LOGINSerenas Sicht
Für einen kurzen Moment dachte ich tatsächlich, Bill würde sich Sorgen um mein Knie machen. Aber nein. Schon ist er wieder das komplette Arschloch.
„Ich bin draußen vor dem Hotel gestürzt und …“, beginne ich.
„Weißt du was? Das spielt keine Rolle. Geh einfach zu Mom und Doris und entschuldige dich“, unterbricht er mich, ohne mich ausreden zu lassen.
Und schon wieder macht er das. Er fällt mir ins Wort, als wäre ich bloß irgendein Hintergrundgeräusch.
Das ist doch alles lächerlich. Warum lasse ich mir überhaupt gefallen, dass er mich so beschissen behandelt?
Gerade will ich ihm sagen, dass er Vater wird, da halte ich inne.
Ich kann nicht zulassen, dass unser Kind ständig miterlebt, wie wir uns streiten. So sollte eine gesunde Beziehung einfach nicht aussehen.
Ehrlich gesagt frage ich mich inzwischen, ob es nicht besser wäre, unser Baby allein großzuziehen.
Ich senke den Kopf und flüstere: „Ich will die Scheidung.“
Jetzt ist es raus. Es gibt kein Zurück mehr.
Und seltsamerweise fühle ich mich plötzlich leichter. Als hätte ich jahrelang die Luft angehalten und könnte endlich wieder ausatmen.
Dann herrscht absolute Stille.
Bill sagt eine Weile nichts, als müsste er erst einmal verarbeiten, was ich gerade gesagt habe.
Schließlich platzt es aus ihm heraus: „Was? Das kann doch nicht dein Ernst sein!“
Seine Stimme klingt völlig ungläubig.
Ich sehe ihm direkt in die Augen. Seine Augenbrauen sind so stark zusammengezogen, dass sich tiefe Falten auf seiner Stirn bilden.
„Doch, du hast richtig gehört“, sage ich diesmal besonders deutlich. „Ich will die Scheidung.“
Ich betone jedes einzelne Wort, damit es auch der Letzte versteht.
Ich habe in diese Beziehung alles investiert, was ich hatte. Verdammt, ich habe sogar meinen Stolz heruntergeschluckt, nur um mich mit Bills Familie zu arrangieren.
Aber seien wir ehrlich: Unsere Ehe ist inzwischen nicht mehr zu retten.
Und Bill hat längst jemand anderen im Blick. Das hat er mir heute Abend beim Essen mehr als deutlich gezeigt.
Bill stößt einen schweren Seufzer aus. Er sieht aus, als würde er gleich explodieren, doch noch hält er sich zurück.
„Hör auf, jetzt so einen Schwachsinn zu reden.“
„Darüber gibt es nichts mehr zu diskutieren, Bill. Ich bin fertig mit uns.“
Wir sehen uns direkt in die Augen. Keiner von uns weicht zurück.
Ich lasse mich nicht einschüchtern.
„Du benimmst dich wie ein Kind, Serena“, sagt Bill ungeduldig.
Typisch Bill. Bei unseren Streitereien hält er immer mich für die Unreife.
Er spielt sich ständig als großer CEO auf, als hätte er grundsätzlich recht und alle anderen wären zu dumm, um das zu verstehen.
Mit ihm vernünftig reden zu wollen, ist, als würde man gegen eine Wand sprechen.
Es ist einfach nur zum Verzweifeln.
Doch diesmal lasse ich ihn nicht gewinnen wie sonst.
„Ich denke, drei Jahre sind genug, Bill …“
Gut. Dann werde ich ihm jetzt endlich alles sagen, was ich mir in den letzten Jahren gefallen lassen musste.
Es wird höchste Zeit, ihm zu erklären, wie erniedrigend es sich anfühlt, wenn seine Familie mich behandelt, als wäre ich bloß seine ehemalige Assistentin, die es auf sein Geld abgesehen hat.
Und Bill? Der schenkt mir nicht einmal mehr seine Aufmerksamkeit. Stattdessen flirtet er direkt vor meinen Augen mit Doris.
Während ich mir im Kopf meine Ansprache zurechtlege, klingelt plötzlich Bills Handy.
Oh Gott, was ist es denn jetzt schon wieder?
Bill nimmt den Anruf entgegen, sieht mich dabei aber weiterhin an.
„Mom?“, meldet er sich.
Natürlich stellt er wieder alle anderen über mich.
Während er telefoniert, habe ich bereits vergessen, was ich ihm vor wenigen Minuten noch alles an den Kopf werfen wollte.
„Alles klar, Mom. Bis dann.“
Bill legt auf.
Ich starre ihn wütend an. Innerlich koche ich vor Zorn.
Ich kenne seine Masche nur zu gut. Er wird mich nicht ausreden lassen. Nicht jetzt und wahrscheinlich auch sonst nie.
„Ich muss mich morgen um das Angebot für Johnson and Haines Inc. kümmern“, erklärt Bill. „Mom hat es sich angesehen und meint, es sei nicht gut genug.“
So sehr ich ihm auch meine Meinung sagen möchte, habe ich beim Abendessen doch mitbekommen, dass es bei diesem Geschäft mit Johnson and Haines Inc. um Millionen geht.
Ich kann es mir nicht leisten, Bill ausgerechnet jetzt noch zusätzlich unter Druck zu setzen.
Ich bin immer noch stinksauer auf ihn, aber ich will auch nicht, dass er sich vor seinen Investoren blamiert.
„Na dann überarbeite das verdammte Angebot“, sage ich. „Ich warte hier.“
Bill verschränkt die Arme vor der Brust und sieht mich an, als würde er überlegen, was ich als Nächstes vorhabe.
Bei ihm fühlt sich jedes Gespräch wie eine Schachpartie an. Und natürlich muss er immer derjenige sein, der gewinnt.
„Ich glaube nicht, dass wir dieses Gespräch noch einmal führen müssen“, sagt er mit strengem Blick. „Hör zu, entschuldige dich einfach, dann können wir die Sache vergessen. Und lass uns auch vergessen, dass du irgendetwas von … Scheidung gesagt hast.“
Als er das Wort Scheidung ausspricht, klingt es beinahe höhnisch.
Er nimmt mich überhaupt nicht ernst.
„Du bist echt ein Arschloch, weißt du das?“, murmele ich.
Meine Stimme zittert vor Wut. Tränen steigen mir in die Augen.
„Ja, das habe ich schon öfter gehört“, erwidert Bill gleichgültig.
„Lass uns einfach Schluss für heute machen. Wir sind beide müde.“
Bill mustert mein Gesicht, während ich schweige.
Ich versuche verzweifelt, meine Tränen zurückzuhalten. Ich werde ganz bestimmt nicht vor ihm weinen. Das würde sein Ego nur noch weiter aufblähen.
Schließlich geht er und verschwindet in unserem Schlafzimmer.
Ich bitte Anne um den Schlüssel zu einem unserer Gästezimmer.
Heute Nacht werde ich ganz sicher nicht mit ihm in einem Bett schlafen.
Sex wird diese Ehe nicht retten.
Ich lege den Kopf aufs Kissen und denke darüber nach, wie viel ich geopfert habe, um meine Ehe mit Bill am Laufen zu halten.
Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich ihn nicht mehr liebe.
Aber irgendwann ist auch meine Grenze erreicht.
Früher haben wir uns immer gegenseitig dazu ermutigt, unser Bestes zu geben. Ich liebte es, wie leidenschaftlich Bill sich für seine Arbeit einsetzte. Und er unterstützte mich genauso bei meinen beruflichen Zielen.
Doch nach unserer Hochzeit änderte sich alles.
Ich ließ zu, dass er die Kontrolle über mein Leben übernahm.
Vielleicht trage ich daran auch eine Mitschuld.
Er sagte immer: „Du brauchst nicht mehr zu arbeiten. Ich werde für dich sorgen.“
Und das tat er auch. Er sorgte dafür, dass ich all die luxuriösen Dinge bekam, die sein Geld kaufen konnte.
Doch wenn es darum ging, mir Liebe zu zeigen oder mir Aufmerksamkeit zu schenken, war er ausgesprochen geizig.
Bill hat recht … Ich bin müde.
Ich kann nicht länger ständig Ausreden für ihn finden, nur weil er gerade einmal das absolute Minimum tut.
Eigentlich denke ich schon seit einer ganzen Weile über eine Scheidung nach.
Doch für Bill scheint das alles nur ein einziger großer Witz zu sein.
Bills SichtIch könnte vor Wut fast mit einer einzigen Bewegung alles von meinem Schreibtisch fegen. Serena hat sich seit der Scheidung wirklich verändert. Sie ist jetzt viel mutiger als früher.Sie geht nicht an mein Telefon, was für sie völlig untypisch ist. Ich versuche es erneut, doch diesmal ist die Leitung besetzt. Spricht sie etwa schon mit einem anderen Mann?Wenn ich mir Serenas Verhalten in letzter Zeit so ansehe, könnte Doris tatsächlich recht gehabt haben. Es ist schon ärgerlich genug, dass Calvin ein Auge auf sie geworfen hat. Aber jetzt scheint sie auch noch auf der Suche nach reichen Männern zu sein.Ich balle die Hand zur Faust. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass sie so schnell über mich hinweg ist. Unsere drei Ehejahre scheinen ihr nichts mehr zu bedeuten, als hätte sie sie mühelos einfach hinter sich gelassen.Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte ich insgeheim gehofft, Serena zu Hause anzutreffen. Ich dachte, sie würde bereit sein, die Scheidung z
Serenas SichtIch starre ein paar Minuten lang auf mein Handy und frage mich, warum zum Teufel Bill mich ausgerechnet jetzt anruft.Als Mom meinen verwirrten Gesichtsausdruck bemerkt, beugt sie sich besorgt zu mir. „Was ist los, Schatz? Wer ruft denn an?“„Ach, nur meine Freundin Stevie. Sie will wahrscheinlich wissen, ob ich gut angekommen bin“, lüge ich, in der Hoffnung, damit weitere Fragen zu Bill zu vermeiden. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist, dass Dad wieder in Rage gerät.Nachdem ich aufgegessen habe, stehe ich auf und wende mich an meine Eltern. „Mom, Dad, die Reise war ziemlich anstrengend. Wäre es okay, wenn ich mich eine Weile in meinem alten Zimmer ausruhe?“„Natürlich, Schatz“, antwortet Dad und nickt.Ich lächle die beiden an. „Danke. Und Mom, danke noch mal für mein Lieblingsessen. Es war köstlich.“Als ich die Treppe hinaufgehe, klingelt mein Handy schon wieder. Ich murmele vor mich hin: „Im Ernst? Was will er denn jetzt? Vielleicht geht es um die Scheidun
Serenas SichtStevie wartet vor der Toilettenkabine, während ich mir die Seele aus dem Leib kotze.Ich höre ein sanftes Klopfen an der Tür. „Brauchst du Hilfe? Ich kann dir die Haare zurückhalten, wenn du möchtest“, bietet Stevie an.„Nein, schon gut“, antworte ich. „Ich schaffe das. Ich hab schließlich genug Übung.“Als ich fertig bin, wische ich mir den Mund ab und atme tief durch. Ich hatte befürchtet, Stevie würde mir übel nehmen, dass ich ihr nichts von dem Baby erzählt hatte.Doch da lag ich falsch.Kaum komme ich aus der Kabine, schließt Stevie mich fest in die Arme.„Stevie, weinst du etwa?“, frage ich, als ich die Tränen in ihren Augen bemerke.Sie löst sich ein Stück von mir und lächelt. „Natürlich weine ich, du Dummchen! Ich werde Tante!“„Oder du wirst die Patentante meines Babys. Ich weiß, dass du dich um mein Kind kümmern würdest, falls mir etwas zustoßen sollte“, sage ich.Stevie lächelt und erwidert: „Das wäre wundervoll! Ich meine, die Patentante deines Babys zu sein,
Serenas SichtMir war nie bewusst, wie weit ich mich durch meine Ehe mit Bill von meinem früheren Leben entfernt hatte, bis ich Stevie zwischen den Müsliregalen und dem Kaffee im Supermarkt über den Weg lief.Ich war gerade auf dem Weg zum Kaffee, als ich sie entdeckte. Stevie. Sie sah noch genauso aus wie damals zu unserer Collegezeit. Gerade schaute sie auf ihr Handy und lachte.Einen Moment lang zögerte ich, dann beschloss ich, auf sie zuzugehen.„Stevie?“, rief ich. „Lange nicht gesehen.“Sie drehte sich um und schien überrascht, mich zu sehen. Für einen Augenblick schwiegen wir beide, dann rief sie: „Serena! Ich glaub's ja nicht! Was machst du denn hier?“Sie nahm mich in die Arme und freute sich sichtlich, mich wiederzusehen. Doch das brachte mich erst recht aus dem Konzept.„Bist du denn gar nicht sauer auf mich?“, platzte ich heraus, ohne meine Verwirrung verbergen zu können. Schließlich hatten wir seit meiner Hochzeit mit Bill keinen Kontakt mehr gehabt.Stevie schüttelte läc
Serenas SichtAuf halbem Weg aus dem Krankenhaus fällt mir ein, dass Calvins Geschenk noch in Bills Zimmer liegt. Aber ich kann unmöglich zurückgehen. Nicht nach all den Demütigungen, die Bill mir an den Kopf geworfen hat.Ich kann mir schon vorstellen, was passieren würde. Wenn ich wegen des Geschenks zurückgehe, wird Bill mir wahrscheinlich gleich wieder vorwerfen, dass ich es auf seinen Onkel abgesehen habe. Dabei hat er mir nicht einmal die Gelegenheit gegeben, ihm zu erklären, dass ich das Geschenk von Anfang an gar nicht annehmen wollte.Ich will wirklich nichts mit Calvin zu tun haben. Nach all dem Ärger, den ich in den letzten drei Jahren mit seiner Familie hatte, warum sollte ich weiterhin irgendeinen Kontakt zu ihnen pflegen? Und wenn ich mich mit Calvin einlasse, muss ich mir nur wieder die gehässigen Bemerkungen von Elena und Claire anhören.Aber jetzt, da ich von Bill geschieden bin, muss ich ihnen zum Glück nie wieder begegnen. Vielleicht kann ich endlich wieder zur Ruhe
Serenas Sicht„Du bist so ein Arschloch, Bill“, sage ich mit unbewegter Miene.Ich spüre, wie mir das Gesicht heiß wird, doch ich lasse mir nichts anmerken. Er benimmt sich wieder wie früher und versucht, mich mit seinen Worten zu provozieren. Aber wenn er dieses Spiel spielen will, kann ich das genauso gut.Verächtlich schnaube ich. „Na und, wenn ich einen Sugardaddy habe? Was geht dich das an? Wir sind schließlich geschieden.“Bills Kiefermuskeln spannen sich an, und seine Augen verengen sich leicht. „Jetzt verstehe ich. Du hast also schon dein nächstes Opfer im Visier.“„Was soll das heißen?“, frage ich und fordere ihn auf, sich zu erklären.„Du ziehst also durch die Gegend und machst reiche Männer an“, fährt Bill mich an. „Tja, weißt du was? Ich habe mehr Geld als all diese Idioten zusammen!“Woher kommt das plötzlich? Noch nie hat Bill mir vorgeworfen, ihn betrogen zu haben. Und jetzt stellt er mich auch noch als geldgierige Schlampe hin.„Denkst du wirklich so von mir?“, frage ic







