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Kapitel 4

Author: Author Light
last update publish date: 2026-09-26 20:47:36

Isabella

„Trägst du das immer noch?“, fragte sie und griff nach seinem Handgelenk.

Meine Augen folgten der Bewegung, und als sie auf Williams Uhr fielen, zog es mir das Herz zusammen.

„Die ist alt“, fuhr sie fort, während ihre Finger darüber strichen. „Warum hast du sie noch nicht ersetzt?“

„Sie geht noch“, sagte er.

William zog seine Hand nicht zurück. Stattdessen schenkte er ihr ein Lächeln, das zugleich sanft und warm war.

„Darum geht es doch gar nicht“, lachte Elisa und schüttelte den Kopf. „Du hast sie schon ewig.“

„Es war das Erste, was ich dir je geschenkt habe“, fügte sie leise hinzu, während ihr Blick auf ihm ruhte.

Etwas in meiner Brust zerbrach, und in meinem Kopf tauchte plötzlich eine Erinnerung auf, die ich längst begraben hatte.

Der Tag, an dem ich diese Uhr zerbrochen hatte … Sie war mir aus den Händen gerutscht, mit einem scharfen, gnadenlosen Geräusch auf den Boden gefallen, und ich war in Panik geraten.

„Es tut mir so leid“, hatte ich gesagt, meine Stimme zitterte. Ich war durcheinander, aber meine Entschuldigung bedeutete nichts. „Ich werde sie ersetzen, sofort, das verspreche ich …“

„Nein, danke.“ Er runzelte tief die Stirn.

„Wenn du keine reparierte willst“, hatte ich verzweifelt noch einmal herausgepresst. „Dann kaufe ich dir eine neue und schenke sie dir.“

Als ich darauf bestand, hatte er nur gesagt: „Diese hier ist etwas Besonderes.“

Seine Worte taten weh, aber ich lächelte bitter, während mein Herz in tausend Stücke zerbrach.

Die Erinnerung wurde jäh unterbrochen, als eine Verkäuferin auf sie zukam; ihre fröhliche Stimme holte mich zurück in die Gegenwart.

„Wir haben gerade eine neue Kollektion erhalten“, lächelte sie. „Paar-Uhren, die sind sehr beliebt.“

„Sie sind so gestaltet, dass sie sich gegenseitig ergänzen“, fuhr sie fort und legte ein Paar auf den Tresen. „Perfekt für besondere Beziehungen.“

„Was meinst du?“, fragte Elisa leichthin, während sie einen Blick auf die Uhren und dann auf William warf. „Ich finde, wir sollten sie nehmen.“

„Sie sind schön.“ William zögerte nicht. Mehr brauchte es nicht. „Ich nehme sie.“

Ich traute meinen Ohren und Augen nicht. William hatte nicht einmal darüber nachgedacht. Er hatte einfach zugestimmt, weil sie ihm gefielen.

„Nein“, murmelte ich leise, während ich einen Schritt zurücktrat und meinen Griff um meinen Gehstock festigte.

Ich konnte nicht bleiben, ich konnte das nicht mit ansehen.

Ich drehte mich schnell um und ging auf den Ausgang zu, während meine Sicht durch Tränen leicht verschwamm.

Nur noch ein paar Schritte, und ich wäre hier draußen. Nur noch.

Ich kam nie dazu, den Satz zu beenden, denn meine Schulter prallte gegen jemanden. Hart. Der Aufprall brachte mich aus dem Gleichgewicht, bevor ich reagieren konnte. 

Mein Gehstock rutschte mir aus der Hand, die Welt neigte sich, und schon stürzte ich. Der Boden kam viel zu schnell auf mich zu, als ein Schmerz durch mein Bein schoss, als ich aufschlug, und ein schriller Schrei entrang sich meiner Kehle.

Doch ich hörte ihn kaum, denn alles war still geworden. Etwas veränderte sich in der Luft, und langsam hob ich den Kopf.

„Es tut mir so leid!“, rief eine Stimme über mir.

Sie hatten sich umgedreht, beide.

Williams Blick heftete sich auf mich, und zum ersten Mal an diesem Tag veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

„Bella …“ William war schon in Bewegung, bevor ich reagieren konnte, und überbrückte die Distanz zwischen uns mit schnellen Schritten, doch mir entging das Unbehagen in seinem Gesicht nicht. Seine Hand streckte sich nach mir aus, kräftig und sicher – dieselbe Hand, die mich immer geführt hatte, wenn ich stolperte.

Genau diese Hand.

Diese Hand. Mir drehte sich der Magen um, und eine scharfe Welle der Übelkeit überkam mich so plötzlich, dass ich fast zurückwich, noch bevor er mich überhaupt berührte.

Die Erinnerung an die letzte Nacht überrollte mich, und ganz plötzlich konnte ich die Geräusche hören – sein kehliges Atmen und ihren Namen.

„Elisa …“

„Hier“, sagte William mit leiser, dringlicher Stimme, während seine Finger meinen Arm streiften. „Lass mich dir aufhelfen.“

In dem Moment, als seine Haut meine berührte, riss in mir etwas.

„Nein.“ Das Wort kam schärfer heraus, als ich beabsichtigt hatte.

Ich zog mich sofort von ihm zurück, meine Bewegung war abrupt, während ich den Protest in meinem Bein ignorierte, als ich mein Gewicht aus seiner Reichweite verlagerte.

Seine Hand erstarrte in der Luft, und für einen Sekunde sprach keiner von uns. Ein Anflug von Verwirrung huschte über sein Gesicht. Dann etwas Dunkleres. Verletztheit? Verärgerung? Ich konnte es nicht sagen.

„Mir geht’s gut“, fügte ich schnell hinzu, meine Stimme klang nun fester, auch wenn mein Herz heftig gegen meine Rippen hämmerte.

Ich rappelte mich selbst auf, umklammerte meinen Gehstock fest und weigerte mich, ihn anzusehen, während ich mein Gleichgewicht fand.

Tränen brannten in meinen Augen, und als ob dieser Moment nicht noch schlimmer werden könnte, drang sofort eine Stimme an meine Ohren.

„Oh.“ Diese Stimme hätte ich selbst erkannt, wenn ich gerade erst aus dem Koma erwacht wäre.

Elisa stand nun neben ihm, ihr Blick wanderte mit leisem Interesse über mich hinweg. Sie wirkte nicht unfreundlich, aber ihre Anwesenheit ließ mir die Haare zu Berge stehen.

Ich hasste es, dass sie aus der Nähe noch auffälliger und müheloser wirkte, auf eine Art, wie ich es nie gewesen war.

Sie schenkte mir ein kleines Lächeln.

„Bist du Williams Frau?“, fragte sie, ihr Tonfall höflich, fast warm. „Ich bin erst vor kurzem zurückgekommen und hatte noch keine Gelegenheit, dich zu besuchen.“

Das Wort hing in der Luft, und etwas Kaltes legte sich auf meine Brust. Ich begegnete ihrem Blick und zwang meine Lippen zu einem Lächeln, das sich zu angespannt und zu kontrolliert anfühlte.

„William zu besuchen ist dasselbe“, sagte ich ruhig. Ich neigte meinen Kopf leicht zur Seite und ließ meine Worte wirken.

„Schließlich“, fuhr ich fort, meine Stimme leise, aber bestimmt, „sind wir ein Paar. Eine Einheit, finden Sie nicht auch?“

Es folgte Stille, die vor Spannung nur so strotzte. Ich sah William nicht an, aber ich spürte es – die Veränderung neben mir.

Er antwortete nicht. Natürlich tat er das nicht, denn was hätte er sagen sollen?

Dass er gerade mit einer anderen Frau passende Uhren gekauft hatte? Dass er sie auf eine Art angelächelt hatte, wie er mich nie anlächelte? Dass er gestern Abend, während ich auf ihn gewartet hatte … ihre Rückkehr gefeiert hatte?

Meine Finger umklammerten den Griff meines Gehstocks etwas fester.

Elisas Lächeln schwankte nicht, aber hinter ihren Augen flackerte etwas. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich gesagt, sie verspotte mich.

„Ich verstehe“, sagte sie leise, während William sich räusperte.

„Bella“, sagte er, seine Stimme klang jetzt kalt, fast zu kalt. „Du solltest nach Hause gehen.“

Einfach nach Hause gehen.

„Mir geht es gut“, antwortete ich.

Seine Worte fühlten sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Er hatte nicht gefragt, ob es mir gut ginge oder ob es wehtat. Nicht einmal: „Was machst du hier?“

„Ich rufe den Fahrer an“, sagte er sofort und griff bereits nach seinem Handy.

Ein paar Sekunden vergingen, während er leise etwas in den Hörer murmelte.

„Erledigt“, sagte er kurz darauf und steckte das Handy wieder in seine Hosentasche. „Er wird in ein paar Minuten hier sein.“

„Danke.“ Ich nickte langsam, während mir bewusst wurde, dass niemand Elisa auch nur annähernd das Wasser reichen konnte, schon gar nicht ich.

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