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Erster Tag, Erstes Blut

Author: Musa Mualim
last update publish date: 2026-06-18 03:55:10

Kapitel Drei: Erster Tag, Erstes Blut

Die Ironhaven-Akademie war im alten Stil gebaut worden, ganz aus Stein, mit hohen Decken und Korridoren, breit genug, damit zwei Wölfe in ihrer gestalteten Form nebeneinandergehen konnten, ohne sich zu berühren. Zara betrat sie am Montagmorgen mit der Tasche über der Schulter und einem Gesichtsausdruck, den sie über Jahre hinweg perfektioniert hatte: die besondere Sorte unbeeindruckter Ruhe, die sie als wirksamste Rüstung erlernt hatte.

Der untere Eingang war vom Haupttor getrennt. Eine ältere Frau in Dienstgrau wies sie ohne ein Wort dorthin, indem sie mit dem Finger zeigte. Zara ging dorthin, wohin man sie wies. Sie merkte sich, welche Türen Ausweis-Karten verlangten, welche Korridore allen Schülern offenstanden und welche Bereiche die Dienstauszubildenden meiden sollten — das waren überraschenderweise die meisten Bereiche des Gebäudes.

Am Morgen der Orientierung waren zwölf weitere Dienstauszubildende anwesend. Es war eine gemischte Gruppe, vorwiegend Jugendliche mit der besonderen zusammengesunkenen Haltung von Menschen, die gelernt hatten, keinen Raum einzunehmen. Ein Mädchen saß mit geradem Rücken da und ließ die Augen durch den Raum wandern, so wie Zaras Augen das taten: katalogisierend, kalkulierend, beschäftigt hinter einem ruhigen Gesicht.

Zara setzte sich neben sie.

Das Mädchen warf ihr einen Seitenblick zu. „Neu?“

„Ja.“

„Woher?“

„Oregon-Küste. Menschliche Stadt.“

Eine Pause. Die Augen des Mädchens waren dunkel und flink. „Menschlich aufgezogenes Halbblut?“

„Fällt das auf?“

„Nur in der Art, wie du die Ausgänge ansiehst.“ Das Mädchen streckte die Hand aus. „Senna Falk. Früher Dritthaus. Zurzeit hier, weil ich dem Rat gesagt habe, ihre Politik gegenüber den Grenzwolfsgebieten verstoße gegen drei einzelne Bestimmungen des Gründungsvertrags, und sie fanden das unverschämt.“

„Zara Osei,“ sagte Zara und schüttelte die Hand. „Unvermittelt. Hier, weil meine Großmutter gestorben ist und das mich offenbar sichtbar gemacht hat.“

Sennas Augen wurden schärfer. Sie sah Zara mit einer anderen Qualität der Aufmerksamkeit an. „Osei,“ sagte sie.

„Ja.“

„Wie in Oryn Osei.“

Zara hielt den Blick. „Du kennst den Namen.“

„Jeder, der jemals die Gründungsdokumente von Ashenmoor gelesen hat, kennt den Namen.“ Sennas Stimme senkte sich in den Tonfall, der für Dinge reserviert ist, die wichtig sind. „Er war einer der ursprünglichen sieben Gründeralphas. Seine Blutlinie hielt den siebten Sitz im ursprünglichen Rat. Als er getötet wurde, ließen sie den Sitz leer und behaupteten, es sei aus Respekt. Sie füllten ihn nie wieder, weil wer auch immer dort saß, dieselbe Autorität gehabt hätte wie er, und keiner von ihnen das wollte.“

Der Redner der Orientierung begann vorne im Raum zu sprechen. Keine von beiden hörte zu.

„Wie lange her,“ fragte Zara leise.

„Zwanzig Jahre. Du warst noch nicht geboren.“

„Ich wurde nach seinem Tod geboren?“

„Ungefähr acht Monate später, wenn die Zeitangaben stimmen.“ Senna sah sie unverwandt an. „Du kanntest das nicht.“

„Ich wusste einiges. Ich lerne noch seine Form.“

Senna schwieg einen Moment. Dann sagte sie, so leise, dass es kaum als Ton durchging: „Wenn irgendjemand in diesem Gebäude herausfindet, wessen Blut du in dir trägst, musst du bereits wissen, wem du vertrauen kannst. Du hast ungefähr drei Tage Anonymität, vielleicht vier. Danach wird es jemand herausfinden und dieser Ort wird deutlich weniger gemütlich, als er es jetzt schon ist.“

„Wie finde ich heraus, wem ich vertrauen kann?“

„Du vertraust mir,“ sagte Senna. „Wir arbeiten rückwärts von dort aus.“

Es war das pragmatischste Freundschaftsangebot, das Zara je erhalten hatte, und sie nahm es ohne Zögern an.

Die erste Begegnung geschah am Nachmittag.

Die Dienstauszubildenden wurden nachmittags auf den Übungsplatz eingeteilt, um Geräte zurückzusetzen und grundlegende Vorbereitungsaufgaben für die klassierten Schüler zu übernehmen. Der Übungsplatz war ein langes Rechteck aus festgetretenem Erdreich, gesäumt von Waffenständern und Beobachtungsplattformen, offen zum Himmel darüber und nach Anstrengung und Wettbewerb riechend. Zara war damit beauftragt worden, die Sparringsmarkierungen am südlichen Ende zurückzusetzen.

Sie hockte bei der dritten Markierung, als ein Schatten über sie fiel.

Das Mädchen, das über ihr stand, war groß und schlank, mit silberblondem Haar, das zurückgeflochten war, und Augen in dem präzisen Grau eines Winterhimmels. Auf ihrer Jacke prangte das Abzeichen des Ersten Hauses, und sie bewegte sich mit der besonderen Selbstsicherheit von jemandem, der nie daran gezweifelt hatte, irgendwozuzugehören.

„Du,“ sagte das Mädchen, „bist in meinem Bereich.“

Zara beendete, was sie gerade tat, bevor sie aufblickte. „Mir wurde gesagt, ich solle den Sparringbereich herrichten.“

„Ja. Damit ich ihn benutzen kann. Das heißt, du räumst ihn, wenn ich ankomme, nicht wenn du gerade Lust dazu hast.“

Zara stand auf. Das Mädchen war größer als sie. Es fühlte sich nicht wie der Nachteil an, den das Mädchen erwartete. „Auf dem Aufgabenblatt stand, der Platz öffnet für die klassierten Schüler um zwei. Es ist ein Uhr achtundfünfzig.“

Eine Pause. Die grauen Augen froren auf eine bestimmte Weise, auf die Dinge starren, die nicht gern gemessen werden.

„Du bist neu,“ sagte das Mädchen. „Also erkläre ich es dir einmal. Mein Name ist Maren Ashcroft. Ich bin die Bestplatzierte in dieser Akademie. Die Dienstauszubildenden räumen den Platz, wenn ich ankomme, nicht wenn der Zeitplan es sagt. Verstanden?“

„Ich verstehe, was du sagst,“ sagte Zara. „Ich glaube nicht, dass ich es so machen werde.“

Der Übungsplatz wurde still. Die anderen Schüler, die hereingefiltert waren, hielten alle inne, diese besondere Starre von Menschen, die den Druck in der Luft spüren, bevor etwas zerbricht.

Maren Ashcroft sah sie lange an. Dann lächelte sie, und das war schlimmer als die kalten Augen gewesen waren.

„Interessant,“ sagte sie und ging an Zara vorbei in den Platz, als hätte sie sie bereits vergessen.

Aber sie hatte nicht vergessen. Zara spürte es so, wie sie alles andere in diesem Gebäude spürte: in dem Raum hinter ihrem Brustbein, wo der Wolf wartete, wo die Luft nicht als Temperatur, sondern als Absicht registriert wurde.

Sie sammelte ihre Ausrüstung zusammen und bewegte sich an den Rand des Platzes, um die Sitzung abzuwarten, und als sie sich drehte, blickte sie hinauf zur Beobachtungsplattform über dem südlichen Ende des Platzes.

Dort stand jemand. Groß, dunkelhaarig, sehr still. Er trug die schwarze Jacke des Akademie-Sicherheitsdienstes mit der silbernen Kette eines Leitungsamts quer über der Brust. Seine Augen waren blass, diese besondere Blässe von Dingen, die Licht zurückwerfen, statt es zu schlucken.

Er sah sie an.

Nicht so, wie Maren sie angesehen hatte. Nicht so, wie die Bearbeitungsbeamten sie angesehen hatten. So, wie man etwas anschaut, das man nicht erwartet hatte zu sehen und nun nicht mehr aufhören kann, es anzusehen.

Zara hielt seinen Blick genau zwei Sekunden lang. Dann wandte sie den Blick ab, ging mit ihrer Ausrüstung zum Rand des Platzes und schaute nicht wieder hinauf.

Aber sie spürte seine Aufmerksamkeit für den Rest des Nachmittags am Nacken, beständig und unblinzelnd wie ein zweiter Herzschlag.

In jener Nacht nannte Senna ihr einen Namen.

„Caelum Voss,“ sagte sie. „Leitender Vollstrecker. Alpha-Erbe des mächtigsten Rudels in der Region. Sein Vater ist Hochalpha Drevyn Voss, der den Rat leitet, was bedeutet, dass Caelum ihn nachfolgen wird.“ Sie machte eine Pause. „Du hast gesagt, er hat dich beobachtet.“

„Ja.“

„Wie lange?“

„Den ganzen Nachmittag.“

Senna schwieg auf eine Weise, die bedeutete, dass sie Informationen zusammenfügte. Dann sagte sie: „Das ist entweder sehr gute Nachricht oder sehr schlechte, und im Moment kann ich dir nicht sagen, welche.“

Zara starrte an die Decke ihres gemeinsamen Schlafsaals im Untergeschoss, hörte die Stadt draußen und fühlte den Schutzanhänger gegen ihrer Brust einmal pulsieren, steady und klar wie eine Warnglocke.

Sie hatte das Gefühl, dass sie sehr bald herausfinden würde, welche Art von Nachricht es war.

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