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Kapitel 5: Das Ritual

Author: ShaziaM
last update publish date: 2026-08-12 01:03:31

POV: Hailie

Dieses Ritual bestand bereits seit Generationen, lange bevor ich überhaupt geboren wurde.

Sein Zweck war einfach: den Drei Drachenfürsten dabei zu helfen, jene Frau zu finden, die das Schicksal als ihre Wahre Gefährtin auserkoren hat – Ryan, Evan und Noah.

Diese drei Männer gehörten zu den gefürchtetsten und mächtigsten Gestalten in der gesamten Welt der Drachengeborenen. Ihre Namen wogen schwer, weit über die Grenzen ihres eigenen Clans hinaus, und ihre bloße Gegenwart reichte aus, um sowohl Furcht als auch Bewunderung zu wecken.

Doch trotz all dieser Macht hatte ihre Zukunft niemals wirklich ihnen gehört.

Die Göttin hatte bereits über ihr Schicksal entschieden.

Solange ich zurückdenken kann, habe ich Geschichten über die drei Brüder gehört. Sie waren mit einer außergewöhnlich reinen Drachenlinie gesegnet, stärker als die fast aller anderen Drachengeborenen – doch sie haben sich niemals so verhalten, wie es die Menschen von ihren Anführern erwartet hätten.

Ryan, Evan und Noah waren dafür bekannt, ohne Gnade zu handeln. Sie ließen sich niemals von Traditionen oder der Meinung anderer aufhalten – ganz besonders dann nicht, wenn es um Frauen ging.

Sie wurden von fast jeder Frau im Clan bewundert. Ihre Macht, ihr Rang und ihre Erscheinung machten sie fast unwiderstehlich. Unzählige Frauen haben sich ihnen bereitwillig geschenkt, in der Hoffnung, auch nur einen Augenblick ihrer Aufmerksamkeit zu erlangen.

Die drei Brüder mussten niemals um jemanden werben. Die Frauen kamen zu ihnen – und sie akzeptierten diese Begegnungen, ohne Versprechen zu geben oder sich zu binden.

Für sie war Lust nichts weiter als Lust.

Doch die Göttin sah dies anders.

Für sie war das Band zwischen zwei Menschen etwas Heiliges – etwas, das einzig Wahren Gefährten vorbehalten und vom Schicksal geschmiedet war. Die drei Brüder hatten etwas Heiliges behandelt, als wäre es wertlos. Und die Göttin antwortete darauf, indem sie ihnen ein grausames Schicksal auferlegte.

Sollten Ryan, Evan und Noah ihre Wahre Gefährtin nicht finden, an sich binden und für sich beanspruchen, ehe sie ihr sechsundzwanzigstes Lebensjahr vollenden – so werden sie sterben.

Doch das war noch nicht einmal das Grausamste.

Die Göttin hat nicht für jeden der Brüder eine eigene Gefährtin erwählt.

Sie hat eine einzige Frau für alle drei auserkoren.

Ihre Identität bleibt verborgen, bis das Schicksal sie offenbaren will. Sie können ihr begegnen, mit ihr sprechen, an ihrer Seite stehen – ohne je zu wissen, wer sie ist. Nichts wird es sie verraten, bis das Band erwacht.

Und so kam es, dass ich durch die prächtigen Gänge des Drachenfürstlichen Anwesens schritt und mehreren Dienerinnen folgte, die mich tiefer in die Residenz jener drei Männer führten, von denen ich bereits seit Jahren gehört hatte.

Ihre Schritte hallten auf den polierten Böden – doch ich nahm es kaum wahr. Das Einzige, was ich hörte, war mein eigenes Herz, das wild gegen meine Rippen schlug.

Heute war jener Tag, an dem ich auserwählt worden war, den Drei Drachenfürsten zu begegnen.

Für viele Frauen im Clan galt es als eine große Ehre, zu diesem Ritual eingeladen zu werden. Manche träumten davon, Einlass in das Anwesen der Drachenfürsten zu erhalten – in der Überzeugung, dass schon eine einzige Nacht an der Seite von Ryan, Evan oder Noah ein Erlebnis wäre, das man ein Leben lang nicht vergessen würde.

Ich konnte diese Begeisterung nicht teilen.

Ich war nicht hier, weil ich die Aufmerksamkeit dreier mächtiger Drachenfürsten auf mich ziehen wollte. Ich war nicht hier, weil ich davon träumte, von ihnen erwählt zu werden.

Ich war hier, weil ich keine andere Wahl mehr hatte.

Mutter Mia brauchte diese Behandlung, und ich konnte sie mir nicht leisten. Wenn dieses Ritual der einzige Weg war, um genug Geld für ihr Überleben zu verdienen – dann hatte ich kein Recht, mich zu weigern.

Ich zwang mich, weiterzugehen.

»Vergiss nicht alles, was ich dich gelehrt habe, mein Kind.«

Emilys Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

Die Oberhofmeisterin war vor mir stehengeblieben. Ich folgte ihrem Blick zu den gewaltigen goldenen Türen am Ende des Korridors.

»Sobald du eingetreten bist, hast du den Anweisungen der Drei Drachenfürsten ohne Widerspruch Folge zu leisten. Blicke sie nicht an, solange sie es dir nicht gestatten – und wenn du zu ihnen sprichst, gebrauche stets ihre Titel in der gebotenen Form.«

Sie schwieg einen Augenblick.

»Drachenfürst Ryan. Drachenfürst Evan. Drachenfürst Noah.«

Ich nickte und wiederholte jeden Namen leise für mich.

»Und was auch immer geschieht – sprich nicht, ehe einer von ihnen das Wort an dich richtet. Hast du verstanden?«

»Ich habe verstanden.«

Einen Augenblick lang musterte Emily mich prüfend – dann erweichte sich ihr strenger Gesichtsausdruck.

»Möge die Göttin dich leiten, Hailie.«

»Ich danke dir, Emily.«

Ich brachte ein schwaches Lächeln zustande.

»Ich danke dir für deine Hilfe.«

Sie erwiderte meinen Blick, dann griff sie nach den Türflügeln und schob sie auf.

In dem Augenblick, da sie sich zu öffnen begannen, zog sich mir alles in der Brust zusammen.

Dahinter warteten genau jene drei Männer, denen ich hierhergekommen war, um zu begegnen.

Die Dienerinnen zogen sich leise zurück – und ich stand allein.

Ich schluckte schwer und blickte einige Sekunden lang in den Raum hinein, ehe ich endlich meinen ersten Schritt hinein tat.

»Hast du nicht genau dasselbe auch über jene Frau gesagt, der wir gestern begegnet sind?«

Eine kühle, gleichgültige Stimme durchbrach die Stille.

Ich wandte mich um und erblickte Ryan, der auf einem Sofa saß, das nackte Oberkörper, ein Buch in seinen Händen. Er hatte nicht einmal aufgeblickt, als er sprach.

Als er dann endlich den Kopf hob, ruhten seine durchdringend silbernen Augen auf mir.

»Wenn sie wirklich anders ist…«, murmelte er und klappte das Buch zu, »…warum hat das Band dann nicht reagiert?«

Er stützte das Kinn in eine Hand und betrachtete mich mit stiller Neugier.

»Es spielt keine Rolle, wie sie duftet.«

Noahs tiefe Stimme lenkte meinen Blick zu den Fenstern.

Er stand dort, in einer Hand ein Weinglas, seine hohe Gestalt zeichnete sich dunkel vor dem regenbeschlagenen Glas ab.

»Unser Ziel ist einfach. Wir sind hier, um unsere Wahre Gefährtin zu finden, an uns zu binden und für uns zu beanspruchen. Bis sich das Band offenbart, bedeutet keine dieser Frauen uns etwas.«

Diese Worte ließen mir die Brust zusammenschnüren.

Keine dieser Frauen.

Dazu zählte auch mich.

Ehe ich den Blick senken konnte, bewegte sich Evan plötzlich.

Ich hatte kaum Zeit zu begreifen, was geschah – da stand er direkt vor mir. Ich wich instinktiv einen Schritt zurück, geriet ins Straucheln – und seine Hand fasste mich sofort an der Taille, um mich aufzufangen.

Mir entfuhr ein erschreckter Atemzug.

Er ließ mich nicht los.

Im Gegenteil: Evan zog mich ein wenig näher, sodass kaum Raum zwischen uns blieb. Sein Duft umfing mich – wild und berauschend, unterlegt von jenem Hauch von Regen, der noch an ihm haftete.

Mein Herz pochte so wild, dass ich überzeugt war, er müsse es hören.

Zuerst schwieg er. Er blickte mich an, und seine silbernen Augen wanderten langsam über mein Gesicht – als versuche er zu ergründen, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Da fiel mir Emilys Warnung wieder ein.

*Blicke sie nicht länger an, als sie es dir gestatten.*

Sofort senkte ich den Blick zu Boden.

»Sieh mich an.«

Evans Stimme klang leise – doch der Befehl darin duldete keinen Widerspruch.

Mir stockte der Atem. Nach einem Augenblick hob ich langsam den Kopf, bis unsere Blicke sich trafen.

Etwas Seltsames durchfuhr mich in diesem Augenblick.

Ich konnte es nicht erklären – doch zum ersten Mal, seit ich den Raum betreten hatte, hatte ich das beunruhigende Gefühl, dass nicht nur ich geprüft wurde.

Ryan stand nun unweit von uns, und sein silberner Blick ruhte unverwandt auf mir.

»Wie lautet dein Name?«, fragte er, während er sich langsam hinter mich begab.

Ich schluckte vor Aufregung.

*Rede jeden einzeln an, und gebrauche ihre Titel. Drachenfürst Ryan. Drachenfürst Evan. Drachenfürst Noah.*

Emilys Anweisungen hallten in meinem Kopf wider.

»M-Meine Name ist Hailie… Drachenfürst Ryan.«

Ryan schwieg einen Augenblick, dann kam er näher. Er strich sanft die nassen Haarsträhnen von meinem Hals beiseite. Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut, als er langsam und tief einatmete und meinen Duft in sich aufnahm.

Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter.

Ehe ich diesen Eindruck verarbeiten konnte, wandte sich Evan an mich. Er hob sanft mein Kinn empor und zwang mich, ihm wieder in die Augen zu blicken.

»Hailie«, wiederholte er langsam und betonte jeden Buchstaben meines Namens.

Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht, dann glitt er zu meinen Lippen hinab – und ein leises Lachen entrang sich ihm.

»Wohlan denn, Hailie… kniee nieder vor mir – und zeig mir, was dieser hübsche Mund vermag.«

Sofort begann mein Herz wild zu hämmern.

Sekundenlang konnte ich nichts anderes tun, als ihn anzusehen – während mir allmählich klarwurde, was er von mir verlangte. Jeder Instinkt riet mir, zurückzuweichen. Doch die Erinnerung an den Grund, weshalb ich hier war, drängte alle diese Gedanken beiseite.

Ich war nicht hier, weil ich es wollte.

Ich war hier, weil Mutter Mia mich brauchte. Ihre Behandlung war es, die sie am Leben hielt – und ich hatte mir geschworen, alles zu ertragen, was dieses Ritual von mir verlangte, wenn es ihr nur eine weitere Chance zu leben schenkte.

Da kehrte mir Emilys Warnung noch einmal ins Gedächtnis zurück.

»Stelle dich den Forderungen der Drachenfürsten nicht in den Weg.«

Ich senkte den Blick und atmete tief durch – dann zwang ich meinen Körper, zu gehorchen.

Langsam sank ich vor Evan auf die Knie. Meine Hände lagen unsicher auf meinen Schenkeln, während ich versuchte, meinen Atem zu beruhigen und mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, weshalb ich hier war.

Für sie.

Allein für Mutter Mia.

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