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Mathildas POV
28. September 2017
Was ist das größte Bedauern, das du je erlebt hast? Wenn man mich fragt, dann ist mein größtes Bedauern, Fredric geheiratet zu haben.
Ja, das ist die traurigste Ehe der Welt.
All die Geschichten über schlechte Ehemänner und Frauen, die in eine von der Großmutter erzwungene Ehe gezwungen werden, existieren doch nur in Filmen.
In Wirklichkeit? Mir ist es passiert.
Wenn ich die Hochzeit, die vor einem Monat stattfand, rückgängig machen könnte, wäre alles nicht so schlimm.
„Was machst du in meinem Bett? Raus da!“
Ich drehte mich nach rechts, wo ein großer Mann mit einem alten Muttermal auf seiner linken Brust mich wütend anstarrte. Er ist mein Ehemann, Fredric Liam Smith.
Was kann ich tun, wenn er so ist? Natürlich gehe ich ihm sofort aus dem Weg.
Keine Zuneigung, keine Küsse, keinerlei Form von Glück. Die einzigen freundlichen Gesten, die er mir zeigte, waren, wenn wir seine Großmutter Rosa trafen.
Rosa ist die Person, die mich in dieser Familie am meisten liebt. Ihre Fürsorge entgeht mir nie, und ich schulde ihr so viel.
„Herr Fredric, morgen haben Sie einen Termin für—“
„Sei still! Ich kenne meinen Terminplan für morgen. Warum erzählst du mir das? Seit wann bist du meine Sekretärin? Verfolgst du mich etwa?“
Seht ihr? Mein Satz war noch nicht einmal zu Ende. Fredric unterbrach mich sofort grob. Wundert euch nicht über den Spitznamen, den ich ihm gebe; ich nenne ihn Herr Fredric, nicht Liebling oder Schatz.
„Es tut mir leid, Herr Fredric. So war das nicht gemeint, aber Ihr Sekretär hat es mir gesagt. Er meinte, man könne Sie nicht erreichen und es sei dringend.“
Fredric sah mich wütend an und griff schnell nach seinem Handy auf dem Tisch.
„Beim nächsten Mal komm direkt zum Punkt. Du musst mich nur daran erinnern, mein Handy einzuschalten. Du brauchst dich weder einzumischen noch meinen Zeitplan zu organisieren, verstanden? Belästige mich nicht noch einmal! Ich brauche Ruhe nach einem Tag, an dem ich in dieser verdammten Ehe so tun musste, als wäre ich glücklich.“
Ich mache ihm keinen Vorwurf. Wenn es jemanden gibt, den man beschuldigen kann, dann sind es Rosa und ich.
Rosa machte sich Sorgen um mein Leben, nachdem meine Eltern gestorben waren. Ja, ich kenne diese Familie, seit ich klein bin.
Mein Vater, Goyle, war Rosas Fahrer. Er hatte etwa zwanzig Jahre für sie gearbeitet.
Ach, die Erinnerung daran, wie loyal mein Vater ihr gegenüber war und wie er mich als Kind in ihren Garten mitnahm, macht mich traurig.
Ein Gefühl der Sehnsucht erfüllte meine Brust. Wie geht es meinem Vater wohl im Himmel? Hat er sich mit meiner Mutter wiedervereint?
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als Fredrics Telefon klingelte. Der Mann stand sofort auf und lächelte breit, als er auf den Bildschirm sah.
„Schatz, ich habe gewartet, bis du eingeschlafen bist! Wo bist du?“
Eine sanfte, glückliche Stimme – etwas, das ich nie bekomme. Wisst ihr, wer Fredric anruft?
Wenn nicht, lasst es mich sagen. Es ist Paula, ein sehr berühmtes Model. Paula ist natürlich Fredrics Freundin.
Vielleicht fragt ihr euch, wie all diese schlimmen Dinge schon nach einem Monat Ehe ans Licht kamen. Ganz einfach – Fredric hat am Tag unserer Hochzeit alles erklärt.
„Beeil dich, wir gehen“, sagte Fredric. Er schien es eilig zu haben, aus dem Bett zu kommen und ins Bad zu gehen.
Ich hatte mich noch keinen Zentimeter vom Sofa bewegt. Wohin will er mich so spät in der Nacht bringen?
„Hey, worauf wartest du?! Hast du meinen Befehl nicht gehört?!“ rief Fredric und klopfte an die Badezimmertür.
Sofort stand ich auf und ging zum Schrank, um Kleidung zu holen. Ein weißer Pullover mit einer schwarzen Hose war meine Wahl.
Fredric sah wütend und angewidert aus, als er aus dem Badezimmer kam.
„Eine langsame und nutzlose Schnecke. Ich frage mich immer noch, warum Großmutter dich so sehr liebt und mich gezwungen hat, dich zu heiraten. Welchen Wert hast du überhaupt? Du bist nicht einmal schön und riechst schlecht! Tch! Es ist widerlich, mit dir im selben Bett zu liegen, Mathilda!“
Meine Beine wurden schwach, und seine Worte brannten heute Nacht besonders schmerzhaft. Ich konnte nur meine Tränen zurückhalten und sofort ins Badezimmer gehen.
Was soll ich tun? Ihm entgegentreten?
Ich habe Rosa und meinem Vater versprochen, diese Ehe zu überstehen.
Meine einzige Hoffnung ist, dass sich mit der Zeit alles ändern kann.
Ja, ich hoffe, dass Fredric seine Meinung über mich langsam ändern wird. Ich bin nicht schön, aber mein Herz und meine Gefühle werden immer bereit sein, ihn bedingungslos zu lieben.
**
„Wie lange brauchst du noch?! Hübsch anzuziehen wird dich für mich auch nicht attraktiver machen. Es hat sich sowieso nichts geändert. Du siehst immer noch langweilig und hässlich aus in diesem Pullover – völlig unpassend.“
Beleidigende Worte begrüßten mich sofort, als ich ins Auto stieg. Alles, was ich tun konnte, war, den Kopf zu senken und mich anzuschnallen.
Fredric beugte sich leicht zu mir und schnupperte. Was ist los? Rieche ich schlecht?
„Igitt! Du riechst ja schrecklich! Habe ich dir nicht vor zwei Tagen Geld gegeben? Warum kaufst du dir kein Parfüm?“
„Ich habe Parfüm benutzt, Herr Fredric. Das ist eines, das ich mir leisten kann… und ich rieche wirklich nicht so stark, wie Sie sagen.“
„Dein billiges Parfüm erreicht meine Nase nicht, verstanden? Du solltest begreifen, mit wem du es zu tun hast. Du wirst meine Zuneigung nie bekommen, aber du bist meine Frau, du Idiotin. Du wirst oft wichtige Leute treffen, und meine Großmutter wird dich auf viele Reisen mitnehmen. Öffne deine Augen für teure Parfums – bring unsere Familie nicht in Verlegenheit!“
Das Klingeln seines Handys zog Fredrics Aufmerksamkeit auf sich. Der Name Paula blinkte auf dem Bildschirm.
Jetzt weiß ich, wohin wir gehen.
Ja, natürlich – zu Paula.
Fredric nahm den Anruf entgegen. „Ja, Schatz, ich bin unterwegs. Warte auf mich.“
Kaum hatte er das gesagt, setzte sich das Auto in Bewegung. Das Radio war die einzige Geräuschquelle in der stillen Nacht, lange nach Mitternacht.
Die prächtige, luxuriöse Villa, von der jedes Mädchen träumt, spiegelte sich im Rückspiegel. Ich sah Fredric an – sein gut aussehendes Gesicht war wirklich beeindruckend.
Was für einen Traum habe ich mir all die Zeit eingeredet?
Ich sitze in einem Auto mit dem Mann, den ich immer bewundert habe.
Ach… wenn doch alles aus Liebe geschehen wäre.
Matildas POVMein Telefon vibriert auf dem Schminktisch. Der Bildschirm leuchtet auf und zeigt Enzos Namen.11:47 Uhr nachts. Enzo ruft um diese Zeit nie an, es sei denn, es liegt ein Notfall vor.Ich nehme den Anruf entgegen. „Ja?“„Wir haben ein Problem.“ Seine Stimme war ruhig, aber hinter diesem Ton verbarg sich eine Spannung. „Frederick hat einen Privatdetektiv engagiert. Sein Name ist Gerald Vance.“Mein Herz hörte für eine Sekunde auf zu schlagen. „Vance? Der Detektiv, der vor fünf Jahren den Fall der italienischen Mafia übernommen hat?“„Exakt. Und er steht kurz davor, unsere Verbindung zum Athel-Institut aufzudecken.“Ich stand auf und begann, im Schlafzimmer dieses viel zu großen Anwesens auf und ab zu gehen. „Wie nah ist er drangekommen?“„Sehr nah. Er hat die Routing-Nummer der Zahlungsabwicklung für die Operation zurückverfolgt. Und er weiß, dass sie von den Konten von PSD Health stammt. Ihm fehlen nur noch wenige Tage, um das Aufnahmedatum der Patientin mit der Nacht von
FREDRICS POVAus Fredericks PerspektiveDer Regen in New York wäscht niemals etwas rein. Er macht die Straßen nur rutschig und lässt die Sünden dieser Stadt noch schwerer abwaschen.Ich saß hinter meinem Schreibtisch aus Mahagoniholz und starrte den Mann mir gegenüber lange an. Gerald Vance. Der Privatdetektiv, dem ich eine Summe gezahlt hatte, die einem gewöhnlichen Menschen den vorzeitigen Ruhestand ermöglichen würde. Er sah mitgenommen aus — sein Hemd war zerknittert, seine Augen rot von Schlafmangel, und seine Zigarettenkippen lagen verstreut auf meinem sonst so sterilen Schreibtisch.Aber die Umgangsformen waren mir in dieser Nacht völlig egal.„Sie sagten, Sie hätten etwas, Vance“, sagte ich. Meine Stimme war ruhig. Kein Zittern mehr. Keine betelnde Verzweiflung mehr. „Sprechen Sie. Vergeuden Sie nicht meine Zeit.“Vance antwortete nicht sofort. Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und ließ dann eine dicke, schwarze Akte auf meinen Schreibtisch fallen. Das Geräusch des
MATHILDAS POVIch hätte heute nicht herkommen sollen.Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als Enzos Auto vor dem Tor des Smith-Jones-Anwesens hielt. Der Himmel über New York war trist und grau, als würde er um Sünden trauern, die noch gar nicht begangen worden waren.„Bist du sicher, dass du allein hineingehen willst?“, fragte Enzo vom Beifahrersitz aus. Seine Stimme klang neutral, doch er verbarg dahinter eine tiefe, brodelnde Sorge.„Ich muss. Rosa hat mich persönlich eingeladen. Wenn ich ablehne, wird ihr das nur noch mehr Verdacht erregen.“Enzo stieß einen Seufzer aus. „Sei vorsichtig. Rosa ist keine gewöhnliche Frau. Sie hat Tausende vor sich lügen sehen. Ein einziger kleiner Fehler, und sie wird es herausfinden.“„Ich weiß.“Aber ich wusste gar nichts. Eigentlich wusste ich überhaupt nichts von alledem.Am Haupteingang wurde ich von Ammy mit einem Lächeln empfangen, das fast schon zu perfekt wirkte. „Willkommen, Miss Helena. Lady Rosa erwartet Sie bereits
FREDRICS POVDie Manilamappe in meinen Händen fühlte sich an wie eine Zeitbombe, deren Countdown bereits lief.Ich stand vor den doppelten Holzflügeltüren von Rosas Arbeitszimmer im privaten Trakt des Anwesens. Mein Herz schlug in einem unregelmäßigen Takt, als wolle es sich von innen heraus durch meine Rippen brechen. Meine Handflächen waren kaltnass, was die Oberfläche der Mappe glitschig werden ließ.Ich hatte dieses Szenario in meinem Kopf Hunderte Male durchgespielt, seit ich Gerald Vances Büro am Morgen des Vormittags zuvor verlassen hatte. Ich stellte mir vor, wie Rosa schreien würde. Sie würde mich für verrückt erklären. Sie würde mich wieder ohrfeigen, genau wie vor einer Woche, und mir befehlen, aufzuhören, dem Schatten meiner toten Frau hinterherzulaufen. Sie würde mir sagen, dass dies nur eine Begleiterscheinung des Entzugs, des Schocks und der Schuldgefühle sei, die mit meinem Verstand spielten.Ich wünschte, sie würde wütend werden. Denn Wut war mir vertraut. Wut konnte
POV MATILDAEnzos Wagen hielt um punkt drei Uhr nachmittags vor dem eisernen Tor des Anwesens der Familie Smith-Jones. Ich starrte durch das Glas der Autofenster lange auf das majestätische Bauwerk und hatte das Gefühl, als würde meine Brust von einer riesigen, unsichtbaren Hand zusammengedrückt.Schwanke nicht. Du bist Helena. Du bist nicht Matilda. Matilda ist auf dem Grund jenes Abgrunds gestorben.„Bist du bereit?“, fragte Enzo und sah mich vom Nebensitz aus an. Seine Stimme war ruhig, aber hinter seinem ebenmäßigen Ton verbarg sich eine verdeckte Spannung.„Ich bin immer bereit.“Ich log.Ich war nicht bereit. Kein Mensch ist jemals bereit, an den Ort zurückzukehren, an dem er einst gequält, gedemütigt und wie Müll weggeworfen wurde. Aber ich war kein Mensch mehr. Ich war Helena. Die Waffe, die Enzo in den letzten drei Monaten geschliffen hatte.Das Tor öffnete sich mit einem schweren Summen. Enzos Fahrer steuerte den Wagen langsam über die gepflasterte Auffahrt, die mit Blumen g
POV FREDRICKIch hätte nicht hier sein sollen.Das war der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam, als ich im 28. Stock des Smith-Jones Towers vor der Tür von Antonios Büro stand. Meine Hände steckten tief in den Hosentaschen, und ich spürte meinen unregelmäßigen Herzschlag — nicht wegen irgendwelcher Entzugserscheinungen, sondern wegen etwas viel Beschämenderem.Eifersucht.Dieses Wort drehte sich in meinem Kopf wie eine kaputte Kassette. Ich hasste es. Ich hasste die Tatsache, dass dieses Wort überhaupt in meinem Kopf aufgetaucht war. Aber ich konnte es nicht mehr leugnen.Ich klopfte an die Tür.„Herein“, kam Antonios Stimme von drinnen. Ebenmäßig. Kalt. Wie immer.Ich öffnete die Tür und trat ein. Sein Büro war klein und vollgestopft, mit Stapeln von Skizzen und Stoffrollen in jeder Ecke. Antonio stand vor seinem Schreibtisch, hielt einen Bleistift in der Hand und musterte eine Schneiderpuppe mit kritischem Blick.Er drehte sich um, als er das Geräusch der sich öffnenden Tür hörte







