LOGINSebastian Willow hat alles, was sich ein Mann nur wünschen kann. Geld, Macht, eine Zukunft, die ihm auf dem Silbertablett serviert wird. Als einziger Erbe des Imperiums seines Vaters war sein Leben schon immer eine Frage des „Wann“, nicht des „Ob“. Bis ein verheerender Autounfall alles auf den Kopf stellt. Wie durch ein Wunder überlebt Sebastian. Seine Beine sind jedoch eine andere Geschichte. Was als schmerzhafte Genesung beginnt, wird bald zum Albtraum, da sich sein Zustand trotz jeder Behandlung, jedes Arzttermins und jedes verzweifelten Versuchs, sein früheres Leben zurückzugewinnen, weiter verschlechtert. Nun von der Hüfte abwärts gelähmt, verbittert und davon überzeugt, dass die Welt ihn zu ihrem persönlichen Feind erklärt hat, ist Sebastian zu einem Mann geworden, mit dem niemand etwas zu tun haben will. Dann tritt Atlas auf den Plan. Klug, stur und ärgerlich fröhlich – so ist Atlas, der als Privatpfleger für den Milliardärserben abgestellt wurde. Er hat ein Talent dafür, selbst an den dunkelsten Orten noch einen Silberstreif am Horizont zu finden, ein Lächeln, das jeden im Raum entwaffnen könnte, und absolut keine Absicht, Sebastians spektakulär unangenehme Art zu tolerieren. Ihre Vereinbarung sollte einfach sein. Sebastian stellt Forderungen. Atlas macht seinen Job. Sie ertragen sich gegenseitig, bis der Vertrag ausläuft. Nur hat Atlas die gefährliche Angewohnheit, Sebastian unter die Haut zu gehen, und Sebastian hat die noch gefährlichere Angewohnheit, ihn genau dort haben zu wollen. Zwischen scharfen Wortgefechten, verstohlenen Blicken und einer Spannung, mit der keiner der beiden etwas anzufangen weiß, beginnt etwas zu erblühen, womit keiner von beiden gerechnet hat. Zum ersten Mal seit Monaten merkt Sebastian, dass er sich mehr wünscht als nur einen weiteren Arzttermin oder eine weitere Gelegenheit zum Spazierengehen. Doch Hoffnung ist eine zerbrechliche Sache, und jemand ist fest entschlossen, Sebastian genau dort zu halten, wo er ist.
View MoreSebastians Perspektive
Der Lkw kam direkt auf mich zu.
Ich kniff die Augen zusammen und umklammerte das Lenkrad fester, während ich versuchte, ihm auszuweichen. Die Straße vor mir war frei, der morgendliche Verkehr relativ gering, und es gab absolut keinen Grund, warum ein Lkw auf der falschen Seite dieser verdammten Straße fahren sollte. Ich drehte das Lenkrad noch heftiger, doch es bewegte sich kaum, als hätte etwas es blockiert.
„Scheiße!“, fauchte ich und warf mein ganzes Gewicht gegen das Lenkrad. „Wage es ja nicht, mir das jetzt anzutun.“
Ich versuchte es erneut und drehte es mit beiden Händen, doch das verdammte Ding rührte sich nicht von der Stelle. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, als der Lkw näher kam und mich seine Scheinwerfer durch die Windschutzscheibe blendeten. Ich trat mit voller Wucht auf die Bremse, in der Erwartung, dass das Auto langsamer werden würde, aber nichts geschah.
„Was zum Teufel?“, schrie ich und trat wie wild auf die Bremse. „Komm schon, du nutzloses Stück Scheiße!“
Die Hupe des LKWs heulte auf und machte mich ohrenbetäubend taub, während ich darum kämpfte, die Kontrolle über das Auto zurückzugewinnen. Ich riss erneut am Lenkrad, verzweifelt bemüht, aus dem Weg zu kommen, aber der Abstand zwischen uns schrumpfte viel zu schnell. Es blieb keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit, irgendetwas zu tun, außer zuzusehen, wie das riesige Fahrzeug auf mich zuraste.
Dann kam der Aufprall.
Metall prallte gegen Metall, Glas zersplitterte um mich herum, und die Welt drehte sich heftig außer Kontrolle. Schmerz schoss durch meinen Körper, als etwas gegen meine Seite prallte und mir die Luft aus den Lungen drückte. Ich versuchte zu schreien, doch der Schrei kam nicht über meine Kehle hinaus, bevor sich alles in einem blendend weißen Licht auflöste.
Ich wachte keuchend auf.
Meine Hände schossen zu meinem Kopf und krallten sich so fest in meine Haare, dass ich ernsthaft glaubte, ich könnte sie mir direkt aus dem Schädel reißen. Schweiß tränkte mein Hemd, meine Brust hob und senkte sich schmerzhaft, und mein ganzer Körper zitterte, während ich mich mühsam davon zu überzeugen versuchte, dass ich nicht immer noch in diesem verdammten Auto gefangen war. Ich presste die Augen fest zusammen, doch das Bild des Lastwagens hatte sich in mein Gedächtnis eingebrannt.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße“, murmelte ich in meine Handflächen und holte zitternd Luft.
Es war derselbe Albtraum. Jede verdammte Nacht, ohne Ausnahme, durchlebte ich den schlimmsten Moment meines Lebens noch einmal, bis hin zum Geräusch von sich verbiegendem Metall und dem Gefühl der Hilflosigkeit, das mich überwältigt hatte, bevor alles weiß wurde. Manchmal wachte ich noch vor dem Zusammenstoß auf, und manchmal erlebte ich jede qualvolle Sekunde davon. So oder so wachte ich immer am selben Ort auf, mit denselben nutzlosen Beinen und demselben elenden Leben, das auf mich wartete.
Es gab kein Entkommen.
Ich ließ meine Hände sinken und starrte auf meine Beine unter der Decke. Sie sahen völlig normal aus, fast so, als wäre ihnen nichts zugestoßen, aber ich wusste es besser, als mich vom äußeren Anschein täuschen zu lassen. Ich konnte sie nicht spüren, konnte sie nicht bewegen, konnte nicht einmal ohne Hilfe auf meinen eigenen Beinen stehen. Die Ärzte hatten mir eine fifty-fifty-Chance auf Genesung gegeben, und eine Zeit lang hatte ich ihnen tatsächlich geglaubt.
Was für ein verdammter Witz.
Ich hatte Monate damit verbracht, Termine wahrzunehmen, die Reha zu ertragen und mich zu Übungen zu zwingen, die mich erschöpft und mit Schmerzen zurückließen. Dann, gerade als ich angefangen hatte, Fortschritte zu machen, hatte sich mein Zustand so verschlechtert, dass ich meine Beine überhaupt nicht mehr bewegen konnte. Niemand konnte mir eine zufriedenstellende Erklärung geben, und mir ging langsam die Geduld mit den Leuten aus, die darauf bestanden, dass ich positiv bleiben müsse.
Positiv in Bezug auf was genau?
Ich warf einen Blick auf die Uhr neben meinem Bett und lachte humorlos. Es war fast sieben Uhr morgens, was bedeutete, dass eine weitere schlaflose Nacht zu Ende gegangen war – wenn man das überhaupt Schlaf nennen konnte. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn, griff nach meinem Rollstuhl und setzte mich mit den geübten Bewegungen hinein, die ich in den letzten Monaten lernen musste.
Als ich aus meinem Schlafzimmer rollte, war das Haus bereits wach. Ich sah meine Eltern in der Nähe der Treppe stehen; sie sprachen mit gedämpften Stimmen, und ihre Mienen wurden besonders ernst, sobald einer von ihnen in meine Richtung blickte. In dem Moment, als sie mich bemerkten, hörten sie auf zu reden, was meine ohnehin schon schlechte Laune sofort noch weiter verschlimmerte.
„Guten Morgen“, sagte ich tonlos und lenkte meinen Rollstuhl auf sie zu.
„Sebastian, guten Morgen“, erwiderte meine Mutter und schenkte mir ein vorsichtiges Lächeln. „Wie geht es dir heute, mein Schatz?“
Ich sah sie an, senkte dann den Blick auf meine bewegungslosen Beine und atmete durch die Nase aus. „Mir geht es genau so wie an jedem anderen Morgen, Mama“, antwortete ich und rückte die Decke auf meinem Schoß zurecht. „Aber vielen, vielen Dank fürs Nachfragen.“
Ihr Lächeln schwand, und mein Vater rutschte neben ihr unruhig hin und her. Mir war es egal, wie sie reagierten, also lenkte ich meinen Rollstuhl in Richtung Flur und machte mich bereit, mein elendes Dasein fortzusetzen. Doch ich hielt fast sofort an, als mir klar wurde, dass etwas fehlte.
„Wo zum Teufel ist Adrian?“, fragte ich und drehte mich zu ihnen um.
Meine Eltern warfen sich einen langen Blick zu – einen von der Sorte, bei der sich mir schon der Magen zusammenzog, noch bevor einer von beiden den Mund aufgemacht hatte. Ich starrte sie an und wartete darauf, dass mir jemand erklärte, warum meine Pflegekraft nicht da war, um mir wie vereinbart zu helfen. Als keiner von beiden schnell genug antwortete, dämmerte es mir.
„Er hat verdammt noch mal gekündigt, oder?“, fragte ich und lachte ungläubig auf. „Einfach genial. Schon wieder einer weg. Was für eine Überraschung.“
„Sebastian“, begann mein Vater und machte drei bedächtige Schritte auf mich zu, „das ist schon die zehnte Pflegekraft, die wir in weniger als einem Monat ersetzen mussten. Du kannst dich nicht weiter so benehmen.“
Ich neigte den Kopf und starrte in die vertrauten grauen Augen, die meine eigenen widerspiegelten. „Wie benehmen, genau?“, fragte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Klär mich doch bitte auf, Vater, denn anscheinend habe ich den Teil verpasst, in dem es zu einer Straftat wurde, nicht laufen zu können.“
„Du bist eine echte Nervensäge!“, schrie er, während sein Gesicht vor Frustration rot anlief. „Um Himmels willen, Sebastian, jeder in diesem Haus versucht, dir zu helfen, und du behandelst sie wie absoluten Abschaum!“
„Cassian!“, rief meine Mutter scharf und trat auf ihn zu. „Er hat es schwer, und ihn anzuschreien wird die Situation nicht verbessern.“
Ich schnalzte mit der Zunge und drehte meinen Rollstuhl von ihnen weg. Ich wollte mir keine weitere Predigt über Geduld, Dankbarkeit oder darüber anhören, wie viel Glück ich gehabt hatte, den Unfall überlebt zu haben. Das hatte ich alles schon einmal gehört, und nichts davon änderte etwas an der Tatsache, dass ich derjenige war, der in einem verdammten Rollstuhl saß, während alle anderen ihr Leben weiterlebten.
„Sebastian, ich rede mit dir!“, bellte mein Vater hinter mir.
Ich hielt inne, umklammerte die Räder fest, bevor ich mich wieder zu ihm umdrehte. Für eine elende Sekunde beneidete ich ihn um die Leichtigkeit, mit der er dort stand, die Füße fest auf dem Boden, sein Körper tat genau das, was er von ihm verlangte. Er wurde älter, und doch konnte er immer noch ohne Weiteres durch einen Raum gehen, während ich jede Bewegung planen musste, als würde ich einen verdammten Hindernisparcours bewältigen.
„Wenn du anstelle von mir in diesem Auto gesessen hättest, würdest du vielleicht verstehen, wie ich mich fühle“, sagte ich mit gefährlich leiser Stimme. „Aber das hast du nicht, oder? Deine Beine funktionieren einwandfrei, also herzlichen Glückwunsch, Papa. Schön für dich.“
Der Gesichtsausdruck meiner Mutter verzog sich, aber ich weigerte mich, sie auch nur eine Sekunde länger anzusehen. Ich rollte mich den Flur entlang und ignorierte den frustrierten Seufzer meines Vaters und den gedämpften Streit, der hinter mir ausbrach. Sie konnten reden, so viel sie wollten, darüber, wie schwierig ich geworden war, wie besorgt sie waren oder wie viel jeder opferte, um mir zu helfen.
Keiner von ihnen hatte auch nur die geringste Ahnung, wie es sich anfühlte, jeden Morgen aufzuwachen und festzustellen, dass sich nichts geändert hatte.
Ich war dreiunddreißig Jahre alt, der Erbe eines Wirtschaftsimperiums und ein Mann, der ohne Hilfe nicht einmal stehen konnte. Meine Zukunft war ungewiss, meine Unabhängigkeit war dahin, und die fünfzigprozentige Chance, an die ich mich einst geklammert hatte, kam mir allmählich wie ein grausames Versprechen vor, das mir jemand gegeben hatte, nur um mich ruhig zu halten.
Ich blieb vor meinem Schlafzimmer stehen und starrte mein Spiegelbild im Flurspiegel an. Schwarzes Haar, graue Augen, ein perfekt geformtes Kinn und ein Körper, der aussah, als gehöre er einem Mann, der alles im Griff hatte. Wenn der äußere Anschein etwas bedeutete, hätte ich unbesiegbar sein müssen.
Stattdessen war ich Sebastian Willow, der gebrochene Erbe.
Aus der Sicht von AtlasHätte mir vor einer Woche jemand gesagt, dass ich in einer Villa stehen würde, die aussah, als wäre sie aus den schottischen Highlands gestohlen und mitten in die moderne Zivilisation versetzt worden, hätte ich ihm ins Gesicht gelacht. Die Willow-Residenz war auf beeindruckende Weise lächerlich, mit hoch aufragenden Steinmauern, geschwungenen Treppen, polierten Marmorböden und riesigen Fenstern, durch die das Nachmittagslicht über die teuren Einrichtungsgegenstände strömte. An den Wänden hingen antike Gemälde, von Decken, die hoch genug waren, um ein kleines Flugzeug unterzubringen, hingen Kronleuchter herab, und es gab so viele goldene Akzente, dass ich mich fragte, ob die Familie jemals etwas von Zurückhaltung gehört hatte.Ich hatte kaum ein paar Schritte in die Eingangshalle gesetzt, als das ältere Ehepaar, das ich im Krankenhaus kennengelernt hatte, auf mich zukam. Sebastians Mutter lächelte herzlich, während sein Vater die ruhige Selbstsicherheit eines Ma
Aus der Sicht von AtlasDer Umzug in einen neuen Bundesstaat klang aufregend, bis ich mir die Namen aller merken, herausfinden musste, welche Flure wohin führten, und so tun musste, als würde ich mich nicht noch immer an das lächerlich komplizierte Ablagesystem des Krankenhauses gewöhnen. Zum Glück war meine Unterkunft geregelt, und ich hatte mich so gut in meinen neuen Alltag eingelebt, dass mir niemand vorwerfen konnte, inkompetent zu sein. Außerdem hatte ich mir über Jahre hinweg einen guten Ruf aufgebaut, und ich hatte nicht vor, ihn durch einen neuen Arbeitsplatz ruinieren zu lassen.„Ich sag dir, Atlas, du hast dir einen interessanten Zeitpunkt ausgesucht, um zu uns zu kommen“, sagte Sam und lehnte sich grinsend gegen den Schwesternposten. „Du bist kaum eine Woche hier, und die Leute reden schon über dich, als wärst du vom Himmel herabgestiegen, um dieses Krankenhaus zu retten.“Ich lachte und schüttelte den Kopf, während ich die Krankenakte eines Patienten zu Ende durchging. „B
Sebastians Perspektive„Sebastian“, sagte sie und faltete die Hände vor sich.„Hallo, Mama“, antwortete ich freundlich und zog die Decke über meine Beine. „Freut mich auch, dich zu sehen. Ein herrlicher Morgen, nicht wahr?“„Sebastian“, wiederholte sie, diesmal mit schärferer Stimme. „Ich kann das so nicht weiter mit dir machen“, sagte sie und ballte die Finger zu Fäusten. „Du bist kein Teenager mehr, und ich werde nicht jeden Morgen hier stehen, während du die Menschen beschimpfst, die versuchen, sich um dich zu kümmern.“„Du hast recht“, antwortete ich und zwang mir ein Lächeln ab, das sich selbst auf meinem eigenen Gesicht unangenehm anfühlte. „Ich bin kein Teenager. Ich bin ein behindertes, übergroßes Mann-Baby, das jemanden braucht, der ihm den Hintern abwischt, ihn anzieht und ihn daran erinnert, sein Gemüse zu essen. Es tut mir leid, dass ich meinen Platz vergessen habe.“„Wage es ja nicht, so über dich selbst zu sprechen“, sagte sie, wobei ihre Stimme leicht zitterte.„Warum n
Sebastians PerspektiveZwei Wochen waren seit meinem letzten spektakulären Zusammenbruch vergangen, und irgendwie hatte meine neue Pflegerin entgegen aller vernünftigen Erwartungen vier ganze Tage in meinen Diensten überstanden.Henrietta war um die sechzig, hatte silbernes Haar, das ordentlich am Hinterkopf festgesteckt war, eine winzige Brille auf der Nase und einen permanenten besorgten Gesichtsausdruck, der mich dazu brachte, Verbrechen begehen zu wollen. Sie bewegte sich langsam, sprach leise und hatte die nervige Angewohnheit, mich so anzusehen, als wäre ich ein verwundetes Tier, das sie am Straßenrand gerettet hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie sie es so lange ausgehalten hatte, aber ich vermutete, dass die Frau entweder taub gegenüber Beleidigungen war oder diese heimlich für ihre Memoiren sammelte.Leider wachte ich an diesem Morgen auf und stellte fest, dass sie es sich so bequem gemacht hatte, dass sie angefangen hatte, mit meinem Frühstück zu experimentieren.„Was soll das