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„Sag es mir nach, Finn. Wenn ich ‚Lauf!' sage, rennst du."
„Wren, das ist bestimmt nur eine Ratte." „Ratten schreien nicht. Sag es." Er stemmte sich vom Boden des Vorratsraums hoch. Eine Seite seiner Haare lag platt am Kopf, und seine gelbe Jacke war bis zum Kinn zugezogen. Drei Monate Kekse und keine Sonne hatten ihn dünn wie einen Stock gemacht, nur Ellbogen und Knie, aber er hatte immer noch genug Kraft, um die Augen zu verdrehen. „Wenn du ‚Lauf!' sagst, renne ich", murmelte er. „Zufrieden?" „Lauter." „Ich hab gesagt, ich renne!" „Psst." Ich legte ihm die Hand auf den Mund. Keiner von uns rührte sich. Weiter unten im Flur kreischte Metall. Dann gab es einen lauten Knall, als würde ein Getränkeautomat auf die Nase fallen, und genau das war es auch. Drei Monate lang hatten wir Betten und Rollbahren und diesen blöden Automaten vor die Tür gestapelt, und alles fiel in ungefähr vier Sekunden um. Dann fing das Schreien an. Es war nicht eine Stimme. Es war eine ganze Menge, hoch und nass, und nackte Füße klatschten auf den Boden und kamen näher. Läufer. Die schnellen. „Tasche", flüsterte ich. „Hab ich." Er hielt sie schon in der Hand. Guter Junge. Die Feuerwehraxt lehnte neben meiner Matratze. Ich hatte sie in der zweiten Woche aus einem Glaskasten im zweiten Stock geholt, und ich hatte sie noch nie gegen etwas Lebendiges geschwungen. Meine Hände waren so verschwitzt, dass ich noch einmal neu zupacken musste. „Okay, hör zu. Die Hintertür ist am Ende des Flurs. Die Treppe runter zur Laderampe, dann raus in die Gasse. Bleib nicht in der Gasse stehen." „Wo gehst du hin?" „Direkt hinter dir her." „Du lügst." „Tu ich nicht." „Du machst das mit der Augenbraue." „Ich mache nichts mit der Augenbraue." „Wren." „Geh einfach." Ich trat die Tür auf. Die Notbeleuchtung tauchte den ganzen Flur in Rot. Das Schreien prallte von den gefliesten Wänden ab, sodass es von überall zu kommen schien. Um die Ecke krachte etwas Schweres gegen eine Wand und kam weiter auf uns zu. Wir rannten, und Finns Turnschuhe quietschten neben mir auf dem Boden. Ich zählte die Türen, an denen wir vorbeiliefen, denn ich zählte inzwischen alles. Sechs. Fünf. Vier. Die Hintertür war aus verbeultem Metall und hatte eine Druckstange. Ich warf mich mit der Schulter dagegen. Kalte Luft kam die Treppe herauf und roch nach nassem Beton. Hinter uns schoss der erste Läufer um das Ende des Flurs. „Geh", sagte ich. „Nicht ohne dich." „Finn …" „Du hast gesagt, wir bleiben zusammen. Du hast die Regeln gemacht." Seine Stimme brach. Er packte eine Handvoll von meinem Ärmel. „Komm mit. Bitte. Wir passen beide durch." „Die sind zu schnell. Auf der Treppe kriegen sie uns beide." „Dann kämpfen wir." „Womit denn? Mit deinen Schnürsenkeln?" Ich lachte, aber es klang falsch. „Jemand muss dafür sorgen, dass sie aufhören, dich anzusehen, Finn. Das bin ich. Das ist mein Job." Sein Gesicht fiel in sich zusammen. Er war fünfzehn, und er war schon so lange tapfer, dass ich ständig vergaß, dass er noch ein Kind war. Ich zog ihm die Kapuze über den Kopf und band die Schnüre unter seinem Kinn zu. Meine Hände zitterten so stark, dass ich drei Versuche für den Knoten brauchte. „Mama würde mich umbringen, wenn du dich erkältest", sagte ich. „Das ist nicht lustig." „Ein bisschen lustig ist es schon." Er gab einen Laut von sich, halb Lachen, halb Schluchzen. Hinter uns zerfiel das Schreien in viele verschiedene Stimmen, und ich hörte Fingernägel an der Wand kratzen. „Lauf. Sieh dich nicht um. Kein einziges Mal. Ich meine es ernst." „Wren …" Ich schob ihn mit beiden Händen durch die Tür. Er stolperte drei Stufen hinunter, griff nach dem Geländer und sah zu mir hoch. Sein Gesicht werde ich nie vergessen. Dann rannte er los, und das Letzte, was ich sah, war ein gelber Blitz, der um die Ecke der Treppe bog. Die Tür schwang zu und klickte ins Schloss. Ich drehte mich um. Es waren neun, vielleicht zehn, Schulter an Schulter im roten Licht. Ein Mann in einem zerrissenen Krankenhaushemd. Eine Frau, der die Hälfte der Haare und der Kopfhaut fehlte. Etwas, das früher eine Krankenschwester gewesen war, ihr Namensschild hing noch an einer Schnur. Sie waren stehen geblieben, als sie mich sahen. Ihre Köpfe neigten sich wie bei Hunden, die ein fremdes Geräusch hören, und ihre Nasen zuckten. Ich hob die Axt und schlug sie gegen das Metallrohr, das an der Wand entlanglief. *Klong.* Sie zuckten zusammen. „Hey!", schrie ich. „Hier drüben, ihr hässlichen … hey!" *Klong. Klong. Klong.* Der Lärm rollte durch das ganze Krankenhaus. Jeder Kopf fuhr zu mir herum, und ihr Kreischen veränderte sich. Es war nicht mehr überall verstreut. Es zielte direkt auf mich. Ich ging rückwärts, weg von der Hintertür, schlug weiter gegen das Rohr und zog sie den Flur entlang, weg von der Treppe. Weg von meinem Bruder. „Genau so. Das Abendessen gibt's hier. Kommt schon. Ich bin der letzte Snack." Sie kamen. Sie kamen wirklich. Ich drehte mich um und rannte zur anderen Treppe, der, die nach oben führte. Die Axt fühlte sich schwer an wie ein Sack nasser Sand, und ich nahm zwei Stufen auf einmal. Dann schlug mir eine Hand in den Rücken und warf mich gegen das Geländer. Der Mann im Krankenhaushemd war den anderen vorausgekommen. Sein Kiefer hing schief auf, so, wie ein Kiefer niemals hängen sollte. Er packte meinen Knöchel, und ich schwang die Axt. Die Klinge drang mit einem Knacken in seinen Schulterknochen ein, das ich in den Zähnen spürte. Heißes Blut spritzte mir ins Gesicht und in den Mund. Er hörte nicht auf. Er wurde nicht einmal langsamer. Er zog sich einfach an meinem Bein hoch und schrie in mein Knie. Ich schrie zurück und schlug weiter, immer wieder, bis etwas nachgab und er in Stücken die Stufen hinunterrutschte. Die Axt steckte in ihm fest. Ich zog einmal, dann noch einmal, aber sie wollte nicht herauskommen. Unten auf dem Treppenabsatz kletterte die Krankenschwester schon herauf. Ich ließ los und rannte. Ein Stockwerk hoch. Dann zwei. Meine Brust brannte, als hätte ich ein brennendes Streichholz verschluckt. Oben endete die Treppe an einer grauen Metalltür, um deren Griff eine dicke Kette gewickelt war. Ich warf mich dagegen. Sie wackelte, aber sie hielt. „Nein. Nein, nein, nein …" Ich zerrte an der Kette, bis meine Handflächen bluteten. Unter mir füllte sich das Treppenhaus mit stampfenden Füßen und Schreien. Ich roch sie, bevor ich sie sah: Verwesung, Krankenhausseife und darunter etwas Süßliches. Ich drehte mich um und drückte den Rücken gegen die kalte Tür. In meiner Tasche hatte ich nur ein kaputtes Funkgerät und ein Foto von meinen Eltern. Nichts mehr, womit ich zuschlagen konnte. „Okay", sagte ich zu niemandem. „Das war ein furchtbarer Plan." Die Krankenschwester kam vor den anderen um die letzte Kurve. Sie blieb auf dem Treppenabsatz stehen und sah mit schief gelegtem Kopf zu mir hoch, fast neugierig. Dann riss sie den Mund weit auf und sprang, mit dem ganzen Körper auf einmal, die Finger wie Krallen gekrümmt. Ein Schuss hallte durch das Treppenhaus. Sie fiel vor meinen Füßen zu Boden, mit einem Loch dort, wo ihr Auge gewesen war. Ein zweiter Schuss folgte, dann ein dritter, und das Schreien unter mir wurde wirr und unsicher. Stiefel donnerten die Stufen herauf, jemand rannte schnell. Dann schnitt die Stimme eines Mannes durch die Dunkelheit, eine Stimme, die ich seit zwei Jahren nicht gehört hatte. „Runter, Wren.”Boots ließ die Dosen fallen. Eine nach der anderen schlugen sie auf dem Kies auf und rollten bis zum Dachrand. Er sah ihnen nicht nach. Obwohl ich mich nicht bewegt hatte, streckte er den Arm schützend vor mich und starrte so lange auf die Baumgrenze, wie ich brauchte, um zweimal zu atmen.„Sie kommen nicht bei Tageslicht heraus“, sagte ich.„Nein.“„Warum stehen sie dann dort?“„Ich weiß es nicht.“ Seine Stimme war leise. Kein Scherz lag darin. „Wren, geh die Leiter hinunter.“„Beck …“„Jetzt. Bitte.“Auf dem Nordturm rief ein Wachposten etwas, das ich nicht verstehen konnte. Die Glocke an der Veranda der Lodge begann schnell und heftig zu läuten, und entlang der Hüttenreihen öffneten sich überall Türen.Ich kletterte mit meiner verbundenen Hand an die Brust gedrückt hinunter. Beck kam direkt über mir nach unten, und seine Stiefel trafen zweimal meine Finger. Unten war der Hof voller Menschen, die in alle Richt
Draußen überquerten Stiefel den Kies. Ein Schlüssel kratzte im Vorhängeschloss der Haupteingangstür.Beck hielt mein Handgelenk mit einer Hand und Coras Jackenkragen mit der anderen fest. Er sagte kein Wort. Er zog uns den Gang entlang zurück zu dem Korridor, in dem durch das Gitter ein schmaler Streifen graues Licht fiel. Zuerst hob er Cora hinauf, dann schob er von unten gegen meinen Stiefel, während ich mich mit meiner gesunden Hand nach draußen zog. Er kletterte hinter mir her und senkte das Gitter lautlos wieder ab. Wir legten uns flach auf den Boden hinter dem Kohlebunker. Durch die Fundamentwand hörte ich, wie eine Stahltür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Sonst hörte ich nichts, und ich beschloss, dass ich auch nichts hören wollte.„Das war das lauteste Anschleichen, das ich je erlebt habe“, flüsterte Beck. „Ihr beide. Wirklich beeindruckend.“„Ich war nicht laut“, flüsterte Cora zurück.„Deine Jacke quietscht.“Er schickte
Ich schob den Ausweis in meinen Ärmel und hielt meine verbundene Hand darüber. Elias drehte sich vom Waschbecken weg, trocknete sich die Hände ab und sah zu dem Feldbett, auf dem ich saß. Eine Sekunde lang war ich sicher, dass er fragen würde. Stattdessen nahm er seine Tasche. „Halte ihn trocken“, sagte er noch einmal und ging. Ich wartete, bis seine Schritte im Flur verklungen waren. Dann stand ich auf, holte den Ausweis hervor und folgte ihm. Declan und Beck warteten vor der Küchentür. Declan lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und hatte den Blick auf den Versammlungssaal der Lodge gerichtet. Beck saß auf einem umgedrehten Eimer und klappte immer wieder das Feuerzeug auf und zu. Elias war ein paar Schritte vor ihnen stehen geblieben. Alle drei sahen mich gleichzeitig an. Alle drei blickten auf meine geschlossene Hand. „Tom Dalton hatte das bei sich“, sagte ich und hielt den Ausweis am Band hoch. Beck
Ich bewegte mich nicht. Ein Wachmann überquerte mit einer Laterne den Hof. Ich wartete, bis er um die Ecke der Lodge verschwunden war, bevor ich antwortete.„Sie füttert es. Was soll das heißen? Einen Hund?“„Ein Hund würde bellen. Das würde ich hören.“ Cora hob zwei Finger. „Zweimal pro Woche. Direkt nach dem Dämmerungshorn, wenn die Wachen auf der Mauer wechseln und niemand auf die Rückseite der Lodge achtet. Sie geht mit einer abgedeckten Blechdose hinein und kommt mit einer leeren wieder heraus. Letzten Sonntag blieb sie zwanzig Minuten.“„Und du hast es niemandem erzählt?“„Wem denn? Sie ist der Warden.“ Sie sagte es, als wäre es eine einfache Tatsache, und ich verstand, dass es in Harlow Ridge auch genau das war. „Aber du bist anders. Du magst sie nicht.“„Ich kenne sie nicht.“„Eben. Du magst sie also noch nicht.“Ich sah auf meine verbundene Hand. Declan hatte gesagt, wir würden heute Abend reden. Elias hatte mir
Das Wort blieb im Raum hängen, nachdem er es ausgesprochen hatte. Ich konnte mich nicht bewegen. Der Stuhl stand noch immer zwischen uns. Seine Hände lagen noch immer auf den Stuhlbeinen. Seine trüben Augen waren weiterhin auf mein Gesicht gerichtet. Hinter ihm hatte Elias ein Knie unter seinen Körper gezogen. Glasscherben rutschten von seinem Rücken und klirrten auf dem Boden.„Woher kennst du diesen Namen?“, flüsterte ich.Der Kopf des Mannes neigte sich noch weiter zur Seite. Sein Kiefer begann sich langsam zu öffnen, als wollte er ein weiteres Wort hervorbringen.Der Riegel an der Tür wurde hochgehoben. Die Tür krachte gegen die Wand.„Wren. Runter!“Ich ließ den Stuhl los und warf mich flach zwischen die Feldbetten. Meine Arme legte ich schützend über den Kopf. Der Schuss war so laut, dass es in meinen Ohren schmerzte. Etwas Schweres fiel auf den Stuhl und klemmte meine Beine ein. Eine warme Flüssigkeit traf meinen Nacken und meine Hand. Einen Moment lang hörte ich nur ein hohes,
Die Krankenstation lag am Ende eines kurzen Flurs hinter der Küche. Als Elias dort ankam, stand die Tür bereits offen. Ich blieb keuchend im Türrahmen stehen und ließ den Blick durch den Raum schweifen.Sechs schmale Betten standen nebeneinander, jedes mit einem grauen Vorhang an einer Schiene. An einer Wand reihten sich Schränke mit Glastüren. Auf einem Metallwagen lag ein Tablett mit medizinischen Instrumenten.Eine ältere Frau in einem Schwesternkittel zog ein Bett in Richtung Tür. Ein kleiner Junge lag noch darauf, sein Bein in Gips. Die Luft roch nach Alkohol, Schweiß und etwas Säuerlichem.Am anderen Ende des Raumes, neben dem Fenster, kniete eine Frau neben dem letzten Bett und hielt die Hand eines Mannes mit beiden Händen fest. „Tom“, sagte sie immer wieder. „Tom, sieh mich an.“„Greta, was ist los?“, fragte Elias.„Bett sechs. Er kam letzte Nacht mit Fieber hierher.“ Die Krankenschwester zog das Bett weiter. „Seine Frau sagte, er hätte Fieber. Ich habe ihr geglaubt.“Elias gi







