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Die Strafe des Dons
Die Strafe des Dons
Author: Faulkissen

Kapitel 1

Author: Faulkissen
Ein dumpfer, zerrender Schmerz wand sich durch meinen Unterleib und riss mich aus den Erinnerungen zurück in die Wirklichkeit.

Ich drückte nicht die Prioritätsleitung, die direkt mit Enzo Galantes Handy verbunden war. Stattdessen nahm ich meine letzte Kraft zusammen und zerdrückte den Notfall-Kommunikationschip, der in meinem Ohrring verborgen war.

Das Signal wurde sofort ausgelöst und direkt auf die private Leitung meines Vaters, Dominic Vitale, umgeleitet.

Monicas Rettung kam schneller, als ich erwartet hatte.

Schon aus der Ferne erkannte ich eine vertraute Gestalt, die mit einer Gruppe schwarz gekleideter Männer im Schlepptau auf die Explosionsstelle zusteuerte. Enzo fixierte sofort die Ecke, in der Monica eingeklemmt war, und stürmte mit seinen Leuten los.

Mit ruhigen, präzisen Bewegungen legte er ihr eine Schutzweste an, dann hob er sie unter der instabilen Betonplatte hervor. Er hielt sie, als wäre sie etwas Zerbrechliches und Unersetzliches.

Erst als ich sah, dass sie sicher auf eine Trage gelegt worden war, presste ich heiser einen Hilferuf hervor. Ich rief nach den Familienmitgliedern, die in der Nähe noch immer Trümmer wegräumten, doch niemand antwortete.

Kalte Blicke streiften mich, jeder einzelne offen voller Verachtung.

„Was führt die Madam diesmal wieder auf?“, höhnte jemand, „der Don ist Frau Leone retten gegangen. Du kannst dir die Kehle aus dem Leib schreien. Das bringt dir gar nichts.“

„Jeder weiß, dass du es schon immer auf Frau Leone abgesehen hattest. Wie das Waffenlager explodiert ist, glaubst du doch wohl selbst nicht. Wir sind nicht blind.“

„Du solltest besser beten, dass Frau Leone nichts passiert ist. Sonst ist Don Galante der Erste, der sich dich vornimmt.“

Der Schmerz in meinem Unterleib schwoll erneut an, schwerer und schärfer als zuvor. Etwas Warmes rann meine Schenkel hinab und sickerte in meinen Rock. Ich versuchte, mich zu bewegen. Ich versuchte, mich weiter von der eingestürzten Stelle wegzuschleppen.

Da löste sich über mir ein Steinbrocken und krachte mir direkt auf den schwangeren Bauch.

Blut schoss mir aus dem Mund. Mir wurde schwarz vor Augen, während die Dunkelheit von den Rändern her näher kroch.

„Mein Baby ...“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Bitte, rettet mein Kind ...“

Der Consigliere, der mir am nächsten stand, bemerkte mich schließlich doch. Er blickte auf mich herab, half mir aber nicht auf. Stattdessen stupste er mich achtlos mit der Schuhspitze an. „Du kannst wirklich gut schauspielern. Fast hätte ich dir das abgenommen.“

„Sich selbst zu verletzen, nur um dir seine Aufmerksamkeit zu sichern. Hat sich das gelohnt?“

Diese Männer hatten schon immer ein feines Gespür dafür, wie die Stimmung lag. Ihre Haltung spiegelte nur die ihres Don wider.

Ich krümmte mich zusammen, während Blutverlust und Schmerzen mir Schicht um Schicht das Bewusstsein raubten.

Alle, die hereingeeilt kamen, scharten sich um Monica. Einer reichte ihre Medikamente, ein anderer versorgte ihre Wunden, doch nicht einer würdigte mich auch nur eines zweiten Blickes.

Durch meinen benebelten Zustand drangen aufgeschreckte Stimmen an mein Ohr.

„Warum ist unter Frau Vitale so viel Blut? Ist etwas nicht in Ordnung?“

„Was soll schon sein? Wahrscheinlich versucht sie nur wieder, die Aufmerksamkeit des Don zu bekommen.“

„Egal. Geh und sag dem Don Bescheid, damit sie mit dieser Show aufhört.“

Dann schnitt der vertraute Duft seines Colognes durch den Rauch. Eine Hand traf meine Wange so hart, dass sie sofort zu brennen begann.

Kurz darauf folgte Enzos flache, leicht spöttische Stimme. „Sophia Vitale. Wach auf. Hör auf mit dem Theater. Ich bin hier. Als du das Waffenlager in die Luft gejagt hast, warst du doch auch nicht hilflos. Und was soll das jetzt? Spielst du die Bedauernswerte?“

Ich wollte mich erklären. Ich wollte ihn anflehen. Stattdessen kam nur ein gebrochener, rasselnder Laut über meine Lippen. Der Schmerz in meinem Unterleib fühlte sich an, als würde er mich von innen heraus zerreißen.

Mit dem letzten Rest meiner Kraft klammerten sich meine Finger an den Saum seiner Anzughose.

Er hielt kurz inne. Sein Blick strich über mein kalkweißes Gesicht. Für einen Sekundenbruchteil zeigte sich Zögern, doch im nächsten Moment wurde es von Gereiztheit erstickt.

Er legte eine Hand auf meinen Bauch und prüfte, ob das Kind noch da war.

„Dein Schauspiel ist besser geworden“, sagte er kühl, „schade nur, dass Monica mir bereits alles erzählt hat. Du hast das Feuer selbst gelegt und dich dann versteckt. Für wen führst du das hier jetzt noch auf?“

Ohne einen zweiten Gedanken machte er sich los und ging zurück zu dem abgesperrten Bereich, in dem Monica versorgt wurde.

Hinter mir geriet einer der Männer, der schon Geburten miterlebt hatte, endlich wirklich in Panik.

„Don! Sie hat zu viel Blut verloren! Was, wenn dem Erben etwas passiert!“

Enzo wurde nicht langsamer. Nur seine beiläufige, gelangweilte Stimme klang zurück. „Was gibt es da in Panik zu geraten? Kein Wunder, dass Monica sagte, die rote Markierungsflüssigkeit für Treibstoff sei verschwunden. Offenbar hat Sophia sie gestohlen, um Blut vorzutäuschen. Eine Schwangerschaft in diesem Stadium endet nicht so leicht. Wenn sie schauspielern will, dann soll sie eben weiterspielen.“

Schmerz und Verzweiflung stiegen wie eine schwarze Flut in mir auf und verschlangen den letzten Rest meines Bewusstseins.
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