LOGINElara Vale hat seltsame Träume. In ihnen brennt ein Wald, und ein verwundeter Mann flüstert ihren Namen – mit der Bitte, ihn zu vergessen, sobald sie ihn findet. Als sie erwacht, trägt sie ein fremdes Symbol in der Handfläche. Kurze Zeit später begegnet sie Lucien Blackthorn. Der Moment, in dem sich ihre Blicke treffen, löst in ihr Bilder von Blut und Feuer aus. Lucien starrt sie an, als hätte er einen Geist gesehen. Denn vor dreihundert Jahren tötete er seine Gefährtin – eine Frau, die denselben Namen trug wie Elara. Lucien ist der unsterbliche Wolfskönig. Kalt, kontrolliert und seit Jahrhunderten von Schuld zerfressen. Er nimmt Elara mit in sein Reich, doch je näher sie ihm kommt, desto mehr Erinnerungen kehren zurück. Sie sieht sich selbst an seiner Seite. Sie hört ihre eigene Stimme, die ihn bittet, sie zu töten, falls sie jemals zurückkehren sollte. Während Elara versucht zu verstehen, wer sie wirklich ist, beginnt etwas in ihr zu erwachen. Die Wölfe des Königreichs erkennen sie. Die Ältesten schweigen. Und Lucien weigert sich, die ganze Wahrheit zu sagen – aus Angst, die Geschichte könnte sich wiederholen. Doch die Wahrheit ist weit dunkler, als beide ahnen. Die Gefährtenbindung, die alle Werwölfe für Schicksal halten, ist kein Geschenk des Mondes. Sie ist eine Fessel. Und Elara ist die Einzige, die sie jemals zerbrechen könnte. Als die Vergangenheit und die Gegenwart aufeinanderprallen, müssen Lucien und Elara eine unmögliche Entscheidung treffen: der Bestimmung folgen – oder sich frei entscheiden. Selbst wenn diese Freiheit bedeutet, dass sie einander für immer verlieren. Denn diesmal will der Mond nicht nur ihre Liebe. Diesmal will er sie selbst.
View MoreDer Wald brannte, und Elara stand mitten darin.
Die Flammen fraßen sich durch die Stämme, als hätten sie Hunger. Funken stiegen in den schwarzen Himmel und verloschen dort wie sterbende Sterne. Die Hitze war so dicht, dass sie an ihrer Haut klebte, und doch verbrannte sie nicht. Der Rauch roch nach Harz, nach nassem Moos und nach etwas Metallischem, das sie nicht benennen konnte – Blut, dachte sie, und wusste nicht, woher diese Gewissheit kam.
Zwischen den brennenden Bäumen lag ein Mann.
Er kniete im aufgewühlten Boden, eine Hand fest auf seine Seite gepresst. Zwischen seinen Fingern sickerte dunkles Blut hervor und tropfte auf die Erde, wo es sofort zu zischen begann, als wäre der Boden selbst heiß. Sein Hemd war zerrissen, die Haut darunter aufgerissen. Dunkles Haar klebte an seiner Stirn. Als er den Kopf hob, trafen seine Augen die ihren.
Gold.
Nicht das warme Gold der Abendsonne. Etwas Wildes. Etwas, das zu lange allein gewesen war und gelernt hatte, niemanden mehr an sich heranzulassen.
„Elara.“
Ihr Name in seinem Mund klang, als hätte er ihn schon hundertmal gesagt. Als wäre er der einzige Name, den er je gekannt hatte. Elara wollte antworten, doch ihre Stimme blieb in ihrer Kehle stecken. Sie kannte diesen Mann nicht. Sie hatte noch nie jemanden gesehen, der so aussah – mit diesen Augen, mit dieser Art, sie anzusehen, als würde er gleichzeitig beten und fluchen.
Er versuchte aufzustehen. Die Bewegung ließ ihn zusammenzucken. Mehr Blut lief über seine Hand. Er sank wieder auf ein Knie und streckte die freie Hand nach ihr aus. Die Finger zitterten.
„Wenn du mich findest…“, seine Stimme war rau, gebrochen von Schmerz und Rauch, „dann erinnere dich nicht.“
Elara trat einen Schritt näher. Die Flammen wichen vor ihr zurück, als hätten sie Respekt. Oder Angst. Sie wollte ihn fragen, wer er war. Warum er ihren Namen kannte. Warum er blutete. Warum der Wald brannte und sie nicht.
Doch der Traum begann bereits zu zerfallen.
Der Mann sah sie an, als wüsste er, dass die Zeit ablief. Etwas Dunkles und Verzweifeltes huschte über sein Gesicht. Er öffnete den Mund noch einmal, aber der Laut, der herauskam, war kein Wort mehr. Nur ein Keuchen. Die Flammen schossen höher. Der Boden unter Elara wurde weich wie Asche. Sie streckte die Hand aus, um die seine zu greifen—
und wachte auf.
Elara setzte sich mit einem Ruck im Bett auf. Das Herz hämmerte so heftig gegen ihre Rippen, dass es wehtat. Schweiß klebte ihr Nachthemd an den Rücken und an die Innenseiten ihrer Arme. Der Raum war dunkel. Nur das schwache orange Licht der Straßenlaterne vor dem Haus fiel durch den Vorhang und zeichnete einen schmalen Streifen auf den Holzboden.
Sie keuchte. Einmal. Zweimal. Der Traum hing noch in ihr, dicht und heiß, als hätte sie wirklich im Feuer gestanden. Der Geruch von Rauch schien noch in ihrer Nase zu liegen. Und die Stimme.
Wenn du mich findest, dann erinnere dich nicht.
Elara hob die rechte Hand und starrte darauf.
Mitten in der Handfläche brannte ein Symbol.
Es war nicht gezeichnet. Es war eingebrannt. Feine, dunkle Linien, die aussahen wie eine gebrochene Mondsichel, durchzogen von etwas, das an eine Kralle oder einen Riss erinnerte. Die Haut darum war gerötet und leicht geschwollen, als hätte jemand eine glühende Münze darauf gedrückt und sie dort liegen lassen. Als sie mit dem Daumen darüber strich, spürte sie einen dumpfen, pochenden Schmerz.
Sie schluckte.
Langsam schob sie die Decke zurück und setzte die Füße auf den kalten Boden. Das Haus war still. Zu still. Draußen heulte der Wind um die Ecken des alten Gebäudes, in dem sie seit zwei Jahren wohnte. Ein kleines Haus am Rand der Stadt, preiswert, weil niemand sonst dort wohnen wollte. Die Nachbarn waren weit genug entfernt, dass sie ihre Ruhe hatte. Normalerweise schätzte sie das.
Heute fühlte es sich an wie Isolation.
Elara ging barfuß ins Badezimmer, schaltete das Licht an und hielt die Hand unter den kalten Wasserstrahl. Das Symbol verblasste nicht. Das Wasser lief über die Linien, als wären sie in die Haut geschnitten worden. Sie nahm Seife. Rieb. Rieb fester. Die Haut wurde wund, aber das Zeichen blieb.
Nach einer Weile gab sie auf, trocknete die Hand ab und starrte sich im Spiegel an. Ihre dunklen Haare klebten an den Schläfen. Die Augen waren weit und unruhig. Sie sah aus, als hätte sie nicht geschlafen, sondern etwas überlebt.
„Nur ein Traum“, flüsterte sie.
Die Worte klangen hohl.
Sie kehrte ins Schlafzimmer zurück, setzte sich auf die Bettkante und sah auf die Uhr. 3:47. Noch Stunden, bis der Wecker klingeln würde. Elara arbeitete in einer kleinen Buchhandlung in der Innenstadt, sechs Tage die Woche. Die Arbeit war ruhig, vorhersehbar. Genau das, was sie brauchte. Oder gebraucht hatte, bis diese Träume begonnen hatten.
Es war nicht das erste Mal.
Seit Wochen kamen sie. Immer der brennende Wald. Immer der Mann. Manchmal war er weiter weg, nur eine Silhouette zwischen den Flammen. Manchmal lag er bereits am Boden und rief nicht mehr. Aber heute hatte er ihren Namen gesagt. Heute hatte er sie angeblickt, als würde er sie kennen.
Und heute hatte er ihr etwas hinterlassen.
Elara legte sich wieder hin, die markierte Hand neben dem Gesicht. Sie starrte an die Decke und versuchte, an etwas anderes zu denken. An die Bestellung neuer Romane, die morgen ankommen sollte. An die alte Kundin, die jeden Dienstag kam und immer denselben Tee trank. An den Kaffee, den sie sich später machen würde.
Nichts half.
Die Stimme des Mannes lag unter allem, leise und eindringlich.
Dann erinnere dich nicht.
Als der Himmel endlich grau wurde, stand Elara auf. Sie duschte, zog sich an – Jeans, einen weiten Pullover, Stiefel – und band das Haar zu einem lockeren Zopf. Im Spiegel sah sie noch einmal auf ihre Handfläche. Das Symbol war blasser geworden, aber es war da. Sie zog den Ärmel des Pullovers darüber, als könnte sie es verstecken.
Unten in der Küche kochte sie Kaffee und aß einen Toast, den sie kaum schmeckte. Durch das Fenster sah sie den kleinen Garten hinter dem Haus. Die Hecke war überwachsen. Der alte Apfelbaum trug keine Früchte mehr. Und ganz hinten, zwischen den Zweigen, glaubte sie für einen Moment, etwas Schwarzes zu sehen.
Einen Schatten.
Sie blinzelte.
Nichts.
Nur der Wind, der die Blätter bewegte.
Elara stellte die Tasse ab, zog die Jacke an und verließ das Haus. Der Morgen war kühl und feucht. Die Straße lag noch still. Sie ging zu Fuß zur Bushaltestelle, die Hände in den Taschen vergraben, die rechte Faust geschlossen um das unsichtbare Zeichen.
Auf dem Weg hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden.
Zweimal drehte sie sich um. Einmal glaubte sie, am Ende der Straße ein dunkles Fell zu sehen, das hinter einer Mauer verschwand. Einmal hörte sie ein leises, tiefes Fauchen, das der Wind hätte sein können.
Als der Bus kam, stieg sie ein und setzte sich ganz nach hinten. Durch das Fenster sah sie noch einmal zu ihrem Haus zurück. Der Garten lag ruhig. Kein Schatten. Kein Wolf.
Nur die Erinnerung an goldene Augen und an eine Stimme, die sie bat, zu vergessen.
Elara lehnte den Kopf an die Scheibe und schloss die Augen.
Irgendwo tief in ihr, an einem Ort, den sie nicht benennen konnte, wusste sie bereits, dass das Vergessen unmöglich sein würde.
Der Tag in der Buchhandlung verlief wie jeder andere – und doch nicht. Elara sortierte Lieferungen, beriet Kunden, lächelte, wenn es erwartet wurde. Die alte Frau mit dem Tee kam und erzählte von ihren Enkeln. Ein junger Mann suchte einen bestimmten Fantasy-Roman und ging mit drei Büchern mehr hinaus, als er geplant hatte. Elara funktionierte. Das hatte sie immer gut gekonnt.
Aber jedes Mal, wenn sie etwas anfasste, spürte sie das leise Pochen in der Handfläche. Jedes Mal, wenn jemand zu lange ihren Namen sagte, zuckte etwas in ihr zusammen. Und einmal, als sie im Lager eine Kiste öffnete und der Geruch von altem Papier und Staub aufstieg, meinte sie für einen Herzschlag, Rauch zu riechen.
Am Nachmittag, als die Sonne bereits tiefer stand und die Buchhandlung leerer wurde, blieb sie einen Moment hinter dem Tresen stehen und öffnete die Hand.
Das Symbol war immer noch da.
Dunkler als am Morgen. Als hätte es sich tiefer in die Haut gegraben.
Elara schluckte und schloss die Finger wieder.
Sie wusste nicht, was es bedeutete. Sie wusste nicht, wer der Mann im Feuer gewesen war. Sie wusste nur eines mit einer seltsamen, unerschütterlichen Sicherheit:
Irgendwann würde sie ihn finden.
Und dann würde sie sich erinnern müssen – egal, was er sie gebeten hatte.
Der Schnee hatte aufgehört zu fallen.Am Morgen lag er noch auf den Dächern und in den Innenhöfen, aber die Straßen waren bereits freigeräumt. Das Wasser tropfte von den Dachrinnen, und die Stadt atmete wieder in ihrem normalen Rhythmus. Elara stand am Fenster und sah zu, wie ein Junge mit einer Schaufel den Gehweg vor dem Nachbarhaus freilegte. Die Bewegungen waren ungeschickt und ernsthaft zugleich.Hinter ihr setzte Lucien Wasser auf. Das vertraute Klicken des Kochers füllte die Küche. Er trat zu ihr, legte eine Hand auf ihren Rücken und reichte ihr eine Tasse, noch bevor der Tee fertig war.„Du bist früh wach“, sagte er.„Der Tropfen hat mich geweckt.“ Elara nahm die Tasse und wärmte ihre Finger daran. „Es klingt, als würde die Stadt wieder anfangen.“Lucien sah hinaus. „Ja. Der Schnee geht. Alles geht weiter.“Sie blieben eine Weile stehen. Die Stille zwischen ihnen war nicht leer. Sie war gefüllt mit Jahren, mit Entscheidungen, mit all den stillen Morgen, die sie hinter sich hat
Der Schnee lag nun schon seit Tagen.Nicht mehr frisch und locker, sondern festgetreten und an den Rändern grau. Die Stadt hatte sich an ihn gewöhnt. Die Menschen gingen wieder schneller. Die Straßen waren geräumt. Nur auf den Dächern und in den Innenhöfen blieb er liegen, als wollte er noch ein wenig widerstehen.Elara stand in der Küche und schnitt Brot. Das Messer glitt gleichmäßig durch die Kruste. Hinter ihr saß Lucien am Tisch und goss Tee in zwei Tassen. Dampf stieg auf. Das Fenster war halb offen, und die kalte Luft vermischte sich mit dem Geruch von geröstetem Brot und dem schwachen Duft von Holz, der immer noch an seinen Kleidern hing.„Du bist stiller als sonst“, sagte er.Elara legte das Messer beiseite und drehte sich um. „Ich denke an die Zeit. Daran, wie viel davon vergangen ist. Und wie wenig es sich anfühlt, wenn man hier sitzt.“Lucien schob ihr eine Tasse hin. „Komm. Setz dich.“Sie setzte sich. Das Holz des Tisches war unter ihren Unterarmen kühl. Lucien beobachtet
Der Winter legte sich in diesem Jahr langsam und ohne Eile über die Stadt.Elara wachte an einem dieser stillen Morgen auf, an denen das Licht hinter den Gardinen milchig und weich war. Kein grelles Weiß, kein hartes Grau. Nur ein blasses, geduldiges Silber, das die Umrisse des Zimmers behutsam sichtbar machte. Lucien schlief noch. Ein Arm lag schwer und warm über ihrer Taille, sein Gesicht war in das Kissen gedrückt, der Atem ging tief und gleichmäßig gegen ihren Rücken. Sie lag ganz still und lauschte.Dem fernen Rauschen der Straße, die nie ganz verstummte.Dem leisen, unregelmäßigen Knacken der Heizung.Dem Herzschlag hinter ihr – ruhig, zuverlässig, real.Es war kein besonderer Tag. Kein Jahrestag. Kein Datum, das man im Kalender markierte. Kein Morgen, der nach großem Abschied oder großem Beginn schmeckte. Nur ein weiterer Tag in einem Leben, das sie sich aus freien Stücken gebaut hatten. Und genau deshalb fühlte er sich wichtig an.Sie drehte sich vorsichtig um. Luciens Augen ö
Der Schnee blieb drei Tage liegen.Am ersten Tag war er noch locker und leicht, eine weiße, unberührte Decke, die alles weich und fremd erscheinen ließ. Die Straßen waren still, die Geräusche der Stadt gedämpft, als läge die ganze Gegend unter einer dicken Schicht Watte. Am zweiten Tag wurde er schwerer, nasser. Fußspuren verwandelten sich in graue, matschige Pfade. Die Dächer trugen die Last bereits sichtlich. Am dritten Tag begann er zu schmelzen. Wasser tropfte unaufhörlich von den Dachrinnen, die Bürgersteige wurden glatt und gefährlich, und die Stadt gab nach und nach wieder jene Geräusche von sich, die der Schnee verschluckt hatte.Elara stand am Fenster und sah zu, wie ein älterer Mann mit einer Schaufel den Eingang des gegenüberliegenden Hauses freilegte. Seine Bewegungen waren langsam, methodisch, fast feierlich. Daneben saß ein mittelgroßer Hund mit nassem Fell und stieß ab und zu mit der Schnauze in den schmutzigen Schnee, als suchte er etwas, das längst nicht mehr da war.











