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Kapitel 2 – Der Fremde

last update publish date: 2026-09-06 05:33:22

Der Regen setzte am späten Nachmittag ein.

Feine, kalte Tropfen, die sich in Elaras Haare setzten und ihren Mantel dunkel färbten, während sie die Buchhandlung abschloss. Die Straße war bereits halb leer. Die meisten Menschen hatten sich in Cafés oder nach Hause geflüchtet. Elara zog den Kragen hoch und steckte die Hände in die Taschen. Die rechte Handfläche pochte immer noch leise unter dem Stoff, als würde das Symbol sie daran erinnern, dass es nicht verschwunden war.

Sie hatte den ganzen Tag versucht, nicht daran zu denken.

Es war ihr nicht gelungen.

Statt den Bus zu nehmen, beschloss sie zu Fuß zu gehen. Der Weg nach Hause dauerte vierzig Minuten, wenn sie die Abkürzung durch den alten Park nahm. Normalerweise mied sie den Park nach Einbruch der Dunkelheit. Heute spürte sie den Drang, sich zu bewegen. Die Enge der Buchhandlung hatte an ihr genagt.

Die Laternen im Park warfen gelbes Licht auf die nassen Wege. Der Regen trommelte auf das Laub. Elara ging zügig, den Blick geradeaus gerichtet. Sie dachte an den Traum. An die goldenen Augen. An die Stimme, die sie gebeten hatte, zu vergessen.

Sie dachte so sehr daran, dass sie den Mann erst sah, als er bereits mitten auf dem Weg stand.

Er war groß.

Breitschultrig.

Dunkel gekleidet – schwarzer Mantel, der bis zu den Waden reichte, das Haar nass vom Regen und zurückgestrichen. Er stand vollkommen still, als gehöre er nicht in diese Stadt, nicht in diesen Park, nicht in diese Zeit.

Elara blieb abrupt stehen.

Ihre Schritte hallten noch einen Moment nach und verklangen dann. Der Regen schien lauter zu werden. Der Mann hob langsam den Kopf.

Ihre Blicke trafen sich.

Die Welt kippte.

Für einen Herzschlag war der Park verschwunden. Stattdessen sah Elara Feuer. Blut. Hände – seine Hände –, die ihre umschlossen, fest, verzweifelt, als würden sie sie festhalten oder gerade loslassen. Sie hörte ihren eigenen Atem, zu schnell, zu laut. Sie roch Rauch und Eisen. Und irgendwo in dem Chaos war da eine Stimme, die ihren Namen sagte, roh und gebrochen.

Dann war alles wieder weg.

Elara taumelte einen Schritt zurück. Die Hand schnellte an ihre Brust, als müsste sie ihr Herz festhalten. Der Park war wieder da. Der Regen. Die Laternen. Und der Mann, der sie ansah, als hätte er einen Geist gesehen.

Sein Gesicht war scharf geschnitten, die Haut blass im gelben Licht. Die Augen…

Gold.

Genau wie im Traum.

Für einen Moment rührte er sich nicht. Dann verengten sich seine Augen. Etwas Dunkles und Schmerzliches huschte darüber, so schnell, dass Elara nicht sicher war, ob sie es wirklich gesehen hatte. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Seine Hand zuckte leicht, als wolle er sie ausstrecken – und ließ sie dann sinken.

„Du…“, begann er. Die Stimme war tief, kontrolliert, und doch klang darunter etwas Raues mit. Etwas, das er sofort wieder unterdrückte.

Elara fand ihre Sprache nicht. Ihr Puls raste. Die Handfläche unter dem Ärmel brannte plötzlich heißer, als hätte das Symbol auf seine Anwesenheit reagiert. Sie wollte etwas sagen – eine Entschuldigung, eine Frage, irgendetwas Normales –, aber was herauskam, war nur ein heiseres:

„Wer sind Sie?“

Der Mann sah sie lange an. Der Regen tropfte von seinem Haar auf die Schultern. Hinter ihm bewegte sich der Wind durch die Bäume, und für einen Moment glaubte Elara, etwas Großes und Schwarzes zwischen den Stämmen zu erkennen. Ein Schatten. Ein Tier.

Als sie blinzelte, war es verschwunden.

„Niemand, den du kennen solltest“, sagte er schließlich. Die Worte klangen endgültig. Fast kalt. Und doch ließ er sie nicht aus den Augen. Er sah sie an, als würde er jedes Detail abspeichern. Als würde er prüfen, ob sie wirklich real war.

Elara spürte, wie ihr die Nässe langsam durch den Mantel drang. Sie hätte weitergehen sollen. An ihm vorbei. Nach Hause. Stattdessen blieb sie stehen, gefesselt von dem Gefühl, dass dieser Moment wichtiger war, als er sein durfte.

„Ich habe Sie schon einmal gesehen“, flüsterte sie, bevor sie es verhindern konnte.

Seine Kiefermuskeln spannten sich an.

„Das ist unmöglich.“

„In einem Traum.“ Die Worte kamen schneller, als sie nachdenken konnte. „Ein brennender Wald. Sie haben geblutet. Und Sie haben meinen Namen gesagt.“

Für den Bruchteil einer Sekunde brach etwas in seinem Gesicht auf. Etwas Rohes. Dann war es wieder fort, hinter einer Maske aus Kälte und Kontrolle begraben. Er trat einen Schritt zurück, als hätte sie ihn geschlagen.

„Träume bedeuten nichts“, sagte er hart.

„Und das hier?“ Elara zog den Ärmel hoch, bevor sie sich zurückhalten konnte. Die Handfläche glänzte feucht im Laternenlicht. Das Symbol war dunkler geworden, die Linien scharf und klar.

Der Mann starrte darauf.

Die Luft zwischen ihnen schien sich zu verändern. Dichter. Schwerer. Elara hörte seinen Atem, der für einen Moment unregelmäßig wurde. Dann schloss er die Augen, ganz kurz, als müsste er sich sammeln.

Als er sie wieder öffnete, war da nur noch Eis.

„Geh nach Hause“, sagte er leise. „Und bleib dort.“

„Warum?“

„Weil manche Dinge nicht wiedergefunden werden sollten.“

Er wandte sich ab. Seine Bewegung war fließend, fast zu elegant für einen gewöhnlichen Menschen. Elara wollte ihm nachrufen. Ihn fragen, was das Symbol bedeutete. Warum er sie ansah, als hätte er sie verloren und gerade wiedergefunden.

Doch die Worte blieben stecken.

Er ging nicht weit. Nach ein paar Schritten blieb er stehen, den Rücken zu ihr gewandt. Der Regen prasselte auf seinen Mantel. Ohne sich umzudrehen, sagte er:

„Elara Vale.“

Ihr voller Name.

Er wusste ihn.

„Vergiss diesen Abend.“

Dann verschwand er zwischen den Bäumen, so lautlos, als wäre er nie da gewesen.

Elara stand noch lange im Regen, die markierte Hand an die Brust gepresst. Das Herz schlug zu schnell. Die Vision von Blut und Feuer hing noch hinter ihren Lidern. Und irgendwo tief in ihr, an einem Ort, den sie nicht kannte, spürte sie etwas, das sich anfühlte wie Wiedererkennen.

Als sie endlich den Weg nach Hause fortsetzte, folgte ihr ein Gefühl, beobachtet zu werden.

Am Rand des Parks, im Schatten einer alten Eiche, saß ein schwarzer Wolf und sah ihr nach.

Seine Augen waren golden.

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