Mag-log inDer Reif an der schmalen Fensterklappe seiner Zelle wuchs in hexagonalen Mustern. Solis Vanth ruhte in absoluter Starre, doch in Ryus Geist gab es keine Stille.
Er lag unbeweglich auf dem Holz seiner Pritsche, den Blick starr in das Schwarz der Decke gerichtet, und zerkaute die Worte, die Kanoniker Taro in der großen Symmetrie ausgesprochen hatte.
Seine Dunkelheit ist tief. Tiefer, als dein Feuer leuchten kann.
Die Warnung hatte Kael gegolten, doch das Urteil war für ihn bestimmt gewesen. Er war die wandelnde Leere, der kalte Überrest eines ausgelöschten Clans, nur noch zusammengehalten durch den eiskalten Hunger auf Vergeltung.
Ein plötzliches, feines Beben lief durch den Felsboden der Zelle.
Ein gewöhnlicher Novize hätte es vielleicht für den Druck des Eises gehalten, das tiefer in den Berg drang, doch Ryus Phreem antwortete sofort.
Die silberblauen Linien auf seinen Unterarmen krampften sich zusammen, ein warnendes, unruhiges Zucken. Da war Wärme im Inneren des Heiligtums. Sie kam nicht aus den Thermalquellen im Bauch des Berges, sie war unruhig, gold und viel zu vertraut.
Ein kühles Prickeln breitete sich auf Ryus Haut aus, die verbotene Hitze suchte einen Weg durch seine eisigen Schilde.
Er presste die Zähne zusammen, doch er konnte nicht leugnen, wie gierig sein eigenes, klammes Blut auf diese ferne Glut reagierte.
Ryu schob die raue Wolldecke ohne ein Geräusch zur Seite. Seine nackten Füße fanden den Boden, noch ehe sein Verstand die Trägheit des Schlafes vollständig abgeschüttelt hatte. Er trat nicht auf die Mitte der Holzdielen, sondern setzte die Ballen präzise auf die eisernen Schmiedenägel nahe der Wand, wo das alte Fichtenholz niemals knarrte.
Seine Hände glitten blind in die schweren Lederstiefel, die Riemen festgezogen mit einer fließenden, lautlosen Geste, die sein Körper im Schlaf beherrschte. Als er die Klinke der Zimmertür hinabdrückte, hielt er den Druck so lange gegen das Schloss, bis der Riegel ohne das typische metallische Klacken zurückwich.
Der Korridor empfing ihn mit einem schneidenden, eisigen Luftzug, der ihm augenblicklich jede verbliebene Wärme aus den Gliedern trieb.
Er glitt durch die tiefen Schatten der Säulengänge dorthin, wo die Kälte am heftigsten biss. Der Weg mündete in den inneren Tempelgarten, ein streng geordnetes System aus weißen Steinbögen und kargen Nadelbäumen, das in dieser Nacht unter einer dicken Decke aus Neuschnee begraben lag.
Kein Stern stand am Himmel, nur eine schwere, tintenblaue Wolkenwand lagerte über den hohen Zinnen des Heiligtums und kündigte den ersten echten Wintereinbruch an.
Als Ryu den Schatten des letzten Bogengangs erreichte, fror seine Brust in einer unwillkürlichen Starre fest. Er hielt den Atem an und presste die Lippen aufeinander, um keinen verräterischen, weißen Dunst in die eisige Nachtluft abzugeben.
Mitten auf der schneebedeckten Freifläche des Gartens, umrahmt von den schweigenden Kiefern, stand Kael.
Er trug nichts als seine weite Trainingshose aus dunklem Leinen. Seine sonnengebräunte Haut war nass von Schweiß, der in dichten, weißen Dampfschwaden von seinen breiten Schultern aufstieg und ihn wie eine heiße, geisterhafte Aura umhüllte.
Kael bewegte sich. Es war die Phalanx des Feuers, doch er ignorierte jede saubere, geometrische Linie, die ihnen in den Lehrstunden eingetrichtert worden war. Seine Schläge waren keine rituellen Stöße, sondern rohe, kreisförmige Ausbrüche, die den fallenden Schnee um ihn herum noch in der Luft schmelzen ließen.
Bei jeder Drehung, bei jedem brutalen Ausfallschritt glühten die goldenen Lumina Linien unter seiner Haut auf und zeichneten die dichte Muskelstruktur seines Rückens in die Dunkelheit.
Es war ein wildes, fast gotteslästerliches Brechen mit der Symmetrie von Solis Vanth, und doch ertappte sich Ryu dabei, wie er den Blick nicht abwenden konnte, unfähig, sich der unbändigen Lebenskraft dieser verbotenen Hitze zu entziehen.
Kael wirbelte in einer einzigen, fließenden Bewegung herum, stieß die rechte Faust nach vorn, und ein Schwall aus dunkelgoldenem, aschigem Feuer fraß sich zischend durch die wirbelnden Flocken.
Seine Bernsteinaugen leuchteten in der Finsternis wie die eines Raubvogels auf der Jagd, fixiert auf einen unsichtbaren Feind im Unterholz. Unter seinen nackten Fußsohlen schmolz die weiße Decke augenblicklich zu schmutzigem Wasser, das zischend auf dem gefrorenen Marmor kochte und einen bitteren Schleier aus erhitztem Kalk freisetzte.
Er war ungehorsam, er war unerträglich laut, und selbst mitten in der Nacht strafte dieser Rothaarige die eiserne Aszese des Tempels mit purer Missachtung.
Und doch spürte Ryu, wie die weiche, pulsierende Hitze dieses unsauberen Feuers über die Distanz hinweg nach ihm griff, ein sanfter, fast schmerzhafter Druck auf seiner kalten Haut.
„Du verschwendest dein Phreem“, sagte Ryu leise, während er aus dem Schutz des Bogengangs in das bleiche Weiß des Gartens trat.
Seine Stiefel hinterließen kaum eine Spur im Neuschnee. Mit jedem Schritt lenkte er den kühlen Strom seines Phreems hinab in seine Fersen, um sein Gewicht vollkommen auszubalancieren.
Keine einzige gefrorene Flocke durfte unter seinen Sohlen knirschen, kein noch so leises Geräusch seine Annäherung verraten. Es war ein vertrauter Ablauf, den sein Körper im Schlaf beherrschte und der keinerlei bewusste Anstrengung mehr verlangte.
Er glitt vorwärts, die Arme tief in den weiten Ärmeln der Tunika verborgen, um die eigene Distanz und Kälte wie einen schützenden Schild vor sich herzutragen.
Kael fuhr herum. Die fuchsroten Zacken seines Haares waren nass vom geschmolzenen Schnee, und sein Atem entwich ihm in dichten, heißen Wolken, die im Wind tanzten.
Als er Ryu im bleichen Licht erkannte, verengten sich seine Bernsteinaugen, und ein wildes, fast triumphierendes Grinsen stahl sich auf seine Lippen.
„Konntest du auch nicht schlafen, Genie?“, spottete Kael, und seine Stimme klang rau von der Asche seines eigenen Feuers.
Er senkte die Fäuste nicht, während das Phreem auf seinen Unterarmen in reinem, ungezügeltem Gold pulsierte. „Oder bist du hergekommen, um mir wieder zu erklären, wie perfekt du deine Formen läufst?“
„Ich bin hier, um den Lärm zu beseitigen“, erwiderte Ryu kühl.
Er zog die Arme unter den weiten Ärmeln seiner grauen Tunika hervor, und entlang seiner Handgelenke erwachte das silberblaue Licht, scharf und kalt wie frisch geschliffenes Eis.
„Deine Formen sind fehlerhaft, Kael. Du schlägst ohne Geist. Du willst nur zerstören.“
Das war der Funke, den der Rothaarige gebraucht hatte.
„Dann zeig mir, wie man es richtig macht!“, stieß Kael mit einer gepressten, rauen Stimme hervor, um die schlafenden Hallen des Heiligtums nicht zu wecken.
Kael stieß sich ab. Die aufgestaute Hitze unter seinen nackten Sohlen explodierte in einem dumpfen Knall, der den frisch gefallenen Schnee meterhoch aufpeitschte.
Er überwand die Distanz mit einer Geschwindigkeit, die Ryu für einen Bruchteil einer Sekunde die Kiefer zusammenpressen ließ. Ein brutaler, gerader Fauststoß, umhüllt von gleißendem Gold, zielte direkt auf Ryus Solarplexus.
Ryu wich keinen Fußbreit zurück. Er verlagerte seinen Schwerpunkt nach unten, hob den linken Unterarm und parierte den Stoß im exakten rechten Winkel.
Der Aufprall erschütterte ihn bis in die Schultern.
Ein ohrenbetäubendes Zischen gellte durch den stillen Garten, als das kochende Feuer von Kaels Faust gegen die hauchdünne Eispanzerung prallte, die Ryus Lumina augenblicklich um seinen Unterarm kristallisiert hatten.
Heißer Dampf und feine Eissplitter explodierten zwischen ihren Gesichtern. Die scharfen Kristalle schnitten Ryu in die Wange, doch er registrierte den Schmerz kaum, denn die schiere, pulsierende Nähe zu Kael raubte ihm für eine Sekunde den Fokus.
Er atmete die heiße Luft ein, die schwer nach verbranntem Harz und nackter, schweißnasser Haut roch. Es war eine erschreckend vitale, dichte Wärme, die sich durch Ryus eisige Barrieren fraß und sein klammes Blut in ein wildes Chaos stürzte.
Trotz des Zorns bewunderte ein tief vergrabener Teil seines Geistes die makellose Kraftübertragung in Kaels Schulter, die rohe, animalische Schönheit dieser ungezähmten Bewegung.
Noch in der Vorwärtsbewegung nutzte Ryu Kaels Schwung, glitt geschmeidig wie fließendes Wasser an dessen ausgestrecktem Arm vorbei und feuerte eine flache Handkante gegen Kaels Kehle.
Die Hitze, die von Kaels Halsschlagader ausging, traf Ryus Fingerspitzen noch vor dem eigentlichen Kontakt wie ein elektrischer Schlag. Kael reagierte instinktiv, riss den Kopf nach hinten, sodass Ryus Handkante seine feuchte Haut um Haaresbreite verfehlte.
Doch anstatt zurückzuweichen, nutzte Kael die Drehung seines Körpers für einen harten, tiefen Fegetritt im nassen Schnee.
Ryu schnellte elastisch in die Höhe, noch während Kaels rotierendes Bein unter ihm den Schnee aufpeitschte.
Er wirbelte mitten in der Luft um die eigene Achse, eine makellose, fließende Spirale aus grauer Wolle und fliegendem Haar, und stieß im Fallen beide Handflächen steil nach unten.
Zwei Lanzen aus gefrorenem Quellwasser schossen glitzernd aus seinem Phreem, bohrten sich mit einem dumpfen Knirschen tief in den gefrorenen Boden und verfehlten Kaels Flanke nur um Haaresbreite.
Kael fing seinen Sturz mit beiden Händen ab. Seine Muskeln spannten sich, und mit einer explosiven Federung stieß er seine Beine nach oben, um sich aus dem Handstand direkt wieder nach vorn zu katapultieren.
Im Flug erwischte er Ryu mit einem schweren, nassen Tritt gegen die linke Schulter. Der brutale Aufprall schleuderte Ryu rückwärts durch die tiefe, weiße Pracht des Gartens.
Seine Stiefelsohlen pflügten tiefe Furchen in den Schnee, ehe er den Schwerpunkt tief verlagerte und mühsam gleitend die Balance wiederfand.
Unter der feuchten Wolle seiner Tunika flammte ein stechender Schmerz auf. Kaels unbändige Hitze war mühelos durch den dicken Stoff gedrungen und hatte eine brennende, heiße Rötung auf Ryus kühler Haut hinterlassen, die sich anfühlte wie ein tiefes Brandzeichen.
Es war ein fast schmerzhaft lebendiges Gefühl, das die klamme Taubheit augenblicklich aus seinem Gelenk vertrieb und ein heißes Prickeln in seinen Adern hinterließ.
Kael stand keuchend im Zentrum des aufgewirbelten, glitzernden Schneegestöbers. Seine nackten Arme waren noch immer kampfbereit erhoben, und die leuchtenden Bernsteinaugen fixierten Ryus Gesicht mit einer fast physischen Intensität.
Da lag kein finsterer Hass in diesen Augen, sondern jene obsessive, brennende Forderung nach Anerkennung, die Ryu so tief in seiner eigenen Brust fürchtete. Kael suchte keinen einfachen Sieg, um ihn zu vernichten.
Er kämpfte, damit das unnahbare Genie ihn endlich als seinesgleichen akzeptierte, damit die eisige Mauer des Schweigens zwischen ihnen in tausend Stücke zersprang.
Diese ungestüme, wilde Aufdringlichkeit stieß Ryu ab, und doch jagte sie seinen Puls in unkontrollierbare Höhen. Sein Herz hämmerte so heftig gegen seine Rippen, dass das geschmolzene Wasser auf den Kiefernnadeln über ihren Köpfen im präzisen Rhythmus seines Herzschlags zu zittern begann, feine, schwingende Tropfen, die im fahlen Licht glänzten.
„Ist das alles?“, stieß Kael hervor, obwohl sich seine Brust im kalten Wind heftig hob und senkte. Ein dünner Schleier aus Dampf quoll bei jedem Wort aus seinen Lippen.
„Das große Genie von Solis Vanth lässt sich von einem unkontrollierten Idioten treffen?“
Ryu zwang sein Phreem mit unbarmherziger Härte in feste Bahnen. Das silberblaue Licht auf seinen Unterarmen verdichtete sich zu einem gleißenden, fast weißen Glühen, das die herabfallenden Schneeflocken in seiner Nähe augenblicklich verdampfen ließ.
„Du hast mich nicht getroffen, Kael“, raunte er, und seine Stimme klang leiser und unbarmherziger im Raum als der eisige Winterwind. „Ich habe dich gewähren lassen.“
Mit einem einzigen, lautlosen Vorwärtsschritt überwand Ryu die Distanz.
Nun nutzte er die ganze, unbarmherzige Schnelligkeit des Gezeitenclans. Es folgte ein Schlagabtausch von solcher Geschwindigkeit, dass ihre Glieder im fahlen Zwielicht des Gartens miteinander verschwammen. Faust prallte gegen Unterarm, Ellbogen rammte gegen Knie.
Sie blockten, parierten und konterten im lautlosen, mörderischen Takt einer uralten Vaelen Form, die in diesem Moment zu einer reinen Waffe ihres verletzten Egos geworden war.
Bei jeder einzelnen Berührung schoss die Kraft aus Gold durch Ryus Körper und drohte, seine mühsam aufrechterhaltene, eisige Askese zu Asche zu verbrennen. Jedes Mal, wenn Kaels heiße Haut die seine streifte, spürte er die zerstörerische, fast erstickende Überdosis an roher Lebenskraft, die in dem anderen Jungen tobte.
Kael war eine ungezähmte Naturgewalt, und Ryu stemmte sich ihm als der einzige Damm entgegen, der sich weigerte, unter den reißenden Fluten zu brechen.
Mit einer blitzartigen Wendung unterlief Ryu die Deckung des Rothaarigen.
Seine Hände krallten sich fest in den groben Leinenstoff an Kaels Hüfte, er nutzte dessen Vorwärtsdrang und warf den schwereren Körper mit einem technisch vollkommenen Hüftwurf über sich hinweg.
Kael schlug mit einem dumpfen Aufprall im tiefen Schnee auf. Die Wucht des Sturzes presste ein heiseres Keuchen aus seinen Lungen, während geschmolzenes Wasser und eisige Fontänen in alle Richtungen aufspritzten.
Noch ehe Kael sich fangen konnte, war Ryu bereits über ihm. Er setzte sein Knie schwer auf Kaels Brustbein, drückte ihn gnadenlos nieder und presste dessen Handgelenke mit der freien Hand über dem Kopf in den kalten Schnee.
Jede Bewegung erstarb. Das einzige Geräusch in der Stille des Gartens war ihr heftiger, unregelmäßiger Atem, der als weißer, heißer Dampf zwischen ihren Gesichtern aufstieg und sich in der Luft vermischte.
Ryus langes, tiefblaues Haar war aus der Spange gerutscht und fiel in schweren, kühlen Wellen nach vorn. Es bildete einen dunklen, intimen Vorhang um sie beide, der den herabrieselnden Schnee für einen Moment aussperrte.
Seine Augen, kalt wie das tiefste Gletschereis, bohrten sich hinab in das Bernsteinfeuer unter ihm. Das alte Narbengewebe über seiner rechten Braue spannte sich schmerzhaft an, während er das wilde, fast schmerzhaft heftige Hämmern von Kaels Herzen direkt unter seiner Kniescheibe spürte.
Kael starrte zu ihm auf. Seine dichten Muskeln zitterten unter dem heftigen Drang, den eisernen Griff zu sprengen, doch er hielt inne.
Seine Augen wanderten rastlos über Ryus feine Züge, suchten fieberhaft nach einem Zeichen von Schwäche, nach einem ersten Riss im makellosen Eis.
Kaels Haut unter Ryus fest umschlossenen Fingern erhitzte sich unaufhaltsam weiter, ein glühender Impuls, der das schützende, eisige Phreem des Genies regelrecht wegzuschmelzen drohte. Heißes, geschmolzenes Wasser rann von ihren Handgelenken und tropfte zischend in den Schnee.
Sieh mich an, schrien Kaels Bernsteinaugen im schweigenden Garten, sprich mit mir, sag mir, dass ich existiere.
Die vertraute, erlösende Kälte in Ryus Adern geriet unter dieser schieren, unverschämten Wärme des Jungen unter ihm ins Wanken.
Ein jäher, eisiger Schrecken krallte sich in seine Brust, enger und schneidender als jeder Frost des Berges. Es war exakt jene Gefahr, vor der Taro gewarnt hatte, das unaufhaltsame Verketten ihrer Naturen, das ihn seinen eigenen, mühsam erkämpften Stand kosten würde.
Mit einem leisen, mühsam erzwungenen Schnauben der Verachtung ließ er die heißen Handgelenke los und stieß sich von Kaels Brust ab.
Er trat zwei Schritte zurück, erzwang die gewohnte Distanz und die heilige Symmetrie des Tempels wieder zwischen ihnen, während die wirbelnden Flocken die Spuren ihrer Gewalt bereits wieder unter einem weißen Tuch begruben.
Ryu strich sich das nasse, dunkle Haar mit einer herrischen Geste aus der Stirn und blickte kühl auf den Jungen hinab, der inmitten des geschmolzenen Schnees und der dampfenden Erde lag.
„Du bist noch immer zu laut, Kael“, sprach Ryu, und seine Stimme klang so unerschütterlich und glatt wie eine geschliffene Eisplatte, obwohl seine linke Hand im weiten Ärmel seiner Tunika in einem unkontrollierbaren Zittern gefangen war.
„Beherrsche deine Atemzyklen. Solange dir das misslingt, bist du keine Herausforderung für mich.“
Er wandte sich ab, straffte die Schultern und zog die unnahbare Maske des Genies wieder lückenlos über seine Züge.
Seine Schritte führten ihn mit einer hypnotischen, gleichmäßigen Präzision zurück in den schützenden Schatten des Bogengangs, ohne dass er sich auch nur ein einziges Mal nach dem Jungen im schmutzigen Matsch umsah.
Er musste unerbittlicher werden. Sein Eis durfte unter keinen Umständen schmelzen.
Zehn Jahre nach dem Tag, an dem die unbarmherzigen Mauern von Solis-Vanth unter ihrem eigenen Gewicht in den Abgrund stürzten, lag Aschfeld im sanften, warmen Licht des Spätnachmittags.Wo einst verätzter Schotter, gefrorene Asche und die stummen Trümmer eines vergessenen Exilanten-Postens gelegen hatten, erstreckte sich heute eine lebendige, geschützte Friedensstadt. Die Häuser aus dunklem, geglättetem Vulkanstein und duftendem Kiefernholz schmiegten sich geschmeidig an die natürlichen Schwünge des Nordhangs. Kupferne Wasserrinnen glänzten auf den flachen Dächern, und durch die sauber gepflasterten Alleen strömte in gemauerten Kanälen das dampfende Thermalwasser, das Kaels Erd
Der Dampf, der aus den Fugen des frisch verlegten Bodes stieg, roch nicht mehr nach dem stechenden Schwefel der alten Schmelztiegel oder nach dem verbrannten Talg der klerikalen Tempelkessel. Er roch nach feuchter Erde, nach geschnittenem Bergkiefernholz und dem klaren, kühlen Quellwasser, das Ryu durch die unterirdischen Kanäle von Aschfeld geleitet hatte.Kael saß auf einer massiven, grob behauenen Schieferbank im Zentrum des neu gezimmerten Ratshauses. Die Hütte war die bisher größte Struktur der Siedlung – ihr Dach ruhte auf mächtigen Stämmen aus Uraltkiefern, die Ren und seine Bautrupps unter schweißtreibender Arbeit aus dem schroffen Nordhang geschlagen hatten. Die breiten Fensteröffnungen waren noch nicht mit Glasscheiben verschlossen; zerrissene Wollplanen hielten den gröbsten Wind ab. Doch die tödliche Kälte der Grenzlande hatte in diesem Raum keine Macht. Das flüssige Gold, das Kael mit ruhigem, stetigem Atem durch die tiefen Fundamentadern zirkulieren ließ, hielt ein wohlig
Der Nebel im südlichen Talgrund von Aschfeld schmeckte nicht mehr nach der verbrannten Tinte des Klerus oder nach dem stechenden Schwefel der alten Tempelventile. Er war feucht, klamm und roch nach gefrorenem Torf und dem dichten Farn des Umlands.Ryu kniete am Rande der aufgeweichten Passstraße, wo sich das Schmelzwasser der vergangenen Sturmnacht in breiten, braunen Lachen staute. Seine nackten Handflächen ruhten flach auf dem gefrorenen Morast. Kein Zischen toxischer Finsternis stieg aus seinen Hautporen auf; kein pechschwarzer Film überzog seine Fingernägel, wie in den düsteren Monaten, als er als wandelnder Filter der Obsidian-Häresie durch das Tiefland gezogen war. Die Adern unter seinen Unterarmen schimmerten in einem klaren, kristallinen Blau – dem reinen, ungetrübten Quell-Phreem des Gezeiten-Clans, das Kael in ihm erweckt und geläutert hatte.Das sanfte Pulsieren seiner Gezeit dehnte sich durch die Schlammschichten aus. Ryu lauschte nicht auf feindliche Späher oder herannahe
Der kühle Morgenwind blies den dünnen Rauch der Schmiede quer über den zentralen Platz von Aschfeld. Doch anders als in den dunklen, klammen Tälern des Tieflands war der Boden unter Kaels Stiefeln trocken und angenehm warm. Das dichte, goldene Adernetz aus Phreem, das er tief in die unterirdischen Basaltfundamente gewebt hatte, pulsierte in einem ruhigen, verlässlichen Takt – wie ein gigantischer, schlafender Herzschlag unter der Erde.Kael stand am Rand der großen Marktterrasse und zog den Kragen seiner rauen, lederverstärkten Weste etwas fester zusammen.Neben ihm regte sich Ryu.Der ehemalige Vaelen lag noch im halben Schatten der vorspringenden Holzüberdachung des Brotlagers. Sein langes, dunkelblaues Haar fiel ihm schopfweise ins Gesicht, die zarten Wimpern warfen feine Schatten auf seine Wange. Ryu trug keine klerikalen Seidenborten mehr, sondern ein einfaches, dunkelgraues Wollenhemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren.Mit einer gewohnten, beinahe blinden Bewegung hob Kael d
Der Geruch von frischem Steinmehl war scharf und trocken. Er legte sich als feiner, weißer Film auf Ryus Unterarme, kroch in die Poren seiner Haut und schmeckte auf den Lippen nach bitterem Kalk und uraltem Quarz.Ryu kniete auf der breiten Basaltplatte im Zentrum des Dorfplatzes. Vor ihm ruhte der schwere, tonnenschwere Monolith, den Kael und Ren vor zwei Tagen aus der tiefsten Schlucht des Nordhangs gehauen hatten. Seine Oberfläche war von Natur aus raubauig und uneben, gezeichnet von den Jahrmillionen des Drucks und den Spuren des gefrorenen Wassers. Doch wo Ryu mit dem schweren Flachmeißel und dem Fäustel ansetzte, entstanden glatte, tiefe Einkerbungen.Klang.Das metallische Hell-Klingen des Händelhammers hallte von den gezimmerten Wänden des neuen Ratshauses wider.Klang.Ryu führte das Eisen mit millimetergenauer Präzision. Seine Finger, die jahrelang in den schattigen Krypten von Solis-Vanth Pergamente mit rituellen Hinrichtungsdekreten und exkommunizierenden Siegeln gefüllt h
Der schwere, dunkle Basaltfelsen im Zentrum der unteren Talterrasse wirkte wie der zerbrochene Zahn eines alten Drachen. Über Jahrzehnte hatten Frost und eiserne Sturmböen das Gestein gespalten, bis nur noch eine rauhe, unebene Klippe aufragte, an deren Fuß die spärlichen Quelladern des Nordhangs im eisigen Boden versickerten.Kael stand mit nackten Oberarmen vor dem Koloss. Die kühle Morgenluft brannte auf seiner Narbenhaut, doch tief in seiner Brust ruhte eine schwere, stetige Glut. Es war nicht mehr das ungebändigte, verzehrende Zischen der Zornesmagie, die ihn einst in den Trainingshöfen des Klerus verbrannt hatte. Es war das flüssige, geerdet schmelzende Gold, das er unter Meister Oraz’ eiserner Zucht zu lenken gelernt hatte.Hinter ihm hatte sich die gesamte Siedlung versammelt.Da war Ren, der sich auf seine massive Holzbaustange stützte und den Atem in dichten Nebelwolken in den frostigen Himmel blies. Neben ihm stand Meio, die den Leinwandverband an ihrer geschonten Schulter







