Se connecterDas alte Weingut lag eine Stunde außerhalb der Stadt, am Ende einer Straße, die niemand mehr instand hielt.Es war einmal ein Ort für Feste gewesen. Für Hochzeiten und Taufen und die langen Sommerabende, an denen die Familien zusammenkamen und Wein tranken und Kinder zwischen den Rebstöcken liefen. Jetzt war es verlassen. Die Mauern aus hellem Stein waren von Efeu überwuchert, die Fenster blind vor Staub, das große hölzerne Tor hing schief in den Angeln. Nur die Zypressen standen noch aufrecht, dunkel und schmal, wie Wächter einer Zeit, die niemand mehr besuchte.Luca hielt den Wagen am Rand der Zufahrt an.„Du bleibst hier“, sagte er.„Nein“, sagte Sofia.„Es könnte eine Falle sein.“„Es ist keine Falle. Wenn es eine Falle wäre, hätte er nicht um ein Gespräch gebeten. Er hätte uns einfach kommen lassen und zugeschlagen, wenn wir ankommen. Salvatore Rizzo ist kein Mann, der klingelt und dann schießt. Er ist der Mann, der klingelt, Tee anbietet und dir langsam erklärt, warum er dich tö
Chiara war am Morgen verschwunden.Sofia fand die Decke ordentlich gefaltet auf dem Sofa, das Kissen darauf gelegt, die leere Teetasse auf dem Tablett. Keine Nachricht. Kein Zettel. Nur die stille Ordnung eines Menschen, der es gewohnt war, keine Spuren zu hinterlassen. Sie stand eine Weile im Wintergarten und blickte auf das Sofa, als könnte sie daraus lesen, was in der Nacht geschehen war. Dann ging sie in die Küche und machte Kaffee für drei, weil sie es nicht fertigbrachte, nur zwei Tassen zu machen.Luca kam herunter, sah das leere Sofa, sagte nichts und setzte sich. Matteo kam später, blieb in der Tür stehen, sah die gefaltete Decke, sah das Kissen, sah die dritte Tasse und wusste alles, ohne dass jemand ein Wort sagen musste.„Sie ist gegangen“, sagte er.„Ja“, sagte Sofia. „Ohne Abschied. Ohne Erklärung. Ohne Antwort. So wie gestern Abend. So wie immer. Sie geht, wenn sie entscheiden muss. Sie ist nicht bereit zu bleiben. Noch nicht. Vielleicht nie. Aber ich habe ihr die Tür o
Luca sagte nichts, als Sofia Chiara ins Haus führte.Er stand im Flur, das Hemd offen, die Haare vom Schlaf zerzaust, und sah ihnen zu, wie sie durch die Küche gingen und den Wintergarten betraten. Sofia holte eine Decke aus dem Schrank und ein Kissen und legte Beides auf das Sofa, das dort seit dem Sommer stand und auf das niemand sich je gesetzt hatte. Chiara setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. Sie sah aus wie jemand, der nicht wusste, ob er bleiben darf.„Ich mache Tee“, sagte Sofia. „Keinen Kaffee. Um diese Uhrzeit keinen Kaffee. Tee ist ruhiger. Tee ist ehrlicher. Kaffee macht wach, aber Tee macht still. Und du brauchst still. Nicht Wachheit. Also Tee.“Sie ging in die Küche, und Luca folgte ihr. Sie stellte den Kessel auf, nahm zwei Tassen, dann eine dritte, weil sie nicht wusste, ob er mitkommen würde. Sie wusste es nie genau. Nicht, weil er unentschieden war, sondern weil er wartete. Er wartete immer, bis er wusste, was richtig war. Das hatte sie an ihm gelernt. Es war e
Sofia stand in der dunklen Diele und hielt den Brief so fest, dass das Papier knisterte.Ihr erster Impuls war, nach oben zu rennen und Luca zu wecken. Ihr zweiter Impuls war, nach draußen zu gehen und nachzusehen, wer dort war. Sie tat keines von beiden. Sie blieb stehen und atmete. Sie zählte bis zehn. Sie zwang ihren Kopf, klarer zu denken als ihr Herz.Wenn es Vittoria war, dann war sie nicht gekommen, um zu töten. Wer töten will, klingelt nicht an der Tür des eigenen Feindes und lässt sich zum Abendessen einladen. Wer töten will, kommt nicht durch den Garten und zündet keine Kerzen an. Vittoria war gekommen, um etwas zu finden. Um etwas zu sehen. Um sich zu vergewissern, dass das, was ihr Vater ihr erzählt hatte, wahr war. Dass Luca De Rossi weich geworden war. Dass er Rosen schnitt und Kuchen aß und in einem Haus mit gelben Wänden lebte. Dass er eine Schwachstelle hatte, die größer war als jede Waffe.Und Elias hatte ihr geschrieben. Elias, der in Kalabrien Tauben fütterte. Elia
Der Morgen nach dem Abendessen war still.Sofia erwachte früh, noch bevor die Sonne aufging, und blieb eine Weile einfach liegen. Lucas Arm lag schwer über ihrer Taille, sein Atem ruhig an ihrem Nacken. Sie lauschte. Dem Wind, der nicht da war. Dem Regen, der nicht fiel. Nur Stille. Nur Atem. Nur das leise Knarren des Hauses, das sich im Winter zusammenzog wie ein alter Mann in einem zu dünnen Mantel.Hundert Kapitel.Sie wusste nicht, warum ihr das heute Morgen in den Sinn kam. Vielleicht, weil gestern Abend etwas zu Ende gegangen war. Nicht der Krieg. Nicht die Gefahr. Aber ein Abschnitt. Ein Kapitel, das sich geschlossen hatte. Matteo hatte gesagt, dass er Chiara vertraute. Luca hatte nichts gesagt. Sofia hatte beide angesehen und gewusst, dass die Entscheidung bereits getroffen war, noch bevor jemand sie ausgesprochen hatte.Sie stand vorsichtig auf und zog sich einen Pullover über. Barfuß ging sie die Treppe hinunter, leise, um niemanden zu wecken. In der Küche goss sie sich Kaff
Sie aßen im Esszimmer, nicht in der Küche.Das war eine bewusste Entscheidung gewesen. Die Küche war zu vertraut, zu privat, zu voller Erinnerungen an all die Abende, an denen sie zu dritt oder zu viert oder zu fünft am Tisch gesessen und gelacht und gestritten und gelebt hatten. Das Esszimmer war förmlicher. Kühler. Es hatte die gute Tischdecke, die Sofias Mutter ihnen geschenkt hatte, und die Kerzen, die Sofia nur bei besonderen Anlässen anzündete. Es war ein Raum für Gäste, nicht für Familie. Und heute war Chiara ein Gast. Vorerst.Sie saßen einander gegenüber. Luca am Kopfende, Sofia ihm gegenüber, Matteo und Chiara an den Längsseiten. Die Lasagne dampfte auf den Tellern, der Wein war dunkelrot im Kerzenlicht, und draußen hatte der Nebel endlich begonnen, sich zu lichten.Chiara war eine gute Erzählerin. Das musste Sofia ihr lassen. Sie sprach über Rom, über ihre Wohnung im Viertel Trastevere, über ihre Arbeit als freie Journalistin, über die Geschichten, die sie schrieb und die G
Die Straße draußen fühlte sich zu offen an.Sofia trat zuerst hinaus. Ihre Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit, ihr Körper war nach wie vor angespannt von allem, was bereits geschehen war. Die Stille war nicht beruhigend. Sie fühlte sich falsch an. Wie die Art von Stille, die eintritt, b
Nachdem er es ausgesprochen hatte, blieb es still im Raum. Zu still. Sofia wandte den Blick nicht von ihm ab, obwohl sich bei der Gewissheit in seiner Stimme etwas in ihrer Brust zusammenzog.„Das weißt du nicht“, sagte sie, aber es klang schwächer, als sie beabsichtigt hatte.Luca widersprach nich
Die Stille im Gebäude fühlte sich nicht sicher an. Es fühlte sich an, als würde man beobachtet werden. Sofia trat ein Stück über die Türschwelle, ihr Atem ging unregelmäßig, ihr Puls raste noch immer von der Verfolgungsjagd. Die Dunkelheit drückte von allen Seiten auf sie ein, nur unterbrochen von
Sofia DeLuca hatte noch nie eine solche Angst gespürt. Es war nicht die leise Art, die sich in der Brust festsetzt und einen an sich selbst zweifeln lässt. Sie war scharf. Laut. Erstickend. Sie drückte gegen ihre Rippen, als wolle sie heraus, als wüsste ihr Körper etwas, das ihr Verstand seit Woche






