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Kapitel 7

Jana Jäger
Ohne zu zögern blockierte Juna Lennart.

Keine Minute später klingelte ihr Handy. Auf dem Display erschien eine unbekannte Nummer.

Sie musste nicht lange überlegen. Wahrscheinlich rief einer von Lennarts Freunden an.

Diesmal ließ Juna sich nicht mehr ausnehmen. Wenn die anderen auch nur das Geringste von ihren Vorräten abbekamen, galt das für Juna bereits als Niederlage.

Sie schaltete das Handy aus und bemerkte, dass Mila auf dem Sofa eingeschlafen war. Das Kind lag eng zusammengerollt da und wirkte selbst im Schlaf angespannt.

Das Fieber war inzwischen auf achtunddreißig Grad gesunken.

Solange Mila bei ihr war, durfte Juna weder ihre Vorräte offen zeigen noch weiter aufwendig kochen.

Die Nudeln mit Tomatensoße waren inzwischen völlig aufgeweicht, doch Juna schmeckten sie trotzdem köstlich.

Auf dem Balkon gab es ein kleines Fenster, das im Notfall als Ausstieg dienen konnte. Alle übrigen Scheiben waren mit matter Sichtschutzfolie beklebt: Tageslicht fiel herein, doch von außen konnte niemand in die Wohnung sehen.

Juna holte Pflanzkübel und Anzuchterde hervor. Dann nahm sie einige Kilo Kartoffeln, schnitt diejenigen mit Keimaugen in Stücke, bestäubte die Schnittflächen mit Holzasche und pflanzte die Stücke anschließend in die Kübel.

Fast zwanzig Kübel kamen zusammen. Juna brachte sie auf den Balkon der Taschendimension.

Anschließend pflanzte sie Knoblauch, Frühlingszwiebeln, Pflücksalat, Spinat, Rucola, Kresse und weitere schnell wachsende Gemüsesorten an.

Mit stabilen Haken befestigte sie zusätzliche Pflanzgefäße am Balkongeländer.

Wenn Juna alles sorgfältig pflegte, konnte sie sich später selbst mit frischem Gemüse versorgen.

Noch bevor sie sich die Hände waschen konnte, hämmerte jemand gegen die Tür. „Juna! Juna!“

Die Stimme kannte sie nicht. Vermutlich gehörte sie einem von Lennarts Freunden.

Da musste der Hunger bereits groß sein.

„Juna, du kochst doch so gern. Kannst du uns nicht etwas abgeben?“

„Wir bezahlen auch. Das Doppelte – nein, das Fünffache!“

„Antworte uns auf WhatsApp. Wir überweisen dir das Geld sofort.“

„Wir kennen uns doch alle. Willst du es dir wegen so einer Kleinigkeit wirklich mit uns verderben?“

Die beiden Sicherheitstüren dämpften die Stimmen, doch die Männer draußen wurden immer ausfallender. Schließlich trat einer wütend gegen die Tür.

Juna holte ein schweres Hackmesser, riss die Tür auf und hob die Klinge. „Wer hat gegen meine Tür getreten?“

Draußen standen drei Studenten. Als die Tür aufging, sahen sie zunächst erleichtert aus. Schließlich wusste jeder, wie lange Juna Lennart nachgelaufen war. In ihren Augen ließ sie jeden hungern, nur nicht ihren Angebeteten.

Die Snacks waren schon in der Nacht aufgegessen worden. Nun hatten sie weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen und hielten es kaum noch aus. In Lennarts Wohnung standen lediglich ein paar Flaschen Bier, das ihren Hunger nur noch verschlimmerte.

Lennart hatte Juna als verschroben dargestellt: Sie hortete Lebensmittel wie eine alte Frau, und angeblich verdarb bei ihr vieles, bevor sie es je aufbrauchen konnte.

Hinter ihrem Rücken hatten sie oft genug darüber gelacht. Jetzt hofften sie, von Junas Angewohnheit zu profitieren.

Noch ehe einer etwas sagen konnte, sauste das Messer dicht an ihnen vorbei. Alle drei wichen erschrocken zurück. Dann fuhr einer sie wütend an: „Bist du verrückt geworden, Juna?“

Juna versperrte ihnen mit finsterer Miene den Eingang. „Verschwindet. Ich habe euch nicht großgezogen und werde euch auch nicht durchfüttern.“

Die drei starrten sie verblüfft an. Dann fluchte einer: „Was soll die Scheiße, Juna?“

„Wenn ich nicht eure Mutter bin, warum sollte ich euch dann füttern?“ Juna richtete das Messer auf sie. „Tretet noch einmal gegen meine Tür, und ich hacke euch in Stücke.“

Juna hatte den Untergang drei Jahre lang überlebt. Sie hatte gekämpft, getötet und die hässlichsten Seiten der Menschen kennengelernt.

Die drei merkten, dass sie nicht bluffte. „Wir … wir sind doch Freunde“, brachte einer unsicher hervor. „Außerdem wollen wir nichts geschenkt.“

„Selbst wenn ich Essen hätte, würde ich es eher einem streunenden Hund geben als euch.“

Juna ließ den Blick über die drei schweifen. „Glaubt ihr wirklich, ich weiß nicht, wie ihr hinter meinem Rücken über mich geredet habt? Ihr habt mich immer lächerlich gemacht. Dann zeigt wenigstens so viel Rückgrat, nicht schon nach zwei ausgelassenen Mahlzeiten bei mir zu betteln.“

Den drei schoss die Röte ins Gesicht. Sie zitterten vor Wut.

„Sagt Lennart, er soll nicht mit Vivienne im Bett liegen und gleichzeitig bei mir um Essen betteln. Er lässt sich von ihr aushalten, bettelt hinter ihrem Rücken bei mir und hält sich trotzdem für etwas Besseres. Wie erbärmlich.“

„Wenn er mich noch einmal belästigt, stelle ich seine Nachrichten in den Campus-Chat und in den Hauschat. Dann kann jeder sehen, was für ein Mensch er ist.“

„Du … du hast vielleicht Nerven!“

Die Männer hatten erst zwei Mahlzeiten ausgelassen, und ihr Stolz war noch stärker als der Hunger. Außerdem stand Juna mit einem Messer vor ihnen und ließ keinen Zweifel daran, dass sie jede Drohung ernst meinte. Für sie stand fest: Die Beziehung zwischen Lennart und Vivienne hatte Juna endgültig durchdrehen lassen.

„Das ist noch nicht vorbei!“

Nach dieser Drohung zogen sie ab.

Juna antwortete nicht. Stattdessen schlug sie das Messer in die Wand neben ihnen, woraufhin alle drei davonrannten.

Damit hatte Juna fürs Erste Ruhe vor ihnen.

Juna schloss die Türen. Mila war von dem Lärm aufgewacht. Tränen standen ihr in den Augen, doch sie wagte offenbar nicht zu weinen und kauerte zitternd auf dem Sofa.

Diese Reaktion war nicht normal. Mila musste Schlimmes erlebt haben.

Juna legte das Messer in die Küche und sprach dann sanfter mit ihr. „Hab keine Angst, Mila. Das waren böse Menschen. Ich habe sie weggeschickt.“

Sie fühlte Milas Stirn. Das Fieber war verschwunden.

Da knurrte der Magen des Kindes. „Möchtest du etwas essen?“, fragte Juna.

Mila nickte, schüttelte aber gleich darauf den Kopf. „Wo ist mein Bruder?“

Aus Wohnung 1801 war weiterhin niemand zurückgekehrt. Unter einem Vorwand ging Juna in die Küche und holte aus der Taschendimension eine Schüssel milde Hühnersuppe mit Reis.

Mila musste großen Hunger haben. Während sie aß, warf sie Juna immer wieder vorsichtige Blicke zu und schien jederzeit mit einem Wutausbruch zu rechnen.

Mila reagierte viel zu ängstlich. In ihrem bisherigen Zuhause konnte es kaum friedlich zugegangen sein.

Juna strich Mila sanft über den Kopf und gab ihr einen Lutscher.

„Danke.“

Mila war sehr still und blieb zusammengerollt auf dem Sofa sitzen.

Juna schaltete das Handy wieder ein. Unter den neuesten Nachrichten im Hauschat entdeckte sie schließlich einen Hilferuf von Lennart.

Er sah freundlich aus, war auf dem Campus beliebt und wusste genau, wie er sich in Szene setzen musste. Da in der Wohnanlage viele Studenten lebten, antwortete schon bald eine junge Frau auf seinen Hilferuf.

„Ich habe Brot und zwei Fertiggerichte. Wenn du etwas brauchst, kannst du es abholen.“

Das Profilbild gehörte einer Bewohnerin aus dem zwölften Stock. Juna erinnerte sich dunkel an sie. Die zierliche, sympathisch wirkende Studentin gehörte vermutlich zum Fachbereich Wirtschaft und schwärmte ebenfalls für Lennart.

Wenn sie ihm freiwillig half, war das ihre Sache.

Wahrscheinlich ahnte die junge Frau jedoch nicht, dass Lennart nicht allein, sondern mit seiner ganzen Gruppe kam.

Sie fielen wie Heuschrecken ein und fraßen alles kahl.

Juna hatte die Studentin schon mit Einkaufstaschen gesehen. Offenbar kochte sie selbst und dürfte daher einige Vorräte besitzen.

Wenn sie nach ein paar Mahlzeiten merkte, dass die ganze Gruppe sich bei ihr durchschnorrte, konnte sie den Schaden noch rechtzeitig begrenzen.

Juna dachte kurz nach und schrieb dann ebenfalls in den Chat: „Ich habe Hunger.“

Niemand reagierte.

Daraufhin bot sie zwei Euro für eine Packung Instantnudeln oder etwas Brot. Auch diesmal antwortete niemand.

Draußen tobte der Taifun. Im Nachbargebäude barsten die alten Fensterscheiben, und der Sturm fuhr heulend in die Wohnungen. Von drinnen waren Schreie zu hören, während das Wasser auf der Straße immer höher stieg.

Nun begriffen viele, dass es sich tatsächlich um einen Jahrhundertsturm handelte. Die ersten wurden nervös, und im Hauschat war es längst nicht mehr so lebhaft wie am Morgen.

Mila schlief wieder ein. Juna deckte sie zu, damit sie nicht fror.

Kurz darauf klopfte es mehrmals. „Mila.“

Erst als Juna die Stimme des Bewohners aus Wohnung 1801 erkannte, öffnete sie die Tür.

Der Mann stand in seiner Regenjacke vor ihr und war völlig durchnässt. In der Hand hielt er Junas Notiz. „Mila ist bei Ihnen?“

Juna nickte. „Mila hatte Fieber und musste sich übergeben. Dabei hat sie sich beinahe an ihrem Erbrochenen verschluckt. Ich habe ihr ein Erkältungsmittel mit fiebersenkender Wirkung gegeben, und inzwischen ist das Fieber gesunken. Nehmen Sie sie wieder mit und nehmen Sie selbst einfach weiter Ihr Erkältungsmittel.“

Die Anspannung in seinem Gesicht wich sichtbarer Überraschung. „Sind Sie Ärztin?“

„Noch lange nicht. Ich kenne nur die Grundlagen.“

Er trat ein und legte Mila eine Hand auf die Stirn.

Juna rechnete damit, dass er das Kind nun mitnahm. Stattdessen wandte er sich an sie. „Entschuldigen Sie bitte die Umstände. Ich heiße Leander Falk und bin gestern eingezogen. In meiner Wohnung gibt es so gut wie nichts. Der Sturm wird wohl nicht so schnell nachlassen, und ich muss noch das Nötigste besorgen. Kann Mila bis heute Abend bei Ihnen bleiben? Ich hole sie dann ab.“

Juna sah ihn erstaunt an. „Bei diesem Sturm wollen Sie wirklich noch hinaus?“

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