerkt. Pagan hatte ihn verspottet und behauptet, er „jage einem Mondgeist hinterher“. Doch Lyon konnte das Gefühl nicht abschütteln — irgendetwas rief nach ihnen.

Er drehte den Mondstein in seiner Hand. Er pulsierte schwach, als würde er sich mit dem Rhythmus seines Herzens synchronisieren. Derselbe Rhythmus, der seine Träume seit jener Nacht vor Jahren heimsuchte.

„Wer bist du?“, flüsterte er in den Himmel. „Und warum kann ich nicht aufhören, dich zu fühlen?“

Der Wind regte sich — sanft und kalt. Unter ihm wurde die Stadt stiller, während Wolken am Mond vorbeizogen. Für einen Augenblick lag alles im Schatten. Dann brach das Mondlicht erneut hervor, hell und gnadenlos.

Weit im Norden — die Ländereien des Wintercrest-Rudels.

Schnee fiel in langsamen Spiralen zwischen den Bäumen herab. Die Hütten des Rudels lagen verstreut wie verglühende Funken, ihre Feuer schwach, ihre Wölfe erschöpft.

Charise stand vor ihrer Hütte, den Mantel offen, ihr Atem stieg geisterhaft in die eisige Luft auf. Hinter ihr flackerten die Lichter des Rudels — fernes Lachen, das Klirren von Flaschen, die Befehle ihres Alphas, die aus der Halle hallten. Nichts davon erreichte sie wirklich.

Ihre Hände zitterten leicht.

Die Visionen waren in letzter Zeit schlimmer geworden — diesmal keine Bilder, sondern ein Ziehen. Unsichtbare Fäden in ihrer Brust, die sie zu etwas Unbekanntem hinzogen.

Sie hob den Kopf zum selben Mond. Ihre Lippen öffneten sich zu einem Flüstern, das kaum die kalte Luft durchschnitt.

„Warum hast du ihn mir genommen?“

Sie meinte längst nicht mehr nur ihren Vater.

Sie meinte die Göttin. Die Magie. Den Fluch, der sie an Dinge band, die sie noch nicht verstand.

Das Mondlicht traf ihre Augen und färbte sie für einen flüchtigen Moment silbern — derselbe Farbton, den Lyon in all seinen Träumen gesehen hatte.

Irgendwo zwischen ihnen beobachtete die Mondgöttin alles.

Ihre Stimme rollte wie ferner Donner durch die Nacht, sanft und endlos:

„Wenn die Gesegnete den Dreien begegnet, wird das Gleichgewicht zurückkehren.“

„Aber nicht ohne Blut.“

Dasselbe Mondlicht breitete sich über beide Länder aus — über die gläsernen Türme der Hauptstadt und die schneebedeckten Wälder von Wintercrest — als würde die Welt selbst den Atem anhalten.

Bald würden sich ihre Wege kreuzen.

Bald würde die Prophezeiung erwachen.

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