MasukIch würde gern sagen, dass ich erstarrt bin.
Das wäre vermutlich die vernünftigste Reaktion gewesen. Ich war seit weniger als einer Stunde tot, hatte keine Ahnung, was diese Dinger waren, und noch viel weniger, was ich gegen sie ausrichten sollte.
Aber mein Körper hatte andere Pläne. Genauso wie damals auf dem U Bahnsteig.
Er bewegte sich einfach.
Das Problem war nur, dass Bewegung nicht viel brachte, wenn ich weder eine Waffe hatte noch wusste, wie man kämpfte.
Die Gestalt, die als Erste auf der Plattform landete, nahm eine Form an, die fast menschlich aussah. Fast.
Mit jedem einzelnen Gelenk stimmte etwas nicht. Arme und Beine bogen sich in unmögliche Richtungen, und allein ihr Anblick ließ sich mein Magen zusammenziehen.
Kaidan erreichte sie, noch bevor sie vollständig gelandet war.
Ein einziger Hieb.
Etwas, das zunächst wie ein gewöhnliches Schwert aussah, bis das Licht darum begann, Dinge zu tun, zu denen normales Metall nicht fähig war.
Die Kreatur wurde mitten entzwei geschnitten und hörte augenblicklich auf zu existieren.
„Zwei weitere kommen durch den Durchbruch“, rief Ronan, während er bereits auf die zerstörten Türen zulief. Rauch kringelte sich um seine Hände, als hätte er unsichtbares Feuer entfacht. „Vielleicht sogar drei.“
„Selene.“
Kaels Stimme erklang direkt neben mir.
Ruhig.
Beherrscht.
Und gerade deshalb machte sie mir mehr Angst.
„Runter. Sofort.“
Ich ging zu Boden.
Nicht, weil ich Angst hatte. Na gut, ich hatte Angst. Aber deshalb tat ich es nicht.
Es lag an der Art, wie er es sagte.
Sein Ton ließ keinen Raum zum Nachdenken.
Die zweite Gestalt schoss flach und mit unglaublicher Geschwindigkeit herein. Genau dorthin, wo ich eine halbe Sekunde zuvor noch gestanden hatte.
Kael fing sie mit etwas ab, das weder ganz eine Klinge noch reine Dunkelheit war. Eine Waffe, die aus demselben Material zu bestehen schien wie seine Rüstung.
Der Aufprall jagte eine Druckwelle durch den Boden, die bis in meine Knie vibrierte.
„Was sind das für Dinger?“, schrie ich, hauptsächlich, um den Kampflärm zu übertönen.
„Später“, antwortete Kaidan erneut.
Offenbar war das seine Antwort auf alles.
Stattdessen landete Elias neben mir.
Seine Flügel waren angelegt, aber jederzeit bereit, sich zu entfalten.
Seine goldenen Augen glitten aufmerksam über das Chaos. Mit einer Konzentration, die überhaupt nicht zu der Sanftheit passte, die ich zuvor bei ihm bemerkt hatte.
„Bleib unten“, sagte er. „Du bist dafür noch nicht bereit. Das ist keine Beleidigung. Es ist einfach die Wahrheit.“
„Das ist mir auch aufgefallen“, erwiderte ich.
Meine Worte klangen bitterer, als ich beabsichtigt hatte.
Er lächelte beinahe.
Fast.
Dann schoss etwas aus dem Rauch direkt auf uns beide zu.
Im nächsten Augenblick war Elias bereits in Bewegung.
Seine Flügel spannten sich weit auf.
Ich sah, wie er etwas mit dem Licht tat, für das mir ehrlich gesagt die Worte fehlten.
Es war nicht direkt Magie.
Es war eher, als würde er in das Gewebe der Luft greifen und daraus eine Waffe hervorziehen.
Ich blieb unten, wie man es mir befohlen hatte.
Und ich hasste jede einzelne Sekunde davon.
Niemand erzählt dir, wie sich das Sterben wirklich anfühlt.
Man würde meinen, danach bekäme man irgendeine Art von Verbesserung.
Stattdessen war ich immer noch dieselbe.
Dreiundzwanzig Jahre alt.
Stur.
Und in einem Kampf völlig nutzlos.
Nur dass es inzwischen offenbar um das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod in sämtlichen Reichen der Existenz ging.
Und vier furchteinflößende Fremde mit Waffen aus Schatten und Sternenlicht waren die Einzigen
…das Einzige, was zwischen mir und diesen Wesen stand, die offenbar hinter mir her waren.
Der Kampf dauerte nicht lange.
Vier Könige gegen eine Handvoll halbfertiger Kreaturen war kaum ein wirklicher Kampf.
Während ich zusah, wurde mir klar, dass dies kein echter Angriff gewesen war.
Es war ein Test.
Jemand wollte die Schutzbarrieren prüfen.
Uns prüfen.
Als sich die letzte Gestalt in Rauch und Stille auflöste, senkte sich eine Ruhe über die Halle, die noch schwerer wirkte als zuvor. Es war, als hielte der gesamte Saal gemeinsam mit mir den Atem an.
Kael drehte sich als Erster um.
Für den Bruchteil einer Sekunde, in der seine Wachsamkeit nachließ, glaubte ich etwas in seinem Gesicht zu erkennen, das beinahe Erleichterung war.
Dann verschwand es wieder hinter seiner gewohnten Maske.
„Du bist unverletzt“, sagte er.
Es war nicht ganz eine Frage.
„Mir geht es gut.“
Meine Hände zitterten.
Ich verschränkte sie hinter dem Rücken, damit es niemand bemerkte.
Eine dumme Idee.
Ronan bemerkte offenbar alles.
Er hob nur eine Augenbraue, als hätte er das Zittern längst gesehen und beschlossen, nichts dazu zu sagen.
Eine kleine Gnade.
„Das ging schnell“, sagte Kaidan, während er mit erstaunlicher Gelassenheit etwas Dunkles von seiner Klinge wischte. „Zu schnell. Sie waren nicht hier, um zu gewinnen.“
„Sie wollten sehen, wie wir reagieren“, sagte Ronan. Sein lockerer Charme war vollständig verschwunden. Stattdessen wirkte er konzentriert und messerscharf. „Das bedeutet, dass uns jemand beobachtet. Und das bedeutet wiederum, dass jemand bereits wusste, dass die Bindung heute Nacht stattfinden würde.“
„Das ist unmöglich.“
Kaels Stimme war vollkommen ruhig geworden.
„Die Entscheidung über die Bindung wurde erst vor einer Stunde getroffen. Niemand außerhalb dieser Halle…“
„Jemand außerhalb dieser Halle wusste es ganz offensichtlich“, unterbrach Elias ihn leise.
Die Art, wie er diese Worte aussprach, brachte die anderen drei sofort zum Schweigen.
Ich ließ diese Erkenntnis einen Moment auf mich wirken.
Seit kaum einer Stunde war ich tot.
Und schon stand der Verdacht eines Verräters im Raum.
Schon gab es jemanden, der Bescheid gewusst hatte.
Schon fühlte sich das Fundament dieser ganzen Situation unsicherer an als der Boden unter meinen Füßen.
Und wenn man bedachte, dass dieser Boden ohnehin nicht ganz real war, wollte das einiges heißen.
„Also gut“, sagte ich, richtete mich auf und strich mir aus alter Gewohnheit über die Knie, obwohl dort gar kein Staub war.
„Ich habe Fragen.
Sehr viele Fragen.
Und dieses Mal hätte ich gern richtige Antworten und nicht wieder diese ganze Nummer von wegen: Der Tod fragt nur selten.“
Kael sah mich lange an.
Länger, als angenehm war.
„Gut“, sagte er schließlich.
„Frag.“
„Warum ich?“
Ich blickte einen nach dem anderen an.
„Von all den Seelen, die jemals gestorben sind… warum befindet sich dieses Ding ausgerechnet in mir? Wer hat es dort verborgen?“
Mein Blick wanderte zu den zertrümmerten Türen.
Zu den Brandspuren, aus denen noch immer Rauch aufstieg.
„Und wer“, fragte ich leise, „hat gerade versucht, es zu finden?“
Niemand antwortete sofort.
Die Stille dauerte so lange an, dass ich mich fragte, ob vielleicht niemand die Antwort kannte.
Dann sprach Ronan.
Zum ersten Mal klang seine Stimme ruhig.
Ohne den gewohnten Charme.
Ohne jede Fassade.
„Das ist die richtige Frage“, sagte er. „Gib uns etwas Zeit, dann werden wir dir die richtige Antwort geben.“
„Wie viel Zeit?“
„Weniger, als uns lieb ist“, antwortete Kaidan düster, während er seine Klinge wegsteckte. „Und wenn das hier heute Nacht irgendein Hinweis war, dann sehr viel weniger.“
Ich sah einen nach dem anderen an.
Kael, der seine schützende Distanz bereits wieder aufgebaut hatte.
Ronan, der die Ereignisse wie ein Rätsel betrachtete, das er unbedingt lösen wollte.
Kaidan, dessen Blick unablässig die Schatten absuchte, als würde er jeden Augenblick mit einem zweiten Angriff rechnen.
Und Elias, der mich noch immer mit derselben ruhigen, aufmerksamen Fürsorge ansah, die ich noch immer nicht ganz verstand.
Zum ersten Mal, seit ich auf diesem grauen Steinboden erwacht war, spürte ich etwas anderes als Angst.
Etwas, das sich eher wie Entschlossenheit anfühlte.
„Dann sollten wir wohl keine Zeit verlieren“, sagte ich. „Ich habe das Sterben nicht überlebt, nur um tatenlos herumzusitzen und darauf zu warten, dass das nächste Monster durch eine Tür kommt.“
Kaels Mund verzog sich erneut zu diesem kaum wahrnehmbaren Lächeln.
So flüchtig, dass es fast sofort wieder verschwand.
„Nein“, sagte er.
„Das glaube ich auch nicht.“
In dieser Nacht schlief ebenfalls niemand. Ich schätzte, das entwickelte sich langsam zu einem Muster bei mir.Sie versorgten Kaels Arm in der Haupthalle, eine Heilerin aus dem Archiv mit schnellen, vorsichtigen Händen, die nicht viel sagte, außer dass sie jedes Mal, wenn sie die Wunde sah, zusammenzuckte, als würde sie sie persönlich beleidigen. Der Schnitt verlief genau dort, wo der Faden an seiner Klinge gerissen war. Nicht tief, aber die Ränder hatten diese seltsame graue Farbe angenommen, die nicht wie irgendeine Wunde aussah, die ich je gesehen hatte, nicht einmal wie die von jenem ersten Angriff in der Halle des Gerichts.„Das heilt nicht richtig“, sagte ich und beobachtete, wie sie zum dritten Mal die Stirn runzelte.„Nein“, gab sie zu. „Es heilt. Nur langsam. Was auch immer diese Wunde getroffen hat, hat etwas darin zurückgelassen. Nicht direkt Gift. Eher wie ein Mal. Ein kleines Stück von sich selbst, das dort sitzt und sich weigert, vollständig loszulassen.“Kael zuckte bei
Hitze strömte in Wellen von ihm aus, die überhaupt nicht zu der Kälte überall sonst passten, und einen langen Moment bewegte sich keiner von uns. Wir standen da wie zwei Menschen, denen endlich die Straße zwischen ihnen ausgegangen war und die nicht so recht wussten, was sie jetzt damit anfangen sollten.„Du hättest auch einfach fragen können“, sagte ich. Wahrscheinlich eine dumme Sache, aber mein Mund hatte schon vor einer Weile aufgehört, sich mit dem Rest von mir abzusprechen. „Statt der ganzen Armee. Dem Ring. Dem ganzen Theater.“Fragen funktioniert selten bei Menschen, die glauben, sie schulden dir nichts, sagte es. Fast sanft, als fände es die Frage tatsächlich fair. Und du glaubtest nicht, dass du mir irgendetwas schuldest, Selene. Tust es immer noch nicht, würde ich wetten. Genau das ist das eigentliche Problem.„Verdammt richtig.“Sein Kopf neigte sich langsam, nachdenklich, und hinter ihm hörte ich, wie der Kampf überall gleichzeitig ins Stocken geriet. Genau wie an der Gre
Der Klang dieser Hörner machte etwas mit meiner Brust, auf das ich nicht vorbereitet gewesen war. Es war nicht genau Angst. Oder zumindest nicht nur Angst. Es war eher etwas, das an Wiedererkennen grenzte, als hätte ein Teil von mir seit dem Moment auf dieses Geräusch gewartet, in dem ich auf diesem grauen Stein erwacht war, ohne es selbst zu wissen.„Bewegt euch“, sagte Kael, drehte sich bereits um, schon halb ein König und halb etwas viel Ursprünglicheres darunter. Die vorsichtige Kontrolle aus der Ratskammer war innerhalb von ungefähr zwei Sekunden verschwunden. „Alle. Jetzt.“Niemand widersprach. Karten lagen noch immer verstreut auf Miras Tisch, Weinkelche halb voll, und wir waren aus der Tür und in einen Korridor hinaus, der sich innerhalb eines einzigen Atemzugs ins Chaos verwandelt hatte – Wachen rannten, einige andere Ratsmitarbeiter, die ich nicht kannte, bewegten sich schnell in die entgegengesetzte Richtung, und auf jedem Gesicht lag irgendeine Version desselben Ausdrucks.
Die Ratssitzung zog sich weit über Mittag hinaus. Als sie endlich endete, waren meine Beine vom langen Stehen steif geworden, und die Hälfte der Kammer hörte immer noch nicht auf, mir Blicke zuzuwerfen, als würde ich etwas Unberechenbares tun, sobald man mich einen Moment allein ließ.Rhoswen fing mich auf dem Weg nach draußen ab. Er bewegte sich langsam, vorsichtig, als würde ihn jeder Schritt inzwischen etwas mehr kosten.„Du hast das dort drin gut gemacht“, sagte er. „Es ist schwerer, als es aussieht, vor so vielen alten, verängstigten Menschen zu stehen und ihnen eine Wahrheit zu sagen, die sie nicht hören wollten.“„Es fühlte sich nicht so an, als hätte ich viel Wahl gehabt.“„Die Wahrheit fühlt sich selten wie eine Wahl an. Meistens fühlt sie sich wie die einzige Tür an, die noch offen steht.“ Er warf einen Blick zurück zu Vashti, die noch immer allein dort saß und ins Leere starrte. „Sei nachsichtig mit ihr, wenn du es schaffst. Dreitausend Jahre lang das Geheimnis eines andere
Ich ruhte mich nicht aus. Ich sagte allen, dass ich es tun würde, und ich meinte es sogar ernst. Ich legte mich in dasselbe unberührte Bett in Kaels Turm und starrte an eine Decke, die eigentlich gar nicht so existieren dürfte, wie sie es tat. Keine Balken, kein Putz, nur diese langsam treibende Dunkelheit, als würde man nachts durch Wasser nach oben sehen. Ich schlief keine einzige Sekunde.Immer wieder spürte ich diesen Faden. Er war nicht mehr wirklich da, das hatte ich ungefähr viermal überprüft, nur um sicherzugehen, aber die Erinnerung daran lag unter meiner Haut wie eine Verbrennung, die noch nicht entschieden hatte, ob sie eine Narbe hinterlassen wollte.Irgendwann, vermutlich am frühen Morgen, gab ich auf und machte mich auf die Suche nach jemandem, der ebenfalls wach war. Als Erstes fand ich Kaidan draußen im Innenhof. Er bewegte sich noch immer langsam und vorsichtig wegen seiner Rippen, aber wenigstens stand er. Er arbeitete sich durch irgendeine Dehnung, die offensichtlic
Für einen Moment wurde alles weiß, dann nicht weiß – einfach weg, als hätte jemand der ganzen Welt die Farbe entzogen und vergessen, sie wieder zurückzubringen.Ich hörte mich selbst irgendwo. Fern. Als würde ich im Nebenzimmer stehen und meine eigene Stimme durch eine Wand hören.Selene. Kaels Stimme, diese. Näher, als sie hätte sein dürfen, wenn man bedenkt, wie weit entfernt sich plötzlich alles andere anfühlte.Etwas in meiner Brust wehrte sich, noch bevor ich es ihm sagen konnte. Ich hatte mich nicht einmal bewusst dafür entschieden – mein Körper weigerte sich einfach, genau wie auf dem U-Bahnsteig, genau wie jedes einzelne Mal seitdem, wenn etwas versucht hatte, eine Entscheidung für mich zu treffen, ohne mich zu fragen.Du kannst nicht einfach hereinkommen, dachte ich. Oder sagte ich es? Oder irgendetwas dazwischen? Schwer zu sagen, wenn die ganze Welt so aus den Fugen geraten war. Niemand darf einfach hereinkommen.Stur, sagte die Stimme, beinahe erfreut darüber, was irgendwie