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Kapitel 5

Author: Beeluv
last update publish date: 2026-06-24 13:45:36

Das verfluchte Gebiet

Biancas Perspektive

„Aufwachen! Es ist Zeit zu gehen!“, brüllte ein Wächter und hämmerte gegen meine Tür.

Ich schreckte aus meinem von Albträumen geplagten Schlaf hoch und griff sofort nach meiner Tasche.

Ich hatte alles schon gestern Abend gepackt, bevor ich weinend eingeschlafen war.

Der Wagen des Alphas wartete bereits am Rande des Rudelgeländes.

Ich kletterte hinauf und drückte meine kleine Tasche fest an meine Brust.

Ich drehte mich noch einmal um, um einen letzten Blick auf die Berge zu werfen – die einzige Heimat, die ich je gekannt hatte.

Einige der Wölfe hatten sich am Tor versammelt, starrten mich an und flüsterten.

Ich suchte in ihren Gesichtern nach Trost, fand aber keinen, nur Gleichgültigkeit.

„Ich schätze, ich war doch nicht so wichtig“, flüsterte ich mir selbst zu.

Das Einzige, woran ich denken konnte, war der Brief meiner Großmutter.

„Wenn die Blutlinie erwacht … und wenn ich dann noch am Leben bin, werde ich sie nicht unterbrechen.“

Die Berge verschwanden hinter mir, bis vor mir nur noch das verfluchte Land lag – die gefürchteten Südlichen Gebiete.

Der Wagen hielt so abrupt an, dass ich in der winzigen Kabine fast nach vorne geschleudert wurde.

Ich drückte meine Tasche an meine Brust und hoffte, dass nichts herausgefallen war.

Ich war außer Atem, als ich sprach.

„Was ist los?“

Der Kutscher zog an den Zügeln der Pferde.

Ich schaute hinaus und sah, wie seine Hände die Zügel fest umklammerten, während die Pferde gefährlich wieherten.

Er versuchte, sie zu beruhigen und zu lenken, doch die Pferde wehrten sich gegen ihn.

Sie wollten sich nicht beruhigen.

„Sie wollen nicht weiter“, murmelte einer der Wachen.

Ich spähte aus dem Wagen auf den Weg, der noch dunkler war als die Straße hinter uns.

Dort war es düster, obwohl es kaum nach Mittag war.

Es war schon so dunkel.

War das also das verfluchte südliche Gebiet?

„Das ist es“, sagte der Kutscher mit Panik in der Stimme. „Die Grenze zu den südlichen Gebieten.“

Ich stieg aus.

Meine Beine waren so schwach wie mein Herz, das gegen meine Rippen hämmerte.

Aber ich riss mich zusammen.

In dem Moment, als meine Stiefel den Boden berührten, fühlte ich mich irgendwie anders.

Es war, als wäre alles augenblicklich und auf seltsame Weise kälter geworden.

„Mit diesem Ort stimmt wirklich etwas nicht“, murmelte ich.

„Was glaubst du, warum man es die verfluchten Länder nennt, Heilerin? Um deinetwillen hoffe ich, dass du nicht stirbst“, sagte der Wächter mit einem Schnauben.

Wir standen da und überschritten diese Grenze nicht.

„Worauf warten wir? Solltest du mich nicht dorthin bringen?“, fragte ich, besorgt, dass sie stattdessen den Befehl erhalten hatten, mich zu töten.

„Glaubst du etwa, ich würde mit dir da reingehen?“, fragte er.

Seine Frage war von so viel Unglauben und Verachtung durchdrungen.

„Ich bin kein Heiler. Wir warten darauf, dass ihre Wachen kommen, um dich abzuholen – für den Transport.“

Wir warteten gemeinsam.

Ich sagte nichts mehr, aus Angst, weitere versteckte Beleidigungen über mich ergehen zu lassen.

Bald hörte ich Schritte, die aus der Dunkelheit herabmarschierten.

Ich sah, dass diese Wachen ganz in Schwarz gekleidet waren.

Als sie näher kamen, flackerte instinktiv mein Heilungslicht in meinen Handflächen.

Es war ein sanftes Leuchten, das ich seit der Zurückweisung nicht mehr beständig hatte hervorrufen können.

Doch nun strahlte es hell, auch wenn es noch nicht so hell war wie zuvor.

Es dauerte nur einen Herzschlag lang, bevor es wieder verschwand.

Aber es gab mir Hoffnung.

Ich ballte meine Hände zu Fäusten.

„Komm zurück!“, schrie ich dem dummen Schimmer hinterher, der verflackert war.

Jemand schnalzte mit der Zunge.

Ich blickte auf und sah, dass die Wachen nun vor mir standen.

„Das Land mag keine Fremden, es verzerrt die Kräfte. Heiler werden krank, und Krieger verlieren ihre Stärke. Der Fluch bricht alle, die es betreten“, sagte einer der südlichen Wachen.

„Wenn es so schlimm ist, warum habt ihr mich dann nicht alle aus dem Land gelassen?“ Ich schluckte schwer, meine Kehle war trocken.

„Weil er es nicht getan hat.“

„Wer?“, fragte ich.

„Alpha Logan …“

Er.

Der Mann, an den ich verkauft worden war.

Logan.

Dieser Name hatte schon seit geraumer Zeit Gerüchte angeheizt.

Er war der verfluchte Alpha, der alles zerstörte, was er berührte, und dessen bloße Anwesenheit einen töten konnte.

Er war der Stoff, aus dem Albträume sind, und doch war er mein Ziel.

Der Wächter aus meinem Rudel hatte sich bereits abgewandt.

Sie ließen mich grausamerweise allein mit diesen Wächtern aus dem Süden zurück, deren Blicke nervös über mich huschten.

Wir gingen zu Fuß weiter.

Ich fühlte mich, als wäre ich gerade auf eine aktive Landmine getreten.

Nach ein paar Schritten stolperte ich.

Der widerliche Geruch erfüllte meine Sinne und machte mir das Atmen schwer.

Meine Heilkraft schoss erneut hervor.

Das Licht sprühte aus meinen Händen, bevor es auf schmerzhafte Weise erlosch.

Ein Wächter zischte.

„Hast du ihre Hände gesehen?“

Es war ein Flüstern, aber ich hörte es.

„Sie leuchtete“, flüsterte ein anderer mit Angst in der Stimme. „Der Fluch hasst diese hier bereits.“

Ich presste zitternd meine Handflächen aneinander. „Ich habe es nicht absichtlich getan. Ich habe keine Kontrolle darüber.“

„Hör auf damit“, fuhr er mich an. „Benutz es hier nicht, es sei denn, du willst Ärger.“

Ich biss mir auf die Lippe und nickte gehorsam, obwohl sich in meinem Kopf eine stille Angst breitmachte.

Meine Kraft gehorchte mir nicht mehr.

Es war, als würde sie auf etwas an diesem Ort reagieren und es wie bei einer Prüfung aus mir herausziehen.

Der Weg schien endlos.

Je tiefer wir vordrangen, desto schlimmer wurde alles, was ich sah.

Überall auf dem Weg roch es nach verwesendem Fleisch, aber ich konnte keine Kadaver sehen, die herumlagen.

Etwas Dunkles und Unnatürliches bewegte sich zwischen den Bäumen, und sie waren schnell.

„Schau sie nicht an, sie werden dich nicht angreifen. Halte auch deine Kräfte im Zaum“, murmelte einer der Wachen, als ich nach Luft schnappte.

„Was sind das?“, fragte ich, als mich die Neugier zu quälen begann.

„Das sind Menschen, die vom Fluch verschlungen wurden, aber noch nicht tot sind. Sie befinden sich in einer Zwischenwelt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis …“

Sein Gesicht war blass.

Ich zwang mich, nach vorne zu schauen, während mir die Angst die Brust zuschnürte.

Wir gingen, was mir wie Stunden vorkam.

Dann, gerade als es noch dunkler wurde, bemerkte ich ein Tal.

Mir stockte der Atem.

Die Häuser standen in schrägen Reihen, und dunkler Rauch stieg aus den Schornsteinen auf.

Doch als wir näher kamen, bemerkte ich, dass mit den Wölfen dort etwas nicht stimmte.

Sie waren gekrümmt.

Manche humpelten und husteten heftig, und ihre Körper waren gebrechlich und von blasser Haut.

„Was …“, flüsterte ich, das Entsetzen in meiner Kehle. „Warum sehen sie alle so kränklich aus?“

„Was glaubst du denn, was der Fluch bewirkt? Er vergiftet nicht nur das Land, er kennzeichnet uns. Er ist wie eine Seuche, der niemand entkommen kann. Manche sagen, es liege am Blut unseres Alphas, einem Gift, das Krankheit im Rudel verbreitet, aber das ist eine Lüge. Ich schließe mich denen an, die sagen, es sei die Strafe für die Sünden unserer Vorfahren“, antwortete der Hauptwächter mit gedämpfter Stimme.

„Warum flieht ihr dann nicht einfach aus den verfluchten Ländern? Vielleicht zieht ihr in andere Gebiete und Rudel?“

Er wandte sich mir zu, sein Blick war hart. „Weil, selbst wenn wir verflucht sind, es unser Fluch ist, und wir eher sterben werden, als unseren Alpha im Stich zu lassen. So ist die Welt, das ist die Hierarchie unserer Existenz.“

Seine Worte ließen mich erschauern, und ich wusste, dass ich ihn gekränkt hatte.

Ich spürte, wie alle Blicke auf mich gerichtet waren, während wir durch die Siedlung gingen.

Es gab Gemurmel, leise, aber hörbar.

„Noch eine wertlose Heilerin …“

„Die sieht schon so aus, als stünde sie unter dem Fluch. Sie wird keine Woche überleben …“

„Die anderen Gebiete halten uns wohl absichtlich hin und schicken ihre schwächsten Heiler. Sie wird genauso enden wie die anderen.“

Die Wachen führten mich schweigend weiter, bis wir das Herz des Territoriums erreichten.

Dort stieg der Boden zu einem Hügel an, auf dem eine Festung thronte.

Jeder Schritt näher an die massiven Tore ließ meinen Puls wie wild pochen.

Die Wachen, die in ihren Rüstungen standen, sahen aus wie Statuen, obwohl sie kränklich wirkten.

Sie öffneten die Tore, und das Geräusch hallte laut wider.

Im Inneren der Festung war es noch dunkler als draußen in der Nacht.

In den Schatten stand eine Gestalt.

Er war groß, hatte breite Schultern und war ziemlich massiv.

Er bewegte sich nicht, doch seine Präsenz war spürbar.

Er wandte sich mir zu und sein Blick traf meinen.

Mir fiel die Kinnlade herunter.

Ich erstarrte, denn in diesem Moment durchfuhr mich ein Gefühl der Wiedererkennung.

Meine beschädigte Bindung, die dank Marcus zerbrochen und tot war, flammte plötzlich wieder auf.

Sie loderte augenblicklich mit unerträglicher Hitze durch meine Brust.

Es tat nicht weh.

Es war, als würde mich etwas von vergangenen Schmerzen heilen.

Meine Knie gaben unter diesem Gefühl nach, und mein Herz schrie ein einziges Wort.

Gefährte.

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