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Kapitel 5: Seine persönliche Heilerin

Author: Sada Vii
last update publish date: 2026-08-31 16:25:40

Der Marktplatz fühlte sich noch immer vollkommen unwirklich an.

In der einen Sekunde hatte ich noch an der Schwelle des Todes gestanden, die Hand auf meinen Bauch gepresst, Xenas blaue Augen auf mich geheftet, als könnte sie mich allein mit ihrer Willenskraft vor der Klinge bewahren. In der nächsten hatte Alpha Dimitris Stimme alles durchdrungen.

Und nun hatten die Wachen mich losgelassen.

Meine Arme fühlten sich ohne ihren festen Griff seltsam leicht an. Meine Knie wollten nachgeben, doch ich zwang sie, standzuhalten. Ich atmete noch, und ich stand noch. Die Menge um mich herum murmelte unruhig, unsicher, wie sie mit der Frau umgehen sollte, die eigentlich hätte sterben müssen, es aber nicht getan hatte.

Dann rannte Xena los.

Sie stieß an den Wachen vorbei, die sie noch Augenblicke zuvor festgehalten hatten, und drängte die Schaulustigen ohne jedes Wort der Entschuldigung beiseite. Binnen Sekunden erreichte sie mich und prallte gegen mich. Ihre Arme schlangen sich so fest um mich, dass mir die Luft wegblieb. Ihr Herz hämmerte gegen meines. Ihre Hände fuhren hektisch über meinen Körper – über meine Schultern, meine Arme, mein Gesicht –, suchten nach Verletzungen wie eine Kriegerin, die ein Schlachtfeld mustert.

„Bist du verletzt?“ Die Worte sprudelten hastig hervor, überschlugen sich fast. „Haben sie dir wehgetan? Geht es dir gut? Rav— Scarlett— verdammt, geht es dir gut?“

Ich lachte leise auf, und selbst der Klang überraschte mich. Er klang brüchig und zittrig. „Ich bin hier“, flüsterte ich an ihrer Schulter. „Ich bin immer noch hier.“

Sie trat gerade weit genug zurück, um mich anzusehen, ihre Hände umfassten mein Gesicht. Ihre blauen Augen glänzten feucht von Tränen, und ihr Kiefer war fest angespannt. Für einen kostbaren Moment sahen wir uns einfach nur an. Alles, was seit dem Grenztor geschehen war, zog wortlos zwischen uns vorüber – die Säure, die Trennung, der Kerker, der Richtplatz. All das. Sie war die einzige Konstante, die mir auf dieser Welt geblieben war, und sie stand immer noch hier.

Mehr Zeit blieb uns nicht.

Das Geräusch eines sich räuspernden Mannes ließ uns jäh erstarren. Ich wandte mich langsam um, und da erblickte ich ihn.

Alpha Dimitri stand vor uns. Sein Gesicht war noch immer totenbleich, und doch strahlte seine Gestalt dieselbe unbändige Macht aus wie die jedes anderen Werwolfs mit reinem Alpha-Blut.

Xenas Körper reagierte augenblicklich. Ihre Wirbelsäule straffte sich, die Schultern gingen nach hinten, die Hände fielen von meinem Gesicht ab. Die hektische Verzweiflung verschwand schlagartig, ersetzt durch die starre Haltung einer Kriegerin, die ihrem Alpha gegenübersteht. Ich spürte, wie sich mein eigener Kopf senkte, noch bevor ich es verhindern konnte. Jahrelanges Zusammenleben mit einem Mann wie Lucan tat so etwas mit einem. Die Erkenntnis brannte bitter. Selbst hier, selbst jetzt fürchtete ein Teil von mir noch immer, dass jeder Alpha mich so behandeln würde wie Lucan.

Alpha Dimitri stand wenige Schritte entfernt, seine hochgewachsene Gestalt überragte alle Anwesenden. Seine grünen Augen wanderten über die Szene: über Xena in Habachtstellung, über mich mit leicht gesenktem Kopf und über die noch immer verharrende Menge. Er verlor kein Wort über unser Wiedersehen. Er blickte schlicht zu Frau Darkmoon hinüber, die bereits eilig herantrat.

„Ja, Alpha?“, sagte sie und verneigte sich tief.

„Bereiten Sie ihr ein Zimmer vor“, befahl er, als wäre jedes Wort, das er sprach, die Verschwendung einer kostbaren Ressource. „Direkt neben meinem. Sie tritt ihren Dienst als meine persönliche Heilerin heute an.“

Mein Magen krampfte sich zusammen.

Frau Darkmoon wandte sich mir zu. Ihre Augen verengten sich scharf mit einem Ausdruck, der weit kälter war als bloßes berufliches Misstrauen. „Folgen Sie mir, Scarlett Bane.“

Die Art, wie sie meinen falschen Namen aussprach, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Xena griff ein letztes Mal nach mir und drückte meine Hand kurz und fest. Ihre Finger zitterten minimal, bevor sie mich losließ. Ihre Augen sagten all das, was sie vor dem Alpha nicht laut aussprechen konnte: Bleib am Leben. Ich habe ein Auge auf dich. Ich bin immer noch da.

Ich erwiderte den Druck einmal fest. Dann drehte ich mich um und folgte Frau Darkmoon.

Der Gang durch das Schloss kam mir endloser vor als zuvor. Wachen flankierten uns, und die Leute starrten mich nun ganz unverhohlen an. Sie starrten auf eine Frau mit kurzen, kupferroten Haaren, die auf dem Richtplatz beinahe gestorben wäre und nun plötzlich aufgestiegen war. Ich hielt den Blick gesenkt, aber den Kopf aufrecht. Scarlett Bane. Ich wiederholte es mit jedem einzelnen Schritt.

Zuerst hielten wir am Heilerflügel. Frau Darkmoon sah mir schweigend dabei zu, wie ich meine wenigen Habseligkeiten zusammensuchte. Als ich fertig war, sprach sie in einem Tonfall, der giftiger war als Schlangengift.

„Ich weiß nicht, was für eine Zauberei Sie an ihm angewandt haben“, sagte sie, und ihre Augen bohrten sich in mich. „Aber ich traue Ihnen nicht. Ihr Tag der Abrechnung wird kommen, Mädchen. Denken Sie an meine Worte.“

Ich schwieg. Was hätte ich auch sagen sollen? Sie glaubte, ich hätte den Alpha manipuliert. Das Rudel würde dasselbe glauben. Dass ich ihn gerettet hatte, machte mich in ihren Augen nur noch gefährlicher.

Wortlos führte sie mich zu meinem neuen Gemach.

Der Raum war größer als die winzige Kammer davor, aber noch immer bescheiden. Ein richtiges Bett. Schwere Vorhänge vor einem Fenster, das, wie ich vermutete, verstärkt war. Eine kleine Sitzecke mit einem rissigen Ledersessel, der älter wirkte als das Gebäude selbst. Ich wartete, bis Frau Darkmoon und die Wachen verschwunden waren, bevor ich mich rührte.

Ich ging sofort zur Haupttür und schloss sie ab. Ich prüfte die Klinke, sperrte sie noch einmal auf und wieder ab und prüfte sie erneut. Meine Hände hörten nicht auf, bis sich das Einrasten des Schlosses vollkommen real anfühlte. Und selbst dann genügte es nicht.

Die Erschöpfung drückte mich nieder und ließ meine Beine zittern.

Wann hatte ich das letzte Mal überhaupt geschlafen?

Ich schaffte es kaum bis zum Bett, ehe meine Beine vollends nachgaben. Ich zog die Decke über mich, immer noch voll bekleidet, den Schal noch immer hoch um meinen vernarbten Hals gewickelt, und dann fand meine Hand wie von selbst ihren Weg zu meinem Bauch und legte sich schützend darauf.

Der Schlaf holte mich rasend schnell ein, und als ich die Augen schloss, kamen keine Träume. Selbst in meiner Bewusstlosigkeit wusste ich, wie verdammt tief ich im Schlamassel steckte.

Eine Tür klickte leise.

Meine Augen rissen auf, mein Körper fuhr hoch, noch ehe mein Verstand die Lage begriffen hatte. Adrenalin schoss durch meine Adern. Das Herz raste, der Atem ging flach, während ich den dunklen Raum absuchte und jede einzelne Faser meines Körpers Gefahr schrie.

Da war eine zweite Tür.

Ich hatte sie zuvor nicht bemerkt. Oder ich war einfach zu erschöpft gewesen, um sie zu sehen. Jetzt stand sie offen und verband mein Zimmer direkt mit dem, was Alpha Dimitris Gemächer sein mussten.

Eine hochgewachsene Gestalt stand im Türrahmen, als dunkler Umriss im fahlen Mondlicht, das durch das Fenster hinter ihm fiel.

Alpha Dimitri.

Er sprach kein Wort. Er stand einfach nur da, und seine grünen Augen waren in der Finsternis unnachgiebig auf mich gerichtet.

Und mit eisigem, erdrückendem Entsetzen begriff ich, dass all meine vorsichtigen Schlösser niemals von Bedeutung gewesen waren.

Es hatte immer schon einen anderen Weg hinein gegeben.

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