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Eigentlich war alles die Schuld ihrer Schwester.
Zumindest redete Katy sich das seit Jahren ein, wenn sie an diesen einen bestimmten Punkt zurückdachte. Und trotzdem war da dieser kleine, nervige Teil in ihr, der genau wusste: Ohne Lia und Sara wäre alles wahrscheinlich ganz anders gelaufen. Ruhiger vielleicht. Langweiliger definitiv. Denn genau die beiden hatten irgendwann angefangen, ständig über diese Band zu reden. IDOLS. Katy hatte sie damals nur belächelt. „Ihr seid fast dreißig“, hatte sie gesagt, während sie ihren Kaffee gerührt hatte und Lia und Sara sich auf dem Sofa gegenseitig mit Songempfehlungen bombardierten. „Ihr wisst schon, dass man in dem Alter normalerweise keine Boyband-Obsession mehr startet, oder?“ „Das sagt die Frau, die Reality-TV-Drama guckt“, hatte Sara sofort zurückgeschossen. Lia hatte nur gelacht. „Lass sie, sie ist einfach neidisch, weil wir Spaß haben.“ Katy hatte da schon geahnt, dass sie diesen Kampf verlieren würde. Spätestens mit Julien war es vorbei. Denn ihr Sohn hatte diese Musik nicht einfach nur gehört — er hatte sie in den Alltag eingebaut, als wäre sie ein Grundnahrungsmittel. Morgens beim Aufstehen, beim Spielen, sogar beim Zähneputzen lief irgendwann irgendein IDOLS-Song. Und Katy? Katy war irgendwann einfach zu müde geworden, um zu diskutieren. Flynn. Milo. Tyler. Derek. Brian. Chris. Eric. Sieben Namen, die sich irgendwann so selbstverständlich angefühlt hatten wie der eigene Schlüsselbund. Und obwohl sie es nie zugeben würde: Sie hatte irgendwann angefangen zuzuhören. Nicht, weil sie wollte. Sondern weil es passiert war. In der Küche roch es an diesem Tag nach Pasta, Knoblauch und genau der Art von Ordnung, die nur Lia hinbekam. Und jedes Mal, wenn Katy dort stand, hatte sie dieses kurze, seltsame Gefühl von Zuhause und Vergangenheit gleichzeitig. Dieses Haus war schließlich mehr als nur ein Ort. Ihr Vater hatte hier gelebt, gelacht, den Garten gepflegt, als wäre alles noch normal gewesen. Und auch wenn keiner von ihnen es laut aussprach, hing dieser Verlust noch immer in den Räumen — nicht sichtbar, aber spürbar, als würde er sich in den Wänden festhalten. „Kommt Sara eigentlich gleich?“, fragte Lia, ohne sich umzudrehen, während sie mit absoluter Selbstverständlichkeit gleichzeitig rührte, würzte und Julien davon abhielt, sich auf den Küchenstuhl zu werfen wie ein kleiner Akrobat. „Sie wollte direkt von der Arbeit kommen“, antwortete Katy und lehnte sich an den Türrahmen. „Aber wenn Steve wieder Drama macht, dauert’s länger.“ „Steve macht immer Drama“, meinte Lia trocken, und in ihrer Stimme lag dieser Ton, der ganz klar verriet, dass sie längst beschlossen hatte, ihn nicht ernst zu nehmen. Katy zog die Augenbrauen hoch. „Das sagt jemand, der früher mit unserer Mutter gestritten hat, als wäre es ein Vollzeitjob.“ Lia hielt kurz inne, sah sie über die Schulter an und zuckte dann nur mit einem halben Grinsen. „Ja, und ich habe dabei wenigstens gewonnen.“ Julien stand inzwischen mitten im Raum, die Hände ausgestreckt, als würde er den Topf hypnotisieren wollen. „Pastaaa“, verkündete er ernst. „Noch nicht“, sagte Lia sofort und zog den Topf leicht weg. „Du verbrennst dir sonst die kleine Zunge, und dann haben wir hier richtig Stimmung.“ „Er würde trotzdem weiter essen“, meinte Katy. „Natürlich würde er das“, Lia nickte. „Aber dann hätten wir einen sehr enttäuschten Julien mit verbrannter Zunge UND keinen Nachtisch. Das ist schlechte Haushaltsführung.“ Katy musste lachen. „Du klingst wie ein Kochbuch mit Mutterinstinkt.“ „Ich bin ein Upgrade.“ Julien griff in genau dem Moment nach einem Löffel. „Nein“, sagten Lia und Katy gleichzeitig. „Ja“, sagte Julien. Und für drei Sekunden herrschte ein stiller Machtkampf zwischen Kleinkind und zwei Erwachsenen, den Julien überraschend knapp verlor. „Unfair“, murmelte er beleidigt. „Leben ist kein Buffet“, sagte Lia gelassen und stellte den Löffel außer Reichweite. „Doch!“, protestierte Julien. Katy lachte jetzt richtig. „Er hat dich offiziell widerlegt.“ „Ich nehme das zur Kenntnis“, sagte Lia ernst, als würde sie eine wichtige Entscheidung treffen. „Und ignoriere es.“ Später, als der Tisch schon halb gedeckt war und irgendwo ein Glas klirrte, klingelte es endlich. „Ich geh“, rief Lia sofort und verschwand Richtung Tür. „Sag Sara, sie soll sich beeilen, bevor Julien die komplette Küche übernimmt“, rief Katy ihr nach. Doch es war nur der Paketbote,der etwas für diw Nachbarin abgab. „Ich übernehme gar nichts!“, protestierte Julien sofort empört. „Noch nicht“, murmelte Katy. „Das ist ein Plan“, sagte er sehr überzeugt. Der Garten war später wie ein eigener kleiner Atemzug. Warm. Offen. Und so vertraut, dass es fast weh tat, wenn man kurz darüber nachdachte, wie schnell sich Dinge verändert hatten. Wie oft sie hier schon gesessen hatten, seit der Vater nicht mehr da war. Wie oft Lia versucht hatte, alles zusammenzuhalten, obwohl sie selbst manchmal nicht wusste, wie. Sara war irgendwann da, fiel in die Runde, als wäre sie nie weg gewesen, und plötzlich war alles wieder dieses vertraute Chaos aus Gesprächen, Lachen, Essen und dem leisen Gefühl, dass das Leben manchmal tatsächlich einfach passiert, ohne große Erklärungen. Und natürlich landeten sie irgendwann wieder bei IDOLS. „Ich sag’s euch“, meinte Sara irgendwann, während sie sich zurücklehnte. „Wenn die wirklich nach Toronto kommen, ist das komplett vorbei. Dann drehen wir alle durch.“ „Ich nicht“, sagte Lia sofort. „Du bist die Erste, die Tickets googelt“, konterte Katy. „Ich recherchiere nur.“ „Du stalkst.“ „Ich bin organisiert.“ Julien klatschte in die Hände. „Musik!“ „Ja, Musik“, lachte Katy und zog ihn kurz auf ihren Schoß. Später wurde es ruhig. Zu ruhig fast. Sara ging irgendwann, Lia blieb noch draußen mit einem Buch, und Julien schlief längst tief und zufrieden, als hätte der Tag ihn komplett ausgefüllt. Katy stand noch kurz in der Küche, trank Wasser direkt aus der Flasche, während sie einen Moment einfach nur in dieses Haus hineinlauschte — dieses Haus, das ihr Vater früher mit Leben gefüllt hatte und das jetzt irgendwie von ihnen weitergetragen wurde — bevor sie dann hoch in ihr Zimmer ging. Musik lief leise. Das Handy lag neben ihr. 21:33 Uhr. Juli. Ein ganz normaler Moment. Zumindest hätte er das sein sollen. Sie scrollte gedankenverloren durch ihr Handy, halb müde, halb irgendwo zwischen Gedanken an morgen und nichts Konkretem, als es vibrierte. Eine Benachrichtigung. F******k. Sie wollte sie fast wegwischen. Fast. Aber irgendetwas ließ sie innehalten. Nicht laut. Nicht offensichtlich. Eher so ein Gefühl, das man nicht erklären konnte. Sie tippte drauf. Ladebildschirm. Kurz. Zu kurz, um nervös zu werden. Und dann erschien es. Eine Freundschaftsanfrage. Kein gemeinsamer Freund. Kein Kontext. Kein Hinweis, warum dieser Account sie überhaupt gefunden hatte. Nur ein Name. Milo.Später in der Nacht, als die Feier langsam weiterzog und sich die Stimmen der anderen wieder in Lachen, Gespräche und leise Musik auflösten, fanden Flynn und Lia endlich einen Moment für sich.Etwas abseits.Fast so, als hätten sie beide instinktiv gespürt, dass sie kurz aus allem heraus mussten, um wirklich begreifen zu können, was gerade passiert war.Unter einem Himmel, der immer noch gelegentlich von vereinzelten Feuerwerksblitzen erhellt wurde, standen sie nebeneinander.Die Nacht war kühl.Aber nicht kalt.Nicht für sie.Für einen Moment sagten sie nichts.Es war nicht nötig.Alles, was wichtig war, war bereits gesagt worden.Und trotzdem fühlte sich jede Sekunde noch ein bisschen unwirklich an.Lia hob langsam ihre Hand und betrachtete den Ring.Das Licht spiegelte sich darin, zart und unruhig, als würde selbst er noch nicht ganz glauben, dass er nun dort war, wo er hingehörte.„Das fühlt sich nicht echt an“, murmelte sie leise.Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.Voller S
Derek hatte Brian in seinen Plan zur Feier eingeweiht, und die beiden hatten es geschafft, die Schwestern von einer größeren Silvesterfeier zu überzeugen. „Ihr müsst euch wirklich um nichts kümmern“, hatte Derek gesagt und dabei betont gelassen gewirkt. Lia hatte nur gelacht. „Das klingt verdächtig entspannt von dir.“ „Ich entwickle mich“, hatte Derek trocken geantwortet. Brian hatte daneben gegrinst. „Solange es Essen gibt, bin ich dabei.“ Katy hatte die Augen verdreht. „Natürlich geht’s bei dir nur ums Essen.“ Die Freunde waren dankbar, dass die Schwestern so unkompliziert reagierten. „Das macht alles so viel einfacher“, murmelte Tyler später, als sie unter sich waren. „Sag ich doch“, antwortete Derek. „Wenn man ehrlich ist, funktioniert’s meistens besser.“ Je näher Silvester rückte, desto mehr spürte man die aufgeladene Stimmung in der Gruppe. „Ich sag’s euch“, meinte Brian irgendwann, „das wird entweder der beste oder der chaotischste Abend des Jahres.“ „Warum nicht bei
Als sie den Laden verließen, spürte Flynn trotz der kleinen Verzögerung vor allem eines: Erleichterung. Und etwas anderes dazu. Sicherheit. Er hatte den Ring gefunden. Den richtigen. Und auch wenn es noch ein paar Tage dauern würde – es fühlte sich an, als wäre der wichtigste Schritt bereits getan. Die drei liefen ein Stück die Straße entlang, und langsam wich die Anspannung einem ruhigeren Gefühl. „Ich hab Hunger“, murmelte Tyler irgendwann. „Überraschung“, kam es trocken von Derek. Nach kurzem Abstimmen entschieden sie sich für einen kleinen Italiener nur zwei Straßen weiter. Im Restaurant setzten sie sich in eine ruhigere Ecke. Weg vom Trubel. Weg von Blicken. Fast so, als würden sie instinktiv verstehen, dass dieses Gespräch nicht für alle Ohren gedacht war. Nachdem der Kellner ihre Bestellungen aufgenommen hatte und wieder gegangen war, lehnte sich Derek leicht nach vorne. „Okay“, sagte er ruhig. „Jetzt mal konkret. Wie genau stellst du dir die Feier und danach den
Derek und Tyler tauschten einen kurzen Blick und nickten dann gleichzeitig. Es war die richtige Wahl. Keine Frage. Der Juwelier nahm den Ring vorsichtig zurück und stellte dann die entscheidende Frage nach der Größe. Tyler gab sie ohne Zögern weiter. Doch kaum hatte er die Zahl ausgesprochen, veränderte sich der Ausdruck des Juweliers. „Wir haben den Ring leider nicht in dieser Größe vorrätig“, sagte er bedauernd. Für einen Moment war es still. Flynns Gesicht erstarrte leicht. Nicht dramatisch. Eher dieses leise, enttäuschte Innehalten. Als würde ihm jemand kurz den Boden unter den Füßen wegziehen. „Gibt es irgendetwas, das Sie tun können?“, fragte er schließlich, die Stimme ruhig, aber mit einem klaren Unterton von Hoffnung. Der Juwelier dachte einen Moment nach. Dann nickte er langsam. „Wir könnten den Ring anpassen. Allerdings… würde das ein bis zwei Tage dauern. Das Design ist etwas komplex, daher ist es kein schneller Eingriff.“ Wieder Stille. Tyler lehnte sich l
Nach dem Kinobesuch hatte Tyler Lia nach Hause gefahren und sich kurz darauf in die gemeinsame Gruppe geschrieben, die sie extra für ihr Vorhaben erstellt hatten. Seine Nachricht erschien wenige Sekunden später auf den Bildschirmen der anderen: Tyler: Mission „Ringmaß“ erfolgreich abgeschlossen. Kleines Update: Es gab ein ungewolltes Malheur mit einem Glätteisen. Flynn – falls dir ein vermeintlicher „Knutschfleck“ an Lias Hals auffällt… das war ich NICHT. Bitte keine voreiligen Schlüsse. Ich erklär’s dir später. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Derek: Oh je. Arme Lia. Und Tyler… ich hatte es irgendwie geahnt, dass bei dir kein Einsatz ohne Nebenwirkungen abläuft. ABER: Ringmaß erfolgreich = Fortschritt. Das zählt. Tyler las die Nachricht und schnaubte leise. „Sehr hilfreich. Wie immer.“ Kurz darauf erschien eine neue Nachricht. Flynn: Danke für die Warnung, Tyler. Ich werde versuchen, nicht sofort dramatisch zu reagieren, falls mir etwas auffällt… und ich
Lia runzelte die Stirn, ein wenig verwirrt, nickte dann aber. „Okay, ich schaue kurz nach.“ Und schon war sie im Kinderzimmer verschwunden. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Stille. Für Tyler fühlte sich dieser Moment sofort anders an. Schwerer. Jetzt. Er atmete einmal tief durch und griff langsam in seine Jackentasche. Seine Finger schlossen sich um ein kleines Gerät. Geliehen. Organisiert. Ein Ringmaß. Tyler zog es vorsichtig hervor und sah sich noch einmal um. Links. Rechts. Flur leer. Kinderzimmer geschlossen. „Okay… ruhig bleiben“, murmelte er leise zu sich selbst. Dann trat er einen Schritt näher zum Sideboard. Dort lagen ein paar kleine Dinge. Schmuck. Alltagssachen. Nichts Besonderes – außer genau diesem einen Moment. Tyler beugte sich leicht vor und setzte das Ringmaß vorsichtig den Ring, der dort lag. Sein Herz schlug schneller. Zu schnell. „Bitte funktioniert das einfach…“, flüsterte er. Sekunde. Zwei. Dann las er die Größe ab. Er hielt kurz
Sie saßen noch eine ganze Weile gemeinsam am Tisch und aßen zu Abend. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen trotz allem Chaos kurz Ruhe einkehrte. Kein Zelt, keine Kartons, keine Diskussionen über Blumen oder Aufbaupläne. Nur Essen, leise Gespräche und das Gefühl, dass der Tag langsam au
Lia stieg als Erste aus dem Auto aus. Für einen Moment blieb sie einfach stehen, als müsste sie erst wirklich begreifen, dass sie jetzt hier war. Katy wollte gerade ihr Handy noch in die Hand nehmen, um Milo zu schreiben, dass sie angekommen waren — aber da hob Lia schon den Kopf. „Katy…“, sagte
Und auf einmal war es so weit, eines der drei Handys klingelte. Es war Lias Handy, aufgeregt ging sie dran. ,,Herzlichen Glückwunsch Frau Swarts , sie haben zwei Konzertkarten für das Konzert von IDOLS gewonnen. Das Konzert wird diesen Samstag um 20:00 Uhr in Toronto stattfinden. Sie und eine weit
In den letzten Tagen war es überall Thema gewesen. Betrüger auf Social Media. Nicht irgendwelche kleinen Fake-Accounts, sondern Profile, die täuschend echt wirkten – kopierte Namen, gestohlene Bilder, perfekt inszenierte Identitäten. Sogar Mitglieder von IDOLS waren betroffen. Und sie waren lä







