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Kapitel 4

Author: Ein Glücksfischchen
Charlotte behielt Sebastians Stimmung die ganze Zeit aufmerksam im Blick und mischte sie sich in das Gespräch rechtzeitig ein:

„Sebastian, du musst nicht gleich verärgert sein, nur weil sie etwas über Klara gesagt haben. Jeder hier meint es gut mit dir. Wir kennen uns seit Jahren. Selbst wenn manche Worte nicht so schön waren, hör einfach hin und nimm es dir nicht zu Herzen.“

„Ich bin nicht verärgert.“ Sebastian steckte sein Handy in die Tasche. „Schon gut. Sie wird schon wieder auftauchen. Machen wir weiter.“

Schließlich hatte Klara in den vergangenen fünf Jahren kaum einen anderen Ort gekannt als ihr Zuhause. Außer dorthin war sie praktisch nie gegangen. Und eigentlich wusste sie nicht einmal, wohin sie gehen sollte.

Justin warf Charlotte einen Seitenblick zu und murmelte: „Na, unsere Lotti ist eben großzügig. Wenn ihr euch damals nicht getrennt hättet …“

„Justin!“ Charlotte sah ihn warnend an. „Jetzt pass mal auf, was du sagst. Du redest heute Abend wirklich nur Unsinn. Sebastian ist verheiratet. Solche Bemerkungen sind unangebracht …“

Dann wandte sie sich Sebastian zu und sagte aber mit ein bisschen Melancholie in ihren Augen:

„Ich habe keine Erwartungen, seit ich zurückgekommen bin. Solange ihr mich nicht ausschließt und mich noch bei ihnen stehen lasst, bin ich schon zufrieden.“

„Ach, was redest du da!“ Justin grinste. „Du bist und bleibst unser Liebling. Wer dir dumm kommt, bekommt es mit uns allen zu tun. Habe ich recht, Sebastian?“

Sebastian drehte sein Glas langsam zwischen den Fingern.

Diese Szene kam ihm ganz vertraut vor.

Vor mehreren Jahren war es oft genauso gewesen.

Er hatte daneben gesessen und zugesehen, wie seine Freunde und Charlotte miteinander lachten und scherzten. Erst wenn die Diskussion ausuferte und alle nach seinem Urteil verlangten, sagte er etwas.

Auch diesmal richteten sich sämtliche Blicke auf ihn.

Ein leichtes Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Natürlich.“

Klara fuhr nicht nach Hause.

Sie bezog das bereits reservierte Hotelzimmer.

Mit der zufallenden Zimmertür brach all ihr Kummer und Schmerz wie eine Flut über sie herein.

Immer wieder sah sie Justin vor sich, wie er ihren Gang nachahmte.

Das Gelächter und die höhnischen Blicke kreisten unaufhörlich in ihrem Kopf wie eine Fluch.

Eigentlich wusste sie längst, dass Sebastians Freunde hinter ihrem Rücken über sie herzogen.

Sie gab einfach vor, nichts zu wissen.

Sie verstand, dass sie seine engsten Freunde waren.

Sie verstand, dass er jeden Tag hart für die Familie arbeitete.

Deshalb hatte sie immer geschwiegen.

Sie wollte ihm keine zusätzlichen Sorgen machen. Erst recht wollte sie nicht der Grund sein, weshalb er sich mit seinen Freunden zerstritt.

Jetzt erschien ihr dieser Gedanke beinahe lächerlich.

Warum sollte Sebastian ihretwegen Streit mit ihnen anfangen?

Das waren die Menschen, die ihn seit Jahren begleiteten.

Und sie?

Welche Rolle spielte sie schon in seinem Leben?

Sie war lediglich eine Verpflichtung ihrer Ehe. Eine Schuld, die er glaubte begleichen zu müssen.

Ohne sie war sein Leben bestimmt einfacher, und vielleicht sogar glücklicher.

„Sie hinkt doch. Ohne dich will doch kein Mann eine verkrüppelte Frau heiraten!“

„Jemand wie sie sollte dankbar sein. Nicht jede Hinkende bekommt einen Mann wie Sebastian.“

„An seiner Stelle hätte ich lieber selbst den Unfall gehabt, als mein Leben lang mit so einer Belastung zu leben.“

„Andere Geschäftsführer treten mit stilvollen Ehefrauen auf. Sebastian hat nicht einmal jemanden, den er zu offiziellen Anlässen mitnehmen kann.“

…

Jede einzelne Bemerkung und jede versteckte Bosheit der vergangenen fünf Jahre überschlugen sich in ihrem Kopf. Alles kehrte zurück wie ein Strudel, der sie tiefer und tiefer hinabzog.

Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen und bekam kaum noch Luft.

Mit zitternden Händen öffnete sie auf ihrem Handy ein Album, das sie seit fünf Jahren nicht mehr angerührt hatte.

Darin befanden sich Videos und Fotos aus ihrer Zeit an der Universität.

Training, Proben und Auftritte.

Nachdem sie nie wieder hatte tanzen können, hat sie alles dort mit einem Passwort verschlossen.

Sie tippte mit dem zitternden Finger auf ein Video.

Auf dem Bildschirm drehte sie sich leicht und mühelos über die Bühne.

Sie sprang, schwebte zu der Musik und vollführte einen perfekten Spagat in der Luft.

Damals hatte sie gestrahlt.

Damals hatte ihr Körper ihr noch gehorcht.

Damals hatte sie unter donnerndem Applaus auf der Bühne gestanden.

War es wirklich falsch gewesen, Sebastian zu retten?

Dabei hatte sie nie erwartet, ihn zu heiraten.

Sebastian war derjenige gewesen, der sie hatte heiraten wollen.

Er hatte den Antrag geplant, war vor ihr auf die Knie gegangen, hatte ihr einen Ring angesteckt.

Und ihr Hoffnung gegeben …

Mit einem Zittern in den Händen drückte sie das Handy heftig aus.

Dann sank sie aufs Bett.

Zum ersten Mal seit fünf Jahren brach sie in lautes, hemmungsloses Weinen aus.

Sie weinte lange – so lange, bis keine Träne mehr übrig war.

Nur dieses Brennen in ihrer Brust blieb: ein Feuer, das langsam alles in ihr verzehrte.

Aber genau dieser Schmerz riss sie aus dem erstickenden Strudel in die Klarheit.

Je tiefer der Schmerz sie traf, desto klarer sah sie.

Im Badezimmer wusch sie sich mehrmals kaltes Wasser ins Gesicht, um sich zu beruhigen.

Als sie schließlich in den Spiegel blickte, erkannte sie das müde und zerrüttete Gesicht darin kaum wieder.

„Klara“, sagte sie leise zu ihrem Spiegelbild. „Einmal reicht. Du hast genug geweint. Jetzt isst du etwas, ruhst dich aus und bestehst morgen deine Prüfung.“

Das Einzige, wofür sie in diesem Moment dankbar war, war ihr stetiges Lernen während dieser fünfjährigen Ehezeit.

Nicht aus Ehrgeiz. Sie hatte schlicht zu viel Zeit gehabt.

Zu viele leere Stunden und zu viele Abende des Wartens.

Auf Sebastian zu warten war jahrelang ihr Alltag gewesen.

Aber Sebastian kam fast immer spät nach Hause.

Anfangs schob sie es auf seine Arbeit. Aber dann erfuhr sie den wahren Grund: Er wollte sich ihr einfach nicht zu früh stellen.

Sie hatte es selbst gehört.

Damals, voller Verständnis für seine schwere Arbeit, überwand sie ihre Scheu und kochte ihm das Essen und brachte es ihm ins Büro. Aber dort hörte sie ein Gespräch, das nicht für ihre Ohren bestimmt war.

Drinnen unterhielt er sich mit einem Freund.

„Warum bist du noch hier?“, fragte der Freund. „Alle sind schon weg. Und du, der Chef, machst hier noch Überstunden?“

Nach einer kurzen Pause antwortete Sebastian:

„Ich weiß nicht, wie ich mit Klaras Leidenschaft umgehen soll.“

Damals verstand Klara die Bedeutung dieser Worte noch nicht.

Sein Freund verstand sie aber sofort.

„Moment mal.“ Seine Stimme wurde lauter. „Ihr habt nach all den Jahren noch immer nicht miteinander geschlafen?“

Sebastian schwieg.

Das war die Wahrheit.

Sebastian wollte nie mit ihr intim werden.

Sie gab ihm Hinweise, machte sogar auf eine fast schamlose Weise den ersten Schritt – aber jedes Mal lehnte er sie mit irgendeiner Ausrede ab.

Mal war sie angeblich noch nicht gesund genug.

Mal war er zu müde.

Sie war immerhin nicht dumm. Irgendwann begriff sie, dass es nur einen einzigen Grund gab: Er liebte sie nicht.

Aber als sie es damals direkt aus seinem Mund hörte, durchfuhr ihr Herz ein Schmerz wie von tausend Nadeln. So heftig, dass sie kaum atmen konnte.

Auch fragte sein Freund halb scherzend:

„Aber sie sieht doch gut aus. Erzählst du diesmal ernst, dass sie bei dir gar nichts auslöst?“

Und Sebastians Antwort wurde zu einer Nadel, die sich tief in ihrem Herzen vergrub. In den folgenden Jahren stach sie immer wieder fein und unablässig zu.

Jedes Mal, wenn sie daran dachte, durchzog sie ein stechender Schmerz.

„Ich habe es versucht“, sagte er damals. „Wirklich. Ich wollte eine normale Ehe führen. Aber sobald ich ihr Bein sehe … verschwindet jede Lust.“

So war das der Grund …

Das Bein, das sie bei dem Unfall geopfert hatte, um ihn zu retten.

Das Bein, das wegen des Unfalls voller Narben war und dessen Muskeln sich über die Jahre zurückgebildet hatten.

Es war in seinen Augen etwas, das ihn abstieß. Etwas, das jedes Verlangen erstickte …

Am Ende klopfte sie nicht an seine Bürotür.

Das Essen, das sie für ihn gekocht hatte, warf sie selbst in den Müll.

Und von diesem Tag an betrat sie nie wieder das Firmengebäude.

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