Mag-log inDie gewaltigen Tore der Goldkronen Akademie schlossen sich hinter den neu angekommenen Schülern mit einem dumpfen Grollen. Das Geräusch hallte über den Innenhof und ließ Elara unwillkürlich zusammenzucken. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als wäre sie nicht an einer Schule angekommen, sondern in einer Festung. Die Mauern waren höher als alles, was sie jemals gesehen hatte. Schwarzer Stein zog sich kilometerweit durch die Berglandschaft und schirmte die Akademie von der Außenwelt ab. Es gab nur einen Eingang und nur einen Ausgang. Wer einmal hier war, konnte nicht einfach gehen.
Elara schulterte ihre Tasche und folgte der Menge der Erstsemester über den riesigen Platz. Überall standen Gruppen von Schülern zusammen. Manche lachten und unterhielten sich. Andere beobachteten die Neuankömmlinge mit neugierigen oder abschätzigen Blicken. Viele trugen die Farben ihrer Rudel mit sichtbarem Stolz. Goldene Abzeichen glänzten auf Jacken und Umhängen. Selbst die Luft schien erfüllt von Macht und Selbstbewusstsein.
Elara fühlte sich fehl am Platz.
Sie war ihr ganzes Leben lang ein Außenseiter gewesen, doch hier wurde ihr dieser Unterschied noch deutlicher bewusst. Während die meisten Schüler muskulös, attraktiv und voller Selbstvertrauen wirkten, kämpfte sie bereits damit, die Aufmerksamkeit der anderen zu ertragen. Sie wusste genau, was sie sahen. Ein übergewichtiges Mädchen mit schlichten Kleidern und ohne Wolf. In ihren Augen war sie eine Fehlgeburt der Natur.
„Beweg dich weiter.“
Die Stimme eines Aufsehers riss sie aus ihren Gedanken.
Vor ihnen erhob sich das Hauptgebäude der Akademie wie ein dunkler Palast. Gewaltige Säulen stützten die Eingangshalle. Goldene Verzierungen glänzten entlang der Wände. Über dem Portal befand sich das Symbol der Akademie. Eine Krone aus Gold, die von zwei Wölfen getragen wurde.
Als Elara die Halle betrat, stockte ihr der Atem.
Der Raum war gigantisch.
Hohe Glasfenster ließen das Licht der Nachmittagssonne hereinströmen. Marmorböden reflektierten jeden einzelnen Lichtstrahl. Riesige Kronleuchter hingen von der Decke. Hunderte Schüler bewegten sich durch die Halle, doch selbst diese Menschenmenge wirkte klein in diesem gewaltigen Raum.
„Beeindruckend, oder?“
Elara drehte sich erschrocken um.
Neben ihr stand ein schlanker Junge mit dunklen Locken und freundlichen braunen Augen. Er lächelte nervös und hielt einen Stapel Bücher gegen die Brust gedrückt.
„Ich bin Felix“, sagte er. „Erstes Jahr. Genau wie du.“
Elara blinzelte überrascht.
Normalerweise sprach niemand freiwillig mit ihr.
„Elara“, antwortete sie vorsichtig.
„Freut mich.“
Felix grinste.
„Du siehst genauso überfordert aus wie ich.“
Ein unerwartetes Lächeln erschien auf Elaras Gesicht.
„Bin ich wahrscheinlich auch.“
„Gut. Dann bin ich wenigstens nicht allein.“
Die Worte waren simpel, doch sie berührten sie mehr, als sie erwartet hätte. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft sprach jemand mit ihr, ohne sie zu beleidigen.
Gemeinsam folgten sie den anderen Schülern in einen gewaltigen Versammlungssaal.
Dort warteten bereits mehrere Lehrer.
Die Professoren saßen auf einer erhöhten Plattform am Ende des Raumes. Jeder von ihnen strahlte eine Macht aus, die selbst aus der Entfernung spürbar war. Einige hatten silbernes Haar. Andere trugen Narben, die von unzähligen Kämpfen erzählten.
In der Mitte saß eine Frau mit schneeweißem Haar und goldenen Augen.
Sofort wurde es still.
„Willkommen an der Goldkronen Akademie.“
Ihre Stimme war ruhig, doch sie erfüllte den gesamten Saal.
„Mein Name ist Rektorin Seraphina Falkenstein. Für die nächsten Jahre wird dies euer Zuhause sein.“
Niemand wagte zu sprechen.
„Viele von euch wurden als die Besten ihrer Rudel ausgewählt. Einige stammen aus königlichen Blutlinien. Andere haben außergewöhnliche Fähigkeiten bewiesen. Doch hier spielen Herkunft und Ruhm keine Rolle.“
Einige ältere Schüler schnaubten leise.
Die Rektorin bemerkte es offensichtlich.
„Wer glaubt, bereits stark zu sein, wird hier schnell eines Besseren belehrt.“
Ein leichtes Murmeln ging durch den Saal.
„Goldkronen erschafft Anführer. Krieger. Könige.“
Ihre goldenen Augen wanderten durch die Reihen.
Für einen Augenblick glaubte Elara, dass ihr Blick auf ihr ruhte.
„Und manchmal erschafft Goldkronen Legenden.“
Ein seltsames Gefühl durchlief Elara.
Sie wusste nicht warum.
Doch plötzlich erinnerte sie sich an die roten Augen im Nebel.
Die Erinnerung ließ sie frösteln.
Nach der Begrüßung wurden die Schüler ihren Wohnhäusern zugeteilt.
Jeder Neuankömmling erhielt ein silbernes Armband, das seinen Rang und seine Unterkunft anzeigte.
Als Elara ihres erhielt, bemerkte sie sofort die Reaktionen der anderen.
Mehrere Schüler begannen zu lachen.
„Natürlich.“
„Wo sonst sollte sie landen?“
„Passt perfekt.“
Verwirrt betrachtete Elara die Gravur.
Haus Mondlicht.
Sie verstand nicht, weshalb alle lachten.
Felix neben ihr verzog das Gesicht.
„Nicht besonders fair.“
„Was bedeutet das?“
Felix seufzte.
„Haus Mondlicht ist das schwächste Wohnhaus der Akademie.“
Elara war nicht überrascht.
„Dort landen hauptsächlich Omegas.“
„Und das ist schlecht?“
„Nicht grundsätzlich. Aber die anderen Häuser behandeln euch wie Diener.“
Elara spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
Natürlich.
Warum sollte es auch anders sein?
Sie hatte gehofft, hier neu anfangen zu können.
Doch offenbar hatten die Vorurteile bereits auf sie gewartet.
Später führte ein Aufseher die Bewohner von Haus Mondlicht zu ihrem Wohnheim.
Das Gebäude lag weit entfernt vom Hauptzentrum der Akademie.
Während die Häuser der Alphas wie luxuriöse Herrenhäuser wirkten, erinnerte Haus Mondlicht eher an ein altes Internat.
Die Unterschiede waren offensichtlich.
„Das ist lächerlich“, murmelte Felix.
„Vielleicht.“
Elara zuckte mit den Schultern.
„Ich bin Schlimmeres gewohnt.“
Der Junge sah sie mit einer Mischung aus Mitgefühl und Bewunderung an.
„Du bist stärker, als du glaubst.“
Elara antwortete nicht.
Wenn er wüsste.
Wenn er wüsste, wie oft sie nachts geweint hatte.
Wie oft sie sich gewünscht hatte, jemand anderes zu sein.
Wie oft sie gebetet hatte, endlich einen Wolf zu bekommen.
Er würde sie nicht stark nennen.
Er würde sie bemitleiden.
Nachdem sie ihr Zimmer bezogen hatte, beschloss sie, das Gelände zu erkunden.
Der Campus war riesig.
Trainingsplätze erstreckten sich über mehrere Hektar. Es gab Arenen, Bibliotheken, Gärten und sogar einen künstlichen See.
Doch je weiter sie lief, desto mehr bemerkte sie etwas Merkwürdiges.
Es gab fast keine Omegas.
Alphas waren überall.
Betas ebenfalls.
Doch Omegas sah sie nur selten.
Und wenn doch, wirkten sie eingeschüchtert und zurückhaltend.
Fast so, als hätten sie Angst.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus.
Während sie über einen abgelegenen Pfad lief, hörte sie plötzlich Stimmen.
Männliche Stimmen.
Sie kamen aus einem Innenhof.
Neugierig blieb sie stehen.
„Sie ist angekommen.“
„Dann hat die Prophezeiung begonnen.“
Elara erstarrte.
„Bist du sicher?“
„Absolut.“
„Und der Alpha König?“
„Er weiß es bereits.“
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Instinktiv trat sie näher.
Doch plötzlich knackte ein Ast unter ihrem Fuß.
Die Stimmen verstummten.
„Wer ist da?“
Elara erschrak.
Sofort drehte sie sich um und lief davon.
Sie wagte nicht zurückzublicken.
Erst als sie wieder die Hauptwege erreichte, verlangsamte sie ihre Schritte.
Ihr Herz raste.
Prophezeiung.
Alpha König.
Angekommen.
Meinten sie sie?
Nein.
Das wäre absurd.
Warum sollte irgendjemand über sie sprechen?
Sie war niemand Besonderes.
Nur ein Mädchen ohne Wolf.
Doch die Worte ließen sie nicht los.
Als die Sonne langsam unterging, kehrte sie schließlich zum Wohnheim zurück.
Das Abendessen wurde in einer riesigen Halle serviert.
Lange Tische füllten den Raum.
Jede Gruppe saß getrennt.
Die Alphas in der Mitte.
Die Betas auf den Seiten.
Die Omegas ganz hinten.
Elara bemerkte die Hierarchie sofort.
Niemand musste sie erklären.
Sie war offensichtlich.
Als sie ihren Platz einnahm, wurde die Halle plötzlich still.
Ein Raunen ging durch die Menge.
Neugierig blickte sie auf.
Die großen Türen hatten sich geöffnet.
Damian Schwarzwald betrat den Saal.
Augenblicklich richteten sich hunderte Blicke auf ihn.
Der Alpha König bewegte sich mit derselben kalten Selbstsicherheit wie zuvor.
Neben ihm gingen mehrere Mitglieder seines engsten Kreises.
Unter ihnen befand sich auch Adrian Silberfang.
Der berühmte Beta Stratege.
Elara erkannte ihn sofort aus den Geschichten.
Doch ihr Blick blieb an Damian hängen.
Etwas an ihm machte sie nervös.
Seine Präsenz war überwältigend.
Gefährlich.
Unnahbar.
Als hätte man einen Raubtierkönig mitten unter Menschen gesetzt.
Für einen kurzen Moment hob Damian den Kopf.
Seine grauen Augen trafen ihre.
Wieder spürte Elara dieses seltsame Ziehen in ihrer Brust.
Stärker als zuvor.
Fast schmerzhaft.
Damian blieb stehen.
Sein Gesicht verhärtete sich.
Eine Sekunde.
Zwei Sekunden.
Dann wandte er sich abrupt ab.
Als hätte er etwas gesehen, das ihm nicht gefiel.
Elara verstand es nicht.
Doch tief in ihrem Inneren begann erneut etwas zu erwachen.
Etwas Altes.
Etwas Verbotenes.
Etwas, das jahrhundertelang geschlafen hatte.
Und tief unter der Akademie, verborgen hinter uralten Siegeln und vergessenen Mauern, öffneten sich langsam zwei glühend rote Augen in der Dunkelheit.
Zum ersten Mal seit vielen Jahrhunderten.
Das Wesen hatte seine Erbin gespürt.
Und es war erwacht.
Die Rückkehr aus dem Verbotenen Wald hatte sich für Elara angefühlt wie das Erwachen aus einem Fiebertraum. Niemand sprach offen darüber, was wirklich geschehen war, doch die Blicke der Lehrer verrieten genug. Sie wurde nicht gelobt, nicht getadelt und auch nicht befragt, als hätte man beschlossen, dass ihre Existenz in dieser Geschichte besser nicht zu sehr hinterfragt werden sollte. Trotzdem spürte sie, dass sich etwas verändert hatte. Die Luft in der Akademie wirkte dichter, die Gespräche gedämpfter und die Schatten an den Wänden schienen länger als zuvor.Felix war die ganze Zeit an ihrer Seite geblieben, doch selbst er wirkte nervös und ungewöhnlich still. Mira hatte sich im Krankenflügel befunden, nachdem sie zurückgebracht worden war, und Tobias hatte sich sofort von ihnen getrennt, als sie die Tore der Akademie passiert hatten. Elara blieb allein mit ihren Gedanken zurück, während sie durch die endlosen Gänge des Hauses Mondlicht lief. Jeder Schritt hallte in ihrem Inneren nac
Der nächste Morgen begann lange vor Sonnenaufgang.Ein ohrenbetäubendes Glockensignal durchschnitt die Stille des Wohnheims und riss Elara aus einem unruhigen Schlaf. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Die Ereignisse des vergangenen Tages vermischten sich mit seltsamen Träumen, die sie die ganze Nacht verfolgt hatten. Sie hatte von roten Augen geträumt, die in der Dunkelheit auf sie warteten. Von uralten Stimmen, die ihren Namen flüsterten. Von einer gewaltigen Tür aus schwarzem Stein, hinter der etwas Lebendiges gefangen war.Schweißgebadet setzte sie sich auf.Das Herz schlug ihr bis zum Hals.Das Zimmer lag noch im Halbdunkel. Durch das Fenster konnte sie die ersten blassen Lichtstreifen am Horizont erkennen. Im Nachbarbett schnarchte ihre Mitbewohnerin leise vor sich hin. Elara hatte ihren Namen bereits vergessen. Das Mädchen hatte gestern kaum zwei Worte mit ihr gewechselt und war offensichtlich nicht daran interessiert gewesen, Freundschaften zu schließen.Plötzlich
Die gewaltigen Tore der Goldkronen Akademie schlossen sich hinter den neu angekommenen Schülern mit einem dumpfen Grollen. Das Geräusch hallte über den Innenhof und ließ Elara unwillkürlich zusammenzucken. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als wäre sie nicht an einer Schule angekommen, sondern in einer Festung. Die Mauern waren höher als alles, was sie jemals gesehen hatte. Schwarzer Stein zog sich kilometerweit durch die Berglandschaft und schirmte die Akademie von der Außenwelt ab. Es gab nur einen Eingang und nur einen Ausgang. Wer einmal hier war, konnte nicht einfach gehen.Elara schulterte ihre Tasche und folgte der Menge der Erstsemester über den riesigen Platz. Überall standen Gruppen von Schülern zusammen. Manche lachten und unterhielten sich. Andere beobachteten die Neuankömmlinge mit neugierigen oder abschätzigen Blicken. Viele trugen die Farben ihrer Rudel mit sichtbarem Stolz. Goldene Abzeichen glänzten auf Jacken und Umhängen. Selbst die Luft schien erfüllt von Mach
Der kalte Herbstwind peitschte gegen die Fenster des alten Reisebusses, während Elara Morgenstern den Blick auf die vorbeiziehenden Berge richtete. Dunkle Wolken hingen schwer am Himmel und ließen die Welt draußen grau und trostlos erscheinen. Sie zog die Ärmel ihres Pullovers über ihre Hände und versuchte, die Nervosität zu ignorieren, die ihren Magen seit Stunden zusammenkrampfte. Heute begann ein neues Kapitel ihres Lebens. Zum ersten Mal verließ sie ihr Heimatdorf und machte sich auf den Weg zur berühmtesten Werwolf Akademie der Welt.Die anderen Passagiere im Bus schienen ihre Aufregung zu teilen, doch aus völlig anderen Gründen. Mehrere junge Werwölfe unterhielten sich lautstark über ihre Familien, ihre Rudel und die beeindruckenden Fähigkeiten ihrer Wölfe. Ihre Stimmen waren voller Stolz und Selbstvertrauen. Elara saß allein in der hintersten Reihe und versuchte unsichtbar zu wirken. Niemand sprach mit ihr. Niemand fragte nach ihrem Namen. So war es schon immer gewesen.Seit ih







