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Kapitel 2 : Die Maske 2

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-14 04:20:51

Ein Kellner geht vorbei, Tablett balancierend auf einer weiß behandschuhten Hand. Champagnerkelche, schlanke Flöten, in denen die Blasen in regelmäßigen Säulen aufsteigen. Ich greife eine, ohne nachzudenken. Meine Finger zittern am Kristall. Ich umklammere die Flöte fester, so fest, dass ich fürchte, sie zu zerbrechen. Der Champagner ist kühl, zu kühl, er rinnt meine Kehle hinunter wie ein eisiger Strom.

In diesem Moment nähert er sich.

Ein Mann. Um die sechzig, schön auf eine Weise, die durch jahrzehntelanges Privileg erhalten wurde. Anthrazitgrauer Anzug, der mehr gekostet haben muss als meine Monatsmiete. Weißes Einstecktuch, Manschettenknöpfe aus Onyx. Seine Augen gleiten mit dieser klinischen Langsamkeit über mich, die Experten für menschliches Fleisch eigen ist, Kenner, die sich nie beeilen, weil sie wissen, dass ihnen am Ende alles gehört.

— Neu.

Es ist keine Frage. Er weiß es. Er weiß alles über mich mit einem einzigen Blick, wie ein Raubtier, das das Blut eines verwundeten Tieres wittert.

— Ja.

— Kennst du die Regeln?

Seine Stimme ist gebildet, schleppend, die eines Mannes, der nie die Stimme heben musste, um zu bekommen, was er will.

— Ich... ich beobachte vorerst nur.

Er lächelt. Und dieses Lächeln ist schlimmer als eine Drohung. Es ist das Lächeln dessen, der dich bereits eingeordnet, katalogisiert, etikettiert hat. Das Lächeln dessen, der weiß, dass du fallen wirst, dass es eine Frage von Stunden oder Minuten ist, und dass dein Widerstand Teil der Unterhaltung ist. Er hat Hunderte Frauen wie mich durch diese Tür kommen sehen, mit demselben Schimmer von Trotz in den Augen, und er hat sie alle einknicken sehen.

— Dann beobachte, meine Schöne. Beobachte gut. Aber vergiss nie eines.

Er beugt sich vor, sein Mund nah an meinem Ohr. Sein Eau de Toilette ist eine Mischung aus Sandelholz und etwas Bittererem. Metallischem.

— Hier wird man genauso beobachtet, wie man beobachtet. Jede deiner Bewegungen, jedes Atemholen, jeder Wimpernschlag ist eine Information, die du Jägern gibst, die du nicht einmal siehst. Hüte dich vor den Spiegeln. Und hüte dich vor denen, die sich in keinem spiegeln.

Er entfernt sich, von der Menge verschluckt, und lässt mich allein mit meinem Champagner und meinen bröckelnden Gewissheiten.

Ich atme. Ich versuche, meinen Herzschlag zu beruhigen. Die Wahrheit trifft mich zum ersten Mal, seit ich diesen Auftrag angenommen habe, seit ich vier Monate damit verbracht habe, Informationen über diesen Club zu sammeln, ehemalige Angestellte zu bestechen, anonyme Quellen abzugleichen, meinen Chefredakteur zu überzeugen, dass diese Infiltration notwendig, lebenswichtig war, dass es niemand sonst tun konnte.

Ich kontrolliere nichts.

Ich beherrsche nichts.

Jede meiner Bewegungen ist eine Information, die ich preisgebe. Jeder Blick, den ich zuwerfe, jedes Zusammenzucken, das ich unterdrücke, jedes Erröten, das mir in die Wangen steigt, ist ein unfreiwilliges Geständnis. Ich bin eine Beute, die gerade die Höhle des Wolfes betreten hat und sich für den Jäger hielt.

Und dennoch.

Unter der Angst. Unter der Abscheu, die ich empfinden sollte, die ich empfinde, die ich empfinden will. Unter der professionellen Stimme, die mir diktiert, klar zu bleiben, mentale Notizen zu machen, die klinische Distanz des Reporters zu seinem Thema zu wahren. Unter all dem pulsiert etwas. Etwas Trüberes, Beschämenderes, vielleicht Wahreres.

Eine ungesunde Neugier.

Eine Wärme, die ich nicht benennen will.

Ich bin Journalistin. Ich bin hier, um diesen Ort anzuprangern, um ans Licht zu bringen, was sich in dieser Kathedrale der Perversion abspielt. Mein Artikel wird die Titelseite des Chronicle zieren. Er wird Ermittlungen auslösen, vielleicht parlamentarische Untersuchungsausschüsse. Er wird Köpfe rollen lassen, Reputationen, Vermögen. Ich stehe auf der Seite der Gerechtigkeit, der Moral, des Lichts.

Aber während ich der Frau an der Leine zusehe, wie sie ein zweites Mal an mir vorbeigeht, ihre Haut schweißglänzend unter den Kandelabern, ihr Blick leer und doch seltsam friedlich, schleicht sich eine Frage, die ich mir nicht stellen wollte, in meinen Schädel wie ein Wurm in eine reife Frucht. Sie kriecht, sie gräbt, sie richtet sich ein.

Wie fühlt es sich an, sich so sehr aufzugeben?

Wie fühlt es sich an, für nichts mehr verantwortlich zu sein, an nichts mehr schuldig, nichts weiter als ein Körper, den man führt und benutzt?

Ich verscheuche den Gedanken mit einer abrupten Kopfbewegung. Dafür bin ich nicht hergekommen. Ich bin nicht wie diese Frauen. Ich bin nicht aus Verlangen hier, aus Bedürfnis, aus Mangel. Ich bin aus Pflicht hier. Punkt.

Die Musik ändert sich. Ein neues Stück, langsamer, schwerer. Die Bässe sinken um eine Oktave, vibrieren in meinem Brustkorb, verändern meine Atmung ohne meine Zustimmung. Ich spüre das Tempo in meinen Knochen, in meinem Bauch, an diesem geheimen Punkt, den ich nicht zu benennen wage. Die Blicke in meinem Rücken sind Verbrennungen. Das Halsband, das ich noch nicht trage, das mir aber bereits die Kehle zuschnürt, ist wirklicher als die Luft, die ich atme.

Ich bin Eva.

Eva hat keine Angst.

Eva ist nicht umsonst gekommen.

Eva ist gekommen, um zu sehen, wie weit die Nacht reicht, und die Nacht hat gerade erst begonnen.

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