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Kapitel 6

Jana Jäger
Juna hätte nie damit gerechnet, dass Wohnung 1801 einen neuen Bewohner bekam – und schon gar nicht damit, dass es der junge Mann war, der ihr am Paketshop geholfen hatte.

Auch er wirkte kurz überrascht. Er nickte ihr zu und setzte dann seine Arbeit fort.

Der Mann war groß, schlank und athletisch. Sein markantes Gesicht wirkte kühl, und unter der schlichten Kleidung zeichneten sich Muskeln ab, die verrieten, wie viel Kraft in ihm steckte.

Bei seinem Anblick stellten sich Juna die Nackenhaare auf. Nach dem knappen Gruß zog sie sich rasch in ihre Wohnung zurück.

Dieses Leben nahm bereits einen anderen Verlauf: Der Taifun war früher gekommen, und nun hatte sie auch noch einen neuen Nachbarn.

Welcher vernünftige Mensch ließ sich gleich drei Sicherheitstüren aus Edelstahl einbauen?

Juna wollte möglichst friedlich mit ihm auskommen. Unvorsichtig durfte sie trotzdem nicht werden.

Der Mann hatte ihr zwar geholfen, doch das war vor der Katastrophe gewesen. Wenn die Ordnung erst zusammenbrach und alle Hemmungen fielen, konnte niemand garantieren, dass selbst ein anständiger Mensch derselbe blieb.

Juna verriegelte beide Türen, machte sich frisch und frühstückte. Inzwischen war es etwas heller geworden, doch der Himmel blieb bleiern und grau.

Auf dem Balkon peitschte ihr der Regen entgegen. Der Taifun heulte um die Mauern und ließ die Tropfen unablässig gegen das Sicherheitsglas prasseln.

Nach nur einer Nacht stand die Straße unter Wasser. Viele Autos waren bereits bis über die Räder überflutet; in tiefer gelegenen Abschnitten riss die Strömung ganze Fahrzeuge mit sich.

Dichte Regenwände nahmen Juna die Sicht. Grau und schwer senkte sich der Himmel über die Stadt, bis Häuser und Straßen unter ihm zu verschwinden schienen.

Juna hob das Fernglas. Die Straßen glichen breiten Flüssen, über denen die Wolken immer tiefer hingen. In der Ferne verband eine wirbelnde Wassersäule Himmel und Erde und riss Regen, Äste und Fahrzeuge mit sich.

Ein Tornado!

Fassungslos sah Juna, wie der Wirbelsturm eine Hochstraße entzwei riss. Ein Blitz setzte einen Baum in Brand, doch der Wolkenbruch löschte das Feuer binnen Augenblicken.

Hatte es bei der Katastrophe in ihrem ersten Leben ebenfalls Tornados gegeben?

Juna konnte sich nicht daran erinnern. Immer mehr Einzelheiten unterschieden sich von damals, und jede Abweichung schien die Lage noch schlimmer zu machen.

Ihr Handy vibrierte ununterbrochen. Die vielen Nachrichten machten Juna nur nervös, deshalb schaltete sie die mobilen Daten aus und arbeitete in der Küche weiter.

Sie kochte Hähnchen- und Entenkeulen vor, würzte sie kräftig und ließ sie anschließend schmoren. Auch die Schweine- und Rinderinnereien zu säubern und vorzukochen kostete viel Zeit.

Von den schweren Küchendünsten verging Juna der Appetit. Mittags kochte sie sich nur schnell eine Portion Nudeln mit Tomatensoße.

Als sie die Dunstabzugshaube ausschaltete, hörte sie leise ein Kind weinen.

Zunächst beachtete Juna das Weinen nicht. Sie brachte den zugebundenen Müllbeutel vor die Tür und wollte gerade wieder hineingehen, als sie merkte, dass das Geräusch aus Wohnung 1801 kam.

Juna studierte erst seit einem Jahr Medizin und war noch weit davon entfernt, eine Ärztin zu sein. Trotzdem hörte sie sofort, dass mit dem Kind etwas nicht stimmte.

Nach kurzem Zögern klopfte sie an die Tür. „Mila?“

Die drei Stahltüren waren so massiv, dass Juna eine ganze Weile klopfen musste. Niemand reagierte. Sie wollte schon gehen, als drinnen ein Schloss klickte.

Nach langem Hantieren öffnete sich die Tür einen Spalt. Mila stand dahinter, das Gesicht tränenüberströmt und die Augen voller Angst. An ihrem Mund klebten Reste von Erbrochenem, ihre Wangen waren unnatürlich gerötet.

„Warum weinst du, Mila?“

Juna legte ihr eine Hand auf die Stirn und erschrak über die Hitze. Dem Kind lief klarer Schleim aus der Nase – Mila war erkältet und hatte hohes Fieber.

„Wo ist dein Papa?“

„Mein Bruder ist weg.“ Milas Stimme klang heiser vom Weinen. Mit beiden Händen wischte sie sich immer wieder über die Augen. „Er will mich auch nicht mehr.“

Auch nicht mehr? Offenbar war Mila schon einmal verlassen worden.

Juna blickte an den drei massiven Stahltüren vorbei in die leere Wohnung und strich dem Kind beruhigend über den Kopf. „Er kommt bestimmt zurück. Vielleicht musste er nur etwas erledigen. Möchtest du so lange mit zu mir kommen?“

Die fünfjährige Mila war krank und fürchtete sich in der fremden Umgebung. An Juna erinnerte sie sich jedoch. Nach kurzem Zögern nickte sie.

In Junas Wohnung zeigte das Thermometer über neununddreißig Grad. Juna suchte ein für Kinder geeignetes Erkältungsmittel mit fiebersenkender Wirkung heraus und gab Mila die richtige Dosis.

Danach schrieb sie eine kurze Notiz und klebte sie an die Tür von Wohnung 1801, damit der Mann sich bei seiner Rückkehr keine Sorgen machte.

Während draußen der Taifun tobte, fragte Juna sich, was den neuen Nachbarn bei diesem Wetter aus dem Haus getrieben hatte. Hinauszugehen grenzte an Selbstmord.

Immer wieder zuckten Blitze über den Himmel, und der Fernsehempfang war bereits ausgefallen. Mila kauerte auf dem Sofa, völlig verängstigt und in sich zusammengesunken.

Der Anblick erinnerte Juna an ihre eigene Kindheit. Andere Kinder waren von ihren Eltern getröstet worden. Wenn Juna krank war, hatte sie allein im Bett gelegen, ihr Kissen umklammert und sich von der ganzen Welt vergessen gefühlt.

Juna hatte keine Ahnung, wie man ein Kind beschäftigte. Also öffnete sie auf dem Tablet eine heruntergeladene Zeichentrickserie.

Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Mila hob den Kopf und wurde merklich munterer.

Juna setzte sich neben sie, schaltete die mobilen Daten wieder ein und sah mehrere neue Nachrichten. Eine davon stammte von Lennart.

„Juna, mein Ton gestern war nicht in Ordnung. Sei bitte nicht mehr böse.“

„Ich hatte mich wirklich darauf gefreut, meinen Geburtstag mit dir zu feiern. Als du nicht gekommen bist, war ich deshalb so enttäuscht …“

Bei seinem guten Aussehen hätte Juna ihm mehr Rückgrat zugetraut. Doch schon nach einer Nacht kam er bei ihr angekrochen.

Kein Wunder. Sicher saßen noch einige seiner Geburtstagsgäste bei ihm fest. Auf solchen Feiern gab es Chips, Bier und Kuchen, doch niemand kochte eine richtige Mahlzeit. Entsprechend dürftig mussten Lennarts Vorräte sein.

Selbst ein paar Packungen Instantnudeln und Kekse reichten bei so vielen hungrigen Gästen nicht lange.

Die Nachricht war vor einer Stunde gekommen. Natürlich ging es Lennart nur ums Essen.

Mehrere unbekannte Teilnehmer aus den Gruppenchats hatten Juna nach Lennarts Nachricht privat angeschrieben. Sie ignorierte sie alle.

Auch zwei Eltern ihrer Nachhilfeschüler meldeten sich. Sie bedankten sich für Junas Warnung, durch die sie noch rechtzeitig Lebensmittel für ihre Familien besorgt hatten.

Eine Familie wollte ihr aus Dankbarkeit sogar Geld überweisen.

Juna lehnte ab. Schon bald konnte sie das Geld ohnehin nicht mehr ausgeben.

Im Hauschat präsentierten einige Bewohner üppige Mahlzeiten. Manche aßen Fondue und tranken teuren Rotwein, andere fotografierten ihre bis zum Rand gefüllten Kühlschränke.

Viele versuchten, einander zu übertrumpfen. Einige legten sogar eine Liste an, wer die größten Vorräte besaß. Niemand ahnte, welcher Preis sie später für diese Prahlerei erwartete.

Juna wusste, dass Taifun und Starkregen mindestens zwei Wochen anhielten. Selbst wenn die Behörden helfen wollten, machte das Wetter Rettungseinsätze nahezu unmöglich. Sobald der Hunger lebensbedrohlich wurde, traf es genau diese Wohnungen zuerst.

Zwischen all den Bildern tauchten auch immer mehr Hilferufe auf.

Sie stammten meist von jungen Leuten, die fast ausschließlich Essen bestellten. Ihr Geld gaben sie für Kleidung, Kosmetik und Freizeit aus; selbst gekocht hatten sie nie. Nun waren ihre Schränke voller Sachen, nur Essbares gab es nicht.

„Gestern waren im Supermarkt sogar die Instantnudeln ausverkauft. Hat vielleicht jemand eine Packung übrig?“

„Ich habe nur zwei Packungen Mehl bekommen, aber nicht einmal einen Topf.“

Nachdem die ersten um Hilfe gebeten hatten, schlossen sich immer mehr Bewohner an. Einer lud sogar eine attraktive Nachbarin zum Fondue ein – leider wohnte sie in einem anderen Gebäude.

Die meisten lasen bloß neugierig mit. Wirklich helfen wollte kaum jemand. Erst als jemand eine Fünferpackung Gesichtsmasken gegen Instantnudeln anbot, meldete sich sofort ein Interessent.

Juna scrollte rasch durch die vielen Nachrichten und stieß auf ein geteiltes Video. Ein Auto war von der Strömung erfasst worden. Feuerwehrleute kämpften sich im Sturm zu den Insassen vor, als weiter flussaufwärts ein Damm brach und die Flutwelle das Fahrzeug samt Rettern verschlang.

Inzwischen kursierten zahlreiche solcher Aufnahmen. Manche Rettungen gelangen, andere endeten tödlich.

Die Bilder ließen Juna beklommen zurück. Sie wollte das Handy gerade weglegen, als erneut eine Nachricht von Lennart aufleuchtete …

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