MasukNichts mehr, worüber man trauern könnte
Biancas Perspektive Die Worte trafen mich wie die London Bridge. Ich sank in meinen Stuhl und konnte mich bei der Ankündigung kaum noch aufrecht halten. Ich hätte den Rat beider befolgen sollen, mich hinzusetzen, als ich noch die Gelegenheit dazu hatte. Marcus war wirklich böse. Meine Beine zitterten. „Du schickst mich in die südlichen Gebiete, damit ich dort sterbe?“ Marcus’ Miene blieb unbewegt. „Die Chancen stehen fifty-fifty. Vielleicht gehst du dorthin und beweist endlich, dass du von Nutzen bist. Wer weiß? Vielleicht lächelt die Göttin dir zu und hebt den Fluch über dem Gebiet auf. Vielleicht bist du ja die Auserwählte.“ Selene kicherte leise und tippte Marcus auf die Schulter, als hätte er gerade einen Witz gemacht, statt mir das Todesurteil zu verkünden. Meine Stimme brach. „Meine Kräfte sind gebrochen! Das hast du mir angetan, als du mich zurückgewiesen hast! Das solltest du doch wissen …“ Marcus’ Kiefer spannte sich an. Doch seine mir fremden Augen blieben kalt und zeigten absolut keine Reue. „Dann solltest du zum Mond beten, dass du geheilt wirst, bevor der Fluch dich verschlingt. So oder so ist mein Rudel seine Schande los.“ Tränen trübten meine Sicht. „Die Schande des Rudels oder deine Schande?“ Mit jeder Minute stieg die Wut scharf und heiß in meiner Brust auf. „Du hast einmal behauptet, mich zu lieben“, flüsterte ich. „Hat das nichts bedeutet? Die Leute haben das auch gesehen, und sie sehen, wie du mich jetzt behandelst. Glaubst du, mich zu entfernen, wird ihre Erinnerung auslöschen?“ Für den winzigsten Moment glaubte ich, ein Flackern in seinen Augen zu sehen. Es könnte Schuld oder Reue gewesen sein. Oder vielleicht war es auch nur der Geist des Jungen, der er einmal gewesen war. Doch es verschwand so schnell, wie es gekommen war. „Wachen! Begleitet sie in ihre Gemächer“, befahl er, als die Wachen eintraten. „Sie hat bis Sonnenuntergang Zeit, sich vorzubereiten. Bei Einbruch der Dämmerung verlässt sie dieses Rudel und begibt sich in die südlichen Gebiete.“ Selenes Lachen klang leise und grausam, als sich beide umdrehten, um zu gehen. „Leb wohl, Bianca, die Heilerin.“ Die Tür schlug hinter ihnen zu. „Verbannung“, flüsterte ich, „getarnt als Pflicht.“ Reids Hand ruhte auf meiner Schulter. „Ich habe es dir doch schon gesagt. Sie hätten dich niemals hierbleiben lassen. Aber vielleicht, nur vielleicht, hat die Göttin andere Pläne für dich.“ Ich schüttelte heftig den Kopf. Ich begann, mir auf die innere Mundecke zu beißen, als mich die Angst überkam. „Ich kann nicht dorthin gehen, Ältester Reid. Du weißt, was man über die südlichen Gebiete sagt.“ Ich ballte meine Fäuste, bis meine Knöchel blass wurden. „Der Fluch tötet jeden und alle. Wie soll ich das überleben, wenn ich meine Kraft gerade kaum zusammenhalten kann?“ Reids Blick wurde weicher. „Weil du es musst. Und ein Teil von mir glaubt, wenn es jemand schaffen kann, dann bist du es. In dir steckt mehr, als dir selbst bewusst ist.“ „Aber wenn ich bei Einbruch der Dämmerung dorthin gehen soll, während meine Kräfte auf einem Tiefpunkt sind, würde mich der Fluch verschlingen. Ich werde sterben.“ „Hoffen wir, dass das nicht geschieht, mein Kind“, sagte Reid mit aufmunternden Worten. Doch ich konnte bereits die Trauer in seinen Augen sehen. Die Wachen führten mich in mein Zimmer. Das Zimmer kam mir kleiner vor als je zuvor. Ich stopfte ein paar meiner Habseligkeiten in eine Reisetasche. Meine Hände zitterten, als ich meine Kräuter, meine speziellen Mischungen und den Lieblingsschal meiner verstorbenen Großmutter einpackte. Ich spürte immer noch den quälenden Schmerz in meinen Knochen, während ich jedes einzelne meiner Habseligkeiten einpackte. Er machte mich schwach und unsicher. Das war der Beweis für die Zurückweisung, die ich wenige Augenblicke zuvor erfahren hatte. Ich öffnete die geschnitzte Truhe am Fußende meines Bettes. Sie gehörte meiner Großmutter. Ich hatte mich bisher nicht dazu durchringen können, sie zu durchstöbern. Aber ich wusste einfach: Sollte ich sterben, würde ich gerne mit einigen ihrer Habseligkeiten begraben werden. Unter den Sachen meiner Großmutter befand sich eine kleine, flache Schachtel. Sie war in verblichenes Leinen gewickelt. Und als ich sie öffnete, fand ich einen vom Alter vergilbten Umschlag. „Was ist das?“ Ich drehte den Umschlag um und entdeckte auf der Vorderseite die unverkennbare Handschrift. Es war die meiner Großmutter. Ich brach das Siegel des Umschlags auf. Meine Finger begannen zu zittern. Ich hatte so lange darauf gewartet, diese Truhe und all die Dinge, die meine Großmutter hinterlassen hatte, durchzugehen. Ich hatte mir eingeredet, dass ich sie öffnen würde, wenn ich verheiratet wäre und zu dem geworden wäre, worauf sie stolz gewesen wäre. Nun hatten sich die Zeit und die Umstände geändert. Es gab keine Hochzeit. Ich las den Brief. „Wenn du dies liest, erwacht die Blutlinie.“ Mein Herz begann zu hämmern. Ich las die Worte immer und immer wieder. Verzweifelt blätterte ich das vergilbte Papier durch, während ich versuchte, eine weitere Botschaft darauf zu entdecken. Es gab keine. Blutlinie? Erweckt? Was bedeutete das? Vor der Tür des Schlafzimmers stand ein Wachmann bereit, sodass ich meine Gemächer nicht verlassen konnte. Ich setzte mich einfach hin und hielt den Brief fest. „Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Ich hätte ihn früher öffnen und herausfinden sollen, welche versteckte Botschaft sie mir hinterlassen hatte. Jetzt ist es zu spät“, weinte ich. In dieser Nacht weinte ich mich auf dem Boden in den Schlaf.Ich brauche dichBIANCAS PERSPEKTIVE Ich hielt inne und ließ seine Worte auf mich wirken.Er legte beide Hände hinter den Nacken und richtete seinen Blick auf das Treiben draußen. Mir stockte der Atem. Er hatte mich tatsächlich als das Beste bezeichnet, was ihm seit Langem passiert war, und dann weggeguckt. Mein Herz begann unregelmäßig unter meiner Brust zu pochen. Es schlug so heftig, dass ich schwören könnte, er könne es hören. So lange war ich nur an Ablehnung gewöhnt gewesen, und obwohl ich Heilkräfte besaß, wurden diese nie wirklich geschätzt. Was die Menschen brauchten, war nicht ich, sondern meine Kräfte, und sobald sie diese nicht mehr brauchten, wurde ich entsorgt und vergessen, als hätte ich nie eine Rolle gespielt. Denn das hatte ich auch nie.„Ich brauche dich.“Die Worte hallten wieder in meinem Kopf wider. Tränen stiegen mir in die Augen, und ich musste schnell blinzeln, damit sie nicht herausflossen.„Stimmt etwas nicht?“, fragte Logan sanft, während seine Hände m
Ich ertappte mich dabei, wie ich wieder Hoffnung schöpfteLOGANS PERSPEKTIVE.„Luna?“Ich löste mich von Bianca und starrte auf die Tür, als könnte ich die Person auf der anderen Seite allein durch die Kraft meines Willens umbringen. Bianca hielt sich die Hand vor den Mund und versuchte sichtlich, ein Lachen zu unterdrücken.Es klopfte erneut, und ich hörte ein Schleifen von Füßen, als könne sich derjenige nicht schnell entscheiden, ob er gehen oder einfach weiterklopfen sollte.Vielleicht Ersteres, bitte?Wieder ertönte eine Stimme von der anderen Seite der Tür. „Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber ich habe Ihnen beiden das Abendessen mitgebracht.“ Ich sah Bianca an, die immer noch darum kämpfte, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Der Anblick war bezaubernd, und ich lächelte nur.„Komm rein“, murmelte sie und schlüpfte in einen kleinen Schrank, um sich anzuziehen. Das Dienstmädchen trat ein und riss die Augen auf, als sie mich sah.„Alpha“, sagte sie und verbeugte si
Bianca ist anders LOGANS PERSPEKTIVE„Wohin willst du?“, fuhr ich ihn an. Kieran blieb stehen und drehte sich sanft um, ein leichtes Lächeln lag noch immer auf seinem Gesicht. „Ich gehe dahin, wohin du gehst“, antwortete er.Ich schüttelte den Kopf und ging in Richtung meines Büros. Er hob eine Augenbraue, folgte mir aber.Mein Lächeln verschwand, als ich mich meiner Festung näherte. Die Wachen vor der Festung richteten sich auf, sobald ich in ihrer Nähe war, und ihre Gesichter hellten sich auf.Ich winkte ihnen zu, hielt dann aber inne. Sie sahen erschöpft aus, die Augenringe waren dunkler, als sie sein sollten.„Kieran“, rief ich. Er folgte meinem Blick und verstand sofort: „Die Männer werden ausgewechselt, Alpha.“„Gut.“ Die Männer neigten den Kopf: „Danke, Alpha.“ Ich nickte und betrat meine Gemächer, wobei ich mir im Stillen vornahm, den Wachen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wegen des Fluchs hatte ich kaum Zeit gehabt, mich um sie zu kümmern, aber jetzt war es anders – weg
LOGANS PERSPEKTIVE.Es fiel mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Meine Augen juckten, und der Raum, der zu Beginn der Sitzung vor einigen Stunden noch angenehm gewesen war, war mir nun unangenehm geworden.Am Ende des Tisches lehnte Devlons Vater schlaff in seinem Stuhl und kümmerte sich nicht um seine Haltung. Der erschöpfte Ausdruck auf den Gesichtern aller war Beweis genug dafür, dass wir uns schon zu lange damit beschäftigt hatten, aber es war ebenso wichtig Neben mir hallte Kierans Stimme durch den Raum, als er den fünfzehnten Einspruch des Tages vorlas.„Oh, Alpha“, erklang seine Stimme.Ich legte eine Hand auf mein Gesicht, um meinen Unmut zu verbergen. Seit der Ankündigung der Anhörung waren ununterbrochen Briefe eingegangen. Und sie stammten nicht einmal von Mitgliedern meines Rudels. Diese Erkenntnis traf mich härter, als ich erwartet hatte. Es gab mehr Beschwerden als je zuvor. Da sich der Fluch gelockert hatte, dachte ich, das Rudel würde mehr Ruhe finden. Das
Heiß wie ein wütender GefangenerBIANCAS PERSPEKTIVE.Im Heilungszelt herrschte Stille.Anders als in den letzten Tagen, als immer wieder Kinder und Erwachsene hereingebracht wurden, die ich heilen musste. Diese Woche war es anders. Es war ein schönes Gefühl, zu wissen, dass es dem Rudel gut ging. Ich sollte froh sein, dass es nicht nur von kurzer Dauer war, aber das konnte ich nicht sagen. Es war nun schon zwei Nächte her, seit ich die Frau in meinem Traum gesehen hatte. Seit jener Nacht hatte sie sich nicht mehr gezeigt, was mich um das Rudel und das, was kommen würde, sorgen ließ.Ein Geräusch am anderen Ende des Raums riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte auf und seufzte, als meine Lehrlinge hereinkamen, beide grinsend wie die Verrückten. Ich tat so, als würde ich nicht versuchen, die Augen zusammenzukneifen, um zu erkennen, wer wer war, und winkte mit der Hand in die Luft, wobei ich mit dem Finger auf mein leeres Handgelenk zeigte. „Ihr habt zugestimmt, früher zu kommen.
Bei mir bist du in SicherheitLOGANS PERSPEKTIVEAls ich aufwachte, hörte ich leise Geräusche neben mir, während Bianca sich im Bett bewegte und leicht zappelte. Die leisen Laute der Verzweiflung, die sie von sich gab, durchbrachen die Stille unseres Schlafzimmers. Meine Augen waren noch halb vom Schlaf geschlossen, als ich mich langsam zu ihr umdrehte und mir wurde klar, dass sie einen Albtraum hatte.„Bianca“, rief ich leise mit einer Stimme, die vom Schlaf noch rau klang.Aber sie hörte mich nicht und stieß weiterhin diese leisen Laute aus, während ihre Arme umherflatterten und ihr Körper unter der Bettdecke leicht zuckte.„Bianca“, rief ich ihr erneut zu, diesmal jedoch etwas lauter.Als sie sich nicht regte, streckte ich die Hand aus und legte sie sanft auf ihre Schulter, um sie wachzuklopfen. Doch es half nichts, und so schüttelte ich ihren Körper einfach nur zärtlich. Daraufhin öffnete sie die Augen, weit aufgerissen vor Angst und Schrecken, setzte sich ruckartig auf, atmete h







