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Kapitel 2

Author: Faithful
last update publish date: 2026-11-04 16:51:08

Serenas Sicht

Es ist schon erstaunlich, wie Adrenalin einen für eine Weile den Schmerz vergessen lassen kann.

Kaum verlasse ich das Hotel, beginnt mein linkes Knie wieder zu pochen.

„Na ja, wenigstens bin ich da raus“, murmele ich.

Aus dem Festsaal dringt immer noch der ganze Trubel nach draußen. Bills Familie kümmert sich um Doris. Wow, die übertreiben aber auch maßlos. Sie ist lediglich hingefallen. Es ist ja nicht so, als hätte sie ein Bein verloren. Währenddessen habe ich das Gefühl, dass ich meins bald verlieren werde.

Ich konzentriere mich auf meine Atmung, um die Schmerzen etwas zu lindern. Dabei passe ich nicht richtig auf und stoße mit einem Mann zusammen, der mir entgegenkommt.

Durch den leichten Zusammenprall gerate ich ins Taumeln und verliere beinahe das Gleichgewicht.

„Ups, Entschuldigung.“

Als er bemerkt, wie unsicher ich auf den Beinen bin, greift er nach meinem Arm, um mich zu stützen.

„Vorsicht. Hm … Ich glaube, ich habe Sie schon einmal gesehen. Ach! Sie sind Serena, Bills Frau, richtig?“

Na toll, noch ein Familienmitglied, das mich möglicherweise nicht ausstehen kann. Und ich dachte, schlimmer könnte dieser Abend nicht mehr werden.

„Äh … ja, die bin ich.“

Neugierig mustere ich sein Gesicht.

Die Zeit hat zwar keine besonders auffälligen Spuren darin hinterlassen, aber er ist deutlich älter und wirkt reifer als Bill.

Er ist recht muskulös, trägt einen Vokuhila und hat einen leichten Bartschatten. Er ist durchaus attraktiv, hat aber einen deutlich raueren, kernigeren Look als Bill.

Er streckt mir die Hand entgegen.

„Übrigens, ich bin Calvin.“

„Calvin? Sie sind Bills Onkel, oder?“

„Ach, bitte! Ich bin nur ein paar Jahre älter als er. Für mich ist er eher wie ein kleiner Bruder als ein Neffe.“

Calvin besitzt einen beträchtlichen Anteil an Bills Unternehmen und ist der zweitgrößte Anteilseigner. Allerdings mischt er sich kaum ins Tagesgeschäft ein. Kein Wunder, dass er auf den Familienfotos so selten zu sehen ist. Die meiste Zeit kümmert er sich im Ausland um seine eigenen Geschäfte.

Bill hatte nicht erwähnt, dass sein viel beschäftigter Onkel aus dem Ausland heute Abend ebenfalls beim Essen dabei sein würde. Aber andererseits erzählt Bill mir ohnehin kaum etwas.

„Ähm … Hallo? Sind Sie noch da?“

Calvin wedelt mit der Hand vor meinem Gesicht herum und reißt mich damit aus meinen Gedanken.

Schnell fasse ich mich wieder und wende den Blick ab. Ich möchte nicht, dass Bills Onkel mich in diesem erbärmlichen Zustand sieht.

„Serena, ist alles in Ordnung?“, fragt er besorgt.

„Ja, mir geht es gut. Sie sollten jetzt lieber zu Ihrer Familie zurückgehen.“

Ich drehe mich wieder zu ihm um und versuche zu lächeln, obwohl ich gerade erst geweint habe. Wahrscheinlich sieht das ziemlich seltsam aus.

Ich will Calvin nicht in dieses Drama hineinziehen. Deshalb beschließe ich, mich von ihm zu verabschieden und zu gehen.

Am Straßenrand bleibe ich stehen und rufe ein Taxi. Es wird immer kälter, und während ich auf den Wagen warte, beginne ich zu frösteln.

„Serena, warte!“

Ist Bill mir etwa nachgelaufen?

Vielleicht bedeutet ihm unsere Ehe doch noch etwas. Vielleicht sorgt er sich wenigstens ein kleines bisschen um mich.

Ich drehe mich in die Richtung, aus der die Stimme kommt.

Doch es ist nicht Bill.

Es ist Calvin, der mir hinterherläuft.

Als er bemerkt, dass ich zittere, zieht er sein Jackett aus und legt es mir um die Schultern.

„Du musst nicht vor mir weglaufen. Ich beiße schon nicht.“

Ich schenke ihm ein schwaches Lächeln und schweige einen Moment. Dabei frage ich mich, warum er mich offenbar nicht so verachtet wie der Rest der Familie.

„Wenn du möchtest, kann ich dich nach Hause fahren“, bietet er an.

Ich sehe ihn flehend an.

„Bitte.“

Calvin fährt mich nach Hause. Dabei bin ich ihm dankbar, dass er versteht, dass mir gerade nicht nach Reden zumute ist.

Wenn Bill an seiner Stelle wäre, würde er mir wahrscheinlich wegen meines Schweigens Vorwürfe machen.

„Weißt du was? Wie wäre es, wenn wir ein bisschen Musik hören?“, schlägt Calvin vor, als er meine Stimmung bemerkt.

„Gerne“, antworte ich leise.

Er legt beruhigende klassische Musik auf, und den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend.

Ich schaue einfach aus dem Fenster. Sein Jackett liegt noch immer über meinen Schultern, und ich bin gerührt davon, wie rücksichtsvoll er sich verhält.

„Schön, Sie wiederzusehen, Herr Calvin“, begrüßt uns eines unserer Hausmädchen, als er mich zu Hause absetzt.

„Anne, du siehst immer noch großartig aus!“, erwidert Calvin.

Natürlich kennt er Anne. Sie arbeitet schon seit vielen Jahren für Bills Familie.

„Könntest du mir bitte einen Eisbeutel, einen Verband und etwas Ibuprofen holen? Ich glaube, Serena hat sich das Knie verstaucht“, bittet er sie.

„Eine Verstauchung? Ich war mir ziemlich sicher, dass ich mir das Knie gebrochen habe“, sage ich überrascht.

Moment mal. Woher weiß Calvin das?

Er legt mir sanft eine Hand auf die Schulter, und plötzlich durchfährt mich ein seltsames Gefühl. Es ist, als würde ein leichter elektrischer Schlag durch meinen Körper gehen.

„Keine Sorge. Ich bin zwar kein Arzt, aber wenn dein Knie wirklich gebrochen wäre, hättest du dich nicht so schnell davonlaufen können. Wahrscheinlich hättest du jetzt sogar Schwierigkeiten, überhaupt noch zu stehen“, erklärt er beruhigend.

Ich kann mir nicht erklären, warum ich mich so fühle. Schließlich ist er der Onkel meines Mannes.

Aber seine Berührung hat etwas Beruhigendes an sich.

Obwohl Calvin und ich uns praktisch fremd sind, ist es ein seltsames und zugleich angenehmes Gefühl, dass er sich mehr um mein Wohlergehen kümmert als Bill.

Moment mal, was denke ich da eigentlich?

„Ach so, das ergibt Sinn“, sage ich hastig.

Dann fällt mein Blick auf den Teefleck auf meinem Kleid.

„Entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss mich umziehen.“

Nachdem ich gebadet und mich in bequeme Kleidung geworfen habe, hilft Anne mir dabei, mein linkes Knie zu verbinden.

Anschließend verlasse ich mein Schlafzimmer und fühle mich endlich wieder etwas frischer.

Als ich in Richtung Küche gehe, steigt mir der köstliche Duft von etwas frisch Gekochtem in die Nase.

Calvin steht mit einer Schürze bekleidet am Herd und ist eifrig am Kochen.

„Hey, was machst du da?“, frage ich.

„Sieht man das nicht? Ich habe Hunger, also koche ich“, antwortet er.

Verdammt. Plötzlich habe ich ein schlechtes Gewissen, weil er wegen mir das Abendessen mit seiner Familie verpasst hat.

„Und was steht auf dem Speiseplan?“

„Nichts Besonderes. Nur Instant-Ramen und gegrillte Käsesandwiches. Du kannst gerne mitessen, wenn du möchtest“, sagt er lächelnd.

„Ja, danke für das Angebot. Aber ich brauche nichts.“

Kaum habe ich das gesagt, knurrt mir der Magen.

Calvin muss es gehört haben, denn er sagt sofort: „Bitte, ich bestehe darauf.“

Verlegen nicke ich.

Calvin tut einfach so, als würde er meine Verlegenheit nicht bemerken.

„Setz dich erst einmal hin und leg dein Bein hoch. Ich bin gleich fertig.“

Ich nehme im Esszimmer Platz und lege meine Füße auf einen zweiten Stuhl, während ich auf Calvin warte.

Kurz darauf kommt er mit einem Tablett aus der Küche. Darauf stehen zwei Schüsseln Ramen und ein Teller mit gegrillten Käsesandwiches.

„Sieht gut aus“, sage ich, als Calvin das Essen auf den Tisch stellt.

„Danke. Mehr kann ich eben nicht kochen“, erwidert er.

Wir essen schweigend und genießen unser Essen.

„Weißt du, das erinnert mich an meine Studienzeit“, bemerke ich schließlich, um ein Gespräch anzufangen.

„Ist das jetzt gut oder schlecht?“, fragt Calvin.

„Gut“, antworte ich lächelnd. „Gegrillte Käsesandwiches und Ramen gehören zu meinen absoluten Wohlfühlgerichten, wenn ich eine anstrengende Woche hinter mir habe.“

„Verstehe … Dann muss ich wohl Gedanken lesen können“, sagt Calvin grinsend.

Offenbar hat er gespürt, dass ich heute einen besonders miesen Tag hatte.

„Wie geht es deinem Knie?“, fragt er.

„Schon viel besser. Muss ich trotzdem zum Arzt?“

„Es ist vermutlich nur eine Verstauchung. In ein paar Tagen sollte es wieder gut sein. Wenn es allerdings nicht besser wird, solltest du auf jeden Fall zum Arzt gehen“, rät Calvin. „Und nimm nach dem Essen eine Ibuprofen.“

„Okay“, sage ich und fühle mich gleich ein wenig leichter.

Zum ersten Mal ist jemand aus Bills Familie freundlich zu mir. Ich kann nicht verhindern, dass sich eine angenehme Wärme in mir ausbreitet.

Ich folge Calvins Rat und nehme direkt nach dem Essen eine Ibuprofen.

Während Calvin den Tisch abräumt, betritt Bill das Esszimmer.

„Onkel Calvin … Wann bist du zurückgekommen?“, fragt er überrascht, als er ihn hier sieht. „Ich dachte, du würdest heute Abend mit uns essen.“

Ich antworte an Calvins Stelle.

„Oh, ich habe ihn im Hotel getroffen. Er hat angeboten, mich nach Hause zu fahren, weil ich kaum laufen konnte.“

Bill sieht mich schweigend an, als wollte er herausfinden, ob ich lüge.

Seine Stirn legt sich in Falten, und er wirkt ein wenig verärgert.

Dann wendet er sich wieder Calvin zu.

„Wie auch immer. Mom möchte dich sprechen.“

Calvin sieht Bill an, als wolle er etwas sagen. Doch schließlich nickt er nur und verlässt wortlos das Esszimmer.

„Serena“, sagt Bill. „Was zum Teufel ist mit deinem Knie passiert?“

Wow, macht er sich etwa Sorgen um mich?

Das ist wirklich selten. Normalerweise sind ihm sein Job, seine Familie, seine Supersportwagen und Doris wichtiger als ich.

Vielleicht kann ich ihn zurückgewinnen, wenn er erfährt, dass ich sein Kind bekomme.

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