MasukZwei Uhr
Sophie stand wie erstarrt mitten im Innenhof, das Telefon ans Ohr gepresst, Nates Worte hallten immer wieder in ihrem Kopf nach. Er hatte dieselbe Nachricht erhalten. Wer auch immer diese Warnungen verschickte, hatte beide innerhalb weniger Minuten erreicht — so knapp, dass es unmöglich ein Zufall sein konnte.
„Nate“, sagte sie vorsichtig, „welches Feuer meint diese Person?“
Eine lange Pause dehnte sich über die Leitung. „Nicht am Telefon. Bitte. Ich erkläre alles, ich verspreche es, aber nicht so.“
„Das sagst du die ganze Zeit.“
„Ich weiß. Und ich weiß, dass das nicht fair dir gegenüber ist.“ Seine Stimme wurde weicher, Erschöpfung schwang in jedem Wort mit. „Kannst du mich treffen? Irgendwo ruhig. Ich will dir alles erzählen, bevor es jemand anderes tut und es so verdreht, dass ich schlecht dastehe.“
Sophie blickte auf ihren Nachmittagsplan, wog die Neugier gegen die leise, hartnäckige Stimme ab, die sie daran erinnerte, dass jetzt schon zwei verschiedene Menschen sie davor gewarnt hatten, sich genau dorthin zu begeben. Trotzdem war davonlaufen nie ihre Art gewesen, nicht wenn die Wahrheit so wichtig war.
„Es gibt ein Café am Rand des Campus“, sagte sie schließlich. „Zwei Uhr. Ich habe eine Pause zwischen den Seminaren.“
„Ich werde da sein.“
Die Leitung wurde still, und Sophie senkte langsam das Telefon, ihr Herz pochte noch immer heftig nach dem Gespräch. Welches Geheimnis auch immer hinter dem Wort Feuer steckte — es trug offensichtlich genug Gewicht, um sogar Nates sonstige Fassung völlig auseinanderzureißen.
Das Café, das Sophie ausgesucht hatte, lag an einer ruhigen Seitenstraße knapp außerhalb der Haupteingänge des Campus, klein und unscheinbar, die Art von Ort, die meistens von Studierenden besucht wurde, die dem Lärm der Mensen und Bibliotheken entkommen wollten. Sie kam einige Minuten zu früh, wählte einen Tisch am Fenster und bestellte einen Kaffee, den sie kaum anrührte, während sie wartete.
Nate kam pünktlich, seine sonst lässige Selbstsicherheit fehlte deutlich. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen, und seine Schultern trugen eine Anspannung, die Sophie noch nie bei ihm gesehen hatte. Er ließ sich ohne seine üblichen spöttischen Bemerkungen auf den Platz ihr gegenüber sinken.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte er leise.
„Natürlich.“
Lange Zeit starrte er einfach auf den Tisch zwischen ihnen, sammelte offenbar den Mut, den das Gespräch erforderte. Sophie wartete geduldig und widerstand dem Drang, die Stille mit Fragen zu füllen.
Endlich atmete Nate langsam aus.
„Als ich sechzehn war“, begann er, „gab es ein Feuer auf einem unserer Familienanwesen. Ein Ferienresort an der Küste, eines der kleineren, das mein Vater vor Jahren übernommen hatte. Es passierte spät in der Nacht, außerhalb der Saison, als das Gebäude fast leer sein sollte.“
Sophie zog die Luft scharf ein. „Sollte leer sein?“
Nates Kiefer spannte sich. „Da war eine Familie untergebracht. Gäste, die einen Tarif außerhalb der Saison gebucht hatten. Den offiziellen Unterlagen zufolge sollte sich niemand im Ostflügel aufgehalten haben, als das Feuer ausbrach. Aber sie waren dort.“
Die Worte hingen schwer zwischen ihnen.
„Was ist mit ihnen passiert?“, fragte Sophie sanft, obwohl ein Teil von ihr die Antwort bereits fürchtete.
„Der Vater ist gestorben“, sagte Nate, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Rauchvergiftung, er hat versucht, seine Frau und seine Tochter sicher herauszubringen. Er hat es geschafft. Sie überlebten. Er nicht.“
Sophie saß betroffen schweigend da, die Schwere der Geschichte legte sich langsam über sie.
„Die offizielle Untersuchung wertete es als Unfall“, fuhr Nate fort. „Defekte Verkabelung, hieß es. Mein Vater zahlte der Familie eine enorme Abfindung, still, und die Geschichte verschwand größtenteils aus den öffentlichen Aufzeichnungen innerhalb eines Jahres. Aber die Gerüchte blieben. Leute, die der Familie nahe standen, vermuteten immer, dass das Feuer nicht vollkommen zufällig war.“
„Wie meinst du das?“
Nates graue Augen hoben sich zu ihren, geisterhaft auf eine Weise, die ihr Herz ziehen ließ. „Mein Vater steckte damals mitten in einem bitteren Streit mit einem Geschäftspartner, jemand, der Kontrolle über dieses Anwesen wollte und sich betrogen fühlte, als mein Vater sich weigerte zu verkaufen. Nach dem Feuer verschwand dieser Partner völlig. Verkauft seine übrigen Anteile an der Firma und war fort. Niemand konnte je etwas beweisen, aber das Timing war zu verdächtig, um es zu ignorieren.“
Sophies Gedanken rasten, Puzzlestücke begannen sich zu verschieben, auch wenn das Gesamtbild frustrierend außer Reichweite blieb. „Glaubst du, dieser Partner hat das Feuer gelegt?“
„Ich weiß es nicht sicher“, gab Nate zu. „Ich war sechzehn. Das meiste von dem, was ich weiß, stammt aus Fragmenten, die ich im Laufe der Jahre zusammengesetzt habe, Dinge, die ich aufgeschnappt habe, Dinge, die Jordans älterer Bruder einmal erwähnte, als er dachte, ich würde nicht zuhören. Mein Vater hat nie direkt darüber gesprochen, nicht ein einziges Mal, nicht einmal, als ich ihn direkt fragte.“
„Und jetzt benutzt das jemand gegen dich“, sagte Sophie langsam. „Gegen uns.“
„So scheint es.“ Nate fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, Erschöpfung in jeder Linie seines Ausdrucks. „Wer auch immer diese Nachrichten schickt, kennt Details, die nie öffentlich wurden. Das heißt, diese Person hat entweder tiefe Verbindungen in meiner Familie oder war irgendwie an dem beteiligt, was damals wirklich passiert ist.“
Sophie dachte darüber nach. „Könnte es Julian sein?“
Nate zögerte. „Julian war auf einem Internat, als es passierte. Er war nicht einmal im Land. Aber er hatte immer eine seltsame Fixierung auf dieses bestimmte Anwesen, hat es im Laufe der Jahre mehr als einmal angesprochen, auf eine Art, die sich fast absichtlich anfühlte, als würde er testen, wie ich reagieren würde.“
„Und die Familie, die ihren Vater verlor? Weißt du, was mit ihnen danach geschah?“
Etwas flackerte über Nates Gesicht, unsicher und beunruhigt. „Ich weiß es eigentlich nicht. Ich war jung genug, dass mir die meisten Details vorenthalten wurden. Mein Vater sorgte dafür.“
Sophies Kopf war voll mit Möglichkeiten, jede unangenehmer als die vorherige. Eine Familie, zerstört durch eine Tragödie. Ein verschwundener Geschäftsrivale ohne Erklärung. Ein Bruder mit undurchsichtigen Motiven und ungewöhnlichem Interesse an dem Anwesen, wo alles geschah. Irgendwo zwischen diesen Fäden lag die Wahrheit, und jemand wollte offenbar sicherstellen, dass diese Wahrheit begraben blieb — die Waffe: Angst.
„Danke, dass du es mir erzählt hast“, sagte sie schließlich. „Ich weiß, das war nicht leicht.“
Nate legte die Hand über den Tisch, seine Finger streiften sanft ihre, sodass ihr kurz der Atem stockte. „Ich hätte es dir früher sagen sollen. Ich wollte nur nicht, dass du mich wegen etwas anders siehst, das ich nicht kontrollieren konnte.“
„Ich sehe dich nicht anders“, sagte Sophie leise. „Ich sehe jemanden, der etwas Schweres trägt, viel zu lange ganz allein.“
Etwas veränderte sich in seinem Gesicht, verletzlich und unbewacht auf eine Weise, die sie noch nie gesehen hatte. Lange saßen sie schweigend da, das leise Summen des Cafés legte sich angenehm um sie.
„Sophie“, sagte er schließlich, seine Stimme tief. „Was auch immer mit allem hier passiert, du musst eines wissen.“
„Was?“
„Dich zu treffen war kein Teil irgendeines Plans. Hatte nichts mit diesem ganzen Schlamassel zu tun. Du bist das Eine in meinem Leben, das sich vollkommen unkompliziert anfühlt, und ich habe Angst, es zu verlieren.“
Wärme breitete sich in ihrer Brust aus, trotz der Schwere dessen, was er gerade geteilt hatte. „Du wirst es nicht verlieren.“
„Das weißt du nicht.“
„Nein“, gab sie zu. „Aber ich entscheide mich trotzdem dafür, es zu glauben.“
Ein kleines, echt wirkendes Lächeln durchbrach schließlich seine Erschöpfung — das erste richtige, das sie seit Beginn ihres Gesprächs gesehen hatte. Für einen Moment, dort zusammen in der ruhigen Ecke des Cafés sitzend, fühlten sich die anonymen Drohungen und vergrabenen Tragödien fast fern an, ersetzt durch etwas viel Einfacheres und Wichtigeres.
Keiner von beiden bemerkte den Mann, der zwei Tische entfernt saß, die Zeitung so hochgehalten, dass sein Gesicht gerade noch verdeckt war; seine Aufmerksamkeit galt ihnen, trotz seiner lässigen Haltung, vollständig. Sie bemerkten auch nicht, wie er sein Telefon ein wenig senkte, mehrere Fotos in schneller Folge machte, bevor er sich leise erhob und ungesehen aus dem Café schlüpfte.
Draußen, im Schatten eines nahen Baums, blieb der Mann kurz stehen, um eine Nachricht abzusetzen; sein Gesicht blieb undurchschaubar.
Er hatte ihr vom Feuer erzählt.
Die Antwort kam in Sekunden an.
Gut. Jetzt wird sie genau verstehen, warum sie ihn verlassen muss. Weiter mit der nächsten Phase.
Der Mann warf ein letztes Mal einen Blick durchs Caféfenster, sah Sophie und Nate leise zusammen lachen, völlig ahnungslos, wie sorgfältig jede ihrer Bewegungen beobachtet wurde.
Dann steckte er sein Telefon ein und verschwand in der Menge, already planning his next move.
VivianDer Name hing schwer zwischen ihnen in der Luft, schwerer als alles, was Sophie an diesem Tag gehört hatte — und das sagte einiges nach den letzten Stunden.„Deine Mutter“, wiederholte Sophie langsam, während ihr Verstand die Puzzleteile mühsam zusammensetzte. „Meine Mutter hat vielleicht für deine Mutter gearbeitet?“„Ich weiß es nicht“, gab Nate zu, seine Stimme unsicher. „Ich war noch jung, als sie starb. Ich erinnere mich nicht an alle Leute, die damals für unsere Familie gearbeitet haben. Hausangestellte, Assistenten, Eventkoordinatoren — da waren über die Jahre Dutzende, die durch unser Haus kamen.“„Aber das Timing“, drängte Sophie. „Wenn deine Mutter gestorben ist, als du vierzehn warst, dann war das ungefähr zur gleichen Zeit wie das Feuer, oder?“Nates Miene spannte sich an. „Fast genau zur gleichen Zeit, ja. Ein paar Monate auseinander.“Sophies Puls beschleunigte sich. „Das ist kein Zufall.“„Nein“, stimmte er leise zu. „Das glaube ich auch nicht.“Sie saßen in ange
Was der Name kostetSophie saß wie gelähmt auf ihrem Stuhl, und Camilles Worte legten sich über sie wie eiskaltes Wasser. Die Bibliothek um sie herum lief genau so weiter wie einen Moment zuvor — Studenten blätterten in Büchern, irgendwo summte ein Drucker —, aber alles wirkte plötzlich fern, gedämpft unter dem Donnern ihres eigenen Pulses in den Ohren.„Das ist nicht möglich“, sagte Sophie schließlich, ihre Stimme ruhiger, als sie sich fühlte. „Mein Vater ist nicht in einem Feuer gestorben. Er ist gegangen. Er hat unsere Familie verlassen, nachdem sein Geschäft zusammengebrochen ist. Das weiß doch jeder.“Camilles Gesicht blieb sorgfältig neutral, doch etwas fast Mitfühlendes flackerte in ihren Augen. „Ist dir das so gesagt worden?“„Das ist passiert.“„Vielleicht“, sagte Camille leise. „Oder vielleicht war das die Geschichte, die für die Leute leichter zu glauben war.“Sophies Hände ballten sich unter dem Tisch zu Fäusten. „Du weißt nichts über meine Familie.“„Du hast recht. Nicht
Etwas EchtesZum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Ashford ging Sophie auf dem Rückweg zu ihrem Wohnheim, ohne alle paar Schritte über die Schulter zu schauen. Das Gespräch im Café hatte ihr mehr Fragen als Antworten hinterlassen, aber es hatte ihr auch etwas gegeben, das sie verzweifelt gebraucht hatte: Ehrlichkeit. Echte, ungeschützte Ehrlichkeit, die Art, die das wachsende Gefühl in ihrer Brust schwerer machte, es einfach als bloße Neugier abzutun.Priya wartete bereits, sobald Sophie durch die Tür trat und vibrierte förmlich vor Ungeduld.„Und?“, verlangte Priya und ließ ihre Hausaufgaben ganz stehen. „Erzähl alles. Was ist im Café passiert?“Sophie setzte sich langsam an den Bettrand, sammelte ihre Gedanken und begann zu erzählen. Sie erzählte Priya alles, was Nate ihr anvertraut hatte: das Feuer, die Familie, die ihren Vater verlor, den Geschäftspartner, der ohne Erklärung verschwand, und Julians seltsame Fixierung auf das Anwesen.Als sie fertig war, hatte sich Priyas Miene voll
Zwei UhrSophie stand wie erstarrt mitten im Innenhof, das Telefon ans Ohr gepresst, Nates Worte hallten immer wieder in ihrem Kopf nach. Er hatte dieselbe Nachricht erhalten. Wer auch immer diese Warnungen verschickte, hatte beide innerhalb weniger Minuten erreicht — so knapp, dass es unmöglich ein Zufall sein konnte.„Nate“, sagte sie vorsichtig, „welches Feuer meint diese Person?“Eine lange Pause dehnte sich über die Leitung. „Nicht am Telefon. Bitte. Ich erkläre alles, ich verspreche es, aber nicht so.“„Das sagst du die ganze Zeit.“„Ich weiß. Und ich weiß, dass das nicht fair dir gegenüber ist.“ Seine Stimme wurde weicher, Erschöpfung schwang in jedem Wort mit. „Kannst du mich treffen? Irgendwo ruhig. Ich will dir alles erzählen, bevor es jemand anderes tut und es so verdreht, dass ich schlecht dastehe.“Sophie blickte auf ihren Nachmittagsplan, wog die Neugier gegen die leise, hartnäckige Stimme ab, die sie daran erinnerte, dass jetzt schon zwei verschiedene Menschen sie davo
Kapitel 5: Das Gewicht eines NamensNate ging für den Rest des Tages nicht ans Telefon.Sophie versuchte es zweimal und sagte sich beide Male, sie wolle nur sicherstellen, dass er in Ordnung sei, obwohl die Wahrheit tiefer ging und sie das wusste. Sie hatte etwas in seinen Augen auf dieser Bank haben sehen, gesehen, wie jahrelang sorgfältig aufrechterhaltene Haltung gerade genug Risse bekam, um echte Angst darunter zu zeigen, und das Bild ließ sie nicht los, egal wie sehr sie versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.Am Abend bemerkte Priya die Veränderung in der Stimmung ihrer Mitbewohnerin sofort.„Okay, du hast in der letzten Stunde etwa vierzigmal auf dein Handy geschaut“, sagte Priya und legte ihre eigenen Hausaufgaben beiseite. „Was ist mit Nate passiert?“Sophie erzählte das Gespräch langsam, das Foto, die Warnung, die Art, wie Nates Miene zerbrach, sobald er es sah, und wie abrupt er ohne Erklärung gegangen war. Priya hörte mit wachsender Sorge zu; ihr sonst üblicher
Kapitel 4: Geflüster und WarnungenSophie starrte auf das Foto, bis der Bildschirm von selbst dunkler wurde und erlosch, der Daumen nutzlos über dem Glas schwebend. Jemand war in diesem Hörsaal gewesen, hatte mit einer Kamera direkt auf sie und Nate gezielt, nah genug, um den Moment klar einzufangen, vorsichtig genug, dass keiner von beiden etwas bemerkt hatte.Ihre Hände waren nicht ganz ruhig, als sie das Telefon schließlich mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch legte.„Sophie?“ Priyas Stimme durchschnitt die dröhnende Stille in ihren Ohren. „Du bist bleich geworden. Was ist passiert?“Wortlos drehte Sophie das Telefon um und schob es über den Tisch. Priyas Gesicht wechselte in einer einzigen Sekunde von Neugier zu Besorgnis; ihre Augen überflogen das Foto und die darunterstehende Nachricht zweimal, bevor sie wieder hochsah.„Okay, das ist kein eifersüchtiger Ex-Fall“, sagte Priya leise. „Das ist ein echtes Problem.“„Ich weiß.“„Hast du Nate davon erzählt?“„Nein.“„Sophie.“







