Mag-log in„Keine von beiden", sagte ich.Das Wort brach aus mir heraus wie ein fallengelassener Teller in einem stillen Haus. Orlas Lippen blieben bei der letzten Zahl geöffnet.„Wie bitte", sagte sie.„Ihr habt gefragt, für wen sie aufgehört hat. Sie hat aufgehört, weil sie sechzig Jahre alt ist und seit einundzwanzig Jahren nicht gesungen hat und ihre Lungen nachgaben." Meine Kehle fühlte sich ungenutzt an, wie eine zugestrichene Tür. „Dann hat jemand anderes es aufgenommen."Unter meinen Stiefeln zitterte die tote Naht. Aus großer Höhe kam die Stimme einer Frau, die die Melodie wieder von vorn aufnahm. Hinauf. Hinab. Der lange Fall. Darunter lief eine zweite Stimme, heiser und falsch, die jeden Ton einen halben Schritt zu tief traf.Mein Bruder hatte in seinem Leben nie eine Melodie getragen. Er trug diese mit beiden Fäusten.Der Lichtfaden kam zurück.„Nun", sagte die Stimme vom Stuhl, und etwas von der Wärme war aus ihr gewic
Orla von Eisenwald schenkte Tee ein.Ich sah ihr dabei zu, aus der Mitte eines Bodens, der kein Boden war. Die Dunkelheit hatte sich zu einer Halle gefaltet, die ich kannte, der großen Halle von Steinwald, mit ihrem schwarzen Tisch und ihren achtzig Kerzen und den Porträts, die von den Wänden zusahen. Der Tee dampfte. Er roch nach Kiefer und kaltem Eisen.„Setz dich, Lukas", sagte sie. „Du stehst seit einer Stunde."„Es sind Minuten."„Die Zeit ist hier großzügig. Es ist die einzige Freundlichkeit, die der Ort bietet."Sie war vielleicht sechzig, das silberne Haar eng aufgesteckt, die behandschuhten Hände zitterten nie. Ich hatte sie als Junge an Ratstischen gesehen. Sie saß links von Gunter und sagte nichts, und Männer vergaßen, dass sie im Raum war, bis sie sprach, und dann erinnerten sie sich alle auf einmal.Ich blieb, wo ich war. Unter meinen Stiefeln lief eine Naht aus Licht, nicht breiter als ein Faden, und sie p
„Summt", sagte meine Mutter.„Mutter, er hat Silber in der Hand."„Und sie hat eine Schließung im Mund. Hört ihr zu." Valdis zerrieb meine Knöchel in ihrem Griff. „Er steht da wie ein Pfosten, weil er diese Form nicht drücken kann, solange die Melodie läuft. Summt sie ihr zurück. Jetzt."„Ich kann keinen Ton halten."„Dann seid laut und falsch. Sie wird die Gestalt hören."Ich öffnete den Mund mitten in einer dunklen Gasse. Der erste Ton kam heraus wie ein Torscharnier.„Tiefer", sagte Valdis.„Ich versuche es."„Lasst Euren Kiefer los."Ich ließ los. Hinauf. Hinab. Der lange Fall. Beim zweiten Durchgang stimmte meine Mutter ein, klar und dünn und wahr, und der Klang lief die Gasse hinunter und traf die Naht wie ein geworfener Stein.Das Silber flackerte. Die Lücke weitete sich auf die Spannweite meiner Schultern.„Noch einmal", sagte sie.Wir sangen es noch einmal. Auf der an
„Hinter den Tisch", sagte ich. „Jetzt."Valdis bewegte sich nicht. Ihre Augen blieben auf dem Riegel, und ihre Lippen formten drei Töne ohne Laut.„Mutter."„Das ist er", flüsterte sie. „Das ist der Mann, der meinen Kopf gehalten hat."Die Tür öffnete sich.Er trat aus der Gasse herein, mit der unbeeilten Haltung eines Gastes, der erwartet, dass man ihm einen Stuhl anbietet. Er war groß und hager, grau im Bart, einen langen Mantel über den Arm gefaltet. Eine weiße Narbe lief über die Knöchel seiner linken Hand. Er summte. Es war leise und abwesend, so wie ein Mann summt, der etwas so oft getan hat, dass sein Mund die Melodie ohne ihn behält.Hinauf. Hinab. Der lange Fall.„Alpha Rainer", sagte er. „Ihr seid schneller als die Berichte."„Wessen Berichte."„Herrin Orla führt sorgfältig Buch." Er sah an mir vorbei zu meiner Mutter. „Lady Valdis. Ihr seid kleiner geworden. Ich meine es freundlich."„Brandt", sagte Valdis.„Ihr erinnert Euch."„Ich erinnere mich an Eure Daumen. Sie waren s
Das Licht hatte sich nicht geschlossen.Ich sah es von der Gewölbetür aus, eine dünne weiße Naht, die in der Luft über dem blassen Stein offen stand, wo mein Bruder verschwunden war. Hinter mir stellte Ilse eine Frage in einer Stimme, die ich nie von ihr gehört hatte, und ich blieb nicht, um das Ende zu hören.„Rainer", rief sie.„Ich bringe ihn zurück."„Das kannst du nicht versprechen."„Sieh zu."Ich setzte einen Stiefel auf den Stein, und der Boden fiel weg.Es war kein Fallen. Es war ein langer, harter Zug durch die Mitte meiner Brust, als hätte sich eine Hand um die Bindung geschlossen und sie nach vorn gerissen, und dann war da kalte Luft und der Geruch von Holzrauch und altem Reet. Ich schlug auf festgestampfter Erde auf die Knie. Ein Hund bellte einmal und hörte auf.Ich blickte auf.Eine schmale Gasse lief zwischen zwei Reihen niedriger Häuser. Mondlicht lag auf jedem Dach. Am fernen Ende stand ein Häuschen mit Fensterkästen unter jedem Sims, jeder mit etwas Blassem, Grünem
„Niemand wählt", sagte ich.Das Lächeln des Registrars blieb, wo es war. „So liest es sich im Hauptbuch nicht, meine Liebe."„Dann kann das Hauptbuch es noch einmal lesen. Du darfst nicht bestimmen, welcher meiner Gefährten in die Dunkelheit geht. Ich darf es auch nicht. Ich werde nicht hier stehen und einen alten Mann in einem geliehenen Mantel eine Kerze über die beiden halten lassen, während er wartet, welche Flamme ich auslösche."„Ich halte die Kerze nicht. Der Mond hält sie."„Du hältst sie sehr bequem für einen Boten."Etwas bewegte sich hinter seinen grauen Augen. Es war klein und schnell, und ich hatte es in Gunters Gesicht gesehen, an dem Tag, als ich aufhörte, auf das Wort Omega zu hören. Es war der Blick eines Mannes, dem von jemandem Nein gesagt wurde, den er bereits als Möbelstück abgeschrieben hatte.„Lukas", sagte ich. „Sieh Aldric an."Mein Sohn lag still an meiner Schulter. Seine grauen Augen waren weit offen, und sie hatten den Boden unter dem Fenster nicht verlasse







