LOGINKapitel 5
Aurora fühlte sich noch immer unwohl, während Richard ihre Hand hielt und sie die Treppe der Villa hinunterführte. Seine Finger waren warm und ruhig – ein völliger Gegensatz zu Auroras Herz, das die ganze Zeit unruhig in ihrer Brust schlug. Das weiße Kleid, das sie trug, wirkte viel zu kostbar für jemanden wie sie. Als sie die letzte Stufe erreichten, fiel Auroras Blick sofort auf Ethan, der am Konsolentisch im Foyer stand und gerade seine Armbanduhr richtete. Er trug bereits einen eleganten schwarzen Anzug mit einem dunkelgrauen Hemd, das ihn noch reifer wirken ließ. Sein Haar war immer noch leicht zerzaust, als hätte er es eilig gehabt. Genau das hatte Aurora früher immer an Ethan geliebt. Selbst wenn sein Gesicht oft kühl wirkte, hatte er stets etwas Lebendiges an sich. Und nun blieb sein Blick sofort an Aurora hängen. Sein Körper schien sich für den Bruchteil einer Sekunde anzuspannen. Aurora bemerkte deutlich, wie sich sein Kiefer verkrampfte, während seine Finger reglos auf den Manschettenknöpfen liegen blieben. Sein Blick glitt langsam von ihrem Gesicht über das Kleid, das sie trug, und kehrte schließlich wieder zu ihren Augen zurück. Darin lag Hass. Doch da war noch etwas anderes. Etwas, das Ethan daran hinderte, den Blick von ihr abzuwenden. Aurora spürte sofort, wie sich der Druck in ihrer Brust verstärkte. Sein Blick an diesem Morgen war weitaus gefährlicher als seine Wut in der vergangenen Nacht. Denn jetzt wirkte Ethan wie ein Mann, der verzweifelt gegen sich selbst ankämpfte. Richard hingegen blieb vollkommen gelassen. „Guten Morgen, Tantan.“ Ethan blinzelte langsam, als würde er erst jetzt aus seinen Gedanken zurückkehren. „Guten Morgen, Daddy.“ Aurora senkte hastig den Blick. Sie wusste nicht, wie sie Ethan jetzt überhaupt noch gegenübertreten sollte. Alles fühlte sich falsch an. Richard warf Ethan einen kurzen Blick zu. „Kommst du mit zum Bankett?“ „Wohl eher nicht, Daddy. Ich habe um zehn Uhr eine Besprechung.“ Seine Antwort klang gleichgültig, doch seine Augen glitten unbewusst wieder zu Aurora. Sie konnte seinen Blick spüren, ohne ihn direkt anzusehen. „In Ordnung. Aurora wird Daddy heute begleiten“, sagte Richard und strich dabei sanft über ihren Handrücken. Diese kleine Geste veränderte Ethans Blick augenblicklich. Ein schwaches Lächeln erschien auf seinen Lippen. Doch seine Augen lächelten kein bisschen. „Ach so“, sagte er nur knapp. Unauffällig umklammerte Aurora den Stoff ihres Kleides. Zwischen ihnen herrschte eine seltsame Atmosphäre. Zu viele unausgesprochene Worte lagen in der Luft. Schließlich nahm Ethan seinen Autoschlüssel vom Tisch. „Ich fahre dann, Daddy.“ Richard nickte gelassen. „Gut. Fahr vorsichtig.“ Aurora schwieg, während Ethan an ihnen vorbeiging. Doch als er direkt neben ihr war, verlangsamte er seine Schritte. Aurora nahm den vertrauten Duft seines Parfums wahr. Denselben Duft, der früher jedes Mal an seiner Jacke haftete, wenn Ethan sie in den Arm genommen hatte. Erneut zog sich ihre Brust schmerzhaft zusammen. Dennoch verließ Ethan das Haus, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Erst als sich die Haustür hinter ihm schloss, konnte Aurora etwas freier atmen. Doch diese Ruhe hielt nicht lange an. Plötzlich klingelte Richards Handy. Mit einem leisen Seufzen blickte er auf das Display. „Ich nehme den Anruf kurz entgegen.“ Er ließ Auroras Hand los und ging in den Garten hinter der Villa, während er das Gespräch annahm. Aurora blieb allein mitten in der Eingangshalle stehen und starrte gedankenverloren zur Haustür. Sie glaubte, Ethan sei wirklich gegangen. Doch nur wenige Sekunden später waren erneut Schritte zu hören. Aurora drehte sich erschrocken um. Ihr Atem stockte sofort. Ethan stand wieder vor ihr. Er war gar nicht gegangen. Sein Blick war nun noch dunkler als zuvor. „Ethan, du…“ Sie konnte den Satz nicht einmal beenden. Mit schnellen Schritten kam Ethan auf sie zu. „Warte… Ethan—“ Doch Ethan packte sie sofort am Handgelenk und zog sie in den Seitengang neben dem stillen Lesesalon. „Ethan, das tut weh… Lass mich los!“ Knall. Im nächsten Augenblick wurde Aurora gegen die Wand gedrückt. Ihr Atem ging vor Schreck hastig. Ethan stand ihr viel zu nah. So nah, dass Aurora das Gefühlschaos in seinen Augen deutlich erkennen konnte. Seine Brust hob und senkte sich schnell, während eine Hand ihr Handgelenk weiterhin fest umklammerte. „Was tust du da?“, flüsterte Aurora panisch und versuchte sich loszureißen. „Wenn Richard uns sieht—“ „Warum?“, unterbrach Ethan sie scharf. „Hast du Angst, erwischt zu werden?“ Aurora starrte ihn fassungslos an. „Ethan, hör auf.“ „Aufhören?“ Ethan lachte leise auf, voller Bitterkeit. „Du kommst in mein Haus, wirst die zukünftige Frau meines Daddys… und sagst mir, ich soll aufhören?“ Aurora geriet in Panik, als sie bemerkte, wie Ethan auf ihre Lippen blickte. Dieser Blick war ihr nur allzu vertraut. Und viel zu gefährlich. „Ethan, tu das nicht—“ Weiter kam sie nicht. Plötzlich zog Ethan sie zu sich und küsste sie. Auroras Augen weiteten sich. Der Kuss war rau. Voller Wut. Voller Frustration, die Ethan so lange unterdrückt hatte. Sofort stemmte Aurora beide Hände gegen seine Brust, doch Ethan drückte sie nur noch fester gegen die Wand. „Mmh… Ethan!“ Schließlich biss Aurora ihm so fest auf die Unterlippe, dass Ethan sie reflexartig losließ. „Verdammt—“ Ein schmaler Blutstreifen erschien an seinem Mundwinkel. Aurora rang nach Luft und starrte Ethan zugleich wütend und panisch an. „Du bist zu weit gegangen!“, flüsterte sie mit zitternder Stimme. „Vergiss nicht, welche Stellung ich jetzt habe!“ Ethan wischte sich mit dem Daumen das Blut von der Lippe und lachte ungläubig auf. „Stellung?“, murmelte er leise. Aurora stieß ihn sofort von sich. „Ich bin Richards zukünftige Ehefrau!“, sagte sie hastig mit bebender Stimme. „Ich bin jetzt deine zukünftige Stiefmutter.“ Diese Worte trafen Ethan noch härter als der Biss zuvor. Sein Gesicht wurde augenblicklich eiskalt. Aurora nutzte den Moment und verließ eilig den schmalen Flur. Kaum hatte sie den Hauptraum erreicht, legte sie sich zitternd eine Hand auf die Brust. Ihre Hände bebten. Ihre Lippen brannten noch immer von Ethans Kuss. Und genau deshalb hasste sie sich selbst noch mehr. Einige Sekunden später ertönte aus dem hinteren Flur ein lauter Schlag. Knall! Aurora zuckte zusammen. Ethan stand dort und rang schwer nach Atem. Seine rechte Faust war gegen die Wand geschlagen. Seine Fingerknöchel bluteten. Doch den Schmerz schien er überhaupt nicht zu spüren. Er stand einfach nur da. Mit geröteten Augen, die von überwältigenden Gefühlen erfüllt waren. Aurora wandte sofort den Blick ab, bevor sie erneut zu weinen begann. Kurz darauf kam Richard zurück ins Haus und steckte sein Handy in die Innentasche seines Sakkos. „Ist etwas passiert?“, fragte er beiläufig, als ihm Auroras blasses Gesicht auffiel. Aurora schüttelte hastig den Kopf. „Nein, Richard. Es ist nichts.“ Richard musterte sie einige Sekunden lang. Dann nahm er wieder ihre Hand. „Komm. Wir müssen los.“ Aurora folgte ihm schweigend. Als sie die Villa verließen, warf sie noch einmal einen kurzen Blick zurück. Ethan stand immer noch am Ende des Flurs. Seine Hand blutete noch immer. Sein Blick fiel sofort auf Auroras Finger, die von Richard fest umschlossen wurden. Aurora sah etwas, das noch schmerzhafter war als seine Wut. Ethan wirkte gebrochen. Vollkommen gebrochen. Ohne etwas zu ahnen, öffnete Richard Aurora die Autotür. Ethan hingegen blieb reglos tief im Inneren der Villa stehen. Sein Kiefer war angespannt, seine geröteten Augen hielten etwas zurück, das er nicht einmal mehr herauslassen konnte. Langsam stieg Aurora in den Wagen. Doch kurz bevor sich die Tür schloss, sah sie noch, wie Ethan langsam den Kopf senkte und verzweifelt leise auflachte. „Aurora…“, flüsterte er so schwach, dass es kaum hörbar war. Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung. Und Ethan blieb allein zurück. Sein Blick folgte der schwarzen Limousine, bis sie vollständig aus seinem Sichtfeld verschwunden war. Erst dann schloss er langsam die Augen. Seine Hand blutete noch immer. Seine Brust war so eng, dass ihm das Atmen schwerfiel. „Aurora … weißt du eigentlich, wie es sich anfühlt, ich zu sein?“Kapitel 130Der Geruch von verbliebenem Whiskey und die Anspannung in der Lobby des Il Paradiso schienen zu verfliegen und machten einer unangenehmen Stille Platz. Luna – oder Aurora – blieb auf dem Samtsofa sitzen, ihr Atem stockte hinter ihrer venezianischen Maske. Ihre wehmütigen Augen starrten geradeaus auf Vanessas Hand, die immer noch auf Richards Arm ruhte. Ein seltsamer Stich, eine hartnäckige Art von Eifersucht, loderte plötzlich in ihrer Brust auf.Richard, der die Anspannung des Mädchens vor sich bemerkte, löste Vanessas Griff an seinem Arm nach und nach mit einer kalten, aber bestimmten Bewegung. Er trat einen Schritt vor, in der Absicht, die Ahnung zu bestätigen, die schon die ganze Zeit an seinen Instinkten genagt hatte. Doch bevor Richard sprechen konnte, wurde Lunas Handgelenk plötzlich von Rubby weggezogen, die angesichts der seltsamen Atmosphäre um sie herum in Panik geriet.„Luna, lass uns jetzt durch die Hintertür gehen! Bruder Nicholas hat bestimmt ein Team von Le
Kapitel 129Der Mann im Satinhemd näherte sich erneut Luna, die nun nahe der Hintergrundsäule in die Enge getrieben war. Seine Augen blitzten wild, als er auf Lunas schlanken, verschwitzten Hals starrte. „Lass uns das Gesicht hinter dieser blöden Maske sehen, Süße“, zischte er, während seine dreckigen Finger nach vorne griffen, bereit, die Haut an Lunas Hals zu berühren.Luna schloss fest die Augen, ihr Körper zitterte heftig vor tiefer Angst. Gott ... bitte hilf mir ...Wumm!Ein extrem harter, wuchtiger Faustschlag landete plötzlich genau auf dem Kiefer des Mannes im Satinhemd und erzeugte ein schreckliches Knacken. Der Körper des Betrunkenen wurde fortgeschleudert, krachte auf den Bühnenboden und riss mehrere Getränkeflaschen mit sich, die in ein Chaos aus Scherben zersprangen.Luna öffnete keuchend die Augen. Vor ihr stand ein Mann von kräftiger Statur, dessen Brust sich heftig hob und senkte, um eine Wut niederzukämpfen, die wie verrückt explodierte. Richard Calloway stand da mit
Kapitel 127Ein einzelner saphirblauer Scheinwerferkegel schoss von der Decke herab, durchschnitt die Dunkelheit des Hauptsaals und erfasste Lunas schlanke Silhouette in der Mitte der Bühne. Das getragene Zusammenspiel einer Geige mit dem Zupfen einer Harfe floss langsam dahin und schuf eine Atmosphäre, die ebenso mystisch wie von Anspannung erfüllt war.Hinter ihrer venezianischen Maske holte Luna tief Luft. In der nächsten Sekunde begann sich ihr Körper zu bewegen. Der dunkelrote Seidenstoff, der ihren wunderschönen Körper umhüllte, flatterte geschmeidig, während sie ihre Taille mit einer beinahe unglaublichen Biegsamkeit wiegte. Ihre Schritte waren so leicht, sie wirbelte und sprang wie eine einzelne Feder, mit der der Nachtwind spielte. Die Bewegungen ihrer schlanken Finger zeichneten Bögen in die Luft und zogen die Blicke von Hunderten von Augenpaaren auf sich, die nun völlig hypnotisiert von dem Zauber der geheimnisvollen Tänzerin waren. Das laute Tuscheln der Zuschauer verstumm
Kapitel 126Aurora wischte sich die versickerten Tränen hinter ihrer Maske mit einer zitternden Fingerspitze ab. Sie holte tief Luft und atmete den Schmerz aus, der ihre Brust verstopfte, ehe sie sich umdrehte und mit schnellen Schritten in Richtung Umkleidekabine ging. Jeder einzelne Zentimeter ihrer Schritte fühlte sich schwer an, überschattet von Verfehlungen der Vergangenheit, die weiterhin an ihrem Gewissen nagten. Die verbotene Beziehung, die sie einst mit Ethan geführt hatte, und wie ihr Körper der Arroganz Richards ausgeliefert gewesen war, bildeten eine dicke Mauer, die ihr jegliches Recht nahm, zurückzukehren. In ihrem aufgewühlten Kopf drehte sich diese Realität unaufhörlich weiter und erinnerte sie daran, dass Abstand halten der einzige Weg zur Rettung für sie alle war.Unterdessen drückte Audrey in der Ecke der Lobby, die immer noch von den Resten der Anspannung umhüllt war, sanft das Taschentuch in ihren Fingern. Sie starrte in Ethans Gesicht, das nach wie vor tiefen Sch
Kapitel 125Lunas eilige Schritte erzeugten ein leichtes Rascheln auf dem dunkelroten Seidenstoff ihres Kleides und durchschnitten die dämmrige Stille der Lobby des Il Paradiso. Sie neigte den Kopf so tief wie möglich und presste die Arme an ihren Körper, während sie im Stillen darum bat, dass das Paar scharfer Adleraugen auf dem Sofa in der Ecke nicht zu ihr hinüberschauen möge. Doch das Schicksal schien seine eigene Freude daran zu haben, mit den Ängsten der Menschen zu spielen.Genau in dem Moment, als der Absatz von Lunas Schuh die Schattengrenze des Samtsofas überschritt, auf dem Ethan saß, richtete der junge Calloway plötzlich seinen Oberkörper auf. Etwas Unsichtbares – vielleicht ein dichter Schleier aus Erinnerungen oder einfach der vertraute, süße Vanilleduft, der in der Luft schwebte – traf Ethans zentrales Nervensystem wie ein Schlag.„Warte!“, rief Ethan mit heiserer, aber kraftvoller Stimme, die den dumpf wummernden Bass der Musik aus dem Innenraum durchbrach.Poch.Für L
Kapitel 124Das dichte Aroma frisch gebrühter Arabica-Kaffeebohnen strömte durch den Raum und erfüllte jeden Winkel des geräumigen Büros des CEO von Calloway Holdings. Ethan saß zurückgelehnt in seinem Chefsessel aus schwarzem Leder und massierte sich die Schläfen, die vor den Aktenstapeln, die seinen Blick seit den frühen Morgenstunden empfangen hatten, heftig zu pochen schienen. Er stieß einen langen Seufzer aus, und dann bewegten sich seine Finger, um die Gegensprechtaste an der Ecke des Schreibtisches zu drücken.„Audrey, komm sofort in mein Büro. Bitte besorg mir Frühstück“, befahl Ethan, seine Stimme klang flach und heiser, was von extremer Erschöpfung zeugte.Von der anderen Seite des Lautsprechers war die Stimme seiner Sekretärin zu hören, die gehorsam antwortete: „Verstanden, mein Herr. Ich werde es sofort zubereiten.“Unterdessen war die Atmosphäre im Hauptwohnsitz der Familie Calloway nicht weniger geschäftig. Richard stand nahe dem großen Fenster seines Arbeitszimmers, sta







