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Kapitel 8 – Die Entscheidung

Author: Azilla
last update publish date: 2026-05-15 03:43:26

Am nächsten Morgen fühlte sich alles unwirklich an.

Mara stand unter der Dusche und ließ heißes Wasser über ihre Schultern laufen, während sie versuchte zu begreifen, was sie in der Nacht beschlossen hatte.

Sie würde fahren.

Der Gedanke war gleichzeitig leicht und beängstigend.

Fast wie der Moment vor einem Sprung.

Draußen lag die Stadt noch unter einem grauen Morgenhimmel. Regentropfen klebten am Badezimmerfenster und verzerrten die Hochhäuser dahinter zu verschwommenen Schatten.

Mara schloss kurz die Augen.

Normalerweise dachte sie morgens sofort an Arbeit.

An Aufgaben.

Deadlines.

Probleme.

Heute dachte sie ans Meer.

Allein das veränderte etwas in ihr.

Klein.

Aber spürbar.

Nachdem sie sich angezogen hatte, blieb sie lange vor ihrem Kleiderschrank stehen.

Businessblusen.

Dunkle Stoffhosen.

Blazer.

Fast alles in ihrem Leben war irgendwann praktisch geworden.

Funktional.

Als hätte sie sich Stück für Stück selbst aus ihrem eigenen Leben herausorganisiert.

Ganz hinten im Schrank entdeckte sie plötzlich einen alten Pullover.

Hellblau.

Weich.

Viel zu groß.

Sie zog ihn hervor und musste unwillkürlich lächeln.

Den hatte sie früher ständig getragen. Damals an der Küste. In langen Sommernächten am Meer.

Sie hatte völlig vergessen, dass er noch existierte.

Langsam strich sie mit den Fingern über den Stoff.

Manchmal, dachte sie, verschwanden Erinnerungen nicht wirklich.

Sie warteten nur darauf, wiedergefunden zu werden.

Ihr Handy vibrierte.

Mara wusste sofort, dass die Realität zurück war.

Neue Nachrichten.

Neue Anforderungen.

Sie atmete tief durch und nahm das Telefon in die Hand.

„Bitte Statusupdate.“

„Der Kunde hat weitere Änderungen.“

„Wir brauchen heute Überstunden.“

Mara starrte einige Sekunden auf die Worte.

Früher hätte allein diese Nachricht sofort Stress in ihr ausgelöst.

Jetzt spürte sie hauptsächlich Distanz.

Als würde sie etwas betrachten, das einmal wichtig gewesen war.

Langsam tippte sie eine Antwort.

Ich werde heute pünktlich gehen.

Sie las den Satz mehrmals.

So einfach.

Und trotzdem fühlte es sich beinahe rebellisch an.

Ihr Finger zögerte kurz über dem Bildschirm.

Dann drückte sie auf Senden.

Sofort zog sich ihr Magen zusammen.

Jahrelange Gewohnheit.

Die Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen.

Doch unter der Angst lag noch etwas anderes.

Erleichterung.

Mara legte das Handy weg.

Und plötzlich musste sie lachen.

Leise zuerst.

Dann richtig.

Nicht weil irgendetwas lustig war.

Sondern weil sie begriff, wie absurd es geworden war, dass eine einzige Nachricht sich anfühlte wie ein Akt der Befreiung.

Die U-Bahn war an diesem Morgen voller als sonst.

Menschen standen dicht gedrängt zwischen nassen Jacken und Kaffeebechern. Überall leuchteten Bildschirme in müden Gesichtern.

Mara beobachtete sie schweigend.

Und fragte sich plötzlich, wie viele von ihnen heimlich davon träumten zu verschwinden.

Nicht für immer.

Nur lange genug, um sich selbst wiederzufinden.

Als sie ausstieg und das Firmengebäude vor sich auftauchte, spürte sie zum ersten Mal Widerstand in sich.

Nicht bloß Müdigkeit.

Etwas Tieferes.

Als würde jeder Teil ihres Körpers sagen:

Das hier bist du nicht mehr.

Die Lobby war wie immer makellos.

Zu sauber.

Zu hell.

Zu künstlich.

Mara fuhr mit dem Aufzug nach oben und bemerkte ihr Spiegelbild in den glänzenden Metallwänden.

Doch heute wirkte die Frau darin leicht verändert.

Nicht glücklicher.

Aber wacher.

Als hätte sie innerlich eine Tür geöffnet.

„Da ist sie ja.“

Jonas stand bereits mit einem Kaffee an ihrem Schreibtisch.

„Unsere tapfere Kriegerin im Kampf gegen sinnlose PowerPoint-Präsentationen.“

Mara lächelte schwach.

„Vielleicht kapituliere ich bald.“

„Würde ich respektieren.“

Sie setzte sich langsam.

Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie grau alles hier war.

Weiße Tische.

Grauer Teppich.

Graue Bildschirme.

Sogar die Menschen schienen irgendwann dieselben müden Farben angenommen zu haben.

„Ich fahre weg“, sagte Mara plötzlich.

Jonas hob überrascht die Augenbrauen.

„Weg weg? Oder ‚ich beantworte meine E-Mails vom Hotel aus‘ weg?“

„Richtig weg.“

Er musterte sie einen Moment schweigend.

Dann grinste er langsam.

„Okay. Jetzt mache ich mir ein bisschen Sorgen.“

Mara lachte leise.

Und diesmal fühlte es sich leichter an.

Echter.

„Eine Freundin hat mich gefragt, ob ich mit auf ein Schiff will.“

„Natürlich.“

„Natürlich?“

„Menschen mit Nervenzusammenbruch fahren entweder ans Meer oder kaufen plötzlich Keramikwerkzeug.“

„Und was hast du gemacht?“

„Ich sitze leider immer noch hier.“

Für einen Augenblick wurden sie beide still.

Dann sagte Jonas ruhiger:

„Das wird dir guttun.“

Mara blickte auf ihren Bildschirm.

Die vielen offenen Fenster wirkten plötzlich kleiner als sonst.

Weniger bedrohlich.

Vielleicht weil sie wusste, dass sie bald verschwinden würde.

Der Gedanke fühlte sich an wie Luft nach zu langer Zeit unter Wasser.

Draußen schob sich langsam Sonnenlicht zwischen die Wolken.

Es fiel durch die großen Glasfenster und legte helle Streifen über den Boden des Büros.

Mara beobachtete das Licht schweigend.

Und tief in ihr begann zum ersten Mal seit Jahren etwas aufzuwachen, das sie fast vergessen hatte.

Vorfreude.

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