Startseite / Romantik / Daddy und ich / Kapitel 4 : Der König der Schatten

Teilen

Kapitel 4 : Der König der Schatten

last update Veröffentlichungsdatum: 14.07.2026 04:24:00

Blanche

Ich sehe ihn, bevor ich weiß, wer er ist.

Nicht, weil man ihn mir zeigt. Nicht, weil ein Kellner oder eine Eingeweihte ihn mir mit dieser ängstlichen Ehrfurcht bezeichnet, die ich bei den Stammgästen beobachte. Sondern weil sich alles um ihn herum organisiert, ohne dass er einen Finger rühren muss. Wie eine schwarze Sonne, um die eine ganze Galaxie von Körpern und Begierden kreist.

Er sitzt in einer erhöhten Nische, abseits der wimmelnden Grube. Drei Stufen aus schwarzem Marmor isolieren sein Territorium vom Rest des Clubs. Ein Sessel, der einem Thron gleicht, hohe Rückenlehne aus geschnitztem Holz, breite Armlehnen, auf denen seine Hände mit der Unbeweglichkeit von Stein ruhen. Ein niedriger Tisch zu seiner Rechten, ein Glas Whisky darauf, bernsteinfarben, unberührt. Kein Eis. Kein Wasser. Ein Single Malt, den niemand trinken wird, dort gelassen wie eine Opfergabe an einen dunklen Gott.

Keine Frau zu seinen Füßen. Kein Gast an seiner Seite. Ein leerer Raum von mindestens zwei Metern Radius um sein Podest, wie eine unsichtbare Quarantänezone, die niemand zu überschreiten wagt. Die Körper, die Tänze, die Unterwerfungen, alles endet an der Grenze seines Schweigens.

Er schaut zu.

Das ist alles, was er tut. Seine Hände reglos auf den Armlehnen. Sein Gesicht unbewegt. Seine Augen, die den Saal mit der Langsamkeit eines Gefängnissuchscheinwerfers absuchen. Und es ist das Einschüchterndste, was ich je gesehen habe. Keine Gesten, keine Worte, keine Drohungen. Nur eine Präsenz, die auf dem Raum lastet wie ein Bleimantel.

Damien Cross.

Ich kenne seinen Namen aus vier Monaten hartnäckiger Recherche. Zweiundvierzig Jahre alt. Vermögen geschätzt auf neun Ziffern, vielleicht zehn, die Quellen gehen auseinander. Eigentümer von L'Œil, aber auch von ähnlichen Clubs in London, Tokio, Dubai, Etablissements, die nach demselben Modell funktionieren: ultra-exklusiv, im Untergrund, rechtlich unantastbar dank eines Geflechts von Briefkastenfirmen und hochrangigen Protektionen. Kein verwertbares Foto in meinen Akten. Die seltenen Aufnahmen, die ich finden konnte, sind verschwommen, weit entfernt, unbrauchbar. Kein Interview, niemals. Ein Phantom der High Society, das weder Wohltätigkeitsgalas noch mondäne Dinner besucht. Ein Name, der in gewissen Kreisen mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken geflüstert wird.

Hier ist er, aus Fleisch und Blut.

Und die Fotos werden ihm nicht gerecht.

Schön wie ein gefallener Engel. Nicht die glatte Schönheit von Magazinmodels. Eine gefährliche, kantige Schönheit, die aus demselben schwarzen Stein gehauen scheint wie der Marmor seines Clubs. Haar von tiefstem Schwarz, dick, zurückgekämmt, an den Schläfen leicht silbern. Kiefer quadratisch, willensstark, einer von denen, die den Zweifel nicht kennen. Wangenknochen hoch und markant unter matter Haut. Schwarze, dichte Augenbrauen, die Augen so dunkel überwölbend, dass man die Iris nicht von der Pupille unterscheiden kann. Zwei bodenlose Schächte, die das Licht absorbieren und nichts zurückwerfen.

Er trägt einen schwarzen Anzug, italienischer Schnitt, weißes Hemd ohne Krawatte, der Kragen offen über einem kräftigen Hals, an dem eine Ader pocht, die ich sehe, wenn er den Kopf dreht. Der geöffnete Kragen lässt den Ansatz eines Oberkörpers erahnen, den ich mir härter als Stein vorstelle, gemeißelt von Jahren der Disziplin. Kein Schmuck. Keine sichtbare Uhr. Er muss seinen Reichtum nicht zur Schau stellen. Er geht von ihm aus wie die Hitze eines Feuers.

Eine Frau nähert sich seinem Podest.

Sie ist prachtvoll nach den Maßstäben dieses Ortes. Rothaarig, die Milchhaut mit Sommersprossen übersät, gekleidet in einen schwarzen Latexoverall, der jede Rundung mit der Präzision eines OP-Handschuhs umschmeichelt. Ihre Formen sind modelliert, ausgestellt, dargeboten. Sie kniet sich wortlos am Fuß der drei Stufen nieder, den Kopf so tief gesenkt, dass ihre Stirn fast den Marmor berührt. Ihr rotes Haar fällt über ihre Schultern, streift den Boden.

Er sieht sie nicht an.

Eine endlose Zeit. Ich zähle die Sekunden in meinem Kopf, ein alter journalistischer Reflex, um Schweigen zu messen. Dreißig Sekunden. Eine Minute. Die Frau bewegt sich nicht, Statue aus Fleisch und Latex, ihre Schenkel zittern leicht unter der Anstrengung der Reglosigkeit. Ihr Rücken ist vollkommen gerade. Ihre Hände sind im unteren Rücken verschränkt, Handgelenke dargeboten.

Lies dieses Buch weiterhin kostenlos
Code scannen, um die App herunterzuladen

Aktuellstes Kapitel

  • Daddy und ich   Kapitel 26 : Sensorische Entbehrung 3

    Er lässt es über meine Rippen gleiten, eine nach der anderen, zählt sie mit seiner tiefen Stimme. Über meine Hüfte, in mein Hohlkreuz, über die Rundung meines Gesäßes. Das kalte Wasser rinnt zwischen meine Schenkel, läuft über mein intimes Fleisch, und der Schock der Kälte auf diesem so heißen, so empfindlichen Teil entreißt mir ein vom Knebel ersticktes Stöhnen. — Ich habe nicht gesagt, dass du stöhnen darfst, murmelt er. Das Eis verschwindet. Der Würfel wird mit einem dumpfen Geräusch auf den Metalltisch gelegt. Die Stille kehrt zurück, und mit ihr die Strafe der Leere, der Abwesenheit, der Frustration. Ich lerne. Ich lerne, dass jede nicht autorisierte Reaktion mit Entzug bestraft wird. Dass das Vergnügen nur kommen wird, wenn er es beschließt, und keine Sekunde früher. Dann kehrt die Wärme zurück. Sein Mund, diesmal. Nur seine Lippen, leicht geöffnet, die von meinem Nacken meine Wirbelsäule

  • Daddy und ich   Kapitel 25 : Sensorische Entbehrung 2

    Stehend neben dem Holzbock, ein Glas in der Hand – derselbe Whisky, den er nie trinkt, dort gelassen wie ein Theater-Requisit. Er sieht mich eintreten, und sein Blick hat sich seit dem Vorabend verändert. Er ist intensiver, konzentrierter, brennender. Es liegt eine neue Entschlossenheit in seinen Augen, als wäre die erste Sitzung nur ein Vorspiel gewesen, und als begänne heute Abend der Ernst der Sache. — Komm her. Meister-Wort. Meister-Klang. Ich gehe bis zum Holzbock, meine nackten Füße empfindlich für die Unebenheiten des Steins. Er stellt sein Glas auf den Boden, in einer Geste, die etwas Rituelles, Unwiderrufliches hat. Dann nimmt er meine Handgelenke, eines nach dem anderen, und bindet sie an die oberen Riemen. Das Leder ist weich, aber sein Griff ist fest – eine Schnalle, zwei Schnallen, ein Knoten, den er mit fachkundiger Präzision festzieht, weder zu locker noch zu fest. Meine Arme sind über meinen Kopf erhoben, in

  • Daddy und ich   Kapitel 24 : Sensorische Entbehrung

    Blanche Die zweite Nacht in diesem Haus, und ich schlafe noch immer nicht. Das Zimmer ist schön, von einer nüchternen und eleganten Schönheit, die nichts dem Zufall verdankt. Leinenlaken von mineralischer Frische, die bei der geringsten Bewegung rascheln. Mit perlgrauem Samt bespannte Wände, die Licht und Schall absorbieren. Ein Strauß weißer Lilien auf der Mahagonikommode, ihre Blütenblätter von wächserner Blässe, ihr betörender Duft, der selbst nachts den Raum erfüllt. Ein vergoldeter Käfig, dessen Tür nicht abgeschlossen ist. Sie muss es nicht sein. Das Halsband genügt, um mich gefangen zu halten. Am Morgen stellt Madame Harlow ein silbernes Tablett auf den Nachttisch. Frische, gewürfelte Früchte, ein Hauch von goldenem Honig, dampfender Tee in einer Porzellankanne, ein winziges Croissant, das unter dem Zahn zerbröselt. Kein Fleisch, kein raffinierter Zucker, nichts, was Körper oder Geist beschweren k

  • Daddy und ich   Kapitel 23: Die Kniebeugung 6

    Das Wort kommt diesmal leichter. Noch immer obszön, noch immer verboten, aber leichter. Wie eine Tür, die sich jedes Mal, wenn man sie aufstößt, ein bisschen weiter öffnet. Seine Hand zieht sich zurück. Die Kälte kehrt in Wellen an die Stelle zurück, wo seine Handfläche lag. Er kommt wieder vor mich, geht in die Hocke, sein Gesicht auf Höhe meines. Seine Augen sind nicht mehr kalt. Sie sind brennend jetzt, verkohlt vor Verlangen und etwas anderem – ein Riss, ein Sprung, eine Menschlichkeit, die er schlecht verbirgt und die mir den Atem raubt. — Steh auf. Ich gehorche. Meine Beine zittern, taub von der knienden Position, geschwächt von der Spannung. Ich schwanke, und seine Hand legt sich auf meinen Ellbogen, um mich zu stabilisieren. Fest. Warm. Erstaunlich beruhigend. Dann hebt er zwei Finger, legt sie auf meine Lippen. Eine einfache, gebieterische, schrecklich intime Geste

  • Daddy und ich   Kapitel 22 : Die Kniebeugung 5

    Das Wort ist eine Mauer. Eine Mauer aus Scham, Widerstand, Prinzipien. Ich bin Blanche Sterling. Journalistin. Feministin. Freie Frau. Ich bin keine Frau, die einen Mann auf einem Steinboden kniend "Daddy" nennt, nackt unter einem Seidentop, mit einem Lederhalsband um den Hals. Aber ich bin heute Abend nicht mehr Blanche Sterling. Blanche Sterling hat einen Vertrag unterschrieben, der vorsieht, dass ich diesen Mann mit dem von ihm gewählten Titel ansprechen muss. Blanche Sterling hat akzeptiert, eine Novizin zu sein, ein Ding, ein Territorium. Blanche Sterling existiert nicht mehr, für die nächsten dreißig Tage, außer als Ausdehnung des Willens dieses Mannes. Ich öffne die Augen. Er überragt mich, Schattenstatue, geduldig und unerbittlich. Sein Daumen streichelt den Rand meiner Unterlippe, eine fast zärtliche Geste, die heftig mit der Härte seines Blickes kontrastiert. Keine Drohung. Ein Warten. Eine stum

  • Daddy und ich   Kapitel 21 : Die Kniebeugung 4

    Ein massiver Stuhl aus dunklem Holz, mit hoher Rückenlehne wie ein mittelalterlicher Thron. Die Armlehnen sind breit, durch Gebrauch poliert. Die Füße sind mit Mustern beschnitzt, die ich nicht erkenne. Ein Stuhl, der scheinbar schon immer da war, der Teil des Steins, der Stille, des Halbdunkels zu sein scheint. Er steht neben dem Stuhl. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, der Kragen offen über seinem kräftigen Hals. Dieselbe nüchterne Eleganz wie beim ersten Mal, dieselbe Aura absoluter Kontrolle. Er hält nichts in den Händen, macht keine Geste. Er wartet einfach, die Arme am Körper entlang, den Blick auf die Tür gerichtet, durch die ich gerade eingetreten bin. Auf mich. Er sagt nichts. Er mustert mich. Sein Blick geht von meinem zum Knoten hochgesteckten Haar aus, wandert meinen freigelegten Nacken hinab, verweilt auf dem schwarzen Lederhalsband, gleitet über meine Schultern, a

Weitere Kapitel
Entdecke und lies gute Romane kostenlos
Kostenloser Zugriff auf zahlreiche Romane in der GoodNovel-App. Lade deine Lieblingsbücher herunter und lies jederzeit und überall.
Bücher in der App kostenlos lesen
CODE SCANNEN, UM IN DER APP ZU LESEN
DMCA.com Protection Status