ANMELDENKapitel 2
Isolde saß reglos auf dem Rücksitz des Wagens und presste ihre kleine Handtasche fest an ihre Brust. Zu ihren Füßen lag ein abgenutzter Koffer, der fast schon bemitleidenswert wirkte. Ihre Augen brannten, geschwollen vom Weinen. In ihrem Kopf hallte das grausame Echo aus dem Hotelsaal unbarmherzig wider – zusammen mit den hämischen Stimmen Fremder, die über ihre üppigen Kurven geurteilt hatten.
Die Scham. Es war so unendlich demütigend.
Als sie ihr Handy einschaltete, wurde der Bildschirm sofort von Dutzenden Benachrichtigungen überschwemmt, die ihr das Herz zerrissen. Beschimpfungen von Gavins Familie reihten sich an ein kurzes Video, das bereits auf ihrer Startseite kursierte: *Plus-Size-Mädchen am Tag ihrer Verlobung gedemütigt.* Das Video zeigte in aller Deutlichkeit den Moment, in dem sie zu Boden gestürzt war und ihr Kleid zerriss.
Isolde stockte der Atem. Sie schaltete das Telefon hastig aus, wandte den Blick ab und starrte aus dem Fenster, während sie mühsam versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Das cremefarbene Satin-Abendkleid, das sich eng an ihren Körper schmiegte, fühlte sich plötzlich an wie eine Schlinge um ihren Hals. Ausgerechnet das Kleid, das sie gewählt hatte, um Gavin zu gefallen, stellte nun ihre weiblichen Rundungen zur Schau, über die sich mittlerweile die ganze Stadt das Maul zerriss.
„Wir sind da, Miss“, sagte der Fahrer leise.
Der Wagen wurde langsamer und hielt vor einem prachtvollen, gotischen Anwesen, das einsam und majestätisch in der Dunkelheit lag. Ein älterer Mann im eleganten Anzug öffnete ihr die Tür und hielt schützend einen Regenschirm über sie.
„Willkommen, Miss Isolde. Mein Name ist Raymond Hale, der persönliche Rechtsanwalt der Familie Blackthorne.“ Der Mann lächelte höflich und blickte mit tiefem Mitgefühl in ihr blasses Gesicht. „Lady Berliana hat vor ihrem Ableben alles für Sie vorbereitet.“
Beim Klang dieses Namens krampfte sich Isoldes Brust wieder zusammen. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass sie nicht mehr da ist ...“
„Die gnädige Frau war sehr um Ihre Zukunft besorgt“, nickte Raymond und führte Isolde in die riesige, einschüchternd luxuriöse Eingangshalle der Villa. „Ihrem Wunsch entsprechend werden alle Ihre Lebenshaltungskosten übernommen. Außerdem werden Sie ab nächster Woche an eine Elite-Universität der Blackthorne-Stiftung versetzt.“
Isolde blieb abrupt auf dem schwarzen Marmorboden stehen. „Die Universität wechseln? Aber, Herr Hale ...“
„Es ist zwingend erforderlich, dass Sie in diesem Anwesen wohnen, bis Sie Ihre Ausbildung abgeschlossen haben“, fuhr Raymond gelassen fort.
„Warten Sie, ich kann nicht hierbleiben“, unterbrach ihn Isolde panisch. Die düstere Atmosphäre des Hauses jagte ihr Angst ein. „Ich kenne hier doch niemanden.“
„Ab heute Abend wirst du wissen, mit wem du es hier zu tun hast, kleines Mädchen.“
Eine tiefe, raue und eiskalte Stimme schnitt durch den Raum und kam von der geschwungenen Wendeltreppe. Isolde blickte auf und hielt unwillkürlich den Atem an.
Ein hochgewachsener, breitgebauter Mann in einem dunklen Maßanzug stieg die Stufen hinab. Er hatte breite Schultern, markante Gesichtszüge und war von einer fast schon sündhaften Schönheit – doch sein Gesicht war starr und völlig emotionslos. Es war Lucien Blackthorne, der Haupterbe. Er blieb genau drei Schritte vor Isolde stehen.
Luciens mächtige, dominante Aura schien die Luft um sie herum abzuschnüren. Seine raubvogelartigen Augen wanderten langsam an ihr herab. Er musterte den abgenutzten Koffer auf dem Boden, bevor sein Blick auf Isoldes üppige Kurven fiel, die sich unter dem engen Satinkleid deutlich abzeichneten. Dieser intensive, fast schon entblößende Blick ließ Isolde reflexartig die Arme vor der Brust verschränken, als wollte sie sich vor ihm verstecken.
„Raymond, das ist also das Häufchen Elend, von dem Großmutter in ihrem Testament geschrieben hat?“, fragte Lucien mit eisiger Stimme. Sein Blick wich dabei nicht von Isoldes Brust, die sich durch ihren schnellen Atem heftig hob und senkte.
„Ganz recht, Mr. Lucien. Das ist Miss Isolde Ravelyn.“
Lucien tat einen Schritt nach vorn und verkürzte den Abstand so weit, dass Isolde die Wärme seines Körpers spüren konnte, die in starkem Kontrast zu seinen kalten Augen stand. Er stieß ein leises, verächtliches Schnauben aus. „Ihr Ruf in der Öffentlichkeit ist eine Katastrophe ... und sie entspricht keineswegs den ästhetischen Standards, die in diesem Haus gelten. Es ist völlig unangebracht, sie als junge Dame des Hauses Blackthorne zu betiteln.“
Isolde ballte die Fäuste. Vor lauter Schwindel und aufkochender Wut fand sie plötzlich den Mut, seinem Blick standzuhalten. „Ich habe auch nie behauptet, einer feinen Dame zu entsprechen, Sir. Und ich habe nicht darum gebeten, in dieses Haus gezerrt zu werden.“
Bevor Lucien antworten konnte, ertönte ein leises, heiseres und unverschämt sexy Lachen aus dem dunklen Korridor.
„Lucien, verschreck unsere Beute doch nicht gleich in ihrer ersten Nacht.“
Ein weiterer Mann trat ins Licht. Seine lässige Haltung versprühte die gefährliche Aura eines Raubtiers. Die oberen drei Knöpfe seines weißen Hemdes waren offen und gaben den Blick auf seine breite, leicht gebräunte Brust frei. Evander Blackthorne kam näher, und seine Augen fixierten Isolde sofort.
In seinem Blick lag ein wildes, fast gieriges Interesse, als er Isoldes volle Hüften und ihre kurvige Silhouette von oben bis unten taxierte. Er begann, sie langsam zu umkreisen, und verringerte dabei den Abstand immer weiter.
„Hat Großmutter uns nicht aufgetragen, dieses Mädchen bei uns aufzunehmen?“, flüsterte Evander mit einem tiefen Lachen ganz nah an Isoldes Ohr, sodass ihr eine Gänsehaut über den Nacken lief. Frech hob er den Zeigefinger und berührte sanft ihre nackte Schulter, wo der Träger ihres Kleides ein Stück hinabgerutscht war. „Auch wenn sie nicht so spindeldürr ist wie die verdammten Models da draußen ... muss ich zugeben, dass sie eine ... äußerst reizvolle Figur hat. Nicht wahr, Lucien?“
Evanders warme Berührung auf ihrer bloßen Haut ließ Isolde zusammenfahren. Sie begann zu zittern. Die Art, wie er sie ansah, gab ihr das Gefühl, als wolle er sie noch an Ort und Stelle mit den Augen ausziehen.
„Du redest zu viel, Evander. Nimm deine schmutzigen Finger von ihr“, ging Lucien dazwischen. Ein mürrischer, scharfer Funke blitzte in seinen Augen auf, als er sah, wie sein Bruder Isoldes Haut berührte. Aus irgendeinem Grund loderte plötzlich ein Besitzanspruch in seiner Brust auf.
Im selben Moment waren unregelmäßige, leichte Schritte von oben zu hören. „Könnt ihr in dieser Trauernacht nicht einmal den Mund halten?“
Ein dritter, auffallend großer junger Mann kam die Treppe herunter. Er trug ein Skizzenbuch unter dem Arm, ein weites schwarzes T-Shirt und hatte Farbflecken an seinen langen, schmalen Fingern. Azriel Blackthorne wirkte anders als seine Brüder, doch in seinen dunklen Augen lag ein ganz eigener, fast schon manischer Glanz.
Unten angekommen, blieb Azriel direkt vor Isolde stehen. Er starrte sie unverwandt an, ohne auch nur einmal zu blinzeln. Es war kein spöttischer Blick, wie sie ihn von Gavin erhalten hatte. Es war der hungrige, besessene Blick eines Künstlers, der gerade sein erotischstes Meisterwerk entdeckt hatte.
Plötzlich ließ sich Azriel vor ihr auf die Knie fallen.
„Ah ...“, entwich Isolde ein leiser Keuchton. Sie wollte unwillkürlich zurückweichen, doch Azriels kalte Finger schlossen sich augenblicklich um ihr Fußgelenk und hielten sie mit überraschender Kraft fest.
Azriel starrte gebannt auf Isoldes Knie, das dunkelblau angelaufen war und durch den hohen Schlitz ihres zerrissenen Kleides fast bis zum Oberschenkel freigelegt war.
„Dein Knie blutet ... und es wurde noch nicht versorgt“, flüsterte Azriel mit monotoner Stimme, während in seinen Augen eine fast krankhafte Obsession schimmerte. Sein Daumen, der rauh von getrockneter Farbe war, glitt langsam über den Rand des blauen Flecks auf Isoldes weicher Haut. Die Berührung brannte leicht, sandte aber gleichzeitig ein seltsames Prickeln durch ihren Körper, das ihr den Atem raubte.
„Lassen Sie das ... es ist nicht so schlimm“, flüsterte Isolde panisch und versuchte, ihr Bein wegzuziehen. Doch Azriels Griff um ihr Fußgelenk wurde nur noch fester, fast besitzergreifend.
„Deine Haut ist so weiß wie Milch ... und dieser Bluterguss verdirbt sie. Rot und Violett ...“, murmelte Azriel und beugte sein Gesicht so nah an ihren Oberschenkel, als wolle er das Blut kosten, das aus der Schramme sickerte. „Es ist wunderschön. Aber es muss wehtun.“
„Fang nicht schon wieder mit deinen perversen Macken an, Azriel. Steh auf“, zischte Evander, obwohl auch seine Augen wie gebannt an Isoldes Oberschenkel hingen.
Lucien griff schließlich ein, bevor die aufgeladene, fast erotische Spannung die Halle völlig einnahm. „Azriel, steh auf!“, donnerte seine tiefe Baritonstimme durch den Raum.
Langsam ließ Azriel von ihr ab und erhob sich mit einem geheimnisvollen, schwachen Lächeln, ohne den Blick von Isoldes Körper abzuwenden.
Lucien trat noch einen Schritt näher. Seine imposante Statur schüchterte Isolde, die ohnehin schon schwach und zittrig vor Angst war, vollends ein. Er sah sie mit eisiger Kälte an. „Hör mir gut zu. Du wohnst hier nur, weil wir den letzten Wunsch unserer Großmutter respektieren. Für all deine Bedürfnisse wird gesorgt sein.“
Isolde ballte die Hände so fest zusammen, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie versuchte, die Reste ihres verletzten Stolzes zusammenzukratzen. „Und was, wenn ich mich weigere und dieses Haus auf der Stelle wieder verlasse?“
Lucien beugte sich so weit hinab, dass sein Gesicht nur noch Zentimeter von ihrem entfernt war. Sein warmer Atem streifte ihre Lippen. „Du hast keinen Ort, an den du zurückkehren kannst, verdammt noch mal. Da draußen sieht sich die ganze Welt dein Video an und lacht über deinen Körper.“
Diese Worte trafen Isolde mit der nackten, schmerzhaften Wahrheit. Lucien hatte recht. Da draußen war sie völlig allein und bloßgestellt. Und hier ... war sie gefangen zwischen drei Männern, die sie ansahen wie hungrige Wölfe.
Luciens Stimme wurde noch tiefer, gefährlich und von einer unterschwelligen Sinnlichkeit geprägt. „Und noch etwas: Solange du unter diesem Dach lebst, benimm dich. Bring uns keinen Ärger und lass dich nie wieder von einem anderen Mann anfassen – so wie von diesem idiotischen Ex-Verlobten von dir.“
Isolde atmete tief ein. Ihre volle Brust hob sich und berührte dabei ganz leicht Luciens feste Brustplatte, da er ihr viel zu nahe stand. Ein plötzlicher, elektrisierender Funke durchzuckte beide für den Bruchteil einer Sekunde.
„Ich verstehe, Mr. Blackthorne“, flüsterte Isolde geschlagen.
Lucien starrte noch einige Sekunden lang auf ihre leicht bebenden, vollen Lippen, während er versuchte, das wilde Verlangen zu unterdrücken, das sich augenblicklich in seiner Hose regte. Er wandte sich rasch um, um seine Reaktion zu verbergen. „Gut, dass wir uns verstehen. Bring ihr Gepäck nach oben, Raymond. Zeig ihr das große Zimmer im ersten Stock.“
Als Lucien die Treppe hinaufging, ballte er in seiner Jackentasche heimlich die Faust. Aus dem Augenwinkel hatte er gesehen, wie Evander sich über die Lippen geleckt hatte, während er Isoldes Rundungen von hinten fixierte. Azriel war bereits wieder damit beschäftigt, die Konturen ihres Körpers mit hungrigem Blick in sein Skizzenbuch zu zeichnen.
Und aus irgendeinem Grund brachte dieser Anblick das Blut in Luciens Adern vor brennender Eifersucht zum Kochen.
*Verdammt ... Sie ist doch nur ein hilfloses, dickes Mädchen. Warum verdammt noch mal reagiert mein Körper so heftig auf sie?*
Kapitel 91Die Atmosphäre in der prächtigen Mensa der Universität war zu Beginn der Mittagspause recht ruhig. Die meisten Studenten zogen es vor, draußen zu essen oder die Fast-Food-Restaurants rund um den Campus aufzusuchen. An einem Tisch abseits des Trubels saß Isolde jedoch Evander gegenüber.Genau wie am Morgen versprochen, handelte Evander nicht mehr impulsiv und berührte Isolde nicht mehr ohne ihre Erlaubnis. Stattdessen zeigte sich der junge Mann mit dem zerzausten Haar ausgesprochen großzügig. Er bestellte einige der besten Gerichte der Mensa – von Premium-Rindersteaks über köstliche Pasta in Sahnesoße bis hin zu Isoldes Lieblings-Schokoladeneis – und schob jeden Teller zu dem fülligen Mädchen hinüber.„Iss so viel du willst“, sagte Evander gelassen, verschränkte die Arme auf dem Tisch und beobachtete Isolde. „Ich übernehme die Rechnung.“Isoldes graue Augen leuchteten auf. Ihre rundlichen Wangen röteten sich vor Freude bei dem Anblick des Festmahls vor ihr. Die Befangenheit,
Kapitel 90Die Stille auf dem verlassenen Korridor im zweiten Stock wurde nach der panischen Flucht von Arabella und ihrer Clique immer drückender. Auch die Studenten, die sich als Zuschauer versammelt hatten, lösten sich allmählich auf. Niemand von ihnen wagte es, sich mit dem unberechenbaren Zorn Evander Blackthornes anzulegen.Isolde stand noch immer wie erstarrt hinter der mächtigen Säule. Ihr schwarzes Haar war leicht zerzaust, und ihr Atem ging in kurzen, unregelmäßigen Stoßseufzern, während die Benommenheit in ihrem Kopf nicht nachlassen wollte. Mit ihrem fülligen Handrücken wischte sie sich die restlichen Tränen von ihren rundlichen Wangen, ihre grauen Augen voller widerstreitender Gefühle auf den breiten Rücken des vor ihr stehenden Mannes mit dem zerzausten Haar gerichtet.Evander drehte sich langsam um. Die wilde Wut, die noch vor wenigen Augenblicken in seinen adlergleichen Augen gebrannt hatte, verblasste allmählich und wich einem starren Gesichtsausdruck, während sich se
Kapitel 89Isolde ging den Hauptkorridor des Fakultätsgebäudes entlang, ein Lächeln lag noch immer auf ihrem rundlichen Gesicht. Die Wärme von Luciens Kuss und die süßen Versprechungen, die sie vorhin im Auto ausgetauscht hatten, waren in ihren Gedanken noch immer lebendig und ließen jeden Schritt ihrer vollbusigen Gestalt federleicht wirken. Einige vorbeigehende Studenten starrten sie an, doch Isolde ignorierte sie und konzentrierte sich lieber auf den Bildschirm ihres Handys, auf dem eine Textnachricht ihrer besten Freundin zu sehen war.Die fröhliche Stimmung verflog jedoch augenblicklich, als aus einer Ecke des Hauptkorridors eine Gruppe modisch gekleideter Mädchen auftauchte, die mit herablassender Selbstbewusstheit dahergingen. Ganz vorne stand Arabella – das junge Mädchen, das auf dem gesamten Campus wegen des sozialen Status ihrer Familie und ihrer auffallenden Schönheit als „Campus-Königin“ bekannt war.Isolde, die damit beschäftigt war, die Nachricht zu beantworten, bemerkte
Kapitel 88Die luxuriöse schwarze Limousine von Lucien durchschnitt die Stadtstraßen, die sich allmählich mit dem morgendlichen Berufsverkehr füllten. Im kühlen Innenraum, der nach Sandelholz und teurem Herrenparfüm duftete, herrschte eine warme Atmosphäre. Isolde saß auf dem Beifahrersitz, wechselte gelegentlich die Lieder auf dem Musikplayer des Autos und wiegte dabei sanft den Kopf. Ihre rundlichen Wangen waren noch immer auf niedliche Weise gerötet und strahlten ein Glück aus, das sie nicht verbergen konnte.Es dauerte nicht lange, bis die glänzende Limousine langsam durch das Haupttor der Universität fuhr. Lucien brachte den Wagen am Rande einer ruhigen Haltebucht zum Stehen, einige Dutzend Meter vom Gebäude von Isoldes Fakultät entfernt, um nicht zu viel Aufmerksamkeit der anderen Studenten auf sich zu ziehen.Isolde schnallte sich ab, ehe sie ihren kurvigen Körper zu Lucien herumdrehte.„Danke, dass du mich hergefahren hast, Luci. Ich mache mich dann mal auf den Weg, ja?“Das k
Kapitel 87Evanders plötzlicher Aufbruch hinterließ für einige Augenblicke eine stramme Stille am Esstisch. Azriel, in dessen Brust noch immer ein Rest Ärger verblieben war, stieß einen kurzen Seufzer aus. Der jüngste Blackthorne-Sohn schob seinen Teller weg, der nur halb angerührt war, und wischte sich dann langsam mit einer Stoffserviette die Mundwinkel ab.Er stand von seinem Platz auf, richtete sein legeres Hemd und starrte Isolde mit einem Blick an, der schwer zu deuten war.„Ich muss jetzt auch los“, sagte Azriel monoton, warf Lucien einen kurzen Blick zu und sah dann wieder das füllige Mädchen vor sich an. „Es gibt eine Ausstellung und einige neue Skizzen, die ich im Atelier fertigstellen muss.“Isolde hielt einen Moment lang im Kauen inne und nickte höflich mit ihrem rundlichen Kopf. „Fahr vorsichtig, Azriel.“Azriel nickte nur schwach, drehte seinen breiten Körper um und ging mit langen Schritten den Flur entlang aus dem Speisesaal. Seine gleichmäßigen Schritte verhallten all
Kapitel 86Der Morgen war nun vollends angebrochen. Warmes, goldenes Licht drang durch die großen Glasfenster des Hauptspeisesaals des Blackthorne-Anwesens und spiegelte sich auf dem langen, gepflegten Teakholztisch wider. Das Aroma von frisch gebrühtem Arabica-Kaffee vermischte sich mit dem Duft von geröstetem Brot und warmem Speck, was eine scheinbar friedliche Atmosphäre schuf.Doch am Esstisch hatte sich die Dynamik unter den Anwesenden im Vergleich zum vorherigen Abend völlig verändert.Isolde saß elegant auf ihrem Stuhl. Heute Morgen strahlte ihr rundliches Gesicht ein helles Leuchten des Glücks aus. Ihre grauen Augen funkelten voller Frische, während eine natürliche Röte süß auf ihren beiden mopsigen Wangen lag. Der Hunger, der sich in ihrem Magen regte – nach all der Erschöpfung und den Ausbrüchen von Leidenschaft, die sie in der vergangenen Nacht mit Lucien erlebt hatte –, hatte ihren Appetit drastisch gesteigert.Das kurvige Mädchen genoss ihr Frühstück mit großer Begeisteru







