LOGIN**Kapitel Zwei: Die Stadt, die nach Blut riecht**
Sie fuhren sechs Stunden lang durch die Berge.
Zara folgte den Rücklichtern der Ratsfahrzeuge durch Pässe, die sie nicht kannte, und auf Straßen, die auf der Karten-App ihres Handys nicht existierten. Irgendwann brach der Empfang ab und die App stellte einfach den Dienst ein. Sie steckte das Handy in ihre Tasche und fuhr auf Sicht, was erstaunlich gut funktionierte, wenn man bedachte, wie dunkel die Straßen waren. Sie konnte die Kurven in den Bergen sehen, lange bevor ihre Scheinwerfer sie erfassten. Sie konnte das Motorengeräusch des Wagens zwei Plätze vor ihr über das Geräusch ihres eigenen hören. Sie registrierte diese Dinge, legte sie ab und fuhr weiter.
Als sie Ashenmoor zum ersten Mal roch, dachte sie, sie hätte es sich eingebildet.
Dann führte die Straße durch eine letzte Lücke zwischen zwei Gipfeln, die sich wie die Zähne eines riesigen, begrabenen Tieres erhoben, und der Geruch drang mit solcher Wucht durch die Lüftung in den Wagen, dass sie das Lenkrad umklammern musste, um in der Spur zu bleiben. Es war Kiefer und kalter Stein und etwas darunter, für das sie kein Wort hatte – etwas Mineralisches, Uraltes und Lebendiges, das an ihrer Nase vorbeizog und direkt in den Teil von ihr fuhr, der nicht menschlich war.
Sie kam aus dem Pass und Ashenmoor breitete sich unter ihr aus.
Sie hatte etwas Raues erwartet. Etwas Verstecktes und Funktionales, ein Lager oder ein befestigtes Gelände. Was sie fand, war eine Stadt.
Sie war in den Kessel der Berge gebaut, auf allen Seiten von Gipfeln umringt, die für Menschen zu steil waren, und wurde von einer Mischung aus elektrischem Licht und etwas anderem beleuchtet – einem schwachen Leuchten, das aus den alten Steingebäuden aufstieg, so wie Hitze von sommerlichem Asphalt aufsteigt. Die Architektur war vielschichtig und komplex: alte Steintürme neben modernen Konstruktionen und dazwischen Dinge, die älter als beides wirkten – organisch, geschwungen und eher gewachsen als gebaut. In der Stadt gab es Bäume, riesige, uralte Tannen und Zedern, um die herum die Gebäude errichtet worden waren, anstatt sie zu fällen. Die Straßen waren breit, das Licht war warm, und das Ganze schimmerte in der Bergdunkelheit wie ein Ort aus einer Geschichte, die sie niemals hätte lesen dürfen.
Es war das Schönste, das sie je gesehen hatte.
Sie traute dem Frieden keine Sekunde.
Sie fuhren durch ein Tor in die Stadt, das sich öffnete, bevor das erste Fahrzeug es erreichte, und die Straßen waren nicht leer. Es war inzwischen früher Morgen, aber auf den Gehwegen waren Leute unterwegs, entspannte Leute, die mit der besonderen Selbstsicherheit derer gingen, die wussten, dass sie genau dorthin gehörten. Sie sahen Zaras Auto an. Manche von ihnen betrachteten sie durch die Windschutzscheibe. Sie begegnete jedem Blick und sah nicht als Erste weg.
Die Fahrzeuge des Rates hielten vor einem niedrigen Steingebäude in der Nähe des Stadtzentrums. Die Frau mit den bernsteinfarbenen Augen, die sich während der stundenlangen Fahrt nicht vorgestellt hatte, öffnete Zaras Tür, bevor sie den Wagen richtig abgestellt hatte.
„Registrierung“, sagte sie.
Drinnen wurde Zara an eine andere Gruppe von Beamten übergeben, zwei Männer in Grau, die den typischen Geruch von Bürokratie ausströmten: Papier und geübte Neutralität. Sie nahmen ihren Namen auf. Sie nahmen ihren Handabdruck. Sie scannten den Knochenanhänger an ihrem Hals mit einem Gerät, das ein Geräusch von sich gab, das sie in den Backenzähnen spürte. Einer der Männer schrieb etwas in ein Buch, haptisch und mit Tinte gepresst, und las eine Einstufung vor, ohne aufzusehen.
„Unverzeichnet. Halbblut. Väterliche Linie: Osei. Mütterliche Linie: unbestätigt. Kein Rudelanspruch. Keine Hauszuweisung. Ironhaven-Akademie, Unterklasse: Dienstbotenausbildung, unteres Wohnheim. Antritt am Montag.“
„Dienstbotenausbildung“, sagte Zara.
Der Mann blickte auf. Er hatte die Augen von jemandem, der das gleiche schon zu vielen Leuten erklärt hat und sich nicht mehr dafür entschuldigt. „Unverzeichnete Halbblüter ohne Sponsor eines ranghohen Rudels werden als Dienstbotenauszubildende an der Akademie untergebracht. Das ist die Standardregelung.“
„Was bedeutet Dienstbotenausbildung?“
„Du unterstützt die Ausbildungsbedürfnisse der ranghohen Studenten. Im Gegenzug erhältst du Unterkunft, Verpflegung und Zugang zu grundlegendem Unterricht.“
„Also wasche ich ihre Wäsche, während sie den Unterricht besuchen?“
Eine Pause. „Unter anderem, ja.“
Zara blickte auf das Register. Auf das Wort UNVERZEICHNET, das neben ihrem Namen stand, in Buchstaben, die so präzise waren, dass sie sich absichtlich anfühlten.
„Gibt es ein Einspruchsverfahren?“, fragte sie.
Der Mann blinzelte. Offensichtlich war dies keine Frage, die er oft zu hören bekam. „Es gibt ein Petitionsverfahren für die Berücksichtigung in der Rangklasse. Es erfordert einen Rudelsponsor mit Alpha-Rang oder höher.“
„Und wenn ich keinen habe?“
„Dann gibt es keine Petition.“
Zara hielt seinem Blick einen Moment länger stand, als es für beide angenehm war. Dann nickte sie und nahm das Papier entgegen, das man ihr hinhielt; darauf standen ihre Wohnheimzuweisung und eine Liste der Orientierungsanforderungen.
Sie gaben ihr ein Zimmer im unteren Flügel eines Gebäudes neben dem Akademiekomplex, ein enger Raum mit einem Bett, einem Fenster, das auf eine Steinmauer blickte, und einem Heizkörper, der tickte. Sie saß auf dem Bett, die Tasche auf dem Schoß, die Schachtel ihrer Großmutter daneben und den Knochenanhänger warm auf ihrer Brust, und sie las das Orientierungspapier zweimal durch.
Die Ironhaven-Akademie war nach Rängen organisiert. Das erste bis dritte Haus waren die oberen Studenten, die Kinder der Alpha- und Beta-Blutlinien, ausgebildet in Führung, Kampf, Verhandlung und Rudelgesetz. Unter ihnen standen die Ungifteten, Wölfe, deren Fähigkeiten zu schwach waren, als dass sie ein förderndes Training erforderten, und unter ihnen waren die Dienstbotenauszubildenden – genau da war sie gelandet. Die beiden Klassen aßen nicht zusammen, trainierten nicht zusammen und hielten sich nicht in denselben Bereichen des Akademiekomplexes auf.
Sie faltete das Papier zusammen und legte es auf das Fensterbrett.
Sie schlief nicht. Sie lag auf dem schmalen Bett, das Licht war aus, die Stadt Ashenmoor murmelte um sie herum, und sie spürte, wie der Wolf in ihrer Brust sich in langsamen Kreisen drehte – rastlos, neugierig, auf die Stadt reagierend, so wie eine Kompassnadel auf Norden reagiert.
Morgen würde sie die Ironhaven-Akademie als die Person mit dem niedrigsten Rang im Gebäude betreten.
Sie war Oryn Oseis Tochter. Sie war die Enkelin ihrer Großmutter. Sie war siebzehn und vollkommen allein in einer Stadt, die von Leuten gebaut worden war, die schon vor ihrer Ankunft entschieden hatten, was sie wert war.
Sie schloss die Augen und dachte an das Wort „Unverzeichnet“ und wie es sich anfühlen würde, daraus etwas völlig anderes zu machen.
Sie war fast eingeschlafen, als sie Schritte auf dem Korridor vor ihrer Tür hörte – langsam und bedächtig, der Schritt von jemandem, der sich mit Absicht bewegt. Sie hielten vor ihrem Zimmer inne. Sie hielt still und lauschte. Wer auch immer es war, er stand dort für volle zehn Sekunden, lange genug, damit sie seinen Duft durch den Spalt unter der Tür registrieren konnte: dunkles Wasser und kalte Kiefer und etwas Geschmolzenes darunter.
Dann entfernten sich die Schritte.
Zara öffnete im Dunkeln die Augen, starrte an die Decke und dachte darüber nach, wer in Ashenmoor wohl schon wusste, in welchem Zimmer sie war.
Dieser Gedanke hielt sie bis zum Morgengrauen wach.
Hundertstes Kapitel: Was die Berge erinnernZweihundertfünfzig Jahre, nachdem ein siebzehnjähriges Mädchen aus einer kleinen Küstenstadt hinter drei Autos ohne Scheinwerfer hinausgefahren war, eine hölzerne Kiste bei sich, die alles enthielt, was ihre Großmutter ihr hatte hinterlassen können, stand eine junge Wölfin namens Sana auf dem Dach des Akademiegebäudes von Ashenmoor, in einer klaren Herbstnacht, die in ihrer besonderen Beschaffenheit aus Sternen und kalter Bergluft dieselbe wesentliche Stille trug, die jeden bedeutenden Moment in der langen, sorgfältig dokumentierten Geschichte des Territoriums begrüßt hatte.Sie war neunzehn, gerade erst aus Rivergate angekommen, der neuesten Mitgliedssiedlung des Netzwerks, gekommen, um an der Akademie zu studieren, unter denselben integrierten Zugangsbestimmungen, die Zara vor zweieinhalb Jahrhunderten erstmals wiederhergestellt hatte, und sie war an jenem Abend auf das Dach gestiegen, nicht weil jemand ihr dessen besondere historische Bed
Neunundneunzigstes Kapitel: Der letzte Eintrag der Fortlaufenden AufzeichnungPetra, in ihren letzten Jahren als Leiterin der Fortlaufenden Aufzeichnung, bevor sie die Institution an ihre eigene sorgfältig ausgebildete Nachfolgerin übergab, nahm ein Projekt in Angriff, das sie seit über einem Jahrzehnt still erwogen hatte: eine förmliche, umfassende Prüfung der gesamten Bibliothek der Gründer, aller sechs bestehenden Bände plus der angesammelten Dokumentation ihrer eigenen Institution, verdichtet zu einem einzigen, maßgeblichen Bericht, der, so glaubte sie, als klarstmöglicher Einstieg für jeden Wolf überall im nunmehr Acht-Siedlungen-Netzwerk dienen konnte, der den vollständigen Bogen der Geschichte verstehen wollte, in die das eigene Leben einen Platz geerbt hatte.Sie gab dem Projekt schlicht den Titel Die Tür, weil sie nach Jahrzehnten des Studiums der sorgfältigen, ehrlichen Dokumentation jeder vorangegangenen Generation glaubte, dass die Wendung vollständiger als jede andere Spr
Achtundneunzigstes Kapitel: Petras FrageDie Frage, als sie schließlich kam, kam durch Petra selbst, fünfzehn Jahre nach Beginn ihrer eigenen Amtszeit als Direktorin der Fortlaufenden Aufzeichnung, in einer Entdeckung, die nun über zweieinhalb Jahrhunderte hinweg dieselbe Art sorgfältiger, geduldiger Archivarbeit widerhallen ließ, die Generationen zuvor erstmals den versiegelten Widerspruch der Gründer unter dem Verwaltungsturm ans Licht gebracht hatte.Bei der Durchsicht der vollständigen historischen Korrespondenz des Netzwerks im Rahmen einer routinemäßigen institutionellen Prüfung fand Petra Hinweise, verstreut über Jahrzehnte sorgfältiger diplomatischer Aufzeichnungen aus den neuesten Mitgliedssiedlungen des Netzwerks, die auf die Existenz einer weiteren isolierten Wolfgemeinschaft hindeuteten, diesmal weit im Süden, in einem Gebiet, das keines der sieben derzeitigen Netzwerksiedlungen jemals formell erkundet hatte – eine Gemeinschaft, auf die mehrere der neueren Mitglieder in ih
Siebenundneunzigstes Kapitel: Was bleibt, was weitergehtIn den Jahren nach der Zweihundertjahrfeier beendete Bren ihre eigene Amtszeit mit derselben sorgfältigen, wohlüberlegten Aufmerksamkeit für strukturelle Disziplin, die jede Inhaberin und jeder Inhaber des siebten Sitzes geprägt hatte, seit Brid vor Generationen erstmals die Frage verlängerter Dienstgrenzen aufgeworfen hatte. Sie diente drei volle Amtszeiten, bevor sie sich zurückzog, um den natürlichen, gesunden Übergang zu ermöglichen, auf den die gesamte Tradition sich hatte verlassen können.Ihr Nachfolger, ein junger, in Ashenmoor geborener Diplomat namens Farro, der seine frühe Laufbahn damit verbracht hatte, die Beziehungen des Netzwerks zu zwei weiteren Siedlungen zu vertiefen, die in den Jahrzehnten seit der Gründung des ursprünglichen Rats der Fünf Siedlungen vorsichtig aus ihren eigenen langen Isolationen hervorgetreten waren, übernahm den Sitz und brachte die formelle Mitgliedschaft des Netzwerks auf sieben – eine Za
Sechsundneunzigstes Kapitel: Zweihundert JahreDie Zweihundertjahrfeier von Zara Oseis Ankunft in Ashenmoor – begangen auf dieselbe sorgfältige, wohlüberlegte Weise, in der das Territorium inzwischen jeden bedeutenden Meilenstein seiner nun umfangreichen dokumentierten Geschichte zu begehen pflegte – brachte eine Feier hervor, die sich gleichzeitig über alle fünf Siedlungen des Netzwerks erstreckte, das erste territoriumsweite Gedenkereignis in der Geschichte des Rats der Fünf Siedlungen, koordiniert durch dieselbe kollaborative Struktur, die in den Jahrzehnten seit ihrer Gründung zum wichtigsten Vehikel des Netzwerks für genau diese Art gemeinsamen kulturellen Moments geworden war.Bren, in ihrem zwölften Jahr als Inhaberin des siebten Sitzes, hielt die Hauptansprache bei der zentralen Zeremonie in Ashenmoor, die im Ostgarten stattfand, auf ausdrücklichen, wohlüberlegten Wunsch des Planungskomitees der Fortlaufenden Aufzeichnung, das nach sorgfältiger Untersuchung der zweihundertjähr
Fünfundneunzigstes Kapitel: Das fünfte Buch und das sechsteSelas Nachfolgerin, gewählt im größten und vielfältigsten Kandidatenfeld, das der siebte Sitz bis dahin gesehen hatte – sieben Kandidatinnen und Kandidaten, die jeden Winkel des inzwischen ausgereiften territorialen Netzwerks vertraten –, war eine achtunddreißigjährige Frau namens Bren, die nicht in Ashenmoor selbst oder in den Grenzlanden aufgewachsen war, sondern in Thornwick, der Küstensiedlung, die sich Jahrzehnte zuvor dem ursprünglichen Rahmen aus drei Territorien angeschlossen hatte; sie war die erste Inhaberin des siebten Sitzes in der zweihundertjährigen Geschichte des Amtes, die gänzlich von außerhalb von Ashenmoors unmittelbarer territorialer Familie stammte.„Ich möchte ehrlich darüber sein, wofür meine Wahl steht“, sagte Bren in ihrer Antrittsrede, gehalten in jenem Zeremonialsaal, der inzwischen so viele Übergänge beherbergt hatte, dass die Akademie der Geschichten begonnen hatte, jeden einzelnen formell als Tei







